24. März 1982 - Geschichtslogik; Freßlust
eklig Schnupfen und Rückenschmerzen, die Augen brennen
[…] Einkäufe: ein ordentlicher Cordanzug 312,-M, eine lange Hose 178,-M;
[…] Wichtiges aus „Sinn und Form“ 1/82. W. Girnus schrieb einen Artikel von zwingender Logik, der auch mich betrifft: „Auf Leben und Tod“, S. 184ff.
Seine logische Kette:
* Die Entwicklung zur wachsenden Gewalttätigkeit wird sich unter dem Diktat des militärisch-industriellen Komplexes bis zum Jahr 2000 erheblich beschleunigen.
* Die tiefgreifenden sozialen, geistigen, kulturellen Gegenbewegungen zu den konventionellen Lebensformen und -normen der kapitalistischen Endgesellschaft werden immer breiter und heftiger. (Wir müssen das ernst nehmen.)
* Dagegen laufende Verstärkung der bürgerlichen Staatsmacht. Ökonomisch heißt das weitere gigantische Kapitalkonzentration im internationalen Maßstab (Japan!)
* Die führenden Generale der NATO maßen sich immer mehr Entscheidungsgewalt an.
* Die Gefahr einer neuen faschistischen Welle, einer Art Eurofaschismus wird immer deutlicher. Diese Strömungen (Girnus gibt Beispiele.) stützen sich auf die Gedankenwelt Fr. Nietzsches.
Faschistischer Unrat aus den USA wird massenhaft in BRD importiert.
* Wir müssen die Gefahr einer Explosion dieses kapitalistischen Kessels bannen und sorgen, daß es zur Implosion kommt.
* Die Spannungen werden wachsen. Entspannungspolitik heißt nicht, daß keine Spannungen auftreten, sondern heißt verhindern, daß deren Entladung in eine nukleare Katastrophe mündet.
* Wir haben keine Zeit der Euphorie und Ekstasen vor uns. Wir brauchen Charaktere, Unbeugsame, Pioniere der Geschichte, die sich nicht scheuen, neue Wege durch das Dickicht unserer Epoche zu schlagen. „Künstler, denen dieser Typ nichts zu sagen hat, werden wenig zu sagen wissen.“
* Was Kunst kann. „Auferstehung“ im KZ.
Dieser Artikel und ein zweiter von O.Neumann „Wer wertet Becher um und warum?“ (S.193ff) brachten mir Einsichten. Neumann setzt sich mit G. Kunert auseinander (Bechers „Grashüpfer“). Becher und Brecht hatten nach Kunert zu viel Vernunftglaube, zu viel positive Utopie, zu viel Umfeld von außen (also zu wenig Beschränkung auf das „Infeld“?) Wechsel auf die Zukunft, die stets platzen.
Kunerts antiautoritäre Attitüde > vom Mythos autarker Kunst zu den „Kämpfen im Zirkusrund“ als Weltverständnis endlich zum Mythos des Züchtens der nordischen Rasse fürs „Zeitalter der Weltkriege“? Becher werde attackiert, weil er in „Kunstautonomie“ und „Innerlichkeit“ die Unfähigkeit zum Widerstand für das Humane und die Anfälligkeit für das Barbarische erkannt und bekämpft hat. (Auch hier weitere Beispiele, die belegen, daß es sich hier um eine Stoßrichtung, nicht um Einzelmeinungen handelt.)
Beide Artikel veranlassen mich zu einem Kommentar aus heutiger Sicht.
Welche Einsichten und Anstöße daraus also für mich?
* Achtung, wenn du deine geliebte Individualität hätschelst! (Die eigene Individualität sozial „produktiv“ machen. (Werner im damaligen Gespräch war das Wort „produktiv“ ein Graus.))
* Nietzsche besser kennen!
* „reine Kunst“ und Barbarei sind Geschwister
[…]
* Manche Leute, die mit dem Sozialismus gebrochen haben, aus Feindseligkeit, lassen sich dann nur von Feindlichkeit leiten > bis zum Faschismus.
Cezanne ist ein einzigartiger Realist der sinnlich-natürlichen Welt, sozusagen ein Feuerbachianer. Der sozialen Realität, so weit sie von der natürlichen geschieden ist, steht er verständnislos gegenüber (genau wie Gauguin, auch van Gogh); in dieser Hinsicht ist Sterl stärker, von Leuten wie Rembrandt oder Goya zu schweigen.
[…] Die harte, aggressive und genormte (also fast militärische) Art, in der Erotik in der Mode erscheint heutzutage. Z. B. die Preßhosen, z. B. einst die Minikleidung.
[…] Mit Anne noch über Freßsucht geredet. (In „Wochenpost“ 12/82 war ein Artikelchen „Stierhunger“ in den USA, der eigentlich der Auslöser für meine Beschäftigung hier mit diesem Thema ist.)
Was ich gestern Abend aß: Beim Einäugigen (Kneipe um die Ecke): 4 Scheiben Böhmerschinken und Mayonaisesalat. Damit war ich eigentlich satt. Zu Hause angekommen (Es war kalt, unfreundlich, ich angetrunken, verschnupft, geruch- und geschmacklos.) schlug ich in mich hinein (alles in Hast): 1 Bratpfanne voll Nudeln + reichlich Tomatensoße mit etwas Fleisch darin, dazu einen nicht kleinen Kanten Brot, eine herumliegende halbe Scheibe Leberwurstbrot, ein Portion Eis, zwei dicke Scheiben Malfa-Brot mit Speck, eine Scheibe Malfa-Brot mit dick Butter, vorher noch ein herumliegendes Stück Streuselkuchen. Es war ein genußfreier, reiner Füllvorgang. Wenige Minuten später ging ich zu Bett. Schlief bald ein, aber dann schlecht.
