# Die Eintragungen dieser Woche fasse ich zusammen. #
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die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner Blutanalysen, Reizstrom, Schlammpackungen; Ruhe, Ruhe, festes Liegen.
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Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – ND, BZ, Wochenpost
Aitmatow, „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, Jean Paul, „Flegeljahre“, Homer, „Odyssee“, Lu Xun,
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Viele Gespräche mit den Zimmerkumpeln, Tier-, Armeerlebnisse, Kriminalfälle, Witze, Garten-, Kindheitsstories, Armee-, Russen-, Nachkriegsstories, Fernstudium,
# Ich lag mit 4 bis sechs Mitpatienten im Zimmer. Sie waren (mit einer Ausnahme) Adipositas-Patienten, bis zu 150kg schwer und machten eine vier- bis fünfwöchige ärztlich gesteuerte Abmagerungskur. Ihre einzige Ernährung bestand aus Wasser und Fruchtsaft, sowie einmal am Tag aus irgendeinem Schleim. Sie fuhren täglich (in ärztlicher Begleitung) 20 bis 40 km Fahrrad, machten Gymnastik, Wasser treten und Sauna. Außerdem gab es eine psychologische Beratung (Besprechung von Lebenskonflikten). Sie nahmen im Laufe der vierwöchigen Behandlung mindestens 12 kg ab und konnten auf Wunsch eine Woche verlängern. Alle hatten Ausgang. Nicht alle hielten diese Kur durch. Im Zimmer gab es eine lebhafte bis laute, grimmig-fröhliche Atmosphäre, viel Humor, tolle Menüschilderungen vor dem Einschlafen. Paralell gab es eine weibliche Adipositas-Gruppe. Ich konnte miterleben, wie zwei “Kummerspeckies” zarte Bande knüpften, eine toll erfolgreiche Kur machten und sich tatsächlich dauerhaft verbanden. #
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Gespräch mit der Wirtschaftshilfe Annette, die Epileptikerin ist, 22J., bei den Eltern, kein eigenes Zimmer;
schöner erotischer Tagtraum mit Schwester Evi,
Magenspülung bei einem Zimmerkumpel – “große weiße Wolke”,
14.8.: Die Wunder der Erinnerung: Die süß verträumte Straßenbahnschaffnerin, die ich vor einem Vierteljahrhundert in Gehlsdorf sah.
Die alte Frau, die L. und ich in Helmers trafen, die von ihren beiden gefallenen Söhnen, U-Boot-Fahrern, erzählte.
Schreckliche Bilder von verwundeten Palästinenser-Kindern.
Je älter ich werde, um so weicher werd’ ich zu Kindern, um so mehr lieb’ ich den Frieden und haß’ ich den Krieg. Entsetzliche Ohnmacht gegenüber den israelischen Kriegsverbrechen.
Ziemlich oft Traumwirrnis in den Nächten, buntes Durcheinander, fast nie belastend. Gelange halbwegs gut in den Schlaf. Träume, dass A. sich während eines Krankenbesuchs zu mir ins Bett legt. Träume mir Szenen mit Iris. Solche ablenkenden, doch nicht aufstachelnden Szenen, sind gute Schlafhelfer. Träume einen Krankenbesuch von Heidi.
Gutes Gespräch mit Karl-Heinz Schatte. Er erwähnt, dass die Verlage zum Zwecke des Exports terminologische Zugeständnisse an den Westen machen.
Aus den erzählten Armeeerlebnissen wird spürbar, wie sich der Ton in der Armee mit dem Übergang zur Wehrpflicht anscheinend gewandelt hat (in Richtung auf Drill und Willkür).
Letztendlich Schmerzzunahme durch Reizstrom?
15.8.: Die wiederkehrenden, formelhaften Wendungen der Odyssee:
“und sie hoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle” oder
“als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte” oder
“und sie traten ins Schiff und setzten sich hinauf die Bänke, saßen in Reihen und schlugen die graue Woge mit Rudern”
“Also steuerten wir mit trauriger Seele von dannen, froh der bestandenen Gefahr, doch ohne die lieben Gefährten.”
Solche Wendungen halten den Hörer/Leser wie an einem langen Seil, sind Momente des Vertrauten in diesen Geschichten voll fremdartiger Erlebnisse, sind wie Bekräftigungen des Subjekts, das aus allem Wechsel immer wieder als das Unwandelbarer auftaucht (Vergl. Marx: “Grundrisse” Seite 600).
Zugleich wollen diese Wendungen nicht extra bedeutungsschwer sein, was sie sympathisch macht (Das ist Aitmatow mit seinen Motiv-Sätzen zum Beispiel von den Zügen, die nach Ost und West fahren, nicht so gut gelungen.)
Die vielen Einzelerlebnisse und Gedanken, die in die Odyssee eingegangen sind! Zum Beispiel Elpenors Tod, zum Beispiel X. Gesang, Vers 84/85. Schade, dass man durch Übersetzungen nur ungefähr erfahren kann, wie die Odyssee wirklich ist.
Die größten Kunstwerke haben einen gewissen Objektivismus: Faust, Odyssee, Klim Samgin, Rembrandt.
16.8.: Ziemliche Schmerzen. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Am Tage ist das Befinden besser.
Der 42. – Hälfte des Lebens!
Wieder solche Einzelheit aus der Odyssee: Die Geschenke des Alkinoos für Odysseus (13. Gesang, 14f, 20ff). Höchst charakteristisch:”Lasst uns noch jeden ein groß dreifüßig Geschirr und ein Becken ihm verehren. Wir fordern uns dann vom versammelten Volk wieder Ersatz, denn einen belästigen solche Geschenke” und rührend:
“Aber die heilige Macht Alkinoos legte das alles, selber das Schiff durchgehend, mit Sorgfalt unter die Bänke, dass es die Ruderer nicht an der Arbeit möchte verhindern.”
Oder auch ebenda Vers 30 bis 35. Begeisternde Odyssee!
17.8.: Die Odyssee gipfelt im Blutbad des O. an den Freiern und Mägden, Verstümmelung des Ziegenhirten.
Mein weichliches Herz will daran keinen Gefallen finden. (Es will sich wohl vor den Tatsachen des Lebens drücken.) Gehört es zum Leben, dass auch Leben ausgerottet wird?
Unzweideutige Annonce in der BZ von heute:
“Lustiges Pärchen sucht gleich gesinntes, dass alles mitmacht und genießt, Feiern, FKK und Wasserspiele mag. Wenn ihr denkt wie wir, dann schreibt uns.”
In Granins “Gemälde” beeindruckt mich die dialektische Sicht auf die Figuren. Oftmals lässt der Autor den Leser unmittelbar miterleben, wie sie ihre Meinung ändern, anders werden. Oder er zeigt, wie sie in anderen Beziehungen anderes sind. In diesen Roman geht viel Wissen, sogar Wissenschaft ein, was ich geradezu für ein Merkmal der Kunst der Zukunft halte.
Doch Granin greift nicht direkt ans Herz (wie oftmals Aitmatow).
Alle drei bedeutenden Russen, die ich jetzt las, blicken voller Skepsis auf die Repräsentanten der Gegenwart ihres Landes. Im Grunde ist das die Frage: wie groß ist der Sozialismus wirklich? Die Antwort fällt nicht berauschend aus. Ich finde, wir alle sind auf dem Wege, erst langsam den Sozialismus wirklich zu begreifen. Der Rauch der Kämpfe und der Nebel der Vorstellungen weicht der Realität. Wenn Ursel schreibt, Ute habe wohl noch gar nicht begriffen, was Sozialismus ist, so fängt die wirkliche Frage hier erst an.
18.8.: Der “Schmerzpegel” steigt – nach dem Wohlgefühl im Gefolge des Geburtstags – wieder etwas an.
Anna Seghers meinte zur Plenzdorf-Diskussion, daß Talent etwas Kostbares sei und man sorgsam damit umgehen müsse. Sehr wahr! Diese Sorgfalt ist auch von dem Talent selbst im Umgang mit sich zu verlangen.
Talente, die sich trotz größter Sorgfalt ihre Umwelt selbst zu Grunde richten, wie Wolf Biermann.
Überhaupt dürfte das der häufigste Fall sein, dass Talente aus sich selbst nicht das Bestmögliche machen, aus inneren Gründen. Das Talent wird von eigenen Schwächen gehindert, ein großer Meister zu werden.
Ältere Kranke, die sich als ein einziger Vorwurf an die Welt empfinden. (” Haben wir das verdient?”)
Drum warte nicht darauf, dass dir einstmals mit paradiesischen Wonnen oder auch nur mit Dank “vergolten” wird. Allein auf Vergeltung zu warten, ist schon eine Ungezogenheit.
Der Mensch will persönlich angesprochen werden. Vermisst er dies, sehnt er sich danach. Das merke ich besonders als Kranker. (Bei der Bewertung der Schwestern und Ärzte zählt dies Moment ganz besonders.) Ein starrer demokratischer Zentralismus, wie bei uns, bringt die Tendenz mit sich, statt persönlicher Beziehungen formale aufzubauen.
19.8.: Spekulation: Mir scheint die sozialistische Gesellschaft der DDR bringt eine Unmenge von Mittelmaß hervor. Mittelmaß ist charakteristisch für uns. Vielleicht ist die Tatsache der Existenz und Stabilität dieser Gesellschaft eine solche historische Größe, dass jeder ein Gutteil seiner möglichen, speziellen, persönlichen Größe opfern muss, um jene zu erhalten. Auch die (notwendige) Mauer pfercht uns zusammen. Die einzelne Leistung ist gefesselt, überall, in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Kunst. Weltspitze sind wir im Sport – ist das nicht der schlagenste Ausdruck unserer Mittelmäßigkeit? (Nur im Fußball, vielleicht die einzige Sportart in der alle um die Spitze ringen, sind wir auch Mittelmaß.)
Der Einzelne bei uns trifft überall Grenzen, muss überall fragen. Wenn er diese Grenzen verinnerlicht hat, schafft er keinen “Wurf” mehr. Wenn er die Grenzen überspringt bricht er sich das Genick (W. Biermann), nicht unbedingt physisch, das heißt, er wird bedeutungslos.
Wie das Leben der Menschen an die Grenzen drängt, darin kocht, zeigen auch Gerichtsberichte, Annoncen, Hobbys (Krankheiten auch).
Du siehst dieses Leben und fragst: “Wofür das alles?” Und antwortest: “Für den Frieden!” (In dieser Frage und Antwort liegt unsere ganze Größe und Tragik beschlossen.)
Wie A. Q. (des Lu Xun) all seine Niederlagen zu Siegen macht, hat viel Ähnlichkeit mit dem Walt (Gotwald Harnisch) von Jean Paul. Natürlich deckt sich diese Ironie nur partiell, und im Grunde sind das völlig verschiedene Gestalten.
20.8.: In den letzten Tagen habe ich nur selten Westrundfunk gehört, kein Westfernsehen, kein “horizont”, “Weltbühne”. Meine Informationsquellen waren fast nur ND und BZ. Dabei schwindet das Gefühl, gut informiert zu sein sehr schnell. Nein, der Informationsgehalt dieser Organe ist sehr ausgesucht, auf wenige Themen beschränkt, die in zweckbewusster Weise dargestellt werden. So entsteht bald das Gefühl, schon Bekanntes wieder zu lesen und daraus entsteht Desinteresse. Keine gute, keine freie Informationspolitik (in dem Sinne, wie Lunatscharski über Lenins Auffassung dazu berichtet), keine konkrete, keine komplexe, keine dialektische, ungenügend historische Information, und natürlich auch nicht genügend anschaulich und “menschlich”.
In der Wochenpost ist ein Interview mit dem Stabschef Generalmajor Stechbarth. Darin wird auch erwähnt, was er liest (in seiner Freizeit): Tschakowski, “Die Blockade”, Memoiren von Heerführern, Biografie Honeckers, Bastian, “Gewalt und Zärtlichkeit”, irgendeinen Roman über die NVA. Also mit anderen Worten (gemessen an Lenins Worten, dass die Kommunisten sich die Schätze der ganzen Menschheit aneignen müssen) ein Analphabet. Die erdrückende Mehrheit unserer politischen Führer ist in diesem Sinne nach meiner Überzeugung Analphabet.