30. April 1982 – Jugendweihe



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# (Brief zur Jugendweihe an Chris, die Tochter meines Freundes Kurt.) #

„Liebe Chris! 29.4.82

Jugendweihe, das bedeutet für mich, für Einen, der nicht sehr eng mit Jugendlichen zusammenlebt, zunächst eine pompöse Demonstration, einen großen äußerlichen Aufwand an Geschenken, an Veranstaltungen usw. Von daher empfinde ich eine gewisse Distanz. Doch sicher ist das nicht richtig.

In Wirklichkeit symbolisiert die Jugendweihe doch etwas Ungeheures. Irgendwann in diesen Jahren geht Ihr den Schritt vom Kind zur Frau und vom Kind zum Staatsbürger. Was da passiert – ich sag es Dir im Vertrauen und entschuldige, wenn es etwas unverständlich klingt – ist schwer begreifbar. Das beschäftigt einen mitunter jahrelang, ja ich glaube, es ist kein Schaden, wenn man darauf nie eine ganz endgültige Antwort findet. Doch ich will Dich nicht mit dunklen Sätzen verwirren.

Sicher bist Du sehr erfüllt von dem Gefühl, in neue Räume einzutreten und von der Lust des Vorgefühls, Dich in solchen Räumen frei zu bewegen. Dazu möchte ich Dich von ganzem Herzen beglückwünschen, das tue ich umso freudiger, weil Du mir sympathisch bist und ich viel Kraft, etwas Kerniges, in Dir verspüre…

Damit ist eigentlich alles gesagt, außer vielleicht dem Nachsatz, dass Kraft und Realismus und Feingefühl nötig gebraucht werden.

Dein Peter (Das früher übliche „Onkel“ darf ich mir wohl sparen.)“

 

# (Antwortbrief von Clemens, meinem dritten Sohn, auf meinen Brief zu seiner Jugendweihe) #

„Lieber Peter!

Natürlich erst einmal recht herzlichen Dank für deinen Brief und für alle deine Wünsche, die mich und meine Gesundheit usw. betreffen. Das Geld habe ich jetzt erst einmal aufs Konto gebracht. Da liegt es für mich am besten, den großartige Wünsche habe ich gegenwärtig nicht.

So habe ich auch nicht solche Riesengeschenke (Kassettenrecorder, Schallplattenspieler) bekommen, sondern „nur“ Bücher, Unterwäsche, eine Schulmappe, eine Schallplatte, Brieftaschen und nicht zuletzt Blumen, Glückwunschkarten, Geld. Bei den Büchern handelt es sich um ein Buch über „Berliner Kulturstätten“, dort werden viele Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Hochschulen, Bibliotheken, Kulturhäuser und noch viel mehr vorgestellt, was sie beherbergen usw. Das Buch ist nicht schlecht, aber ich finde, es ließe sich noch besser gestalten. Zum Beispiel mit mehr Daten. Aber das ist auch Ansichtssache.

Dann noch „Wenn einer eine Reise tut…“ – ein Kulturgeschichte des Reisens. Ich habe noch gar keine Gelegenheit gehabt, es mir einmal genau anzusehen, aber das kommt noch.

Und das dritte Buch „Weißer Bim Schwarzohr“ ist vielleicht mehr durch seinen Namen bekannt, denn es lief ja auch als Film in den Kinos. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Doch vielleicht bekomme ich, wenn ich das Buch gelesen habe, Lust, den Film zu sehen.

Was mich gefreut hat, dass wir schönes Wetter bei der Jugendweihe hatten. Bei der Feierstunde lief auch alles glatt ab. Natürlich waren auch alle Verwandten und Bekannten da. Um auf deinen Vorschlag zu kommen. Am 3. Mai bin ich verhindert, denn da habe ich gerade Klassenfahrt. Aber Stefan würde für mich als Vertretung hingehen. Wenn Du willst kannst Du hingehen, wenn nicht, geht er wieder.

So, dann will ich mal schließen.

Alles Gute.

Clemens“

Wie mich die beiden letzten Sätze erfreuen und überraschen!

Als ich heute zu Marita ging, ohne rechte Lust, dachte ich, da Beste wäre, wenn sie nicht da wäre. Und prompt: Sie war nicht da. Ich empfand ein bisschen müder Ärgerlichkeit und viel Erleichterung. Das Interessante, Anstrengende dieser Beziehung haben wir reichlich ausgekostet. Wirkliche Stimmigkeit darüber hinaus ist nicht zu erreichen. Als menschliches Erlebnis hat es sich gelohnt, nun aber diese Beziehung nicht totreiten!

Habe Lust auf eine neue Beziehung, wo von vornherein im Bett alles stimmt (so wie bei Hegrü, die anrief und dich ich bald mal besuchen und beschlafen möchte, dieses einfache, üppige, fleischige Weib, das alles richtig macht und der ich alles richtig mache). Doch Hegrü – d. i. auch schon solide und langweilig. Es wird Zeit, mal was Neues aufzureißen. (Seit zwei, drei Tagen hat mich eine zunehmende Geilheit erfasst.) Doch um mir nicht eine absolute Wirrnis zu organisieren, werd ich mich wohl drei, vier Tage gedulden, um dann zu probieren, was sich mit Reri anstellen lässt. (Eine enorme und dabei skrupellose Lust scheint mir da ziemlich sicher. Das Schöne daran – Es wird sich wohl überhaupt nichts Verpflichtendes daraus ergeben. Eine reine Beziehung gelegentlicher, halb verbotener, besonders süßer Lust, ein Moment des Perversen.)

Darüber hinaus habe ich Lust, auf eine Annonce der BZ vom Freitag, 30.4. zu antworten: „Jg. Frau, 22, wünscht Kontakt durch Briefwechsel, Int.:Aktfotografie u.a. BZ 0236 Dewag, 1054 Berlin“

Das häufigste Wort dieser Seite ist zweifellos „Lust“.

Eine mögliche Partnerin könnte auch die Frau sein, die ich früher oft beim Mittagessen traf, „die Russin“.

Gesichter aus Indien.

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Meist wird nur von dem Hunger der Kinder gesprochen.

 

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Handbewegung und Gesichtsausdruck dieser Frau beanspruchen zu viel Aufmerksamkeit (und sind dann wieder nicht wichtig genug.)

Erst wenn ich den Kopf abdecke, kann ich den Reiz dieses noch jugendlichen Körpers genießen, der mir nun auch reizvoll verhüllt erscheint.

 

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