15. Juli 1982 - Musil, “Der Mann ohne Eigenschaften” - Ideologie in der DDR
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Lesen: ND, BZ,” Weltbühne “, “Kleingarten”, Lunatscharski über Lenin
Radio: Hörspiel von Günter Rücker
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Morgennachrichten: der Westen schießt einen Rauchvorhang:
erstens der Krieg Iran Irak
zweitens kriegerische Verwicklungen Somalia/Äthiopien
drittens Lösung des Libanon - Konflikts
viertens Kriegszustand in Polen.
Sowohl die Anordnung dieser Meldungen, als auch ihre Form bzw. Ausdehnung und natürlich besonders ihr Inhalt lenken von der israelischen Aggression ab. Die FAZ findet die schöne Formulierung, dass Begin sich bereitgefunden habe, noch nicht die Besetzung Beiruts “zu vollstrecken”. (!) (auf Nötigung der USA!)
Nachdem ich Musils “Der Mann….”, erstes Buch, gelesen habe, will ich sagen: Ursprünglich wollte ich (die Begeisterungsreden mancher Leute im Ohr und “Klim Samgin” im Hinterkopf)
# “Klim Samgin” ist ein großer Roman Maxim Gorkis, in dem das Reifwerden Rußlands für die Oktoberrevolution aus der Sicht eines “sich heraushaltenden” Intellektuellen geschildert wird. Es ist ein Meisterwerk der Darstellung des Einzelnen in seiner Gesellschaft. #
# Soeben, ich hatte dieses Posting bereits veröffentlicht, habe ich noch ein wenig aus reiner Neugier “Klim Samgin” gegoogelt und bin dabei auf dieses Blog gestoßen. Das scheint ja eine hochinteressante Entdeckung zu sein. Ich freue mich. #
gegen dieses Buch anlesen. Das erwies sich bald als töricht. Aus dem Schützenloch der Voreingenommenheit musste ich sehr schnell aussteigen. (Randbedingung: Ich hatte viel Zeit zum Lesen.)
Meine Hauptgefühl: Es ist amüsant zu lesen, macht Vergnügen! Dies an vielen Stellen. Zweitens: es sind viele interessante, sensible Beobachtungen und Überlegungen zu finden, a.) zur Individualpsychologie b.) zur Sozialpsychologie c.) zur Kultur überhaupt. -
Und das ist alles! (Wie kunstvoll die Komposition sei, das zu beurteilen, bin ich gottlob unkompetent.)
Im übrigen doch der erwartete Berg (Wie jämmerlich ist doch selbst die “positivste” Figur - Ulrich!) individualistischer Philosophie, durch den ich mich mannhaft durcharbeitete. […]
Gorki ist turmhoch darüber.
Damit genug des Negativem und ein paar wenige von den vielen höchst amüsanten oder auch von den klugen Stellen hier festgehalten:
“ein Motorradfahrer kam die leere Straße entlang, oarmig, obeinig donnerte er die Perspektive herauf.” (Seite 74, ab hier habe ich mir “Stellen” gemerkt.) (Über das “oarmig” könnte ich mich kringeln.);
Von einem Halbverrückten (Moosbrugger): Der Verstand “mag eben wie ein kleines Licht in einem riesigen wandelnden Leuchtturm brennen, der voll zerstampfter Regenwürmer oder Heuschrecken ist, aber alles Persönliche ist darin zerquetscht, und es wandelt nur die gärende organische Substanz.”;
Das einsame eigene, wahre Leben und die vielen hunderte Leben, die man führt (gesehen von den Vielen, die sie bestätigen (Seite 95);
Popularität und Publizität des Herrschers waren über - überzeugend (Seite 103);
Leute, denen an “geistigen Umtrieben” gelegen ist, (die daher völlig deplazierte Erörterungen aufnehmen) (Seite 106);
das “nachsichtige Lächeln der bedeutenden Frau, die weiß, dass sie auch schön ist und den oberflächlichen Männern verzeihen muss, dass sie daran immer zuerst denken (Seite 115f);
in Diotimas Mädchenzeit: ihr Stolz, der eigentlich “nur eine eingerollte Korrektheit mit ausgestreckten Taststacheln der Empfindsamkeit gewesen war… Ihre Korrektheit…. wurde geradezu von selbst zu Geist, einfach durch Erweiterung….” (122, 123);
die seit dem Mittelalter abhanden gekommene religiöse Einheit des menschlichen Tuns des (127) (ebenda: die gewaltsame Geselligkeit als Bedürfnis nach solcher Einheit. (Vergleiche dazu Marx bornierte Befriedigung im Mittelalter, “Grundrisse….?);
“Das Leben baut nichts auf, wozu es nicht die Steine anderswo ausbricht.” (128);
Männer, deren Fantasie vom Erotischen versehrt wird (131, z. B. ich), hier (S131f) eine vergnügliche Schilderung Tuzzischen Liebeslebens;
Ulrich zur Schnelligkeit des Liebesrausches, aber auch anderer emotionaler Erlebnisse, wie” Inseln eines zweiten Bewusstseinszustandes, die in den gewöhnlichen zeitweilig eingeschoben sind”. (144, 145);
und hier Seite 147 etwas, was ich genauso schonmal selbst im Protokoll festgehalten habe: “Der Mensch sendet unaufhörlich Ideen in alle Richtungen aus. Aber nur was auf die Resonanz der Umgebung trifft, strahlt wieder auf ihn zurück und verdichtet sich, während alle anderen Ausschickungen… verloren gehen.”;
Seit 165, die ganze Seite schildert klug, wie man zu einem Menschen der “Lebensmitte” wird und wie man dabei wird;
Seit 180! 4-händiges Klavierspiel: “Es war der Augenblick, wo die Spieler ihr Blut anhalten, um es in gleichem Rhythmus loslassen zu können, und die Augenachsen ihnen wie vier gleichgerichtete lange Stile aus dem Kopf stehen, während sie mit der Sitzfläche gespannt das Stühlchen festhalten, dass auf dem langen Hals seiner Holzschraube immer wackeln will.”;
190, es ist eine Welt von Eigenschaften ohne Menschen entstanden, von Erlebnissen, ohne dass einer sie erlebt;
210, eine übertragene Ehre, die einen Menschen dermaßen durchdringt, dass er bis ins Innerste von ihr erfüllt und geradezu von seinem eigenen Platz in sich weggedrängt wird;
288, Vereine, Bürgerinitiativen, die dem Übergang vom Individualismus zum Kollektivismus voranlaufen, wie Kehrrichthäufchen einem wirbelnden Wind;
Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und daher die Welt ihrem System unterwerfen (324);
364f: gut zum “Unrechten” im Leben der Geschlechter, ” verkehrter Ablauf, bei denen die letzten Geschehnisse voran sich aufdrängen” (typisch bei Marita);
325 bis 326, über Essay, Wahrheit Subjektivität, ist auch wertvoll;
381 Diotimas Kopf glich einer prächtigen Fruchtschale, aus deren Überfülle die Worte beständig über den Rand fielen;
385, über die großen Spezialisten;
452, Komische Lage der meisten Männer: Sie haben erst nach Büroschluss Zeit, wenn sie eifersüchtig sind, über ihre Frauen zu wachen;
482, General Stumm von Bordwehr über Diotima: “Wenn Empfang ist, stelle ich mich manchmal hinter sie: Eine imponierend weibliche Fülle! Und dabei spricht sie auf der vorderen Seite mit irgendeinem hervorragenden Zivilisten gleichzeitig so gelehrt, dass ich mir am liebsten Notizen machen möchte.”
Allein schon für diesen letzten Satz sollte man Herrn Musil frische Blumen aufs Grab stellen.
L. erwähnte die begeisterte Aktivität des uns bekannten “Burgherrn” von Meißen. Ein Mann von durchaus sehr abgeneigter, um nicht zu sagen, feindseliger Gesinnung. Das macht eine unserer Stärken aus, dass auch negativ eingestellte Leute Möglichkeit zu positiver Betätigung finden. (Wenn nur alle positiv eingestellten Leute alle Möglichkeiten zu positiver Betätigung fänden!)
W. Förster, der momentan seinen Chef vertritt, klagte über seine Lage, über die Arroganz der Ministerstellvertreter, für die er Sekretärinnen besorgen muss. Und allgemeiner: über die Tendenz zur ausschließlich formalen, bürokratischen Erfüllung von Maßnahmen nicht aber der inhaltlichen Leitung der Prozesse. Dazu haben wir aber selbst die Leute erzogen, und das fängt ganz oben ein, meinte er. (Und das ist ein Punkt - füge ich hinzu - ein wichtiger, wo die Abschirmung unserer Spitzenleute vom Leben die Sonderstellung, die sie einnehmen, zurückwirkt auf die Lebensferne, bzw. Momente dieser Art, ihres Arbeitsstils.)
Kurzes Gespräch mit Inci über Beas Lehrerinnenamt.
# Inci ist bei L. zu Besuch. Sie ist eine befreundete Ungarin, die in Rumänien wohnt. L. hat sie auf einer ihrer Tramp-Reisen kennengelernt. Bea ist ihre Tochter. #
In den Bergen bringt sie Hirtenkindern Englisch und Französisch bei. Das stehe sie moralisch - nervlich nicht durch.
Dabei kommt auch eine gute Portion Gebildetendünkel zum Ausdruck.
Im Gegensatz dieser Besprechung zu dem, was dieselbe Zeitung über Womacka schrieb (Vergleiche u.a. hier) zeigt sich die ganze Miesheit unserer Kunstkritik. Ich sage nicht Prinzipienlosigkeit, denn es ist auch die Dummheit, Borniertheit der Prinzipien, die zu solcher Undialektik führt. Das Schlimmste aber ist, dass nichts offen ausgesprochen wird. Der Titel der Böhme-Kritik wirkt wie die (ersehnte) Antwort auf Womacka. Aber nichts Offenes!
Und ebenso folgerichtig wird also auch nichts über Böhmes Beschränktheit gesagt. Die Gegensätze werden nicht vermittelt, sondern fallen auseinander und treiben also auch nicht voran, sondern lähmen. Statt Entwicklung oder wenigstens Bewegung also Erstarrung.
# Lothar Böhme gehörte und gehört neben Harald Metzkes, Hans Vent, Wolfgang Leber zu den von mir hochgeschätzten Malern der sog. Berliner Schule, im Unterschied, manchmal auch Gegensatz, zur Leipziger Schule mit Mattheuer, Heisig, Tübke. #

