28. Oktober 1981 - ein Brief
# Nachzutragen ist der folgende Text, eine Briefkopie, die in den ersten Band des Tagebuchs lose eingelegt war. Ich kann mich an die näheren Umstände des Schreibens und „Absendens“ dieses Briefes nicht erinnern. Aber Inhalt und Diktion verweisen darauf, daß ich ihn offensichtlich in eigener Sache an meinen Führungsoffizier geschrieben habe. Den Regeln der Konspiration folgend, habe ich keine Dokumente meiner Zusammenarbeit mit dem MfS kopiert oder aufgehoben, hier also eine Ausnahme. Sich um eine Auslandsarbeit zu bemühen, war ein direkter Ausfluß meiner Beziehungskrise mit L. Praktische Folgen hatte dieser Brief nicht. #
Ich bin entschlossen, mein derzeitiges Arbeitsverhältnis etwa Mitte 1982 zu beenden.
Dieser Entschluß resultiert nicht aus irgendwelchen akuten Widersprüchen oder Konflikten. Meine Arbeit, die ich seit ca. 15 Jahren mache, ist im Grunde genommen interessant, verlangt Verantwortungsbewußtsein und Selbständigkeit, ermöglicht Weiterbildung, wird angemessen bezahlt. Meine Beziehungen im Kollektiv sind nicht schlecht. Meine Perspektive als Leiter dieser Einrichtung ist zwar nicht festgelegt, erscheint aber als real.
Der Grund, diese Arbeit zu beenden liegt darin, daß sie mich schon seit längerer Zeit nicht mehr ernsthaft fordert. Die Aussicht, bis zur Rente dieselbe Arbeit zu machen (wenn auch in der gut bezahlten Position des Leiters), ist eine Schreckensvorstellung. Ich fühle noch genügend Kraft in mir, andere, neue Aufgaben zu lösen und habe auch die Absicht, diese Kraft (die sicher in zehn Jahren so nicht mehr vorhanden ist) jetzt anzuwenden.
In der Vergangenheit hatte ich die Perspektivvorstellungen, nach meiner Promotion 1874 einige Jahre als staatlicher Leiter in der Industrie zu arbeiten und dann eine Wissenschaftlerlaufbahn auf dem Gebiet der sozialistischen Wirtschaftsführung einzuschlagen. Trotz wiederholter Bemühungen konnte ich diese Vorstellungen nicht realisieren. (Über die Gründe bin ich mir nicht völlig klar. Sicher fehlte es an Unterstützung oder Förderung von anderer Seite, wahrscheinlich aber auch bei mir an Ehrgeiz.)
Bei meiner Zielvorstellung jetzt steht die Wissenschaftlerlaufbahn nicht mehr im Vordergrund (in Anbetracht meines Alters von 41 Jahren und noch ohne Promotion B).
Ich suche keine langjährig abgesicherte Perspektive, sondern eine Aufgabe, die mich jetzt fesselt und fordert. (Es ist selbstverständlich, daß das nur eine gesellschaftlich notwendige Aufgabe sein kann.) Dabei möchte ich wieder stärker auf mein eigentliches Ausbildungsprofil zurückgreifen, das in den Bereichen liegt: Marxismus-Leninismus, Soziologie, Psychologie/Menschenführung, eventuell auch Persönlichkeits- oder Kulturtheorie.
Ich bin z. Z. dabei die Einsatzmöglichkeiten an der Hochschule für Ökonomie, Sektion Marxismus-Leninismus, Prof Dr. Hoell, zu erkunden. Dabei habe ich aber die erklärte Absicht, nach einer angemessenen Übergangs- bzw. Vorbereitungszeit an der Hochschule (ca. 1 Jahr) für mehrere Jahre in’s Ausland delegiert zu werden…
