01. März 1982 - „sich objektivieren“
Als ich morgens das Radio aus L.s Arbeitszimmer hole, sehe ich die Skizzen, die sie gestern Abend noch gemacht hat. Ich bin begeistert darüber, daß sie gleich gearbeitet hat, wie sie die Anregungen des Tierparks und ihr eigenes Erleben verarbeitet hat. […] In dieser Situation wird meine Schwäche gegenüber ihrer Stärke deutlich. Sie hat gearbeitet, sich objektiviert, ich hab’ gegrübelt. Sie hat eine winzige Anregung des Lebens zu einem Sinnbild erhoben. Ich konnte aus derselben Anregung nichts machen. Ob hier außer der Verschiedenheit unserer Talente auch die Verschiedenheit von Wissenschaft und Kunst hineinkommt?
Kunst als die Form das „Unbeschreibliche“, „Unaussprechliche“ darzustellen, kommunizierbar zu machen? Ja und nein. Gestern Abend hatte ich das deutliche Gefühl, daß es demgegenüber ein Erleben gibt, daß überhaupt nicht objektivierbar ist, daß jede Objektivierung ein Schemen bleibt. So muß der Regenwurm erleben, der sich stumm krümmt, der Wolf, der einsam heult. Ich glaube, daß wir - bei Strafe unseres Tierwerdens - objektivieren müssen, mit all unseren menschlichen Möglichkeiten ganz umfassend objektivieren müssen.
Vorsicht, daß diese Protokolle nicht eine Scheinobjektivität bleiben. Ich muß die Wege zu ihrer weiteren Objektivierung, Verallgemeinerung finden.
Dialektik. Die Bewegung ist absolut. Darauf ist das Leben zu bauen. Wir wollen immer irgendwo den Hafen des ruhigen Glücks.
Das Leben als ewige Reise durch die Welt, um nicht zu sagen als Flucht: Parsifal, der fliegende Holländer, der ewige Jude, Herkules, Jesus, Gorki, Bernd Wagner usw. usw.
Ein Witz, den wohl nur versteht, wer die Fenster der DR- Deutschen Reichsbahn - kennengelernt hat.
Sich die ganze Welt, der Menschen Fülle aneignen. Das muß ich auch, wenn ich über das einzelne Protokoll hinaus zur Verallgemeinerung gelangen will. (Die Lebenslaufanalyse scheint mir hier unersetzlich, an ihr, am einzelnen Menschen werden alle Teilungen (der Arbeit) wieder zusammengeführt.) Das setzt detaillierte Kenntnis vieler Lebensläufe voraus, um sinnvoll „Erlebenstypen“ der Menschen unterscheiden zu können. Intimkenntnis dieser Art ist rel. schnell über erotische Beziehungen zu erreichen, also für mich nur über Frauen. Trotzdem den erotischen Weg nicht überschätzen. Wirklich allseitige Kenntnis ist auch nur über allseitige Beziehungen erreichbar, praktische und geistige Beziehungen.
Das soziale Gebäude ist selbst in der Dialektik von Bewegung und Ruhe (wie der Baum gleichzeitig abgestorbene Rinde und und junge Triebe trägt). Oft erscheint der Versuch, sich von gefestigten sozialen Beziehungen, Werten zu lösen als asozial. Aber welch nichtssagendes Wort ist „asozial“. Es bezieht sich sowohl auf den, der ins Vorsoziale absinkt, wie auch auf den, der scheinbar ähnliche Verhaltensweisen annimmt, weil er ein Soziales viel höherer Art hervorbringt (L., Bernd Wagner, ich?).
Der verderbliche Wunsch, einen anderen Menschen als Schutzschild gegen Veränderungen einzufangen! (Frauen, die mit diesem Ziel Männer kennenlernen), lebensdumm bis dorthinaus. (Das Paradies, die Tröstungen der Religion haben auch viel davon.) Daß heute die Menschen so „atomisiert“ sind in der Gesellschaft (und es noch weiter werden, wie man an der Jugend z. B. sieht), ist eine Hoffnung (obwohl diese Entwicklung so viel Leid mit sich bringt).
Warum? Nur aus sich selbst kann der Mensch die Kraft finden zur Freiheit im oben gemeinten Sinne: Freiheit zur allseitigen sozialen Bindung setzt Unabhängigkeit, Freiheit von jeder Einseitigkeit der sozialen Bindung voraus. Nur auf dem Atom kann sich die Welt drehen.
[…]
Bei Bernd (Wagner) endlich mal ein Gespräch ohne die sonst aufkommende Gehemmtheit.
Über dieses Gespräch habe ich übrigens hier berichtet.
Um das Arbeiten gings und um das Tagebuchführen. Canetti und Hebbel ausgeborgt. Canetti unterscheidet Aufzeichnungen (von spontanen Einfällen), Merkbücher (für Ereignisse im Zeitablauf) und Tagebücher der Zwiesprache. Für ihn sind diese Formen immer Bestandteil des Ringens des Schriftstellers um sein Werk, d.i.also gerade nicht mein Gesichtspunkt. Trotzdem werd ich diesen kleinen Aufsatz noch einmal zur Hand nehmen und für meine Methodik auswerten.
Schönes Bild heute: Eine Kindergärtnerin sperrt die Straße, die Autos warten und wie bunte Kartoffeln kullern die Kinder über die Straße. Des Lebens Ernst war für einen Augenblick lustigem, sicherem Spiel gewichen.
[…]
Vom Eulenspiegel aufgespießt. Heute glaubt man sowas kaum.




