16. November 1981

Wer ist jung oder sehr jung?

Darüber gab es einen Disput als Schmidts aus Hoyerswerda hier zu Besuch waren. Libuda als 30-jähriger Maler sei sehr jung, betonte Schmidt. (Mir scheint, dahinter steckt etwas wehmütige Koketterie mit dem eigenen Älterwerden.) Ich polemisierte gegen diese Betonung (seine Frau auf meiner Seite).

In dieser zufälligen Meinungsverschiedenheit drückt sich Gesellschaftliches aus, etwa die (unbewußte) Vorstellung von einer sinnvollen und sehr ausgebauten Hierarchie in dieser Gesellschaft, etwa so:

Man muß erst alle Schulen durchlaufen haben (und wir haben viele davon), bevor man beginnen kann, sich ganz verantwortlich auf die eigenen Füße zu stellen.Und solange wird man als “sehr jung” klassifiziert.

Was aber, wenn das brave Durchlaufen aller Schulen und Förderungsformen darauf hinausläuft (zumindest oft), Umwege zu gehen und sich schwerer selbst zu finden? (Weil nämlich die Hierarchie gar nicht so sinnvoll und vor allem gar nicht so lebensnah ist.)

Noch schärfer formuliert (fast bösartig) kann man dieses „jung machen“, “jung reden” der Menschen als eine Form ihrer sanften, schleichenden Entmündigung betrachten. Erwachsen sind sie dann erst, wenn sie angepaßt (und initiativlos) bzw. ausgerichtet (und aktiv) sind.

Solche Deutungen des Jungseins, wie ich sie hier anbiete, sind von niemandem verordnet. Sie scheinen zur Alterspsychologie dieser Gesellschaft zu gehören.

Wissenschaftsfeindlichkeit (in ganz verschiedenen Formen) wird bei Manchen, besonders Künstlern, zur Position. Vgl.”Weimarer Beiträge” 10/81 Artikel von E. Geißler darüber, wie Mitglieder der Akademie der Künste Erkenntnisse der Molekularbiologie (Genetik) aufnahmen, vergl. die Reaktion von L. und Eva, als ich das “Entwicklungswunder Mensch” präsentierte.

Solche Erscheinungen sind kritikwürdig. Aber mir scheint, auch was Wissenschaft (und Philosophie) ist, was sie kann und soll, muß besser, lebendiger bestimmt werden. Wissenschaft und Praxis.

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, mache ich es mir “in fliegender Hast” “gemütlich”: Rundfunk an, Kaffee gekocht, Kuchen geschlungen, Zeitung oder was anderes gelesen – alles gleichzeitig.

Dasselbe erzählen Anneliese und Renate von sich! (Meine Arbeitskolleginnen.)

Was drückt sich hier aus? Lebensgier? Entfremdung abwerfen wollen? Dem angeeigneten Rhythmus ausgeliefert sein? Entspannung in derselben Art wie Arbeit suchen?

Wie kann man freie Zeit zur Mußezeit machen, zur “Zeit für höhere Tätigkeit” (Marx), um darin ein anderer Mensch, ein anderes Subjekt zu werden (“Subjekt” wörtlich- “das Unterworfene”) und als solches (also frei) in den Arbeitsprozeß zurückzukehren (Vergl. Marx, “Grundrisse”, S 599)?

Auf jeden Fall ist Eines wichtig: Zu seinen “Zivilisationsbedürfnissen“ kritisch sein. „Z.“ aber, das ist in Wort. Was sind sie? Wo fangen sie an, wo enden sie?

Was erlebe ich bei der Befriedigung meiner Bedürfnisse? Zivilisation? mich? Natur? (So abstrakt ist an diese Frage nicht heranzukommen.)

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