26. September 1982 – unnütze Klarsicht

[…] 7 Zimmerkumpel, Männix, Mischa und Reiner erzählen Armeestories:

“Schildkröte”, “Musikbox”, “Cremen und Löffeln”, “Schwarze Kuh”, “Schmeicheln”.

[…] Lesen: „Wissenschaft und Fortschritt“ 9/82. (Ökosystem Müggelsee), Goethe: „In meinem Beruf als Schriftsteller

Hören: (Kopfhörer): Schostakowitsch, Sinf. Nr. 5 Op.47, Lieder mit Ernst Busch, Robert Schumann, Messe op. 147 (nicht hinreißend)

Hebbel:

Kriege zu führen, ist die menschlichste Versuchung eines Fürsten“ (S.151) Und wenn er Recht hätte? Auch für unsere sozialistischen Fürsten? Gibt es Machtmißbrauch, so gibt es jeden Machtmißbrauch (zumindest der Möglichkeit nach). (Ist es ein Vorteil, wenn wir eine Art menschliche Automaten (anscheinend) an der Spitze haben? Sie kommen nicht in menschliche Versuchung? Aber als Automaten der Macht?)

 

# Eine charakteristische Eintragung: Hebbel regt mich zu einem sehr „bösen“, sehr „schlimmen“ Gedanken über unsere realsozialistischen Führer an. Mehr nicht. Ich bildete mir etwas auf mein „illusionsloses Denken“ ein, zog aber weder praktische (Zur gleichen Zeit war die Afghanistaninvasion der Sowjetunion.) noch ernsthafte theoretische Schlüsse. Ich erlaubte mir, vor mich hin zu „denkeln“. Weder von einem „eingreifendem Denken“, noch überhaupt von einem klaren, folgerichtigen und auf denkerische Konsequenz zielendem Denken kann die Rede sein. Ich „Kämpfer für eine bessere Welt“ hatte meine (selbst gestellte) Aufgabe längst verraten und mich, kritische Nörgelei pflegend, in den Verhältnissen eingerichtet.
In den Verhältnissen eingerichtet, meine kritisch nörgelnde Stimme via Blogs pflegend, bin ich auch heute. #

Nicht nach der Länge seines Armes, nach der Länge seines Auges muß der Mensch sein Glück messen.“ (154) Ja, aber… Ja, bin für Bewußtheit. Aber sollte es nicht Glück für Arm und Auge und Sexus und Gaumen und … also ein allseitiges menschliches Glück geben? Wobei jeder dieser Glücksmomente seinen Mangel an sich selbst haben müßte. Und vielfältige Spannungen zwischen diesen verschiedenen Glücksmomenten.

Emanzipation des Gassenkots muß man nicht verlangen.“ (154)

Daß so wenig Schriftsteller Stil haben, liegt in ihrer Unfähigkeit, dem letzten hohen Zweck die nebenbei erreichbaren näheren und kleineren zu opfern, überhaupt in der menschlichen Unart, mit jeglichem Schritt eine Art von Ziel erreichen zu wollen.“ (155)

Das ist eine grobe Wahrheit oder eine wahre Grobheit, keine Dialektik. Nimm „Klim Samgin“. Hier ist Stil und hoher Zweck, jedoch die Kleinigkeiten werden nicht geopfert, sondern für diesen hohen Zweck zum Leben, zum Tanzen gebracht.

Ist manches, was bei Hebbel als Geist erscheint, nur Extremismus? Ist kluger Extremismus nicht in Wahrheit eine wichtige Art von Geist? Ist wahrer Geist nicht immer auch extremistisch?

Niemand umfaßt das Element, worin er lebt, sondern das Element umfaßt ihn.“ (156) Solche Erkenntnisse sind ein Damm gegen den Brechstangenoptimismus mancher, die sich Marxisten-Leninisten nennen.

… wenn du wahrhaft liebst, mußt du wieder geliebt werden, denn die Natur berechnet immer eine Kraft auf die andere.“ (159)

Die Natur zerstört ruhig und gleichgültig das Schönste, was sie hervorgebracht. Das „erregt die Empfindung ihres unvergleichlichen Reichtums, ihrer unerschütterlichen Sicherheit, ihres unverrückbaren Ziels.“ (160)

[…]Dichten: Der gemeine Stoff muß sich in die Idee auflösen und diese sich wieder zur Gestalt verdichten (164). Statt das Geistige zu verkörpern, vergeistigen sie gern das Körperliche. (169).

Das Kunstwerk: Grenzenlos in Bezug auf den Inhalt, begrenzt in Bezug auf die Form. (166).

Das Denken erscheint als bewußtes Gefäß des Unbeschränkten und ist daher beschränkt. Das Darstellen wirkt im Beschränkten ein Unbeschränktes. (Daher sind alle philosophischen Systeme abgetan worden mit der Zeit, aber kein einziges Kunstwerk.) (168)

 

 

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