05. Oktober 1989 – Monatsbericht

# Wie an anderer Stelle schon mal erwähnt, hatten alle Parteiorganisationen (und natürlich andere Institutionen auch) für die übergeordneten Leitungen monatliche Berichte zu politischen Stimmungen und Meinungen anzufertigen. Auch wenn diese Berichte oft geschönt waren. (Das Eingeständnis von “schiefen Diskussionen” im eigenen Arbeitsbereich konnte ja sogleich zum Rückschluß auf Mängel der eigenen Arbeit führen.), enthielten sie doch zweifellos viele konkrete Informationen “von der Basis”. Viele Berichteschreiber - ich gehörte dazu - glaubten auch, durch wahrheitsgemäße Berichte Anstöße zu einer besseren Medienarbeit der Partei zu geben. Das war, wie sich schließlich herausstellte, völlig illusionär. Die Selbstherrlichkeit und Ignoranz der “führendsten Genossen” hatte ein mir damals unvorstellbares Niveau erreicht- #

Fülle der Anzeichen für die sich immer weiter zuspitzende Situation. Im Folgenden der Enturf meines diesmonatigen Stimmungsberichts, den ich morgen abzuschreiben gedenke:

Es ist nicht möglich die Lawine der gegenwärtigen Diskussionen im Einzelnen darzustellen. Folgende Tendenzen zeichnen sich aus der Sicht unserer APO ab:

    Realistische Betrachtung bei der Masse der Genossen und Parteilosen des Anteils der Westmedien und der BRD-Politik an der Organisierung der Auseisewelle und Klarheit über den völkerrechtswidrigen Charakter dieser Aktivitäten.

    Massive Kritik der Genossen an unseren Medien,. Weil diese keinen Auseinandersetzung zu den bei uns liegenden Urachen der Ausreisewelle führen. Ebenfalls Kritik an den Funktionären von Partei und Regierung, die keine selbstkritische Betrachtung der eigenen Ursachen erkennen lassen. Tendenz zur Ratlosigkeit und Resignation bei manchen Genossen und Parteilosen angesichts der oftmls erlebten Unmöglichkeit, den eigenen Überzeugungen und Vorstellungen zur Stärkung unserer Republik angemessen Geltung zu verschaffen. Wachsend Stimmungen der Besorgnis darüber, daß die Schwäche unserer politischen Überzeugungsarbeit uns verleiten könnte, diese durch den Einsatz von Polizei- oder Sicherheitskräften zu ersetzen.

    Zu all diesen Fragen gibt es heftige Diskussionen zwischen Genossen um die Frage, was zu tun ist, um aus der gegenwärtigen defensiven Situation herauszukommen. Es bildet und festigt sich dabei die Überzeugung, daß der Sozialismus in der DDR einer qualitativen Festigung und Stärkung bedarf, daß dazu die anvisierten ökonomischen Reformen noch energischer und folgerichtiger vorangetrieben werden müssen und einen solche Weiterentwicklung des politischen Systems unserer Gtesellschaft zu konzipieren ist, die zu einer qualitativen Stärkung der sozialistischen Demokratie führt. Die Genossen sind der Meinung, daß zu diesen Fragen in Vorbereitung des XII. Parteitages unverzüglich eine prinzipielle innerparteiliche Diskussion geführt werden muß. 891005-1.JPG

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