19. September 1982 – Kunst für den Nichtüberfütterten
[…] 7 Zimmerkumpel anwesend, vormittags Spaziergang im Park von Buch mit Eva, Monika, Reiner, schöner Park, danach bin ich ganz schön kaputt, Kopfschmerzen; abends Skat mit Monika und Reiner; Monika, 30 J. Ist Ökonomin im Patentamt, Kind 5 J, in 14 Tagen ist Scheidung. Jede Regung ist in ihrem Gesicht zu lesen, ein netter Mensch, strahlt mich an, ganz unanregend.
[…] Hören: (Kopfhörer): Orgelmusik von J. G. Walter, Lieder mit jungen sowjetischen Solisten, abends: Rias: Nietzsche
In der Nacht zu heute höre ich von dem furchtbaren Massaker Israels/Haddads in Beirut. Schrecklich diese Ohnmacht.[…]
Finde seit einiger Zeit oft Schreibfehler aus Nachlässigkeit. Sicher Folge der derzeitigen Schwäche. Oder auch schon erste Abbauerscheinungen? (Die Verkalkung kommt schleichend.)
Trockener Humor Reiners: Ein Mann fährt im Auto an uns vorbei. Er hat sehr rote Lippen. Ich sage:“Entweder spricht er viel, oder er küßt viel.“ Reiner:“Oder er fährt jetzt zum Abschminken.“
Wenn eine Gruppe zusammen ist und die anderen passiv sind, fängt bald Einer an, sich zu spreizen. […] Wichtig, daß die Bewunderung stets auch kritisch ist, daß die eigene Position gewahrt bleibt. Wie kann man kritiklose Bewunderung schadlos überstehen? Man muß sich die Kritiker suchen
Die Orgelmusik von J. G. Walter (noch nie gehörter Name) jagt mir Schauer über den Rücken (wie tags zuvor manche Passagen der „Rusalka“). Wie wichtig, neu, kraftvoll ist Kunst für den Nichtüberfütterten (der sie verstehen kann)! Ihre Notwendigkeit erlebe ich neu. […] Bachs Oratorien vollauf erlebt zu haben (nicht, sie entdeckt zu haben), das gehört in die Zeit mit L, gehört zu dem Dank, den ich ihr schulde. Ich kann schon mit Freude an das denken, was ich L. Verdanke.
„Neue Deutsche Welle“ - „Detlef“ z. B., raffiniert gemacht, d.i. schon ästhetischer Genuß der Gemeinheit – Dekadence.