04. Oktober 1980 (Bulgarienreise)
Frühstück in Warna, in einem Privatquartier, das ich für drei Tage gemietet habe (21 Lewa, 2-Bett-Zimmer). Seit Bahnhof Gorna Orjach. Hat sich Ljonka (25 J.) mit mir bekannt gemacht. Die ganze Fahrt bis Warna geplaudert. Beginnt nun Liebe auf bulgarisch? Meine Lust zu sexuellen Spielchen ist nicht besonders groß, würde sich aber hervorlocken lassen. Sie versichert, Zigeuner und auch Türken seien „plochie, otschen plochie Ljudi“ („schlechte, sehr schlechte Leute“), die nur am Rande von Ortschaften wohnen. Sie ist aus Gabrowo. Mehr darüber später. Jetzt will ich zusehen, daß ich für den 6.10. einen Rückflug kriege, dann ins Puppentheater, dann mit Ljonka treffen.
Abends:
Nichts mit bulgarischer Liebe. Ljonka hat mich versetzt. Dabei hatte sie sich so verhalten, als setze sie voraus, dass jeder Mann jederzeit „Stangenfieber“ habe. (Dabei erinnerte sie mich an Sawwina von ehemals.) Es kam ihr aber wohl weniger darauf an, das Abenteuer zu haben, als vielmehr, mit dem Abenteuer zu spielen. (Das war Sawwina auch wichtig, sie machte dann aber doch Ernst, als sich die Gelegenheit bot.) Oder sie kriegte Angst vor der eigenen Courage.
Damals wie heute jedenfalls das Gefühl, dass sich die Sache nach kurzer Zeit totläuft. Den Leuten fehlt irgendwie eine Dimension. So bleibt mir (ob ich will oder nicht) die Rolle des nicht sehr begeisterten Liebhabers erspart. Auch dem Puppentheater fehlte eine Dimension, laut, grob, unsensibel. Morgen will ich (auch damit der Tag rumgeht) in die Oper. Es gibt „Coppelia“. Am 6.10. dann, 18 Uhr 40, ab nach Dresden.
Vielleicht klappt morgen Abend die Telefonverbindung nach Berlin, um mich entweder für den 6. 10. nachts noch anzukündigen oder bei Ch. W. in Dresden zu übernachten.
Sonst war ich noch im „Aquarium“, wo es eine Fischart gibt, die nur aus Weibern besteht. Der Same verwandter Männchen regt ihre Eientwicklung (ohne Befruchtung) an.
Beeindruckend die römischen Thermen aus dem II. Jahrhundert, allein schon wegen des Ausmaßes der Anlage. Leider wurde ich nicht schlau aus dem Gewirr der Ruinenstücke, die offensichtlich umgebaut, restauriert, umbenutzt, wieder zerstört usw. waren. Von einer sorgfältigen (und umfassenden) Freilegung des römischen Teils kann wohl keine Rede sein. Offensichtlich wären weitere Grabungen nötig. Ich habe mir jedenfalls, was ich bei jedem anderen Touristen verurteilen würde, ein „garantiert echtes Stück“ römischer Therme, 1700 Jahre alt, aufgeklaubt und eingesteckt.
Auch eine Gemäldeausstellung gesehen (vgl. Puppentheater).
Warna scheint die Prachtstadt Bulgariens zu sein. Obwohl Aushängeschild bleibt es doch südländisch-heiter. Wie man den Auto- und Fußgängerverkehr im Zentrum führt, das ist phantasievoll und großzügig verwirklicht.
Das Leben (und besonders Fahren) in Bulgarien ist anscheinend erheblich teurer geworden. (Aus dieser Sicht sieht man erst richtig die relative Stabilität der DDR.) Das Warenangebot erscheint mir reichhaltiger. Ich konnte keine Unruhe unter den Leuten wegen der Teuerung spüren. Für 100 Westmark kriegt man ungefähr 72 Lewa.
Spekulation über die Ursachen der inneren Stabilität Bulgariens:
- die Tradition des nationalen Befreiungskampfes
- die Tradition der Russenfreundschaft
- ein relativ günstiges Verhältnis von Stadt und Land.
(Die Stadt hat das Land sozusagen „im Griff“, führt es, ohne es zu erdrücken. Das Land andererseits orientiert sich an der Stadt, hat aber noch sein relative Selbständigkeit, sein Eigengewicht. Diese Verhältnisse werden nicht so einfach bleiben.) Vielleicht erklärt diese rel. Unabhängigkeit von Stadt und Land die so verschiedenen Antworten zum Zigeuner- und Türkenproblem.
- In den Zigeunern und vielleicht auch in den Türken haben sie ihre Parias, haben sie diejenigen ständig lebendig vor sich, gegenüber denen sie sich als Bulgaren (bei Bedarf sicher einschließlich der Türken) groß, edel, frei, kultiviert usw. fühlen können.
Folgt zum Schluß ein Speisezettel von heute. Das Bier war holländischer Import. (Ein Kilo Weintrauben kostete 0,50 Lewa.) ![]()