12. September 1989 – Harte Auseinandersetzungen müssen kommen
# Ein Blick ins Original des Tagebuchs, samt zeitgenössischem Abbild des Schreibers und seines pekuniären Hintergrunds. #
Außerordentlich unzufriedene Stimmung bei den Genossen des Lehrgangs und darüber hinaus mit der Politik unserer Führung – offene Äußerung. Die Blauäugigkeit der Medien wird entschieden verurteilt. Sie reden völlig am Volk vorbei. Selbst Genosse F. erwartet eine entschieden kämpferische, offene Position, nicht bloß eine ADN-Meldung oder einen ADN-Kommentar.
Auch wenn man die Rolle der Westmedien nicht bestreitet, ist keiner bereit die bei uns selbst liegenden Ursachen zu ignorieren – keiner, außer denen, die etwas zu sagen haben. Die Genossen sehen Ratlosigkeit, wenn nicht gar Konzeptionslosigkeit bei der Führung.
C. erzählte, daß Frau Schmidt, ihre Sekretärin, sagte, sie habe gesetern geweint – aus Verwirrung, Unfähigkeit (Unwillen), sich für den Westen zu entscheiden, Hoffnungslosigkeit in unsere eigene Entwicklung.
DDR – „der doofe Rest“.
Ernst ist es, daß Gorbatschow keine ausreichenden Erfolge aufzuweisen hat.
Uns stehen harte Zeiten bevor. Ich erwarte (und erhoffe zugleich) Zeiten harter Auseinandersetzungen in der Partei. Sie sind unvermeidlich und notwendig. Noch geht es erstmal darum, daß sie beginnen; danach wird es sofort darum gehen, daß sie für den Sozialismus in der DDR hilfreich sein müssen, ihn stärken müssen.
Nasdala regiert nun in seinem kleinen Herrschaftsbereich. Mein Leben hat sich wieder vereinfacht, von der zeitweiligen Verantwortung entlastet. Von Bertriebsleitung hat N. nicht mehr Ahnung als ich. In dieser Hinsicht erreicht er nicht G.s Stärke (die einzige Stärke, die er mir gegenüber hatte), und ich verspüre umso deutlicher den reglementierenden Sinn meiner Nichteinsetzung. So ist, den lebendigen Nichtfähigeren vor der Nase, das kränkende Gefühl der Zurücksetzung deutlich spürbar. Ich gedenke, damit bewußt fertig zu werden. N. hat jedenfalls von vornherein das Bemühen klar gemacht, keine „schiefen“ Diskussionen zu dulden.
Übrigens, Blauert, WBA 15, hat sein Wohngebietsfest ausfallen lassen.
So werden bei uns Ideen in Memoiren u.a.Formen verbuddelt.

