20. April 1989 - Wahlkreiaktiv; “Budapester Rundschau”
Gestern Wahlkreisaktiv (Vorberatung mit Ingrid Zander zur Wahlversammlung am 28.4. kommt nicht zu stande.)
# Im Wahlkreisaktiv, einem zeitweiligen Gremium, waren alle mit der Wahlvorbereitung befaßten haupt- und ehrenamtlichen Kräfte eines Wahlkreises zusammengefaßt. Da die Wahlen künftig im Tagebuch großen Raum einnehmen, hier einige Überblicksinformationen: Die (Ost)-Berliner Stadtbezirke waren in Wahlkreise unterteilt. Berlin-Mitte hatte etwa 90 000 Einwohner (Diese und alle folgenden Zahlen aus dem Gedächtnis.) Unser Wahlkreis 3 umfaßte etwa 4 000 Einwohner. Unser Wahlkreis wiederum war in vier Wohnbezirke (WB) unterteilt. In “meinem” WB 12 gab es ein Wahllokal, im Wahlkreis insgesamt vier. Ingrid Zander, hauptberufliche Funktionärin der SED-Kreisleitung Berlin-Mitte, war die Spitzenkandidatin unseres Wahlkreises #
Ich erwähne die Themen, die Herr Petzoldt angeschnitten hat (Mauer, Ausreise, Informationspolitik). Nach der Aktivtagung sagt mir Horn-Zimmermann: “Nachdem ich nun die WBA-Vorsitzenden kennengelernt habe, möchte ich möglichst im WBA 12 mitarbeiten.”
Lesen: Nr. 16 der “Budapester Rundschau”. Zunehmend läßt man die Katze aus dem Sack. Der amerikanische Botschafter in Budapest gibt ein Interview. Er feiert die erste Managerschule westlichen Typs in Budapest, in der amerikanische Professoren “jeweils rund 800 Kommunisten beibringen, wie sie Kapitalisten werden sollen.” Laut spekuliert man über die Neutralisierung Ungarns. Die ungarischen “Oppositionellen” schlagen ein “Rundtischgespräch” mit der USAP aus, weil sie ja “die Machtposition innehabe”.
Grosz will nicht ausschließen, daß - freilich unbeabsichtigt - systemfeindliche Kräfte und einzelne innerparteiliche Bestrebungen zusammengehen könnten usw.
# “Budapester Rundschau” (BR), die von C. und mir eifrig verfolgte deutschsprachige, reformorientierte Wochenzeitung aus Budapest. Unvergessen ist mir: In ihr habe ich einen Artikel des sowjetischen Historikers Roy Medwedjew gelesen, in dem er es unternahm, die Anzahl der Opfer des Stalinterrors zu ermitteln. Dank der “BR” wurde ich erstmals mit diesen Größenordnungen konfrontiert. Das war irgendwann 1988/1989.
Anders als meine Noch-Partnerin C. teilte ich aber nicht den zunehmend deutlicher prokapitalistischen Kurs der “Reformkräfte”.
Hier deutet sich, wie ich vorgreifend festelle, mein künftiges politisch-persönliches Dilemma an (aber nicht nur meins): Heftige, immer entschiedenere Kritik an dem Zustand des Realsozialismus (”administratives Kommandosystem”) bei weiter behaupteter prinzipieller Gegnerschaft zur kapitalistischen Alternative. #