05. Oktober 1980 (Bulgarienreise)
Auch die Tage von Warna gehen dem Ende zu. Drei Tage reichen, waren aber auch nicht vertan. Heute war: Ethnografisches Museum – interessant, aber die lebendige Ethnografie ist mir lieber. (Übrigens: Wir in der DDR zeigen in unseren Heimatmuseen meist im Vordergrund das Leben der armen Leute. Sie zeigen mit großem Nachdruck auch das Leben wohlhabender Leute.)
Römische Festungsmauer, neues römisches Bad – unwillkürlich denkt man, daß unter halb Warna römische Grundmauern liegen, sicher kann man die nicht mehr alle ausbuddeln. Aber wäre nicht doch mehr Akribie bei ihrer Sicherung und Darbietung nötig?
Langes Studium des „ND“ vom 26./27.9. im Park bei schöner Sonne. Dabei zum ersten Mal außerhalb einer Gaststätte so etwas, wie ein leichtes Mädchen gesehen.
Im Restaurant zu Mittag; Ali und Atanas. Der Türke sieht aus wie ein schmuggelnder Seemann, der Bulgare wie ein Seeräuber; ich bin leider nicht aus „FGR“ („BRD“), leider nur „Bruderland“, Ali braucht sofort irgendeinen Apparat, der irgend etwas auf der Erde macht, 2 m - ???
A. und A. machen es gerne mit den Mädchen, das entsprechende Fingerzeichen ist ziemlich international, doch „djewotschki nima“. Ich verstehe: „Mädchen sind zur Zeit rar.“ und sage, „besser in der Saison“. Ali protestiert: Er kann immer, mindestens 2 bis 3 Mal. „Chljab“ (Brot) macht stark, sagt er mit Seitenblick auf mein brotloses Mittag (das 5,20 Lewa kostet).
14.30 Uhr in der Volksoper, Ballett „Coppelia“. Wer Berliner Theater kennt ist halt verwöhnt.
Im Theater Schwatz mit einer alten, apfelhaft aufgefrischten Tante aus bei Wuppertal. Sie kommt schon das achte Mal nach Warna „zum Kuren“. Die drei Wochen kommen sie (zu dieser Jahreszeit) 1180,- WM, davon Kurbehandlung für 280 Lewa (täglich mehr als fünf Stunden Behandlung). So billig hat sie es sonst nirgends, obwohl die Krankenkasse hierher nichts dazu gibt. Aber alles sei teurer geworden (voriges Jahr noch 190,-Lewa für den Arzt) und die Kellner solche Räuber, wie in keinem anderen Land.
In der Ballettvorstellung viele Pioniere mit roten Halstüchern. Sie: „Wie bei uns früher. Die sind wohl gezwungen hier.“
Abends:
Jetzt bin ich „zu Hause“, habe letzte Karten geschrieben, werde etwas essen (immer noch Brot aus Popowo) und mache mich dann fertig zum letzten Abendbummel (einschließlich Versuch Telefonat nach Berlin).
Über mir wird wieder Klavier geübt.
Noch einmal zu bulgarischer „Erotik“: Im Theater: Wie der Coppelius leidenschaftlich erschüttert um die vermeintliche Coppelia wirbt, die sich als Swanilda zu erkennen gibt. Wie er ihr dabei den Hintern packte, war einfach köstlich. er rüttelte richtig an der Arschbacke, wie man bei uns vielleicht an der Schulter rütteln würde, gleichsam: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.“