24. Juni 1982 - Sorgen um Angelika
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Angelika gestern spät abends lud ich zu Gespräch, zu Flasche Wein ein, damit sie nicht 23:30 Uhr noch in die Nacht irrt. (Sie suchte ewig ihren Skizzenblock, wollte L. und Christine vom Zeichnen abholen.) Sie lässt sich auf kein Gespräch ein, ist von großem Misstrauen erfüllt, geht schließlich. Ich kann nicht einschlafen.[…]
0:30 Uhr rammelt L. laut die Wohnungstür zu, die Angelika angelehnt hatte. Werde davon wieder ganz munter, kriege mit, dass Angelika nicht mit zurückgekommen ist. Informiere L., dass sie sich um Georg kümmern muss. L. sagt, das Angelika sie wohl nicht angetroffen habe, da sie noch Bier trinken waren. Ich sage L., dass Angelika “verrückt ist”, dass sie “verwirrt ist”. Sie sagt, dass sie (L. und Christine) darüber auch gesprochen hätten. Wieder Wachzeit, dann höre ich Angelika kommen. (Ich hatte alle Türen aufgeschlossen.) Sie tappst auch in mein Zimmer, fragt mich, warum ich unten schlafe, lässt alle Lichter brennen.
Früh vor 6:00 Uhr geht sie mit dem weinenden Kind, dem sie seine Flasche gegeben hat, aus dem Haus, “zu Ursel”. Lege L. einen Zettel mit dieser Information hin. Auf dem Weg zur Arbeit treffe ich Angelika unschlüssig, bzw. zurückkommend. Sie wolle noch die zum Trocknen aufgehängten Sachen von Georg mitnehmen.
Abends hatten wir uns noch kurz über Georgs Geburtstag unterhalten. Sie versichert, dass er zu früh gekommen sei. Sie haben das alles schriftlich. Sie habe für so was alles Bescheinigungen.
- offensichtlich eine geistige Verwirrung im Zusammenhang mit der Niederkunft - zum Kotzen diese Weiber,
Angelika die das Kindabenteuer haben muss,
Christine in ihrer christlichen, egoistischen Hartherzigkeit,
L., die an Erdbeeren, Zeichnen, an sonstnochwas denkt, aber nicht mitkriegt, dass sie es mit einer Kranken, teilweise Unzurechnungsfähigen zu tun haben. (Schließlich sind sie schon einen Tag unter halbe Nacht mit ihr zusammen gewesen.)
Erinnerung an “die Marianne” in Wümbach steigt auf.
Geo ist ein sympathisches, munteres Baby. Unerträglich, welch brüchigem Schutz diese schutzlosen Kinder ausgeliefert sind. Hier liegt schon ein ganzes Schicksal vorgezeichnet.
Die christliche Christine - was ist denn christlich an ihrem Verhalten? Sie lebte sehr subjektiv, sehr egoistisch, hält sich aus allem heraus. Dafür liefert die Kirche ihr Erbauung und nimmt ihr das Denken ab.
Jetzt werde ich langsam kribbelig wegen der Ministerbestätigung für unsere Kollektivarbeit…..
Es hat den Tag “gekribbelt”, und nun, kurz vor Feierabend ist endlich, endlich die bestätigte Aufgabenstellung da (bestätigt ohne jede Rückfrage oder Bemerkung). Jetzt können unsere Gruppen mit vollem Recht losmarschieren, und jetzt müssen sie auch Tritt fassen. Aber noch einmal werde ich nicht so “auf Rand genäht “eine Aufgabenstellung erarbeiten. Sinnvolle Reserven müssen sein.
Die “Morgenpuppe” - eine schöne, sehr wohl geformte Frau um die 40 Jahre. Sie kommt mir oft auf dem Wege zur Straßenbahn entgegen, geht meist auf der anderen Straßenseite, blickt sich um, kurz, das ist aber nicht kontaktsuchend, sondern nur “Bewunderung heischend”. Heute fällt mir auf, als wir auf gleicher Höhe sind, dass ihre herrlichen Formen dabei sind, üppige Formen zu werden (und eines Tages vielleicht ausladenden Formen).
Die Bewunderung ihrer sexuellen Reize (und das Spiel mit ihnen) muss im Verhältnis zu einer solchen Frau doch einfach eine überragende Bedeutung bekommen.
War heute Mittag kurz im Café im Handelszentrum. Viele hübsche junge Frauen sitzen da und blicken interessiert. Immer wieder frappierend, welchen Eindruck doch moderne, schicke Kleidung macht, wie man ganz anders angesehen wird!
Sicher, in der Aktfotografie darf man alles zeigen. Aber es geht wohl darum, dass immer irgend eine (innere) Position der Frau zum Ausdruck kommt, eine Position - da stimme ich Burkhardt bei - die menschlich noch würdig ist.
Eine Darstellung völligen, willenlosen Ausgeliefertseins liegt wohl nahe am Pornographischen (und zwar gleichgültig, ob dabei “alles” sehen ist oder nicht). Auch das Sichausliefern wäre darstellbar, zum Beispiel wenn es Ausdruck leidenschaftlicher Hingabe ist. Oder auch Ausliefern der intimsten Körperteile an die Kamera aus einer Neugierde heraus, aus dem Spiel mit diesem Mysterium, aus dem Wagen und so weiter. In solcher Stellung wird vielleicht der Blick der Frau die Schranke vor dem Pornographischen sein. Anders dieselbe Stellung, wenn ihr Sinn darin besteht, der Frau Profit zu bringen aus ihrem Verkauf - das ist wohl wieder anrüchig. (Obwohl wahrscheinlich das Motiv sich zu verkaufen oft gekoppelt ist mit dem Stolz auf den eigenen schönen Körper.)
Schon immer liebte Angelika das Spiel mit dem Paradoxen. Nun sind die Paradoxien dabei, sie beherrschen zu wollen. Etwa sehr Egenartiges haben solche Menschen, die zum Teil in der normalen und zum Teil in einer “verrückten” Welt leben.
Individuen, die aus dem Realen flüchten, nicht die Kraft haben, sich darin zu halten, die dafür keine Antriebe haben. Woher kommen die Antriebe?

