16. Februar 1982 - Ende des allerersten Protokollheftes
Gestern auch „Eule“ 7/82 kurz gesichtet.

Die Besprechung von Paschillers Buch von Matthias Biskupek gefällt mir gut. Warum?
„Man“ (das heißt unter den Bekannten, unter denen, „die dafür ein Organ haben“) ist sich darüber einig, daß Doris Paschiller „eine Ausstrahlung hat“. „Sie hat etwas“, lautet meist der gewichtige, unbestimmte Satz.
Sie hat wirklich etwas - strahlende blaue Augen, ein Gleichmaß des Verhaltens und sich Äußerns, meinetwegen ein In-sich-ruhen. Ich glaube darüber hinaus, daß sie auch noch die Illusion hat, dies genüge schon. Wir „konnten nicht“ miteinander. Als sie - vor Jahren bei L.s Ausstellungseröffnung im Berliner Prater - sagte, sie habe schon fünf Schauspiele geschrieben, fiel bei mir so etwas wie eine Klappe. Danach versuchte ich sie zu reizen oder zu provozieren. Darauf sprang sie aber nicht an.
So blieb immer ein Patt zwischen uns (aber vielleicht ist das ihre Art sozialer Beziehung.)
Na und außerdem als Freundin des Maulaufreißers Jürgen (Max) Stock.
Der „Karin-Ohde-Exkurs“ ist auch für L. Anlaß, über uns (an Hand der K. Horney-Lektüre) nachzudenken. Zwingen so Tatsachen auch sie zu größerer Entschiedenheit? (Mich nicht so recht lieben, mit mir aber zusammen bleiben, andere partiell mögen (lieben), kaum Erotik zwischen uns - d.i. ja nicht zuletzt ein von L. ausgehendes Durcheinander, Inkonsequenz).
Mit Dr. Heyse ein 50 Std.-Verhaltenstraining vereinbart. Bei aller Partnerschaft keine ungehemmte Sympathie. Viele Psychologen, die ich kenne, scheinen mir irgendwie gehemmt, aber so, als verstünden sie es gekonnt, mit ihrer Hemmung umzugehen.
. Ich freue mich darauf, dieses umfangreiche Vt. kennenzulernen und mir anzueignen.
. Ich sehe davon ausgehend Möglichkeiten, der „psychologischen Optimierung“ unseres Lehrgangs einen Schritt näher zu kommen.
. Ich sammle damit zugleich Gedanken für meinen Diskussionsbeitrag/Erfahrungsbericht für die Rostocker Konferenz im September.
Mein soziales Grundgefühl ist, daß diese Gesellschaft mich braucht.
L.s soziales Grundgefühl ist eher, daß die Gesellschaft sie nicht braucht, und sie nicht die Gesellschaft.
So oder so gibt es dieses Gefühl bei vielen Anderen.
Bei anderen gibt es das Bedürfnis, mit Haß auf diese Gesellschaft zu antworten.
In der „Weltbühne“ u.a. wichtiger Artikel über die Memoiren des Schönhuber. Die nazistischen „Alternative“ ist in der BRD immer präsent.
„Welt der Kunst“, Monografie über Beckmann; kann man nicht schnell nebenbei lesen. Schon auf der ersten Seite exponiert Rimbaud:“Der Vorstoß des Poeten ins Unbekannte“.
Auch meine Protokolle stellen einen solchen Versuch dar.
Doch Feindschaft will ich halten, gegen das nur in sich selbst rasende Individuum.
Ende dieses ersten Heftes von Protokollversuchen. Weiter geht es mit einem A4-Band und Bemühungen zu rationellerer und übersichtlicherer Darstellung.