04. September – 10. September 1982 - fünfte Woche Krankenhaus

# Die Eintragungen der Woche fasse ich angesichts des Krankenhauseinerleis wieder zusammen. #

Die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner, Bindegewebsmassage, Schlammpackungen; Reizstrom, Gymnastik, Duschbad mit Haarwäsche, peinlich: Während ich im Lakenbad liege, wächst beim kurzen Gespräch mit der jungen, sympathischen Bademeisterin, unversehens mein Glied empor.

[…]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - ND, BZ, BZA, Kleingarten, Wochenpost, Eule, Weltbühne, Magazin, Sportecho, Sport und Technik,

Illustrierte: NBI, “für dich”, Freie Welt,

Gorki, “Klim Samgin”, G. d. Bruyn, „Leben des J.P.F. Richter“, Dante, “Göttliche Komödie” I, Tendrjakow, “Nofretete”, Strittmatter, “Geschichten aller Ardt”,

[…]

Reden mit den Mitpatienten: Armeestories, Essen, Arbeit auf dem Bau, Ficken, Manfred spielt ein Pornotonband aus dem Westen vor. Rolf erzählt begeistert von einem Bergurlaub, Probleme der Arbeit, Japan, Witzkassette, Skat spielen,

[…]

Viel Lektüre, “bedeutende Empfindungen”. Was bewirkt das alles in mir? Fülle ich einen Topf, der dann keine andere Bestimmung hat, als einstmals in die Grube gesenkt zu werden? So Vieles bewegt mich beim Lesen. Was bau’ ich daraus? “Das Werk” doch wohl kaum, wenn ich betrachte, wie wenig dies Protokoll der Gedankenbewegung folgt, wieviel verlorengeht. Bau ich mich selbst zum bewußteren Menschen? Zweifelhaft.

Ich bin unfähig, das zu beschreiben, was ich hier mit den Zimmerkumpeln erlebe. Soviel deftiges, spontanes “Volksleben”. Es ist wie eien Neuauflage meiner Armeezeit.

 

Die fessenlde Lektzüre des Jean Paul-Buches von de Bruyn beendet: Anschaulich gemacht wird der Kulturstand vor 200 Jahren. Wie schwer hatte es der Dorfschulmeister. Welch geistige Armut (letzte Hexenverbrennung, Gespensterfurcht, auch die größten Geister in Deutschland gelangten nicht bis zum Materialismus. Die Schwere des Lebens der Studenten (J. P.s Freund Hermann, der Hunger aber auch die sexuelle Not, der Wahnsinn) Die Knechtschaft der Frau – der Lebensweg der Charlotte von Kalb als Beispiel. Das “Schlummern” der Volksmassen, die dünne Schicht Geisitigkeit, das Elend der Soldaten nach der Völkerschlacht.

All das wirtd anschaulich überzeugend erzählt und wirkt den unwillkürlich idyllischen Vorstellungen von der Vergangenheit entgegen und einer ungerechten, weil ahistorischen Kritik der Gebrechen unserer Zeit

Die Begeisterung de Bruyns für J. P. bringt mir diesen natürlich näher, reizt mich aber zugleich zum Widerspruch. Überspitzt: J. P., der nie Mann war, der schwärmerischer Jüngling und Opa war; demokratisch-realistische Fülle, jedoch in ungezügelter Wucherung; Schwärmerei, good will, die sich dem sozialen Kampf nicht stellt. Das sind keine Vorwürfe an Jean Paul. Seine persönlichen Grenzen sind oft exakt die historischen Grenzen der deutschen Enhjtwicklung.

J. P. der Girondist. Der Friedenswünscher, der erst in letzter Sekunde den gerechten Krieg feiert. In den Wertungen dieser Sachverhalte ist de Bruyn recht subjektiv. Aber ein J. P. mit seinem sozialen und poetischen Sinn und wirklichen theoretischen Geist ist nicht möglich. Die Zeit gab es nicht her.

Heute nacht ein detaillierter erotischer Traum mit A. St.

Wesen meiner pornografischen Wünsche? Absolut die Freiheit von gesellschaftlichen Normen ausleben? (Aber doch in Beziehung auf ein anderes Menschenwesen.) Den anderen Menschen absolut meinen Wünschen unterwerfen (die nicht darauf zielen, ihn zu unterwerfen, immerhin aber doch darauf, ihn absolut zu meinem Mittel zu machen.) Doch bin ich bereit, im gleichen Unmaß der Schamlosigkeit sein Mittel zu sein.

 

Erstaunen über die Denkweise des “gemeinen” Mannes: Welche Selbstkritiklosigkeit! Welche spontane, ungebrochene, (gewissenlose) Denk- und Existenzweise im Käfig des eigenen Ich .

Frau Rudolph, die Physiotherapeutin, mit der sich so gut reden läßt, stellte heute fest, daß es “so erstaunlich wenig positive Menschen gibt”. Das ist auch politisch zu versatehen: Die Sucht, negative Erfahrungen zu sammeln und wie Fahnen zu schwenken.

Die Erziehung des Einzelnen in dieser Gesellschaft durch die harten Tatsachen reicht bei weitem nicht aus. Wohin führt das? Ich weiß es wirklich nicht. Die Borniertheit des Konsumdenkens! Dieses produzieren wir selbst!

Jargonsplitter: “Ablachen”, (überhaupt die ganzen Zusammensetzungen von Verbien mit Vorsilbe ab… abschminken, abruhen).  “ein Rohr verlegen”, “rumpeln”, “spitz sein”, “geht los wie’n Gewitter”, “…ist alles zu spät”, “…dann ist Pumpe” . Doch auch wieviel Humor!
Weiter das starke pornografische Interesse, in dem ich ihnen gleiche, das bei mir aber schneller befriedigt ist. […]

Man vergißt zu viel: In Gesprächen kommen wir auf einen Film zu sprechen, der heute hier gespielt wird. Ich kenne ihn schon: Ein italienisches “Lustspiel”, von einer Kindesentführung handelnd. Ich war erschrocken über dieses “Kulturangebot” bim Sozialismus.

Man muß Distanz haben (einnehmen) zu solchen Teilen unseres Überbaus im Sozialsimus. – nicht nur Distanz, Feindseligkeit ist angezeigt.

Weiter zu den Diskussionen der Zimmerkumpel: Ständiges Räsonieren darüber, was “sie” versaut haben (Doch unerwartet flicht sich bei (fast?) jedem von ihnen auch mal ein “wir” ein.) Das Schimpfen auf “sie” gleicht einer Selbstbefriedigung und –entschuldigung, jedoch hat auch jeder Tatsachen erlebt, wirklicher Mißstände. Wenn die Verantwortlichen Mißstände dulden und selbst verursachen – das untergräbt jedes Vertrauen. Und dabei kommt oftmals die Ohnmacht des Einzelnen zum Ausdruck, wirklich etwas zu verändern. Das formale, bürokratische Arbeiten ist das größte Gift für uns. Das führt bis zur Selbstzerstörung unseres Systems (VR Polen).

# Sehenden Auges in die Krise! #  

Ein Überbau, dem traditionelle Herrschaftssymbole immer wichtiger werden (die Denkmäler der Preußenzeit) und der neue Herschaftssymbole von gleicher Qualität schafft (das Denkmal Thälmannpark, Leninplatz). Nichts Neues, Befreiendes!

Leave a Reply