07. Oktober 1982 – Heiner Lau
[…]
Wehmut nach dem Krankenhaus, d.h. nach den einfachen, mit viel Sympathie angereicherten Beziehungen dort. Hier muss ich erst lernen, mich richtig (gut für die Gesundheit) zu verhalten. Hab’ ziemlich viel geackert, um das Zimmer ein wenig zu säubern und herzurichten, hoffentlich nicht zu viel.
[…]Schwester Cordula, Heiner Lau - zwei Menschen, die einen völlig deprimierten, sogar gebrochenen, Eindruck machten. Bei H. Lau hab’ ich dies nur gespürt und verdrängt.
# Heiner Lau ist einer der Menschen, die ich getroffen und nicht begriffen habe, ein Mensch, zu dem eine Beziehung entstanden ist, die aber nie wirklich ausgesprochen bzw. definiert wurde. Er war ein grundoptimistischer, lebensfroher Typ.
Erstmals begegnet sind wir uns in jungen Jahren während unseres freiwilligen NVA-Dienstes (1958-1959). Er wurde zum FDJ-Sekretär unserer Batterie gewählt und versuchte, etwas „Schwung in den Laden“ zu bringen. Ich gehörte auch zur FDJ-Leitung, und unser gemeinsames Anliegen war es, eine interessante Wandzeitung zu machen. Eines Tages überraschte er uns damit, daß er eine neue Wandzeitungstafel mitbrachte – in ovaler Form, mit einem Loch darin. Wir diskutierten skeptisch, ob eine Wandzeitung solche Form haben dürfe (!) und „wagten“ schließlich das Experiment. (Einige Ausgaben unserer Wandzeitung wurden schließlich richtig populär, weil wir das Zeichentalent eines unserer Soldaten entdeckten und seinen Karikaturen viel Raum gaben.)
Unser Politoffizier, zu dem ich ein richtiges Vertrauensverhältnis hatte, war Heiner Lau gegenüber immer skeptisch eingestellt (ohne eine Begründung zu nennen). Ich verstand das nicht, übernahm aber tendenziell (in abgeschwächter Form) diese Haltung.
Nach der Armeezeit traf ich Heiner Lau, der ebenfalls in Berlin studierte und später dort als Dolmetscher oder Übersetzer arbeitete, gelegentlich in Berlin. Er war immer sehr erfreut, mich zu sehen. Beruflich kam er nur unter Schwierigkeiten voran. Seine Hoffnungen auf Auslandseinsätze erfüllten sich nicht. Gab es da eine republikflüchtige (wie es damals hieß) Schwester? Gab es da einen kirchlichen Hintergrund der Eltern?
Ich verspürte von seiner Seite mir gegenüber Offenheit, ich dagegen hielt immer eine gewisse Distanz. Weil mir seine Zuwendung zu heftig war? Weil ich vom „Politmißtrauen infiziert“ war?
Seit unserer Zufallsbegegnung während meiner letzten Krankenhaustage 1982 habe ich ihn nicht mehr gesehen. #
Als ich es bei Schwester Cordula verspürte, hab’ ich ein paar gute Worte gesagt. Es freut mich, daß L. (die all dies genauso empfindet) für Schwester Cordula eine Grafik zu überbringen hat.
Zum „Tag der Mitarbeiter des Gesundheitswesens“ werde ich „meine Klinik“ bedenken, das ist am 11.12.
Nun zu hause werden auch wieder Bilder usw. in dies Buch einkehren.
Fühle mich in einem Schwebezustand nicht belastender, fast schon wohltuender Einsamkeit.
Von Evi (und ihrer Generation) möcht’ ich wissen, wofür sie sich leidenschaftlich einsetzen.
Kollwitz, zum Kriege 1914-18, interessiert sie nicht.
W. Borchert, „Draußen vor der Tür“, interessiert sie nicht.
Sie wirkt eigenartig abgeklärt (sich nicht übernehmen). Für den Frieden kann man nichts tun. Ihre Freude an handwerklicher, dekorativer Arbeit.