23. März 1982 - DDR-Kunstmarkt
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Rückenschmerzen, Erkältung […]
Wenn ich schon langsam ein bißchen Ordnung in mein Psychokostüm bringe, dann sollte ich bald mal nach Freßlust und Übergewicht fragen. […]
DR nach Leipzig. Ich lese im „Sonntag“ 9/82, lohnt sich einfach nicht dieses Blatt; „Neues Leben“, „Sinn und Form“ 1/82.
DDR-Zeitschriften: „Sonntag“ war Blatt des Kulturbundes. Ich hoffte immer wieder mal auf Interessantes aber es blieb ein angepaßtes Blättel; ist übrigens der Ostvorläufer des „Freitag“. „Neues Leben“ war ein monatlich erscheinendes Jugendmagazin in ziemlich schlechtem Druck (besonders der Bilder) aber gelegentlich ganz erfrischend, gelegentlich mit Aktfotos. Die rennomierte „Sinn und Form“, herausgegeben von der Akademie der Künste und nur von „Insidern“ gelesen, brachte ziemlich oft Lesenswertes. Als „lesenswert“ bezeichne ich hier pauschal Beiträge, die nicht sklavisch den geforderten Denkschablonen folgten.
In Leipzig: Nichts geht mehr in Kopf und Körper, wenn man 4 Stunden Museum und Pflaster getrabt ist. (Meine Augen brennen mir sowieso.) In der „Galerie am Sachsenplatz“ eine Ausstellung, die wegen der Vielzahl der ausstellenden Künstler anregend ist. Einige Namen (und Preise) habe ich mir notiert: Zuvorderst ein „Stilleben“ und „Drei Frauen am Strand“ von Jüchser, zwei wunderbare Bilder, je 7 1/2 TM. Weiter in bunter Folge: großes Frauenporträt von Uhlig, 3,5 TM (nicht schlecht). Kleines Stilleben von H.-P. Hund 850,-M. Ein Boys-Kopf von Peuker, 3100,-M! (muß der Boys für manche Leute wichtig sein! Ja, Boys ist eine Kristallisationsfigur für persönliche Originalität, Sensibilität, soziale Indifferenz.) Carl Marx mit seinen bunte erotischen Puppen, 2,8 TM; ein Proletariermädchen von Lachnit, 1925 für 7,-TM. J. Böttcher, „Stilleben mit Oboe“, sehr kultiviert, geradezu antik, zu chinesischem oder Meißner Porzellan, zu böhmischem Glas usw. wunderbar passend, 2,7 TextMaker; zwei A. Wigands, kostbare kleine Bilder (besonders „Ladenstraße“), ins Abstrakte gelenkt ein (nicht so bezeichnetes) „Industriestilleben“ von Nehmer für 4 TM; etwas langweilig ästhetisch gemalt, aber allein die hier zum ersten Mal bewußt wahrgenommene Möglichkeit solches Stillebens (nein, gabs auch schon bei Mayerl - „Bergmannsstilleben“) nimmt mich sehr ein, interessantes Porträt von Sabine Curio 1TM. Wüßte keine Berliner Galerie, die auf kleinem Raum so viel Sehenswertes bietet.
Im „Museum der bildenden Künste“ habe ich Glück und kriege noch die Impressionisten-Sonderausstellung zu Gesicht, die eigentlich bis 21.3. ging.
Darauf freute ich mich besonders wegen R. Sterl aber es ist nicht sehr viel von ihm zu sehen. Neben den „Steinbrucharbeitern“ und Studien dazu eine Lasttrrägerstudie, offensichtlich aus Rußland 1912 und das Bild des Oberbürgermeisters 1913, sowie zwei kleine hessische Bilder, 1902. Sterl versteht es, das sozialpsychologische Umfeld oder Miteinander seiner Figuren mitzumalen. Diese Bilder fesseln mich umso mehr, je länger ich sie anschaue. Eben wegen dieser Einheit von konkreter inhaltlicher Aussage und künstlerisch-formaler Meisterschaft halte ich ihn für einen der Größten, auf den unsere Malerei aufbauen kann. Die früheren Bilder tendieren dagegen zur Idylle. Sterl gegenüber ist Corinth natürlich ein urwüchsiger, vitaler Meister aber völliger Individualist. Jede Figur, z. B. seiner „Kreuzabnahme“, tritt individuell mit dem Betrachter in Beziehung, stellt sich individuelle dar. Es ist wie ein Theaterstück.
Immer wieder behauptet sich auch Gotthard Kuehl in diesem Kreis. Liebermann ist mir allzu satt, statisch, langweilig; vielleicht bin ich nur zu ungeduldig, seine Qualität gerecht aufzunehmen. Lesser Ury mit einigen kleinen Radierungen vertreten, die ihn zum Ahnherrn der Berliner Belanglosigkeiten machen könnten.
Wieder an Max Klinger vorbei gelaufen, möchte wissen, was L. daran einst fasziniert hat.
(An Klinger bin ich eigentlich erst bei meiner Fahrradtour im Sommer 2007 nicht nur vorbei gelaufen.)
Und dann viel Arno Rink. Das ist nicht mein Fall. Das „Lied vom Oktober“ von 1969 ist ein wahres Schreckenslied. Schrecknisse des menschlichen Lebens werden dargestellt, werden ausgemalt und als ebenso verführerisch wie unvermeidlich suggeriert (nicht unbedingt absichtlich), keine Wärme, kein Glaube, so auch die Nackten. Die Menschen sind armselig, äußerlich auf diesen Bildern.
Mit nüchternem Interesse blicke ich auf die properen, in straffe Hosen gepreßten Leipzigerinnen, die flink blicken. Es reizt mich nicht. (Ich bin zu angeschlagen, mich reizen zu lassen.) Von Reichenbach her saß mir eine ganz nette Frau gegenüber. Ich war am Gespräch nicht interessiert, wollte lesen, dann aber doch etwas Unterhaltung. Viel zu oft ziehe ich das Buch dem lebendigen Austausch mit einem lebendigen Menschen vor.
Ein Bild aus der Wochenzeitung “horizont”, das mir irgendwie gefallen hat.

