Archive for the ‘Auslandsreisen’ Category

30. November 1989 - “Für unser Land”

Dienstag, Dezember 1st, 2009

891129.jpg# Die Zeitungen bringen den Entwurf eines Reisegesetzes, das diesen Namen verdient. Jetzt, nachdem “alle Messen gesungen” sind! Das Trauerspiel in mehreren Akten um das DDR-Reisegesetz verdiente eine gesonderte Darstellung. Es veranschaulicht und beweist die totale Unfähigkeit des Machtapparates und der amtierenden Führung, das Unaufschiebbare und Notwendige zu tun. #

Gestern zum Gespräch in F.s Schule.

Auf Einladung von C. bei Gilbert. Er ist Kontaktmann für „Neues Forum“ im Prenzlauer Berg.

# In Zeitungen (Vergl. die folgenden beiden Ausschnitte) haben diejenigen, die verantwortungsbewußt auf wirkliche Erneuerung drängen Stimme und Tribüne. Die Macht haben sie nicht. Die realsozialistische Apparate- und Funktionärsmacht ist nicht fähig, den Weg zu etwas Höherem einzuschlagen. Sie klammert sich an den alten Stand. Später wird sie radikal beseitigt werden durch die BRD-Macht, eine andere alte Macht. Diese “radikale Beseitigung” ist ein deutsches, insofern historisch zufälliges Phänomen. In den anderen Ländern des Realsozialismus verwandelt sich die alte Apparate- und Funktionärsmacht in die neue alte Macht des Realkapitalismus. Das geschieht in der Form chaotisch, im Wesen bruchlos und geschmeidig. #

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# Eben habe ich noch den revolutionären Charakter des Prozesses beschworen, den ich miterlebe, da wird das “Entweder Oder” offen ausgesprochen. Meines Wissens wurde der Aufruf “Für unser Land” bis Anfang März 1990 von 1,5 Mio Menschen unterzeichnet (was ich natürlich nicht beweisen kann). Wikipedia spricht (ebenfalls ohne Quellenangabe) von 200000 Unterzeichnern. #

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10.November 1989 - rasende Zeit

Montag, November 9th, 2009

Renates Mann, Siegfried, spazierte vergangene Nacht zwischen 0 Uhr und 2 Uhr in Westberlin herum. Fremde prosteten einander mit Sekt und Wein zu.

891110-1.jpg Gestern gute WBA-Sitzung zur Versorgungssituation.

C. und ich hörten gestern gegen 22 Uhr vom Westfernsehen von den neuen Reiseregelungen Das Westfernsehen berichtete da, daß die ersten DDR-Bürger schon kämen Ein Übergang (Welcher?) wurde gezeigt, wo noch keiner durchgekommen war; der Reporter vor Ort sagte aber, daß sie telefonisch wüßten, daß Bornholmer Straße schon DDR-Bürger durchgelassen worden seien.

Die Mauer wird geöffnet.

Ich bin erschreckt vom Anblick derer, die am Brandenburger Tor auf der Mauer sitzen.

Beratung mit HoDö über freiwillige Arbeit.

Abends Kundgebung im Lustgarten.

Anruf von Roderich - wie ich’s fände.

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17. Oktober 1989 - meine Thesen zur Erneuerung des Sozialismus (Thesen 0,1,7,8,9)

Dienstag, Oktober 20th, 2009


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Diese Meldung ist interessant, weil:

* in Dresden der OB und nicht der Parteichef zum ersten Partner wird

* hier möglicherweise tatsächlich praktisch vorgemacht wird, daß die vorhandenen demokrtischen Formen ausreichen (?)

Der folgende Ausschnitt zeigt m. A. n. ebenfalls mehr als nur “Lippentraining” (wie C. gestern sagte). Aber: Ich habe kein Vertrauen zu Schabowski und glaube, daß er nur zur Macht will.

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Beim Frühstück bringt A. das Gespräch auf Polizeiübergriffe. Ich erzähle, was ich von Nitschke weiß. Nasdala (!) erzählt von ähnlichem Vorgehen, was ihm bekannt geworden sei.

weiter Gedanken:

0. Das Leben bestraft Fehler unserer Politk.Die Vertrauenskrise, in der sich die DDR befindet, die sich weiter vertieft und zunehmend Züge einer politischen Krise annimmt, wurzelt primär in der Unfähigkeit unserer Parteiführung, die objektiv notwendigen tiefgreifenden Reformprozesse unserer Gesellschaft vorausschauend und folgerichtig zu führen. Weltweit besteht die objektive Notwendigkeit der Erneuerung, der qualitativen Höherentwicklung des Sozialismus, der Reform aller Seiten seines Systems. (Die Erneuerung und Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus, der Theorie des Wissenschaftlichen Sozialismus/Kommunismus ist dabei von überragender Bedeutung. Dies aber ist nicht Gegenstand der folgenden Überlegungen, die sich auf die Reform der politischen und ökonomischen Seite des sozialistischen Systems beschränken.)

Die Notwendigkeit der Erneuerung resultiert

- aus der Notwendigkeit, die Gefahr eines Weltkrieges mit politischen Mitteln zu beseitigen (d.h. unter den Bedingungen einer offenen Auseinandersetzung, eines offenen Wettbewerbs, mit dem Imperialismus).

- aus dem inneren Reifezustand des Sozialismus. Im Innern des Sozialismus bestehen keine Klassen und Schichten mehr mit dem objektiven Interesse, den Sozialismus zu vernichten. Alle Klassen und Schichten der sozialistischen Gesellschaft der DDR sind heute fähig und haben ein Recht darauf, einen eigenständigen Beitrag zur Vervollkommnung des Sozialismus zu leisten. (Unterscheiden zwischen einzelnen politischen Kräften, die sozialismusfeindlich sind und Klassen und Schichten, die nichtantagonistisch zueinander stehen.)

- aus der Aufgabe, die unermeßlichen menschlichen Schöpferkräfte, die sich in Gestalt der wissenschaftlich-technischen Revolution entfalten, zu meistern, ständig zu erweitern und in solchen neuen Formen zu verwirklichen, daß die wachsenden Gefahren der Zerstörung der menschlichen Umwelt und des damit einhergehenden Verlusts des Lebenssinns für jeden Einzelnen überwunden werden.

1. Der Prozeß der Erneuerung des Sozialismus muß von der Partei geführt werden. Zu diesem Zweck sollte das Politbüro sofort um Parteifunktionäre erweitert werden, die entschieden für Reformen eintreten und sich auch öffentlich entsprechend äußern, so daß die Partei zum XII. Parteitag - nach entsprechend demokratischer Vorbereitung - eine neue Führung wählen kann. Unabhängig davon sind bereits heute konkrete Sofortzeichen der politischen Reformbereitschaft der SED notwendig, erste populäre Entscheidungen, die noch nicht Grundsatzprobleme betreffen sollten, die aber unerläßliche Voraussetzung sind, um das schwer geschädigte Vertrauensverhältnis zwischen Führern/Partei/Massen wiederherstellen zu können. Das betrifft z. B. eine detaillierte Information und mutige Stellungnahme zu den zahlreichen Klagen über Gewaltanwendung der Polizei gegenüber friedlichen Demonstranten und Unbeteiligten, nachdem diese festgesetzt waren.

Die Erneuerung muß einzigartigen Werte und Errungenschaften des Sozialismus in der DDR bewahren und ebenfalls erneuern. Dazu zählen

- die Friedensliebe unseres Staates

- die uneingeschränkte völkerrechtliche und innerstaatliche Anerkennung der durch den 2. Weltkrieg geschaffenen Realitäten (besonders der Grenzen)

- Antifaschismus, Antirasssismus

- politische Macht der Arbeiterklasse im Bündnis und Wettstreit mit allen Werktätigen

- Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen durch gesellschaftliches Eigentum an den entscheidenden Produktionsmitteln

- Wiederentdeckung, -belebung und Fortführung der unterdrückten revolutionären und radikal-demokratischen Traditionen des deutschen Volkes

- Solidarität anstelle von Konkurrenz als Grundprinzip des gesellschaftlichen Umgangs der Menschen

- soziale Sicherheit in Verbindung mit hohem Leistungsstreben durch konsequente Verwirklichung des Prinzips der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik

- Perspektivgewißheit und historischer Optimismus.

# Zu These 2 weiter mit den Ausführungen vom 13.10. #

7. Die gesetzgebende Macht im erneuerten Sozialismus liegt bei der obersten Volksvertretung (Volkskammer), die aus demokratischen Wahlen hervorgeht. Alle exekutiven Organe sind der Legislative untergeordnet.

Wie sollte die nächste Volkskammer gewählt werden (und damit der Übergang zum konsequenten Rechtsstaat eingeleitet werden)? Diese Wahlen dürfen nicht zu einer politischen Destabilisierung des Sozialismus in der DDR führen. Sie dürfen ebensowenig zu einer Zementierung überlebter Verhältnisse führen und müssen der freien Willensentscheidung des Volkes Ausdruck geben. Ich bin der Meinung, daß wir uns auf das sowjetische Modell der Wahlen zum Volkskongreß orientieren sollten, mit folgenden Bestimmungen:

50% der Abgeordnetenmandate werden von den Parteien und Organisationen des Demokratischen Blocks im bisherigen Proporz belegt und von ihnen direkt in die Volkskammer gewählt. Die andere Hälfte der Abgeordneten wird als Person (mit einem persönlichen Wahlprogramm) von den Wählern direkt gewählt. Diese Abgeordneten dürfen audrücklich keinem Fraktionszwang unterworfen werden. Die Wähler in den Wahlkreisen können unbegrenzt Kandidaten vorschlagen. Gewählt ist, wer mehr als 50% der abgegebenen Stimmen hat. Falls kein Kandidat dies erreicht, Stichwahl nach zwei Wochen zwischen den beiden Erstplazierten - Entscheidung nun mit einfacher Stimmenmehrheit.

Die öffentliche Kontrolle der Wahlen über alle mit der Wahl zusammenhängenden Fragen ist zu sichern. Ergebnis muß ein Parlament sein, in dem die bisher staatstragenden politischen Kräfte diese Funktion weiter ausüben können, in dem zugleich aber ihr Monopol der politischen Artikulierung gebrochen ist. Im Verlauf einer Legislaturperiode müssen alle beteiligten Kräfte sozialistischen Parlamentarismus lernen, so daß nach Ablauf von 5 Jahren eine Wahl unter weiter gereiften demokratichen Verhältnissen möglich ist.

Für die Anwendung dieses Wahlsystems ist Eile geboten. Man darf nicht warten, bis sich eine politische Opposition bildet und soweit gefestigt ist, daß sie die Personenwahl zu einer Parteienwahl auf der ganzen Linie macht und, momentane Stimmungen ausnutzend, eine Erdrutschsieg gegen den Demokratischen Block erzwingt. Eine solche Entwicklung würde zwar nicht automatisch die Preisgabe des Sozialismus bedeuten, würde aber unnötige Risiken enthalten.

8. Die Rolle der Medien muß tiefgreifend verändert werden. Meinungspluralismus ist durchzusetzen. Abschaffung des Genehmigungswesens. Erste Pflicht der Medien ist aktuelle wahre Information in der ganzen Widersprüchlichkeit der Ereignisse. Ihre zweite Pflicht ist die Unterstützung der Bürger bei der politischen Wertung von Ereignissen und Zusammenhängen aus der Sicht der Parteien, Organisationen und Gruppen, die verantwortliche Träger des jeweiligen Mediums sind. Die Medien sollen die Kommunikation in der Gesellschaft vermitteln, Tribüne des Streits sein. Das bisher miserable Niveau unserer Tagespresse und Wochenillustrierten darf nicht vergessen machen, daß ebenfalls eine durchgreifende Qualitätserhöhung der Wochenzeitschriften und Periodika notwendig ist, die der intellektuellen Selbstverständigung und Selbsterziehung der Gesellschaft dienen (z. B. “Sonntag”, “Weltbühne”, “Sinn und Form”, “NDL”). Ein Weg zur Lösung dieser Aufgabe ist, neben der systematischen Heranziehung eigener profilierter Autoren (z. B. Chr. Wolf, Ch. Hein, V. Braun und Jüngerer) ein kräftiger Schub in Richtung Internationalisierung der Thematik und Autorenschaft.

Eigenverantwortung der Redaktione! Offenlegung der Finanzierung der Medien!

Die mediengerechte Darstellung der Politik der Partei bekommt überragende Bedeutung für die Durchstzung ihrer führenden Rolle. Das erfordert nicht nur eine entsprechende Befähigung ihrer Führer und aller hauptamtlichen Funktionäre, sondern auch entsprechende Organisationsformen (Pressestelle, Pressesprecher, Kolumnisten usw.)

9. Im Unterschied zur politischen Reform verfügt unsere Partei für die ökonomische Reform über ein tragfähiges Konzept. Es muß weiter vervollkommnet und energischer und ohne Abstriche durchgesetzt werden. In Bezug auf die ökonomische Reform schließe ich mich dem Konzept von Prof. Dr. Hans Joachim Beyer, Akademie für Gesellschaftsissenschaften beim ZK der SED an (ebenso Prof. Dr. Dieter Graichen, TH “Carl Schorlemmer”, Leuna-Merseburg), das der Parteiführung vorliegt.

Ausgangspunkt der Wirtschaftsreform der DDR sind die Kombinate, Wirtschaftseinheiten, die zur Meisterung der w-t Revolution fähig sind und gleichzeitig nach Ware-Geld-Beziehungen funktionieren. Mit ihnen kann der demokratische Zentralismus als ökonomisches Prinzip zur Geltung gebracht werden.

Hauptansatzpunkt für die Veränderung des Gesamtsystems der Leitung und Planung der Volkswirtschaft ist die leistungsabhängige Erwirtschaftung und eigenverantwortliche Verwendung der Mittel durch die Wirtschaftseinheiten. So wird ein echtes kollektives Interesse der Produzenten geschaffen. Zugleich geht es um neue Ideen für die bewußte Sicherung von Planmäßigkeit, Gleichgewicht, Proportionalität in der Volkkswirtschaft als Ganzes.Das erfordert es, die Warenproduktion, die bekanntlich die horizontale Verflechtung der Wirtschaftssubjekte zur Grundlage hat, zur Vervollkommnung des demokratischen Zentralismus zu nutzen. Die Kooperationsfreundlichkeit unseres Systems der Leitung und Planung muß entscheidend erhöht werden. Das berührt die Problemkreise:

- materielles Aufkommen/Zuliefererverantortung/Strukturentwicklung der Volkswirtschaft

- Zuliefererpreise und Eigenerwirtschaftung

- volkswirtschaftliche Kostenaspekte der Kooperationsfreundlichkeit

- Wirtschaftsvertrag und Bilanz

- Stärkung des Produktionsmittelhandels

Die Eigenerwirtschaftung berührt solche Probelmkreise, wie

- Bedarfsoreintierung, Sortimentssicherung bei Gewinnorientierung

- Durchschlagen der Eigenerwirtschaftuing auf jedes Kollektiv, jeden Arbeitsplatz

- einfache Reproduktion/erweiterte Reproduktion/steigende Investitionskraft aus effektivem Wirtschaften

- materielle Deckung der Investitionen

- Stabilität der Normative

- Außenhandelsfunktion der Wirtschaftseinheiten

Die ökonomische Reform muß darüber hinaus Antworten geben auf Fragen

- der “ökonomischen Demokratie” (Fragen der Demokratie in und zwischen den Produktionseinheiten)

- des zielstrebigen Ansteuerns der Konvertierbarkeit unserer Währung (Ausbau der Tatsache von zwei Währungen im Land zum Prinzip. Garantie des jährlichen Kaufs einer Mindestmenge von Valuta für jeden erwachsenen DDR-Bürger, Einführung von Möglichkeiten des leistungsabhängigen Erwerbs von Valuta für jeden DDR-Bürger im produzierenden Bereiche.)

- der Subventiuonspolitik (soziale Sicherheit bei gleichzeitiger Stimulierung von Leistung, Sparsamkeit und Effektivität. Reform der Wohnungswirtschaft (Vergl. detaillierte Vorschläge von Prof. Graichen) zur Lösung der Wohnungsgfrage. Fast völliger Stopp des Wohnungsneubaus

- die Beherrschung der durch Ausreisen auftretenden ökonomischen Verluste.

02. Oktober 1989 – ein Sohn-Vater-Briefwechsel in unruhiger Zeit

Samstag, Oktober 17th, 2009

Hallo Vater!

… Zwei Wochen Studium liegen nun schon hinter mir, und es läßt sich alles ganz gut an….Ich habe ja immerhin die Armee hinter mich gebracht. Man ist froh, wenn es vorbei ist, obwohl es mir wirklich nicht schlecht ging. Ich war in Seddin, Nähe Potsdam, und hauptsächlich waren wir bei der Deutschen Reichsbahn im Gleisbau, sind also im Prinzip arbeiten gegangen. Natürlich formt die Armee aber auch, und der Kontakt mit den meist um 3-5 Jahre älteren Kollegen hat mir doch eine Menge gegeben. Bestes Zeichen ist, daß trotz negativer Erfahrungen und Erlebnisse die Zeit doch recht schnell verging. Und nicht zuletzt hatte ich natürlich äußerst günstige Bedingungen für die Heimfahrt. Danach war ich noch 2 ½ Monate arbeiten. Über einen Freund habe ich bei den Theaterwerkstätten der Deutschen Staatsoper begonnen. Ich hatte zwar nur Kulissen zu schieben und sonstige Transportaufgaben zu erledigen, aber es war natürlich ganz interessant.

Und in der letzten Augustwoche bin ich noch nach Ungarn gefahren (und zurückgekommen). 4 Tage Budapest, 3 Tage Balaton, geschlafen auf dem Bahnhof. Budapest war für mich nach 3 Tagen schon so belastend, daß ich merkte, was man an unserem Berlin hat. Laut, voll Verkehr und Hektik und mit wenig Grün. Teuer ist Ungarn für uns ja nun sowieso, mich interessierten nur die Plattenläden. Balaton war dagegen paradiesisch, wenn auch das Wetter schlechter wurde. Vom ganzen Ausreiserrummel hat man dort am allerwenigsten mitbekommen, DDR-Bürger traf man sowieso auf Schritt und Tritt.

Ja und nun hat für mich also das (hoffentlich lustige) Studentenleben begonnen. Deutsch/Englisch-Lehrer in Rostock. 17 Mädchen, 3 Jungen, aber man kann damit leben. Nach zwei Wochen Vorbereitung und Wiederholung unterstützen wir jetzt unsere Landwirtschaft in Form von Kartoffelsortieren. Heute sind wir angekommen in einem Dorf bei Hagenow. Wenn aber die Arbeit so gut ist, wie das Quartier, ist uns nicht bange. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen. Ich mache mir aber keine großen Sorgen. Es ist ja noch der Anfang….”

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Lieber Cl.!

Über Deinen Brief, mit dem Du eine Menge erzählt hast, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe den Eindruck bekommen, daß Du mit einem freundlichen Realismus an die Dinge herangehst, gleichmütig, ohne gleichgültig zu sein. Was es wohl heißen mag, daß Du Dich so sehr für Platten interessierst? Also nicht für Literatur, gar Lyrik?

Als ich von Deiner Gleisbauarbeit las, fiel mir ein Gedicht von Harald Gerlach ein: “Die Rotte”

Sperrgleis, für die Ramme frei – Leben

geht an uns vorbei: Züge halten, Züge

fahren. Wir sind, wo wir immer waren; ewig

steht für uns auf Halt das Signal. Wir bleiben

alt, eingeschlossenzwischen Schwellen. Schienen

singen. Pfiffe gellen, Warnlaut, gelb

die Flagge winkt. Hüfttief in den Schotter

sinkt, wer es wagt, sich loszureißen von den

ausgefahrnen Gleisen. Endstation. Mit unserm

Schweiß koffern wir das tote Gleis.”

Wüstungen” heißt der Gedichtband von Harald Gerlach, in dem ich etliche Gedichte gefunden habe, die mich berührt haben.

Ich habe von Jugend an bis heute immer Gedichte gelesen. Fast alle lesen in ihrer Jugend Gedichte (oder schreiben gar welche) und hören dann auf, wenn sie erwachsen werden.

In Ungarn war ich noch nie (von einem halben Tag Budapest vor Jahren auf der Durchreise abgesehen).

In Bulgarien war ich übrigens oft und könnte Euch verschiedene Privatadressen vermitteln, wenn Ihr daran interessiert wäret.

In den bulgarischen Boden habe ich sozusagen kleine Wurzeln gesenkt. Das hat sich über etwa 10 Jahre hingezogen. Dieses Reisen hat mich eigentümlich untauglich gemacht für Auslandsreisen. In den letzten Jahren bin ich nur in der eigenen DDR-Heimat herumgekommen (auch nicht mehr Bulgarien). Ich finde es sehr schön hier, wenn auch Vieles schmerzlich ist, aber es ist mein Eigentum. Auch dazu fällt mir ein Gedicht ein. Das schreibe ich Dir aber nicht ab. Es wäre zu lang. Außerdem: Was würdest Du von Deinem Vater denken? (Es ist “Mein Eigentum” von Hölderlin, ein Wegbegleiter.)

Reisen ins Ausland, nur um irgendwelche äußeren Schalen zu sehen, erscheint mir sinnlos. Und um die Schalen zu durchstoßen und ins Innere vorzudringen, fehlen Kraft und Zeit. Das soll aber nur realistisch, nicht resigniert klingen. In die UdSSR, das Land der Erneuerung des Sozialismus, zu fahren, habe ich mir fest vorgenommen.

Ich informiere mich intensiv über die Sowjetunion. Mein rusisch habe ich über Jahre vernachlässigt, so daß es mit Originalliteratur nichts ist. Aber die Moskauer “Neue Zeit” habe ich noch in letzter Minute, gleich nachdem die Perestroika begann, abonniert. Nun ist diese Zeitschrift wohl die wichtigste geistig-politische Quelle für mich geworden (zur Zeit).

Um das Studentenleben 17+3 beneide ich Dich ein wenig. Ich bin Zeit meines Lebens in Schulen, Universitäten und Arbeitsstellen gegangen, wo die Männer eindeutig in der Überzahl waren. Nun seid iIhr also die Hähne im Korb? Ob Dein großer Bruder Cr. – er sagte mir, daß er in Rostock arbeitet – ein Auge auf Dich hat? Daß Du das Studentenleben nicht gar zu lustig nimmst? Ich hatte immer den Eindruck, daß er sich sehr für Dich verantortlich fühlt…”

05. Juli 1989 – das Totschweigen!

Samstag, Juli 4th, 2009

Gestern F. und L. zur Bahn gebracht, nach Rumänien/Bulgarien.

C. erzählte von der kontroversen Diskussion bei der Vorstandstagung des VFF # VFF- “Verband der Film- und Fernsehschaffenden”, wo sie arbeitete # und davon, wie Erich Hahn unter aller Kritik aufgetreten sei.

Heute Agitatorenanleitung im MSAB. Ich bin mal wieder dabei. Denda und Ritter greifen den Bericht M. Dittrichs an (zur “Konterrevolution in Peking”, er selbst ist nicht da.) Ich nehme noch einmal zur Kommunalwahl Stellung. Ich erlebe wieder, (genau wie C. am selben Tag) die Taktik des Nichreagierens der Verantwortlichen, des Totschweigens.

Tiefe moralische Krise unseres Systems!

Hab’ wieder etliche APN-Broschüren gekauft, so auch N. Schmeljow - überzeugende Qualität!

# APN-Broschüren - APN war ein sowjetischer Verlag, der aktuelle politische Materialien fremdsprachig, darunter auch in deutsch veröffentlichte. In Berlin war es möglich, diese Perestroika-Literatur (die inzwischen offiziell verpönt war) im HdSWK, dem “Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur” in der Friedrichstr. zu bekommen. #

 

24. Oktober 1982 – Heidrun; Maxi Wander: “Guten Morgen, Du Schöne”

Samstag, Januar 3rd, 2009

Lesen: “Guten Morgen, Du Schöne”, “Deine Gesundheit”

Der platte Chatterly-Film. Meine Abneigung äußere ich so eindeutig, daß Heidrun sich nur anschließen kann. Aber ein bisschen so geliebt werden möchte sie doch (mit Blumen auf der Haut).

Der Abend brachte ganz deutlich unsere Entfernung zum Ausdruck. Sie leidet sichtbar darunter. Das Spiel der Geschlechter ist für sie diesmal schließlich weitaus befriedigender als je zuvor (bei uns). (Da sie immerfort einen Schuldigen finden muss, findet sie ihn diesmal bei sich.)

Mein armer malträtierter Körper! Es steckt viel “Arbeit” in meinem Tun, von Glück gibt es da nichts zu reden, aber es ist doch ein gesundes Gefühl, sich rechtschaffen sattgefickt zu haben

(Anblick des schlafenden Marcel-Kindes auf der Liege.)

Wichtig gestern im Kino der Vorfilm über Goethes italienische Reise.

# Damals fragte ich mich mit Bedauern, ob ich Italien wohl jemals sehen würde. #

Originalität F.: Das kaputte Auto muss “operiert” werden. Ein Stück Russisch Brot hält er sich als Brille auf die Nase.

Die Protokolle der Maxi Wander sind schon aufschlussreich; jedoch nicht überschätzen! Diesen Monologen fehlt der Widerpart, der Aussagen auch relativieren kann, auf’s Objektive festnageln könnte. Wann sagen die Frauen Wahrheiten und wann Illusionen? – d. i. schwer zu unterscheiden. Das Buch enthält auch ‘ne Menge Klatsch – hart gesprochen. (Und daraus, wie sich Klatsch und Bedeutendes mischen, zieht es seine Lebensnähe.)

 

18. Juli 1982 - Burchard Brentjes, Hans Mottek

Donnerstag, Januar 31st, 2008


[…]
Lesen: Burchard Brentjes:”Völker am Jordan”
Hören: SFB III, Brechts Verhöre in den USA, Nordsee Verschmutzung
[…]
Viel geträumt in der Nacht. Große ausgedehnte Szenarien, Fahren mit Rolf, erst Auto, dann Motorrad, in der Dunkelheit unter konspirativen Bedingungen, große Auseinandersetzungsszene zum Ende des Lehrgangs mit G. Habe keine Lust, mehr davon aufzuschreiben.
Fühle mich wieder schlechter, das Bein brennt. Die Taubheit erfasst alle 4 Zehen und den großen Onkel halb. Ob das von den Bädern und Einreibungen kommt? Das Warten und machtlose Registrieren nervt.

Das Buch von Brentjes entrollt ein großes Panorama. Ich erfahre von Kulturblüten, von denen ich nach wie vor viel zu wenig weiß. Das mal selbst erleben!

# Hier ist eine der seltenen Stellen, wo ich mal eingestehe, daß ich gern reisen würde. Die Felsenstadt Petra, von der Brentjes berichtet, hatte meine Phantasie  angeregt. Allerdings habe ich diese Reise bis heute nicht unternommen. #

Goethe, “West - östlicher Diwan”! Es ist ungemein befreiend, mal über unseren griechisch - römischen Kulturkreis hinaus etwas zu erfahren.
Jetzt hat es für mich einen Inhalt bekommen, wenn Motteks Schwester sagte, Begin sei ein Mystiker. Danach sieht tatsächlich die vorsätzliche Schreckenstat von Dar Yasin aus, die jetzige Blockade Westbeiruts hat etwas davon; ein imperialistischer Politiker, der zugleich in einem historischen Wahn handelt, darin Hitler ähnlich.

# Zu Prof. Dr. Hans Mottek siehe hier. L. hatte den Auftrag für ein Portät von Hans Mottek. Wir blieben darüber hinaus in freundschaftlichem Kontakt. Seine Schwester lebte in Israel. Wir lernten sie bei einem ihrer häufigen Besuche in der DDR kennen und tauschten natürlich intensiv unsere Meinungen aus. #

Borniertheit, Unwissen; Verachtung, nur weil etwas anders ist (die Bauarbeiter und der Barfuß-Mann am U-Bahnhof Thälmann Platz). Das materielle/politische Interesse und nicht die Einsicht!

06. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, Mai 6th, 2007

Übrigens hat mich die Kellnerin gestern mit dem Mittagessen für 5,21 Lewa beschissen wie einen blutigen Anfänger. Aufgemuntert durch die Kellner-Klagen der westdeutschen Tante bin ich noch einmal zu dem Restaurant und habe mir die Speisekarte angesehen, die am Eingang aushing:

Das teuerste aller Fleischgerichte war 2,-Lewa, das teuerste Gericht überhaupt 2,50 Lewa. Mir wurden für mein Fleischgericht 3,20 Lewa berechnet. Der teuerste der Salate war 0,44 Lewa. Mir wurden über 1,- Lewa berechnet.

Heute zum Mittag nicht im Restaurant, sondern in einer der üblichen Schnellgaststätten der Bulgaren für 1,47 Lewa sehr ordentlich gegessen.

Gute deutsche Bücher und zwei Volksliederschallplatten gekauft, Wein, Granatäpfel, Pfirsiche, Eierfrüchte für zu Hause. Blumen hätten sich nicht gelohnt.

Gestern Telegramm nach Hause, da Telefon erfolglos.

Bald muß ich mich darauf umstellen, lauter deutsche Laute um mich zu haben. Sicher werden gleich die im selben Flugzeug fliegenden Reisegruppen (ich bin sehr frühzeitig am Flughafen) anrollen.

Im Land unterwegs hatte ich gedacht, der letzte Tourist in Bulgarien zu sein, aber in Warna waren doch öfter nichtbulgarische Laute zu hören.

 

In der ganzen Zeit habe ich nur dreimal einen Angetrunkenen gesehen, keinmal einen wirklich Betrunkenen.

Die Bulgaren wirken wie ein Volk, das seine großen Widersprüche gelöst hat. Die Wunden früherer Kämpfe scheinen anders als bei uns, SU, BRD usw. nicht nur vernarbt, sondern schon restlos verwachsen, „aufgehoben“. (Klar, daß diese Wunden in der BRD ganz anders „vernarbt“ sind als in DDR oder SU.) Es scheint eine Sicherheit der allgemein anerkannten Werte zu geben, die sich gut ergänzt mit Dynamik, mit dem Verändernwollen und Verändernkönnen.

 

05. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, Mai 6th, 2007

Auch die Tage von Warna gehen dem Ende zu. Drei Tage reichen, waren aber auch nicht vertan. Heute war: Ethnografisches Museum – interessant, aber die lebendige Ethnografie ist mir lieber. (Übrigens: Wir in der DDR zeigen in unseren Heimatmuseen meist im Vordergrund das Leben der armen Leute. Sie zeigen mit großem Nachdruck auch das Leben wohlhabender Leute.)

Römische Festungsmauer, neues römisches Bad – unwillkürlich denkt man, daß unter halb Warna römische Grundmauern liegen, sicher kann man die nicht mehr alle ausbuddeln. Aber wäre nicht doch mehr Akribie bei ihrer Sicherung und Darbietung nötig?

Langes Studium des „ND“ vom 26./27.9. im Park bei schöner Sonne. Dabei zum ersten Mal außerhalb einer Gaststätte so etwas, wie ein leichtes Mädchen gesehen.

Im Restaurant zu Mittag; Ali und Atanas. Der Türke sieht aus wie ein schmuggelnder Seemann, der Bulgare wie ein Seeräuber; ich bin leider nicht aus „FGR“ („BRD“), leider nur „Bruderland“, Ali braucht sofort irgendeinen Apparat, der irgend etwas auf der Erde macht, 2 m - ???

A. und A. machen es gerne mit den Mädchen, das entsprechende Fingerzeichen ist ziemlich international, doch „djewotschki nima“. Ich verstehe: „Mädchen sind zur Zeit rar.“ und sage, „besser in der Saison“. Ali protestiert: Er kann immer, mindestens 2 bis 3 Mal. „Chljab“ (Brot) macht stark, sagt er mit Seitenblick auf mein brotloses Mittag (das 5,20 Lewa kostet).

14.30 Uhr in der Volksoper, Ballett „Coppelia“. Wer Berliner Theater kennt ist halt verwöhnt.

Im Theater Schwatz mit einer alten, apfelhaft aufgefrischten Tante aus bei Wuppertal. Sie kommt schon das achte Mal nach Warna „zum Kuren“. Die drei Wochen kommen sie (zu dieser Jahreszeit) 1180,- WM, davon Kurbehandlung für 280 Lewa (täglich mehr als fünf Stunden Behandlung). So billig hat sie es sonst nirgends, obwohl die Krankenkasse hierher nichts dazu gibt. Aber alles sei teurer geworden (voriges Jahr noch 190,-Lewa für den Arzt) und die Kellner solche Räuber, wie in keinem anderen Land.

In der Ballettvorstellung viele Pioniere mit roten Halstüchern. Sie: „Wie bei uns früher. Die sind wohl gezwungen hier.“

Abends:

Jetzt bin ich „zu Hause“, habe letzte Karten geschrieben, werde etwas essen (immer noch Brot aus Popowo) und mache mich dann fertig zum letzten Abendbummel (einschließlich Versuch Telefonat nach Berlin).

Über mir wird wieder Klavier geübt.

Noch einmal zu bulgarischer „Erotik“: Im Theater: Wie der Coppelius leidenschaftlich erschüttert um die vermeintliche Coppelia wirbt, die sich als Swanilda zu erkennen gibt. Wie er ihr dabei den Hintern packte, war einfach köstlich. er rüttelte richtig an der Arschbacke, wie man bei uns vielleicht an der Schulter rütteln würde, gleichsam: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.“

 

04. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Donnerstag, Mai 3rd, 2007

Frühstück in Warna, in einem Privatquartier, das ich für drei Tage gemietet habe (21 Lewa, 2-Bett-Zimmer). Seit Bahnhof Gorna Orjach. Hat sich Ljonka (25 J.) mit mir bekannt gemacht. Die ganze Fahrt bis Warna geplaudert. Beginnt nun Liebe auf bulgarisch? Meine Lust zu sexuellen Spielchen ist nicht besonders groß, würde sich aber hervorlocken lassen. Sie versichert, Zigeuner und auch Türken seien „plochie, otschen plochie Ljudi“ („schlechte, sehr schlechte Leute“), die nur am Rande von Ortschaften wohnen. Sie ist aus Gabrowo. Mehr darüber später. Jetzt will ich zusehen, daß ich für den 6.10. einen Rückflug kriege, dann ins Puppentheater, dann mit Ljonka treffen.

Abends:

Nichts mit bulgarischer Liebe. Ljonka hat mich versetzt. Dabei hatte sie sich so verhalten, als setze sie voraus, dass jeder Mann jederzeit „Stangenfieber“ habe. (Dabei erinnerte sie mich an Sawwina von ehemals.) Es kam ihr aber wohl weniger darauf an, das Abenteuer zu haben, als vielmehr, mit dem Abenteuer zu spielen. (Das war Sawwina auch wichtig, sie machte dann aber doch Ernst, als sich die Gelegenheit bot.) Oder sie kriegte Angst vor der eigenen Courage.

Damals wie heute jedenfalls das Gefühl, dass sich die Sache nach kurzer Zeit totläuft. Den Leuten fehlt irgendwie eine Dimension. So bleibt mir (ob ich will oder nicht) die Rolle des nicht sehr begeisterten Liebhabers erspart. Auch dem Puppentheater fehlte eine Dimension, laut, grob, unsensibel. Morgen will ich (auch damit der Tag rumgeht) in die Oper. Es gibt „Coppelia“. Am 6.10. dann, 18 Uhr 40, ab nach Dresden.

Vielleicht klappt morgen Abend die Telefonverbindung nach Berlin, um mich entweder für den 6. 10. nachts noch anzukündigen oder bei Ch. W. in Dresden zu übernachten.

Sonst war ich noch im „Aquarium“, wo es eine Fischart gibt, die nur aus Weibern besteht. Der Same verwandter Männchen regt ihre Eientwicklung (ohne Befruchtung) an.

Beeindruckend die römischen Thermen aus dem II. Jahrhundert, allein schon wegen des Ausmaßes der Anlage. Leider wurde ich nicht schlau aus dem Gewirr der Ruinenstücke, die offensichtlich umgebaut, restauriert, umbenutzt, wieder zerstört usw. waren. Von einer sorgfältigen (und umfassenden) Freilegung des römischen Teils kann wohl keine Rede sein. Offensichtlich wären weitere Grabungen nötig. Ich habe mir jedenfalls, was ich bei jedem anderen Touristen verurteilen würde, ein „garantiert echtes Stück“ römischer Therme, 1700 Jahre alt, aufgeklaubt und eingesteckt.

Auch eine Gemäldeausstellung gesehen (vgl. Puppentheater).

Warna scheint die Prachtstadt Bulgariens zu sein. Obwohl Aushängeschild bleibt es doch südländisch-heiter. Wie man den Auto- und Fußgängerverkehr im Zentrum führt, das ist phantasievoll und großzügig verwirklicht.
Das Leben (und besonders Fahren) in Bulgarien ist anscheinend erheblich teurer geworden. (Aus dieser Sicht sieht man erst richtig die relative Stabilität der DDR.) Das Warenangebot erscheint mir reichhaltiger. Ich konnte keine Unruhe unter den Leuten wegen der Teuerung spüren. Für 100 Westmark kriegt man ungefähr 72 Lewa.

Spekulation über die Ursachen der inneren Stabilität Bulgariens:

- die Tradition des nationalen Befreiungskampfes

- die Tradition der Russenfreundschaft

- ein relativ günstiges Verhältnis von Stadt und Land.

(Die Stadt hat das Land sozusagen „im Griff“, führt es, ohne es zu erdrücken. Das Land andererseits orientiert sich an der Stadt, hat aber noch sein relative Selbständigkeit, sein Eigengewicht. Diese Verhältnisse werden nicht so einfach bleiben.) Vielleicht erklärt diese rel. Unabhängigkeit von Stadt und Land die so verschiedenen Antworten zum Zigeuner- und Türkenproblem.

- In den Zigeunern und vielleicht auch in den Türken haben sie ihre Parias, haben sie diejenigen ständig lebendig vor sich, gegenüber denen sie sich als Bulgaren (bei Bedarf sicher einschließlich der Türken) groß, edel, frei, kultiviert usw. fühlen können.


Folgt zum Schluß ein Speisezettel von heute. Das Bier war holländischer Import. (Ein Kilo Weintrauben kostete 0,50 Lewa.)
im Restaurant