28. Februar 1982 - Aus. Und Wohnungssorgen.

Lieber K.!

Eigentlich geht es um die Frage, unter Nutzung welcher theoretischer und methodischer Voraussetzungen, auf der Grundlage welcher objektiver und subjektiver Fakten der Entwicklungsweg einer einzelnen Persönlichkeit in seiner inneren Logik und Gesetzmäßigkeit dargestellt werden kann. Das Grundinteresse ist also ein Theoretisches, Aufdecken der Entwicklungslogik einer Persönlichkeit, jedoch denke ich zugleich daran, daß aus derartigen Erkenntnissen Orientierungen und Hilfen für das praktische Verhalten einzelner Persönlichkeiten abgeleitet werden könnten.

Aus diesem Blickwinkel interessieren mich die Erkenntnisse, angefangen von den weltanschaulich-theoretischen Grundlagen bis hin zu eventuell erarbeiteten Methodiken der psychologischen und soziologischen Biografieforschung, Tagebuchforschung, Einzelfallforschung. Dabei ist es mir zunächst gleichgültig, ob sich derartige Ergebnisse auf vorliegende ausgewertete oder erst konzipierte Biografien und Tagebücher beziehen. von besonderem Interesse wäre dabei die Problematik der Selbstbiografie oder anderer Formen der Selbstbeschreibung und -analyse. Dankbar wäre ich Dir sowohl für Literaturangaben als auch für vielleicht vermittelnde Gesprächspartner. So weit. Schönen Dank schon jetzt für Deine Bemühungen.

Ein Versuch, mir theoretische und methodische Hilfe zu organisieren. Er war wenig erfolgreich.

Wenn mir ein Problem sehr schwer wird, gibt es zwei Arten zu reagieren.
Entweder ich stelle mich ihm in seiner ganzen Größe und Bitterkeit und unterliege oder werde mit ihm fertig. Das erfordert meist auch, sich zurückzuziehen, allein zu sein. Zu Unterliegen, das bedroht mich freilich ganz und gar. Diesen Kampf aufzunehmen und zu bestehen ist aber die einzige Möglichkeit, eine freie Persönlichkeit zu bleiben (oder zu werden). Oder ich flüchte vor ihm (vor mir selbst). Eine recht wirksame Möglichkeit dafür ist es, unbedingt sofort neuen sozialen Kontakt aufzunehmen, sei es erotisch, sei es sozialpsychologisch (Kneipe). Damit läßt sich das Leben lange Zeit (vielleicht sogar überhaupt) fristen, sogar mit Lustgewinn aber es ist die Grundsatzentscheidung, nicht frei zu sein, sondern sich auszuliefern. Die Kraft zur Selbstbestimmung fehlt und ist so auch nicht zu erlangen.

Heute morgen antwortet mir L. mit aller Überzeugung, daß sie sich schon längst von mir getrennt hätte, wenn F. nicht wäre. […]

Dies ist der Zeitpunkt der letzten Konsequenz. Es gibt keine andere Möglichkeit, als sich zu trennen. (Ein Kind - wie schon in meiner Ehe - kann diese Entscheidung nicht verhindern.)[…]

In diesem Verhältnis liegt es - und gerade bei seinem Ende - zum Greifen offen, daß nicht irgendwelche Verfehlungen das Ende einer Liebe bringen, sondern daß das Leben selbst, die „wirkliche Daseinsweise der „Naturen“ der beiden Partner“ sie ebenso voneinander löst, wie es sie einst aneinanderfügte. Das ist das Schicksal der Liebe im Leben. Wir haben das beide begriffen und können es menschlich verarbeiten; als letzten Liebesdienst dem Anderen keinen Schmerz zusätzlich bereiten, ihm vielleicht sogar ein wenig helfen.

Mir fällt der Schritt schwerer, denn nicht ich, sondern L. hat sich ursprünglich gelöst. Das weitere Nebeneinanderleben im Haushalt wird für mich vielleicht unerträglich sein. Deshalb muß ich dringend eine Wohnmöglichkeit finden, und zwar eine eigene. Das erneute Zusammenleben mit einer Frau ist z. Z. völlig undenkbar. Ich muß also a) - meinen Wohnungsantrag energisch verfolgen und b)- nach einer Schnellösung suchen. Ab Frühjahr käme sogar die Gartenlaube in Frage, ist aber im Grunde doch undiskutabel. Die Trennung aller möglichen gemeinschaftlichen Dinge wird durch unsere Großzügigkeit erleichtert. Sie wird erst aktuell, wenn ich eigenen Wohnraum habe.

Was F. betrifft, bin ich ratlos, bin ich verzweifelt. Sicher wird L. großzügig sein, manchmal sogar gern auf meine Hilfe zurückgreifen und auch F. den Vater möglichst erhalten wollen. Und doch sehe ich hier nur einen Quell unendlicher Schmerzen, gar nicht vergleichbar mit meinen anderen Kindern. (Sie alle waren auf den Weg gebracht und konnten mit Mutters Hilfe allein gehen, ihnen entstand erträglicher Schaden.) F. braucht mich noch voll und ganz und eigentlich noch viel mehr, eigentlich braucht das arme Kind Eltern, liebende Eltern.

Wirklich ans Herz gewachsen ist mir auch der Garten. Ihn werde ich sicher nicht auf einen Schlag verlieren, und schließlich werd’ ich die Narbe zu tragen wissen.

Vor mir liegt wirklich das endgültige „Aus“. Ohne jede Hoffnung auf Neuanfang. Diese Hoffnung gibt es nicht, sie kann nicht sozusagen über eine Zeit hinweggerettet werden, denn sie existiert nicht, nur in meinem Hirn.

Ein Brief ans Wohnungsamt

Werter Herr Lange!

Betr. Ihr Schreiben vom 27.1.1982

Mit Ihrem Stellvertreter war bei meiner letzten Vorsprache festgelegt worden, daß eine Überprüfung meiner Wohnsituation in meiner Gegenwart vorgenommen werden sollte (Es war von telefonischer Anmeldung der Überprüfung die Rede.) Halten Sie eine Überprüfung auf dem Wege der Befragung Dritter für so viel aussagekräftiger? Abgesehen davon bin ich sehr erstaunt darüber, daß Sie mich in Ihrem Brief vom 27.1.1982 - 2 1/2 Monate nachdem Ihnen ein schriftlicher Überprüfungsbericht vorlag und erst nachdem ich eine Antwort angemahnt hatte - über die Wohnverhältnisse von Frau B. (L.) informieren. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht um meinen Wohnungsantrag, der seit 1975 registriert ist und seitdem nicht berücksichtigt wird. Ihrer zuständigen Bearbeiterin, Frau Bartkowiak, habe ich schon vor einem halben Jahr mitgeteilt, daß die Lebensgemeinschaft zwischen Frau B. und mir als aufgelöst zu betrachten ist.

Wenn Sie wirklich daran interessiert sind, meine Wohnsituation kennen zu lernen, möchte ich Sie gern zur Besichtigung meiner Gartenlaube in Pankow-Heinersdorf einladen, in der ich - ohne Heizung, ohne Strom- und Wasseranschluß - bis Oktober 1981 gewohnt habe und sobald es die Witterung wieder zuläßt im März/April 82 wieder wohnen werde.

Unter Berücksichtigung dieser Umstände halte ich meine Wohnraumversorgung noch 1982 für dringend notwendig und bitte dies nach nochmaliger Beratung, ohne daß weiterer Zeitverzug zugelassen wird, positiv zu entscheiden.

Mit sozialistischem Gruß

Ich konnte glücklicherweise auf einen schon lange (seit meiner Scheidung) laufendenWohnungsantrag verweisen. Durch das Zusammenleben mit L. gab es jahrelang für mich, obwohl ohne eigenen Wohnung, kein Wohnungsproblem. In meiner dringlichen Situation jetzt, hatte ich berechtigte Hoffnung auf einigermaßen kurzfristige Wohnraumversorgung, zu der es schließlich auch kam.

 

Erzwungene Untätigkeit, während ich abends auf Besuch warte. Ich mit mir allein - so unnatürlich wird ja diese Situation nicht sein. Ich muß mich davor bewahren, daß meine Gedanken in die glückliche Vergangenheit gleiten, sonst weiß ich nicht, wie ich mir das Leben bewahren soll. So wehrlos, wie diesen Schmerzwellen, war ich noch nie ausgeliefert.

Packen, das Leben, die Zukunft, eine Aufgabe - nicht, weil ich so einen starken Willen habe, weil ich mich aufraffen kann usw., nein, weil dies die einzige Fluchtmöglichkeit vorm Tod ist. Etwas völlig Neues zu machen, das ist meine einzige Chance. Denn in Allem, was ich bisher gemacht habe, ist sie. Das meiste habe ich nur für sie gemacht.

Wie soll ich diesen meinen Leib von mir abschneiden?

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