07. Juli 1989 - unerwartet Stasi
Gestern Geburtstagsgeschenke für C. und Katja in “Skarabäus” gekauft. Bullenhitze (37°C).
Heute APO-Leitungssitzung mit sinnvollem Vorschlag von mir.
# Wegen der Lesbarkeit schreibe ich den Text auf der abgebildeten Tagebuchseite ab. #
Dies war im Marx-Engels-Auditorium der HUB. Danach:
Wir waren dort einige 100 “Agitatoren” # Ich erinnere mich nicht mehr, unter welcher Maßgabe ich zur Teilnahme an dieser Veranstaltung veranlaßt wurde. # - kurzerhand bis Samstagvormittag zu Mitwirkenden der Staatssicherheit erklärt und wurden eingewiesen in unseren Einsatz zur Verhinderung einer Provokation, betitelt “Zwei Monate danach” am Alex. Die vorgesehene Demonstration wurde tatsächlich verhindert. Ich war dabei. Der äußere Vorgang war nicht besonders dramatisch. Aber innerlich zu verarbeiten gibt es genug. Vermutlich waren das die letzten Tropfen für mein Faß, das nun überläuft. Die nächste Zeit wird es zeigen.
# Wir - hunderte Leute aus Berliner Institutionen - waren also nichtsahnend zu einer etwas merkwürdigen, weil festlich-kulturellen Agitatorenzusammenkunft versammelt worden. Dort wurden wir, wie im Text beschrieben, völlig unvorbereitet und unerwartet zu zeitweiligen Mitarbeitern der Staatssicherheit erklärt/vergattert. Viele waren damit nicht einverstanden, Etliche erklärten sich nicht bereit, so mit sich verfahren zu lassen und verließen den Raum. Ich war in einem besonderen Zwiespalt: Die handstreichartige Verpflichtung durch das MfS ärgerte mich zwar, aber als IM der Staatssicherheit, der ich seit langem war, hatte ich natürlich grundsätzlich mit dieser jetzt erfolgten “Inpflichtnahme” kein Problem. Jedoch ging es darum, eine demonstrative Mahnveranstaltung von Oppositionellen aus Anlaß der vor 2 Monaten durchgeführten Kommunalwahl zu zerstreuen, zu unterbinden. Dazu konnte ich mit meinen Erkenntnissen über die Wahl nicht bereit sein. Ich beteiligte mich trotzdem an dieser Aktion; in der Erwartung und Absicht, dort tatsächlich mit Oppositionellen zu einem Austausch über die Wahl zu kommen. (Ich hatte möglicherweise die hunderte freien Diskussionsgruppen auf dem Alex zu Zeiten der Weltfestspiele oder der Deutschlandtreffen im Hinterkopf.) Die Veranstaltung am Alex lief dann ganz anders ab. Es standen hunderte “Agitatoren” herum. Ich bekam EINE Oppositonelle/Bürgerbewegte zu Gesicht, die mit Baby auf dem Arm durch die Menge hastete, und das war’s.
Was blieb, war nicht nur das Gefühl benutzt worden zu sein, sondern auch die Erfahrung, daß man von den Mächtigen in Situationen, potentiell Handlungsweisen, verstrickt werden konnte, zu denen man keinesfalls bereit war.#
