24. September 1982 – Clemens zum Geburtstag

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Periost, Sauna,

Frau Beyer bringt eine ihrer Weintrauben zum Kosten.

[…] Hören: (Kopfhörer): Beethoven, Klaviertrio Nr. 1, Klavierquartett von Dvorak

[…] nachmittags zum Garten, F., der mir freudig entgegenläuft

[…] abends Konzert in der Schlosskirche Buch

Konzertprogramm

 

 

21.45 Uhr, Schwester Evi läßt den Fernseher abstellen!! Ein prächtiger Stich ins Wespennest. Sie ist schon ein prächtiges Mädel und nichts für einen bequemen Partner (hat nicht nur manchmal Schroffheit, sondern sicher auch Eigensinn). Ich verteidige sie in der Zimmerdiskussion entschieden und mit Lust, und es entsteht das schönste Tohuwabohu.

[…] Heute hatte ich einen süßen Traum. Mit einer fremden Frau war ich unterwegs, wir kehrten zurück, ich glaube, es war ein sintflutartiger regen gefallen. Zu Hause spielten Kinder. F./Clemens # F. - mein Sohn mit L., Clemens, Stefan, Christof – meine Söhne aus meiner Ehe #

erkannte mich sogleich und schmiegte sich an mich und drückte mich. Er rückte mir nicht von der Pelle und schlief schließlich zusammengerollt in meinen Armen ein.

 

Hebbel: Jede neue Idee führt in den Köpfen der Menschen, die sich ihrer bemächtigen, „ein solch wahnsinniges Traumleben“. (S. 138).

Mit jedem neuen Menschen beginnt ein „neuer Taten- und Schicksalskreis“ (S. 139). […]

Nichts ist so tief und bedeutend, daß ihm nicht ein ganz ordinärer, alltäglicher Sinn unterlegt werden könnte (S. 142). (vorschnelles Verstehen ohne Verständnis)

Satire, die nicht von dem freiesten Geist ausgeht, ist unausstehlicher, wie der ärgste Pedantismus“ (S. 144). (Deshalb gibt es im Sozialismus bis jetzt noch keine großen Satiriker.)

 

Viele Menschen sind beständige Schemata, die der nächste, beste Zufall ausfüllt.“ (S. 147) (Gerade die drastischen Bemerkungen Hebbels über den Massemenschen sind für unsereins wichtig, auch wenn sie manchmal pessimistisch sind, denn wir sind in dieser Frage mit einigem Wunschdenken geschlagen.)

 

es gibt Momente, die mir den Samen der Freude ins Herz streuen, die der Gegenwart nichts bringen, als einen leisen Schmerz, und die im eigentlichen Verstande erst unter dem Brennglas der Erinnerung in ihrer Bedeutung, ihrem Reichtum aufgehen. Mancher dieser Momente mag mit einer Stunde, die uns erst jenseits des Grabes erwartet, korrespondieren.“ (S. 146)

Ein schöner Gedanke, der hilft dem zarten Gespinst des Gefühlslebens auf die Spur zu kommen. Samen der Freude, die erst keimen müssen! Doch auch: Leise Schmerzen, die ich lerne zu lieben!

 

Unschuld ist erwachende Sinnlichkeit, die sich selbst nicht versteht.“ (S. 147)

 

Gegen jede sogenannte neue Wahrheit bin ich mißtrauisch, die nicht in mir ein Gefühl erregt, als hätte ich ihre Existenz schon lange zuvor geahnt.“ (S. 147)

 

Das Leben hat keinen anderen Zweck, als daß sich der Mensch in seinen Kräften, Mängeln und Bedürfnissen kennen lernen soll. Wenigstens ist dies der einzige Zweck, der immer erreicht wird, das Leben mag nun sein, wie es will.“ (S. 147) (Damit ist der Sinn des Lebens zwar nur individualistisch aber doch empirisch, nicht spekulativ bestimmt. Und mehr ist wirklich nicht herauszuholen.)

# zu Clemns’ 14. Geburtstag # 

 

Lieber kleiner Clemens!

Mit der Überschrift hat es eine besondere Bewandtnis, das will ich gleich erklären. Heute Nacht habe ich nämlich von Dir geträumt, genauer, von einem kleinen, vielleicht drei- oder vierjährigen Jungen, der Deine Züge trug, vermischt mit den Zügen von F. Vielleicht hängt dieser Traum damit zusammen, daß mir vor kurzem unser gemeinsamer Winterurlaub in der Sächsischen Schweiz eingefallen ist. Kannst Du Dich daran noch erinnern, an die Forstmühle? Auch z. B. daran, wie wir von Decin zurück kamen und im Bahnhof von Bad Schandau soviel gefressen haben, daß dir dann ganz schlecht war? Überhaupt hatte ich ein paar Mal Kuchen besorgt (auf dem Großen Zschirnstein und in Pirna) und dabei wohl nur an meinen Magen gedacht, denn Du hast ja gar nicht viel davon gegessen. Oder weißt Du noch von unserem Besuch bei dem Schnitzer und Holzschneider oder von den Olympiaübertragungen? Na, vielleicht hast Du auch ganz andere Dinge behalten.

Eigentlicher Anlaß meines Briefes ist natürlich Dein Geburtstag und in Anbetracht Deines nun erreichten Alters, werd ich bestimmt nicht wieder vom „kleinen Clemens“ reden.

Möge der ganze Tag schön verlaufen und für das dann folgende Jahr eine angenehme Erinnerung sein. Und dieses Jahr hat ja wieder ‘ne menge Erlebnisse und Erkenntnisse bereit, so daß es bestimmt Spaß macht. Gewiß, all das ist mit Arbeit verbunden, mit Mühen, die manchmal nerven, aber wie schön ist es im Grunde doch, ein gesundes und gesichertes Leben führen zu können. Man ist im Grunde selbst verantwortlich dafür, was daraus wird. Na, Deine großen Brüder geben Dir ja auch Anregungen.

Am 28.9. werde ich übrigens 1 ½ cm größer. Soviel kriege ich unter den rechten Schuh gesetzt, damit wird jahrelange Schieflast und Wanken und Schwanken behoben, denn das ist wohl die letzte Ursache meiner Ischiaserkrankung. Mit der geht es nun schon wesentlich besser. Ich darf spazieren gehen, die Belastung wird langsam gesteigert, und so rückt endlich langsam der Entlassungstermin in Sicht. Vor einem halbe Jahr hatte ich noch nicht gedacht, was einen so erwischen kann. Meine Schlussfolgerung ist jedenfalls: Wehret den Anfängen! Man kann tatsächlich nicht früh genug anfangen sinnvoll und diszipliniert zu leben, natürlich ohne Kleinlichkeit.

Entschuldige, das war mehr Selbstgespräch, sollte keine Predigt sein.

Sei herzlich gegrüßt und mit den besten Wünschen bedacht von Vati und grüß auch Stefan, Christof und Mutti.“

 

Alles für nichts! Ist der irdische Imperativ.“ (Hebbel, S. 148) (Einfach köstlich in der Verkürzung.)

 

Heine wirft den Fackelbrand des Witzes in die werdende Welt hinaus und läßt sie gestaltlos für nichts und wieder nichts verflammen. (S. 148) (Das ist nicht gerecht gegen Heine aber hat einen rationellen Kern.)

 

# Aus einem Brief… #
Mir geht es immer besser. Jeden Tag gehe ich mindestens 2 Std. spazieren, fahre auch Hometrainer und ging heute erstmals zur Sauna. Merke aber auch, daß ich wirklich nur allmählich steigern darf, nach 2 Std. draußen bin ich schlapp wie ein Waschlappen, auch heute noch, obwohl doch schon seit einer Woche geübt…“

 

Die geheimnisvolle Schönheit junger Männer!

Das Erlebnis Evi (und Grit) ist für mich vielleicht wichtiger, als ich mir träumen lasse. Das Vertrauen dieser Mädchen zu mir als einem väterlichen Freund ist überraschend und schön für mich. (Ich verhehle mir nicht die erotische Komponente dabei, doch ein erotisches Moment hat auch die leibliche Vater/Tochter-Beziehung, ist also nichts Besonderes). So wohl mir diese Beziehung tut, läßt sie mich meine Sehnsucht nach großen Kindern, vielleicht besonders nach Töchtern entdecken. Ich begreife mich so selbst besser. (Das ist eine wirkliche Entdeckung, jedenfalls gehört das freudige Erstaunen dazu.) Und mit dem menschlicheren, uneigennützigeren Verhältnis zu solchen jungen Frauen wird auch ein anderes Verhältnis zu Männern, speziell den jungen Partnern solcher Frauen möglich! Mich interessierten bisher ja ohnehin nur Frauen, Männer höchstens als potentielle Rivalen. Nun gewinne ich einen Blick auf sie als Partner „meiner Tochter“. Freilich war mir Stefan auch schon so reizvoll, jünglingshaft, geheimnisvoll erschienen. Dies neue Verhältnis letztlich deshalb möglich, weil frei, weil nicht eigener Begierde unterworfen, weil in diesem Falle aus dem Käfig „Ich“ herausgetreten.

 

Die Dominanz der der Ichform in meinen Gedanken, Beschreibungen, Briefen. Ich versuche das stilistisch zurückzudrängen, sozusagen kosmetisch. Das wär mal eine gründliche Überlegung wert.

 

Es peitscht uns nichts zu Spitzenleistungen. Die Verhaltensweisen und dementsprechenden Ergebnisse der Radfahr-Fenstergruppe sind undiskutabel, als Forschungsarbeit wohl kaum von besonderem Wert. Verantwortlich dafür sind Dr. Janietz und Dr. Steglich. Vergeudung von Vermögen und Mittelmaß sind das Ergebnis. (Freilich auch bequemes Leben.) Für Spitzenleistungen bedarf es immer der Peitsche, ob von anderen oder von mir selbst geführt.

 

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