23. September 1982 – wieder bei Hebbel
[…] 7 Zimmerkumpel
Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Velomed, Blutabnahme; Gewicht 74,3 kg, Blutdruck 125/75
[…] Lesen: Eule, Berliner, horizont, BZA # „Berliner Zeitung am Abend“ #
Hebbel, Tagebücher 1 Und 2, Jean Paul, „Schulmeisterlein Wuz“
[…] Hören: (Kopfhörer): Schubert, Beatkiste, gute Sachen dabei: Puhdys „Jahreszeiten“ (6. Platz)
Raggy play („Floßfahrt“), Karussel „Mein Bruder Blues“ (5. Platz), NO55 „Geburt“ (4. Platz), Stern Meißen „In derselben Bahn“ (3. Platz), Berluc „Öffne ich mein Fenster“ (2. Platz), Rockhaus „Bonbons und Schokolade“ (1. Platz); engl. Folk. […]
Wir leiden unter den Belastungen, die Wissenschaft und Technik mit sich bringen. Doch vor der reaktionären Romantik Vorsicht! Welchen Reichtum haben diese Kräfte hervorgebracht, Reichtum der Lebensbedingungen der Massen! Hebbel schildert die Armut in seiner Kindheit und was sie physisch und psychisch bedeutete. Aber auch Jean Paul. Oder Zille, Kollwitz, und letztere lebten vor weniger als 100 Jahren.
Hebbel-Auszüge. Ich setze mit dem Jahr 1838 ein (Bd. I S. 126):
„Aus der Menschenwelt geht zuweilen als Menschenwirkung ohne erfaßbare Ursache etwas Geheimnisvolles hervor; dies ängstigt den Geist am meisten.“ (S126) (Gorki („Klim Samgin“) ist, soweit es um soziale, revolutionäre Wirkungen geht, ein Meister in der künstlerischen Darstellung solcher Situationen. Ängstigt sich nicht vornehmlich der Geist des isolierten, bürgerlichen Intellektuellen?) Lenin (Gorki) ist der solchen Menschenwirkungen zutiefst zugetane Geist.
„Nur schärfstes Trennen führt weiter zur Erkenntnis, und die zur Bewältigung.“ (S. 128) (Dieser Nutzen der „schärfsten Trennung“ gilt nicht nur für die Erkenntnis. Jede (?) Steigerung, Kräftigung setzt anders schärfste Trennung voraus.)
„Wir besitzen auch in geistiger Hinsicht immer nur auf einige Zeit. Dies gilt von Einsicht, wie von Kraft.“ (S. 130) (Dies Bewußtsein der Flüchtigkeit der Zeit und aller unserer Äußerungen in der Zeit ist so wichtig und keineswegs selbstverständlich, besonders nicht für die Jugend.)
„Diejenigen Menschen, die sich auf demselben Weg befinden, aber in verschiedenen Stadien, sind am weitesten auseinander.“ (S. 132) Das ist z. T. wahr und z. T. Schein: Ja, sind weit auseinander, weil eine Notwendigkeit (ihr gemeinsamer Weg) sie trennt. Diese kann nicht einfach beiseite gewischt werden. Aber es ist dies doch letztlich eine besondere und enge Form der Verbindung (die berücksichtigt werden muß, will ich die Einheit beider schaffen).
Hebbel hält die Vergangenheit für die Zeit der bedeutenden Einzelnen, während sich heute die Masse geltend mache. (S. 134) Natürlich sagt der Marxismus-Leninismus viel und Tieferes über Masse und Persönlichkeit in der Geschichte aber dennoch finde ich hier ein entscheidendes Kriterium des Fortschritts, ein Charakteristikum einer ganzen geschichtlichen Übergangsepoche, in der wir stehen (seit Beginn des Kapitalismus und endend mit einem relativ ausgebildeten Kommunismus). Die neue Qualität in der Rolle der Masse!
„Ob es wohl 6000-jährige Irrtümer gibt, ich meine solche, zu denen alle, auch die größten Geister Gevatter gestanden haben?“ (S. 135) Das ist ein Gedanke, so originell, daß ich dazu meinen Senf nicht geben mag, ebenso der folgende: (S. 136)
„Es ist die Frage, ob wir jemals eine ganz neue Wahrheit erfahren werden, eine solche, von der wir nicht von Anfang an schon eine Ahnung gehabt hätten, ja, es ist fast unzweifelhaft, daß dies nicht geschehen wird, eben weil es nicht geschehen kann, da ohne den vollständigsten Kreis aller Wahrheiten die menschliche Existenz, die durchaus eine solche Atmosphäre verlangt, gar nicht denkbar ist.“
(In einer Hinsicht wußte der erste Mensch genauso viel, wie wir heute. Dieser Tatbestand ist die eine Hälfte dessen, was wir Fortschritt nennen. Obwohl der „Fortschritt“ selbst, wie schon der Name sagt, als seine andere Hälfte verstanden werden will. Der Fortschritt mystifiziert so sich selbst, obwohl doch eigentlich auf der Hand liegt, daß es einen Fortschritt nur bezogen auf einen Fortbestand geben kann.)
Immer wieder gibt es Goldkörner bei Hebbel: „Philosophie ist eine höhere Pathologie.“ (S. 157)
Doch auch Hebbels Tagebuch ist ein Buch seines geistigen Lebens (wobei er die Beziehung des Geistes zur Sinnlichkeit durchaus erwähnt, reflektiert). Mir schwebt vor, das Tagebuch zunehmend auch zum Protokoll des somatischen Lebens und seiner Wechselbeziehung zum geistigen L. zu machen (obwohl dabei noch keine Systematik oder gar Tiefe erreichbar).