22. März 1982 - Traum


[…] Rückenschmerzen

[…] Dr. Wallat, der eine interessante Vorlesung hält, bringt Abbildungen von einer mozambiquanischen Ausgabe des „Kommunistischen Manifests“. Textauszüge, Bilder und Sprechblasen (mit volkstümlicher „Übersetzung“ des Originaltextes) der handelnden Personen. Die Bilder sind höchst originell und volkstümlich-deftig. Eine großartige Sache für Analphabeten und nicht nur für sie!
Alle im Lehrgang Mylau betrachten das interessiert. Aber mehr Ablehnung als Zustimmung, es ist alles so anders, nackte Frauen im „Kommunistischen Manifest“!

[…] Traum: Innerhalb der Stadt, in der ich wohnte, gab es ein hermetisch abgeriegeltes großes Viertel, mit großen düsteren Gebäuden. Dort wohnten die Yiahs oder Yähs (Swift, „Gullivers Reisen“?). Ich, unsereins, wurden dort als Arbeitssklaven gehalten. (Ich träumte keine Terrorszenen, war aber von ungeheurer Furcht erfüllt, Hintergrund Apartheid-Vorstellungen?) Im Laufe der Zeit arbeitete man sich (ich mich) durch diese Stadt hindurch, ging oder schlich auch abends durch menschenleere Straßen mit erleuchteten Schaufenstern einem verborgenen, unverschlossenen, großen, eisernen Tor zu, durch das man ins Freie gelangte. All das ging quälend langsam und war immer mit der Furcht verbunden, auf Bewohner zu stoßen, die einen willkürlich zurückjagen konnten. Die Klinke des eisernen Tores war sehr hoch angebracht, nur im Sprung zu erreichen. Ich schaffte es beim ersten mal und war frei. Und fand mich unmittelbar darauf in denselben Straßen wieder, auf demselben Weg. Diesmal gingen einige andere meinesgleichen vor mir. In unmittelbarer Nähe des Tores lungerten übrigens immer einige Yähs herum, die einen dort aber nicht mehr aufhielten. Mich verbeugend, ihre Blicke hinter mir her (Nur jetzt nichts falsch machen.), ging ich an ihnen vorbei. Das Tor fiel gerade ins Schloß. Ich sprang, aber völlig aussichtslos, die Klinke zu erreichen. Da kehrte der Kumpel vor mir zurück (Er war blond und blaß.) und machte die Tür von außen auf, und ich stand auf der Brücke, die in die Freiheit führte, hinter mir die finsteren Gebäudemassen.

[…] Was auf Dauer nicht geht: Gestern hab’ ich mich selbst sexuell ge- und entspannt. Ich kalkuliere, daß mir etwa ab Freitag wieder ein GV gut täte, deshalb schreibe ich heute eine Karte an Hegrü, um sie dafür zu öffnen (um nicht allzu rücksichtslos und bockartig bei ihr zu erscheinen). Ich berechne und plane also meine voraussichtliche Bedürfnisbefriedigung, obwohl das Bedürfnis noch gar nicht besteht. Eine solche „Befreiung“ besteht also darin, sich in einen ausgeklügelten Rahmen zu passen oder sich auf die Brutalität zu beschränken. Die wirkliche ganzmenschliche Liebesbefriedigung kann nur aus einem ganzmenschlichen Liebesverhältnis kommen.

Mir scheint, Erotik oder gar Sex kommen zur Wirklichkeit nicht nur, wenn sie sehr stark sind, sondern auch, wenn die anderen Persönlichkeitsbereiche ausreichend „abgearbeitet“ sind und ihn (den Sex) nicht mehr im spannungsvollem Gleichgewicht halten können.

[…] Heinrich Mann rühmte die Einsamkeit des Exils, nicht als Zustand der Verzweiflung, sondern als etwas Stärkendes, das sich dem feigen Rückzug in die Arme irgendeiner Gemeinschaft entgegenstellt, und dies gerade im Interesse der Massen, denn große Veränderungen werden auch von Einzelnen vorbereitet, die gerade tätig werden, indem sie sich leichten und verlogenen Lösungen verweigern. (nach Stefan Hermlin, „Sinn und Form“, 1/82, S.13)

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