18. September 1982 – in unseren Betrieben: Der Mensch zählt nichts

[…]  die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel, Schuheinlage basteln, Wechsel von Schmerzen und gutem Gefühl im Bein. Abends: Das Schmerzkarussell dreht sich wieder.

[…] Lesen: Dante, “Göttliche Komödie” „Das Paradies – 5. Gesang,

[…] 7 Zimmerkumpel anwesend, abends mit vier Kumpelinen aus dem Nebenzimmer;

[…] Hören: (Kopfhörer): „Rusalka“ von Dvorak, weiterer Dvorak, Debussy

 Schwester Karin, 25. J. Im Dienst, davon 10 Jahre Poliklinik, hat sich „mit dem Beruf ausgesöhnt“. Kann sich nun keinen anderen Beruf vorstellen.

[…] Mein gestriger Besuch im Garten, wo Vieles verwahrlost wirkt. Empfinde das schon, wie ein Fremder. Meine eigenen Bäume sind mir fremd geworden. Die Himbeerhecke ist hin. Bohemiens sind keine Gärtner. Es geschieht, daß das Bohemeleben auch Poesie produziert, doch es selbst ist noch lange nicht, nicht aus sich selbst, Poesie.

Die plastischen Entwürfe Fränzes (Kinder-Reliefs). Es ist etwas - „Pornografisches“ dabei und zugleich eine Wahrheit. (Es ist wohl Pornografie überhaupt eine Art von Wahrheit.) Wieviel höher die Bilder L.s von F.

 

Die schier „göttliche“ Poesie eines Dante, Homer, Goethe, Hölderlin, Gorki! Daran gemessen ist unsere tägliche Kunst auch allen Mängeln der Zeit unterworfen, gerade auch und je mehr sie sich anders gebärdet. (Wenn sie’s offen zugäbe, wäre ja nichts weiter dabei.)

Anneliese und Renate erzählten, daß Kaderleiter Schulze abgelöst wurde. Vielleicht erblindet er. Die Entscheidung wurde solange aufgeschoben, bis der Mensch kaputt war. Schrieb Kurt in seinem Brief, daß in den Betrieben nur noch technisch-ökonomische Probleme zählen, Fragen der Kultur überhaupt nicht, so kann man noch krasser sagen, daß allzu oft der Mensch gar nichts zählt. Die Arbeitsagonie des Heinz Schulz vor unser aller Augen (nur ich hab mal gewarnt), ist ein beredtes Beispiel. Eine spezielle (politisch-parteiliche) Verantwortung dafür trägt G.

Labilität des Erlebens der Kranken, ihrer Stimmungslage. […]  Die Leidenschaften der Faster nach 14 Tagen Fasten. Fastenkoller! Manche wollen alles haben, ohne viel zu tun. Sie wollen alles fressen, ohne dick zu werden, und schließlich soll sie der Arzt noch dünn machen ohne eigenes Zutun. Das geht mir zeitweilig auf die Nerven. Mancher – und Mancher ohne es zu wollen – lebt zu sehr auf Kosten anderer.

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