11. Februar 1982 - Fasching mit Folgen
Als ich 17 Uhr von der Arbeit nach Hause komme, schneidern E. und L. an meinem Faschingskostüm, das ein Meisterstück wird: “Neptun”.
20.30 bis 1 Uhr Fasching bei H. (L. bleibt noch etwas länger wegen E.)
Schon beim zweiten Tanz mit K. muß ich mich für meine Erregung entschuldigen; halb, halb bitte ich das auch als Huldigung zu verstehen. Beim nächsten Tanz sagt sie, daß sie meine Huldigung mag. (Auch HePa damals am FKK-Strand war von diesem Zeichen kaum unangenehm berührt oder HeGrü beim ersten Kennenlernen.) 10 Minuten später sitzen wir abseits auf einem Sofa. Mutwillig (oder eigentlich Besitz ergreifend) nehme ich ihre Brüste und berühre ich ihren Schoß. Wir wissen, daß wir miteinander schlafen wollen, und sagen es uns. Wir sind voneinander berauscht. Sie verschiebt ihre geplante Reise, so daß wir uns heute
12. Februar 1982
treffen können.
Die Nacht war kurz. 2 Uhr geschlafen, 6.30 Uhr aufgewacht (schlecht geschlafen, in wachen Momenten immer bei K).
Tagsüber viele Gespräche im MSAB.
Interessant, wie sich in der Arbeit der Genossen dort aufs Engste Routine und Zeitvergeudung mit Schöpfertum und Verantwortlichkeit verbinden. Beeindruckend, wie sie alle, nach beliebigen Unterbrechungen absolut sicher und exakt den ursprünglichen Gesprächsfaden wieder aufnehmen.
2 Std. Sauna.
Jetzt ist es 16 Uhr durch. Ich sitze in der Stadtbibliothek. 1 1/2 Std. Protokoll, dann fahre ich zu K., 31 J., Soziologin, arbeitet in der Psychiatrie in Herzberge, ledig, kinderlos, groß, schön, schwer. Zwei Verrückte haben sich getroffen. Sie ist Weib. Sie sagt: “Ich bin gern Frau und ein bißchen naiv.” Ich glaubs. Was hier beginnt, ist weder beiläufig noch zufällig. Ich kann und will nichts verbieten, auch wenn es teuer wird.
R. R., die doch auch beim Fasching war, war abgehängt (außer einigen üppigen Küssen). Mit meinem Kostüm und meiner maulfrechen Draufgängerei hab’ ich dort Furore gemacht. Wie leicht es manchmal ist, Frauen zu beeindrucken.
Wenn ich mit meinem jetzigen Gefühl manche der Formulierungen (zu Sex) der letzten Tage lese, so denke ich, daß Pornografie auch damit zu tun hat, daß sexuelle also zwischenmenschliche Ereignisse und Beziehungen ausschließlich aus der Lust und Begierde des Einen abgeleitet werden. Die Rechnung wird ohne den Wirt gemacht. Dadurch kommt Rücksichtslosigkeit, Starrheit, Kälte hinein, Einseitigkeit, Übertreibung oder gar Verirrung.
Die gleichen Ereignisse, Szenen, Lüste und Begierden zweier Menschen behalten ihre menschliche Qualität.
Ich denke auch an L. Unser Zusammenleben hat tatsächlich mit diesem Erlebnisbereich nur noch wenig zu tun. Was sich hier anbahnt ist ein unvermeidliches, wenn auch lange aufgeschobenes Fazit aus unserem erotischen Standard. Was kommt danach?
Kränkung und Bitterkeit? kameradschaftliches Zusammenleben? neue Liebe irgendwann?
13. Februar 1982
gegen 0.30 Uhr von K. zurück, 8 Uhr aufgestanden, L. kommt gegen 10 Uhr mit F. von der Kinderklinik zurück, F. mit Mittelohrentzündung.
Offenbarung der Sachlage, 11-14 Uhr Garten.
Danach bin ich Kinderhüter, und sie geht in den Garten.
Zwischen 20 und 22 Uhr ein wenig Sprechen mit L. über “die Sachlage”. Wie ist sie?
Mit K zwei-einhalbmal “den Berg erstiegen”. Was bleibt? Nichts, gar nichts. (Nicht, weil sie nicht “gut im Bett” wäre.) Ich hab ihr schon gleich gesagt, daß ich nicht wiederkomme. (Am Rande könnte ich diesen oder jenen Eindruck schildern, aber es ist mir so unwichtig.)
Hab’ ich mich auch durch dieses Buch und die “Seelenzergliederung” in eine bestimmte Richtung fixiert, mich selbst irregeleitet?
(Wenn mir auch nichts bleiben sollte, so doch wenigstens eins: Wort und Tat stimmen halbwegs überein.)
Zu L. sagte ich heute Abend mein augenblickliches Fazit:
- Ich schäme mich.
- Ich betrachte mich nicht m Besitz eines Freibriefs.
- Ich weiß, daß ich nichts versprechen kann (so zerknirscht mir auch momentan zumute ist), denn die Ursachen (die sexuelle Unbefriedigung) bestehen zwischen uns fort.
L. ist betroffen. Wie sie es angekündigt hatte, “kämpft” sie nun nicht um mich. (Das dieses Mal schon vorbei ist, glaubt sie übrigens nicht.) Wir werden uns einige Zeit aus dem Weg gehen. Dann wird man weiter sehen.
“Es würde mich am Arbeiten hindern, wenn ich Dich als lebenden Widerspruch immer vor Augen sähe.” (Ja, sie ist demgegenüber nicht widersprüchlich. Gern würde ich mir diesen traurigen Sarkasmus sparen. Sie hat nie gesagt, daß sie mich liebt (und legte Wert auf diese Feststellung) und hat kein halbwegs beständiges sexuelles Begehren nach mir. Das ist doch eine herrliche Übereinstimmung.)
Wir sprechen F.’ Versorgungszeiten ab. Jetzt hat sie sich entschlossen, kommenden Freitag zum Fasching zu gehen. Sie fühlt sich jetzt nicht mehr abhängig von mir. Sie will Gewißheit.
14. Februar 1982
Was mich an K. im Faschingsrausch fasziniert hatte, erwies sich als eine Art ursprüngliche Einfalt bei ihr, Einfalt des Geistes und des Herzens.
Originell war eigentlich nur, wie schnell und unverblümt (schamlos) wir uns schlafenseinig wurden. Nachdem dieser biologische Vorgang erfüllt war, war nichts mehr, nur:
- das eigene Gefühl des Alleinseins und der Beschämung (sich Verlassen fühlen, während man doch selbst seinen besseren Teil verlassen hat)
- Beschämung, die Partnerin nur benutzt zu haben (Immer wieder erweisen sich meine Frauen als gleichzeitig sehnend, hoffend, berechnend, so daß ich mit schlechtem Gewissen zu ihnen skrupellos bin.)
- die Verantwortung abgeworfen haben, gegenüber dem fremden Menschen, gegenüber dem nahen Menschen, gegenüber sich selbst.
- Wissen (doch nicht etwa ein Sich-selbst-Überzeugen?), daß diese Kalamität immer wieder neu entsteht, mit biologischer Notwendigkeit.
- Wissen, Fühlen, daß keine Frau L. in ihrer menschlichen Bedeutung für mich das Wasser reichen kann.
Und wenn wir beide, L. und ich, uns in gegenseitiger Toleranz und “Einsicht in unsere Naturen” “handelseinig” würden?
Es wäre für mich eine deprimierende, eigentlich nicht gewollte Freiheit. Es wäre für die Dritte erniedrigend. Es wäre ein Stachel zur Schädigung auch unserer Beziehung.