06. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Übrigens hat mich die Kellnerin gestern mit dem Mittagessen für 5,21 Lewa beschissen wie einen blutigen Anfänger. Aufgemuntert durch die Kellner-Klagen der westdeutschen Tante bin ich noch einmal zu dem Restaurant und habe mir die Speisekarte angesehen, die am Eingang aushing:

Das teuerste aller Fleischgerichte war 2,-Lewa, das teuerste Gericht überhaupt 2,50 Lewa. Mir wurden für mein Fleischgericht 3,20 Lewa berechnet. Der teuerste der Salate war 0,44 Lewa. Mir wurden über 1,- Lewa berechnet.

Heute zum Mittag nicht im Restaurant, sondern in einer der üblichen Schnellgaststätten der Bulgaren für 1,47 Lewa sehr ordentlich gegessen.

Gute deutsche Bücher und zwei Volksliederschallplatten gekauft, Wein, Granatäpfel, Pfirsiche, Eierfrüchte für zu Hause. Blumen hätten sich nicht gelohnt.

Gestern Telegramm nach Hause, da Telefon erfolglos.

Bald muß ich mich darauf umstellen, lauter deutsche Laute um mich zu haben. Sicher werden gleich die im selben Flugzeug fliegenden Reisegruppen (ich bin sehr frühzeitig am Flughafen) anrollen.

Im Land unterwegs hatte ich gedacht, der letzte Tourist in Bulgarien zu sein, aber in Warna waren doch öfter nichtbulgarische Laute zu hören.

 

In der ganzen Zeit habe ich nur dreimal einen Angetrunkenen gesehen, keinmal einen wirklich Betrunkenen.

Die Bulgaren wirken wie ein Volk, das seine großen Widersprüche gelöst hat. Die Wunden früherer Kämpfe scheinen anders als bei uns, SU, BRD usw. nicht nur vernarbt, sondern schon restlos verwachsen, „aufgehoben“. (Klar, daß diese Wunden in der BRD ganz anders „vernarbt“ sind als in DDR oder SU.) Es scheint eine Sicherheit der allgemein anerkannten Werte zu geben, die sich gut ergänzt mit Dynamik, mit dem Verändernwollen und Verändernkönnen.

 

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