Archive for the ‘Bulgarien’ Category

02. Oktober 1989 – ein Sohn-Vater-Briefwechsel in unruhiger Zeit

Samstag, Oktober 17th, 2009

Hallo Vater!

… Zwei Wochen Studium liegen nun schon hinter mir, und es läßt sich alles ganz gut an….Ich habe ja immerhin die Armee hinter mich gebracht. Man ist froh, wenn es vorbei ist, obwohl es mir wirklich nicht schlecht ging. Ich war in Seddin, Nähe Potsdam, und hauptsächlich waren wir bei der Deutschen Reichsbahn im Gleisbau, sind also im Prinzip arbeiten gegangen. Natürlich formt die Armee aber auch, und der Kontakt mit den meist um 3-5 Jahre älteren Kollegen hat mir doch eine Menge gegeben. Bestes Zeichen ist, daß trotz negativer Erfahrungen und Erlebnisse die Zeit doch recht schnell verging. Und nicht zuletzt hatte ich natürlich äußerst günstige Bedingungen für die Heimfahrt. Danach war ich noch 2 ½ Monate arbeiten. Über einen Freund habe ich bei den Theaterwerkstätten der Deutschen Staatsoper begonnen. Ich hatte zwar nur Kulissen zu schieben und sonstige Transportaufgaben zu erledigen, aber es war natürlich ganz interessant.

Und in der letzten Augustwoche bin ich noch nach Ungarn gefahren (und zurückgekommen). 4 Tage Budapest, 3 Tage Balaton, geschlafen auf dem Bahnhof. Budapest war für mich nach 3 Tagen schon so belastend, daß ich merkte, was man an unserem Berlin hat. Laut, voll Verkehr und Hektik und mit wenig Grün. Teuer ist Ungarn für uns ja nun sowieso, mich interessierten nur die Plattenläden. Balaton war dagegen paradiesisch, wenn auch das Wetter schlechter wurde. Vom ganzen Ausreiserrummel hat man dort am allerwenigsten mitbekommen, DDR-Bürger traf man sowieso auf Schritt und Tritt.

Ja und nun hat für mich also das (hoffentlich lustige) Studentenleben begonnen. Deutsch/Englisch-Lehrer in Rostock. 17 Mädchen, 3 Jungen, aber man kann damit leben. Nach zwei Wochen Vorbereitung und Wiederholung unterstützen wir jetzt unsere Landwirtschaft in Form von Kartoffelsortieren. Heute sind wir angekommen in einem Dorf bei Hagenow. Wenn aber die Arbeit so gut ist, wie das Quartier, ist uns nicht bange. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen. Ich mache mir aber keine großen Sorgen. Es ist ja noch der Anfang….”

 891002.jpg

Lieber Cl.!

Über Deinen Brief, mit dem Du eine Menge erzählt hast, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe den Eindruck bekommen, daß Du mit einem freundlichen Realismus an die Dinge herangehst, gleichmütig, ohne gleichgültig zu sein. Was es wohl heißen mag, daß Du Dich so sehr für Platten interessierst? Also nicht für Literatur, gar Lyrik?

Als ich von Deiner Gleisbauarbeit las, fiel mir ein Gedicht von Harald Gerlach ein: “Die Rotte”

Sperrgleis, für die Ramme frei – Leben

geht an uns vorbei: Züge halten, Züge

fahren. Wir sind, wo wir immer waren; ewig

steht für uns auf Halt das Signal. Wir bleiben

alt, eingeschlossenzwischen Schwellen. Schienen

singen. Pfiffe gellen, Warnlaut, gelb

die Flagge winkt. Hüfttief in den Schotter

sinkt, wer es wagt, sich loszureißen von den

ausgefahrnen Gleisen. Endstation. Mit unserm

Schweiß koffern wir das tote Gleis.”

Wüstungen” heißt der Gedichtband von Harald Gerlach, in dem ich etliche Gedichte gefunden habe, die mich berührt haben.

Ich habe von Jugend an bis heute immer Gedichte gelesen. Fast alle lesen in ihrer Jugend Gedichte (oder schreiben gar welche) und hören dann auf, wenn sie erwachsen werden.

In Ungarn war ich noch nie (von einem halben Tag Budapest vor Jahren auf der Durchreise abgesehen).

In Bulgarien war ich übrigens oft und könnte Euch verschiedene Privatadressen vermitteln, wenn Ihr daran interessiert wäret.

In den bulgarischen Boden habe ich sozusagen kleine Wurzeln gesenkt. Das hat sich über etwa 10 Jahre hingezogen. Dieses Reisen hat mich eigentümlich untauglich gemacht für Auslandsreisen. In den letzten Jahren bin ich nur in der eigenen DDR-Heimat herumgekommen (auch nicht mehr Bulgarien). Ich finde es sehr schön hier, wenn auch Vieles schmerzlich ist, aber es ist mein Eigentum. Auch dazu fällt mir ein Gedicht ein. Das schreibe ich Dir aber nicht ab. Es wäre zu lang. Außerdem: Was würdest Du von Deinem Vater denken? (Es ist “Mein Eigentum” von Hölderlin, ein Wegbegleiter.)

Reisen ins Ausland, nur um irgendwelche äußeren Schalen zu sehen, erscheint mir sinnlos. Und um die Schalen zu durchstoßen und ins Innere vorzudringen, fehlen Kraft und Zeit. Das soll aber nur realistisch, nicht resigniert klingen. In die UdSSR, das Land der Erneuerung des Sozialismus, zu fahren, habe ich mir fest vorgenommen.

Ich informiere mich intensiv über die Sowjetunion. Mein rusisch habe ich über Jahre vernachlässigt, so daß es mit Originalliteratur nichts ist. Aber die Moskauer “Neue Zeit” habe ich noch in letzter Minute, gleich nachdem die Perestroika begann, abonniert. Nun ist diese Zeitschrift wohl die wichtigste geistig-politische Quelle für mich geworden (zur Zeit).

Um das Studentenleben 17+3 beneide ich Dich ein wenig. Ich bin Zeit meines Lebens in Schulen, Universitäten und Arbeitsstellen gegangen, wo die Männer eindeutig in der Überzahl waren. Nun seid iIhr also die Hähne im Korb? Ob Dein großer Bruder Cr. – er sagte mir, daß er in Rostock arbeitet – ein Auge auf Dich hat? Daß Du das Studentenleben nicht gar zu lustig nimmst? Ich hatte immer den Eindruck, daß er sich sehr für Dich verantortlich fühlt…”

06. Juli 1989 - politische Krise und persönliche Krise bedingen sich

Montag, Juli 6th, 2009

Ruhiges Gespräch mit C. über das Deprimierende unserer Lebenssituation. (Ihre Kollegin, Frau Schmidt, war in grotesker Weise 1 1/2 Monate in den Kampf um eine Jugoslawien-Reise verwickelt, die ihr nun abgelehnt worden ist. Frau Müller erzählte von einigem Drumherum um den Hausbau für Katharina Witt und erzählte, daß es in Hohenschönhausen Häuser bzw. Wohnungen für Stasi-Angehörige gebe, deren jede mit Sauna ausgerüstet sei.)

C. klagte über Magenschmerzen, sie meinte, aus diesen Gründen. Mir geht es ja ganz ähnlich, wenn ich gegen Beton renne.

Der kürzliche VP-Geburtstag, die Agitatorenanleitung - das Fehlen jeglichen Selbstzweifels bei dieser Nomenklatura. Das Fehlen jeglicher Wahrhaftigkeit. Es läuft darauf hinaus auf das unverblümte Bekenntnis zur Macht. Jedes Mittel ist Recht und wird geheiligt, das die Macht stabilisiert. Absolute Verneinung jeder anderen Position. Massenhaftes offenkundiges Mittel: Das Totschweigen.

Das Trommeln an der Kirche gegenüber der Ackerhalle klingt mir (leider?) wie Musik (auch gestern wieder).

890706.jpg

Was tun? Wo doch fast jedes Tun unmöglich ist.

Möglich ist - Anpassung, Resignation x

- Märtyrer/Kampf xx

- Aussteigen xxx

x Das kann ich nicht wegen Gewissen und F.

xx Das kann ich nicht aus Schwäche und Realismus.

xxx ?

C. erzählte, wie sie eingesetzt werden sollte, um von dem Verbandssekretär Prof. Ulbrich (”PU”), der am Moskauer Filmfestival teilnimmt, früh um 6 Uhr ein Telefonat aus Moskau entgegenzunehmen, mit dem er das Freßpaket anmeldet, das ihm (natürlich auf Verbandskosten) nachgereicht werden soll.

R. will nach Westberlin zu einem Begräbnis fahren. Ich werde ihr Urlaub geben.

In der gestrigen Agitatorenanleitung wurde informiert, daß in diesem Jahr, verglichen mit dem Vorjahr, 50% weniger junge Leute den Weg zur Partei gefunden hätten. Deshalb Honeckers “großzügige Geste”. Es sei nicht gelungen, die Jugendlichen an die Wahlen heranzuführen. Wieder habe man den Fehler “großer Foren” gemacht. (So werden am Schluß die armen Schweine, die “vor Ort” organisieren, noch beschimpft.)

 

# Die Eintragungen dieser Tage geben mir zu denken. Mehr dazu im aktuellen Opablog. #

05. Juli 1989 – das Totschweigen!

Samstag, Juli 4th, 2009

Gestern F. und L. zur Bahn gebracht, nach Rumänien/Bulgarien.

C. erzählte von der kontroversen Diskussion bei der Vorstandstagung des VFF # VFF- “Verband der Film- und Fernsehschaffenden”, wo sie arbeitete # und davon, wie Erich Hahn unter aller Kritik aufgetreten sei.

Heute Agitatorenanleitung im MSAB. Ich bin mal wieder dabei. Denda und Ritter greifen den Bericht M. Dittrichs an (zur “Konterrevolution in Peking”, er selbst ist nicht da.) Ich nehme noch einmal zur Kommunalwahl Stellung. Ich erlebe wieder, (genau wie C. am selben Tag) die Taktik des Nichreagierens der Verantwortlichen, des Totschweigens.

Tiefe moralische Krise unseres Systems!

Hab’ wieder etliche APN-Broschüren gekauft, so auch N. Schmeljow - überzeugende Qualität!

# APN-Broschüren - APN war ein sowjetischer Verlag, der aktuelle politische Materialien fremdsprachig, darunter auch in deutsch veröffentlichte. In Berlin war es möglich, diese Perestroika-Literatur (die inzwischen offiziell verpönt war) im HdSWK, dem “Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur” in der Friedrichstr. zu bekommen. #

 

11. September 1982 – Fernsehen, Literatur, Kunst

Mittwoch, März 5th, 2008

[…] die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel;

[…] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - BZ, BZA, Eule, Magazin

Dante, “Göttliche Komödie” I, Hegel, „Logik“, Strittmatter, “Geschichten aller Ardt”,

[…] Reden mit den Mitpatienten: Thema Straßenbahn, Nahverkehr,

[…] Immer noch rasche Wechsel der Befindlichkeit. Eben ganz schmerzfrei, locker (sofort das schlechte Gewissen), 20 min später (nach Abendessen, kleiner Wäsche) kräftiges Brennen

[…] Erstaunlich, wieviel Werbung die Menschen (meine Mitmenschen hier) hören und sehen! Ebenso, wie gering das Interesse für Sport allgemein und für DDR-Sport im besonderen ist!

sportkanonen.jpg

Seit einigen Tagen ist ein Fernseher im Zimmer. Aus zu großer Entfernung (die im anderen Sinne gerade die richtige ist), sehe ich auf das Geflimmer und den Kreis von Menschen, der sich jenem aussetzt. Die Urmenschen, die ins Lagerfeuer stierten, haben Lebendigeres geschaut. 10-mal gekochtes, getrocknetes, konserviertes, dann wieder elektrisiertes Leben wird da vorgeführt und hemmungslos inhaliert (Mir fällt wirklich kein anderes Wort ein, um die dabei zu beobachtende Teilnahmslosigkeit wiederzugeben („Angeeignet“, „Aufgenommen“ drückt viel zu viel eigene Aktivität aus.) Tote, die auf Totes stieren!

Jedoch:Wie viel Lebendiges trotz allem im täglichen Umgang, in Worten, Gesten, Scherzen, Melodiefetzen – Lebendiges, das sich sogleich wieder mit Erstarrtem, Verkrustetem mischt bzw. mit bestimmten verfestigten Elementen (Jargon z. B., Fetzen aus der Werbung) jongliert.

Summa summarum bin ich ebenso abgestoßen, wie fasziniert, bin kaum bereit und fähig, darüber in Metasprache zu sinnieren, wohl aber komme ich zu einer Art Metaverhalten: angepaßt zwar, weil fast nie protestierend (und das mit Absicht), alles hörend und wenig sprechend, jedoch die Menschen in wenigen („gewissen“) Augenblicken als Menschen ansprechend (also die Schicht des Üblichen durchstoßend). Dies besonders aber bei Frauen (Grit, Monika, „Rudi“, möglichst Evi).

Die „wahren Geschichten aller Ardt“ von Strittmatter gekauft, durchstreift, wieder verkauft an „Rudi“, nein, ihr geschenkt. Viel braucht man dazu nicht zu sagen. Immer läßt sich ein bißchen bei ihm finden: Erleben, Denken, Poesie, Galligkeit. Dafür Dank! Doch auch ‘ne Menge Eitelkeit, Lausitzer Knickrigkeit, die mir das Gefühl gibt, über diese Seite seines Wesens hinaus zu sein. Es trügt, zu glauben, er sei ein so Großer, daß noch sein Abfall bedeutend sei; von Souffleuse Eva zu schweigen. Ihr Nachwort ist ein einziger Kotz.

Wenn ich nun einen Schritt zurücktrete von dieser Lektüre, so erhebt sich neu die Frage: Wohin schreibe ich mit meinem Tagebuch? Diese Frage ist nicht beantwortet. Es eilt auch nicht damit. Aber sie muß bewußt bleiben. Was aufschreiben? Wie aufschreiben? (Was ich aufschreibe ist oftmals - wortreich/geschwätzig, ungeformt (unschön), ich-vordergründig. Es spart manches Üble nicht aus (was andere Tagebuchschreiber machen). Erlebnisse, Sinn paart sich mit (möglicher) systematischer Zeitanalyse. Es sind, so hoffe ich, auch Körnchen Originelles dabei. (Im Magazin 9/82, St. Kurella: „isolierte Graphomanen“)

Triumphieren darf ich (doch das klingt wie Fußballsieg), selig, glücklich darf ich sein, daß der Stern des Dante nun auch für mich aufgegangen ist: Welch ein Bild, um das zögernde Voranschreiten einer Schar schamhaft beglückter Geister auszudrücken („ausdrücken“ - wie häßlich meine Sprache ist):
So wie die Schäflein aus der Hürde kommen

zu zweien oder drein, indes die andren

furchtsam so Aug’ als Schnauze niedersenken,

und was das erste tut, das tun die andren;

einfach und still und das Warum nicht wissend,

stehn sie ihm angedrängt, sobald es stehnbleibt.“

(„Fegefeuer“, 3. Gesang)

Doch wozu schreibe ich das heraus? Mein Lesen ist ein einzig Wandern von Schönheit zu Schönheit, zu hoher menschlicher Schönheit! Das heißt zu der Schönheit, die mit dem Guten eins ist. Wie dumm und in unseren Zeitwidersprüchen befangen sind alle Meinungen, die Schönheit von Güte, Ästhetik von Ethik, Kunst vom sozialen Kampf, von Politik trennen wollen! Ich wußte das immer. Doch welch eine Bestätigung sind die Jahrtausendwerke der Menschheit, zu denen ich mich hinaufarbeite. (Man lächle über meinen Stolz.) - „Odyssee“, „Göttliche Komödie“, „Faust“.

Gestern ein erster ruhiger Blick auf L.s Studien aus Warwara.

# Warwara - ein Dorf an der südlichen Schwarzmeerküste Bulgariens, von L. und mir bei einer Tramp-Reise 1976 entdeckt und seitdem Jahr um Jahr von L. zum Erholen und Arbeiten (Zeichnen) aufgesucht. #

Von vielen bin ich wieder sehr angetan. Farbigkeit und Strichführung finde ich „heftiger“, „Leidenschaftlicher“ (schärfer?). Die Beherrschung der technischen Mittel (Farbe, verschiedene Arten des Kohlestrichs) wirkt ganz selbstverständlich. Natürlich fesselt auch wieder die Exotik, jedoch sind Skizzen dabei, in denen die Gesichter und Haltungen (und auch Landschaften) sehr viel mehr als nur exotisch sind; mal eine Erinnerung an Barlach. Auch zwei rührende Zeichnungen von F.

 

 

06. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, Mai 6th, 2007

Übrigens hat mich die Kellnerin gestern mit dem Mittagessen für 5,21 Lewa beschissen wie einen blutigen Anfänger. Aufgemuntert durch die Kellner-Klagen der westdeutschen Tante bin ich noch einmal zu dem Restaurant und habe mir die Speisekarte angesehen, die am Eingang aushing:

Das teuerste aller Fleischgerichte war 2,-Lewa, das teuerste Gericht überhaupt 2,50 Lewa. Mir wurden für mein Fleischgericht 3,20 Lewa berechnet. Der teuerste der Salate war 0,44 Lewa. Mir wurden über 1,- Lewa berechnet.

Heute zum Mittag nicht im Restaurant, sondern in einer der üblichen Schnellgaststätten der Bulgaren für 1,47 Lewa sehr ordentlich gegessen.

Gute deutsche Bücher und zwei Volksliederschallplatten gekauft, Wein, Granatäpfel, Pfirsiche, Eierfrüchte für zu Hause. Blumen hätten sich nicht gelohnt.

Gestern Telegramm nach Hause, da Telefon erfolglos.

Bald muß ich mich darauf umstellen, lauter deutsche Laute um mich zu haben. Sicher werden gleich die im selben Flugzeug fliegenden Reisegruppen (ich bin sehr frühzeitig am Flughafen) anrollen.

Im Land unterwegs hatte ich gedacht, der letzte Tourist in Bulgarien zu sein, aber in Warna waren doch öfter nichtbulgarische Laute zu hören.

 

In der ganzen Zeit habe ich nur dreimal einen Angetrunkenen gesehen, keinmal einen wirklich Betrunkenen.

Die Bulgaren wirken wie ein Volk, das seine großen Widersprüche gelöst hat. Die Wunden früherer Kämpfe scheinen anders als bei uns, SU, BRD usw. nicht nur vernarbt, sondern schon restlos verwachsen, „aufgehoben“. (Klar, daß diese Wunden in der BRD ganz anders „vernarbt“ sind als in DDR oder SU.) Es scheint eine Sicherheit der allgemein anerkannten Werte zu geben, die sich gut ergänzt mit Dynamik, mit dem Verändernwollen und Verändernkönnen.

 

05. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, Mai 6th, 2007

Auch die Tage von Warna gehen dem Ende zu. Drei Tage reichen, waren aber auch nicht vertan. Heute war: Ethnografisches Museum – interessant, aber die lebendige Ethnografie ist mir lieber. (Übrigens: Wir in der DDR zeigen in unseren Heimatmuseen meist im Vordergrund das Leben der armen Leute. Sie zeigen mit großem Nachdruck auch das Leben wohlhabender Leute.)

Römische Festungsmauer, neues römisches Bad – unwillkürlich denkt man, daß unter halb Warna römische Grundmauern liegen, sicher kann man die nicht mehr alle ausbuddeln. Aber wäre nicht doch mehr Akribie bei ihrer Sicherung und Darbietung nötig?

Langes Studium des „ND“ vom 26./27.9. im Park bei schöner Sonne. Dabei zum ersten Mal außerhalb einer Gaststätte so etwas, wie ein leichtes Mädchen gesehen.

Im Restaurant zu Mittag; Ali und Atanas. Der Türke sieht aus wie ein schmuggelnder Seemann, der Bulgare wie ein Seeräuber; ich bin leider nicht aus „FGR“ („BRD“), leider nur „Bruderland“, Ali braucht sofort irgendeinen Apparat, der irgend etwas auf der Erde macht, 2 m - ???

A. und A. machen es gerne mit den Mädchen, das entsprechende Fingerzeichen ist ziemlich international, doch „djewotschki nima“. Ich verstehe: „Mädchen sind zur Zeit rar.“ und sage, „besser in der Saison“. Ali protestiert: Er kann immer, mindestens 2 bis 3 Mal. „Chljab“ (Brot) macht stark, sagt er mit Seitenblick auf mein brotloses Mittag (das 5,20 Lewa kostet).

14.30 Uhr in der Volksoper, Ballett „Coppelia“. Wer Berliner Theater kennt ist halt verwöhnt.

Im Theater Schwatz mit einer alten, apfelhaft aufgefrischten Tante aus bei Wuppertal. Sie kommt schon das achte Mal nach Warna „zum Kuren“. Die drei Wochen kommen sie (zu dieser Jahreszeit) 1180,- WM, davon Kurbehandlung für 280 Lewa (täglich mehr als fünf Stunden Behandlung). So billig hat sie es sonst nirgends, obwohl die Krankenkasse hierher nichts dazu gibt. Aber alles sei teurer geworden (voriges Jahr noch 190,-Lewa für den Arzt) und die Kellner solche Räuber, wie in keinem anderen Land.

In der Ballettvorstellung viele Pioniere mit roten Halstüchern. Sie: „Wie bei uns früher. Die sind wohl gezwungen hier.“

Abends:

Jetzt bin ich „zu Hause“, habe letzte Karten geschrieben, werde etwas essen (immer noch Brot aus Popowo) und mache mich dann fertig zum letzten Abendbummel (einschließlich Versuch Telefonat nach Berlin).

Über mir wird wieder Klavier geübt.

Noch einmal zu bulgarischer „Erotik“: Im Theater: Wie der Coppelius leidenschaftlich erschüttert um die vermeintliche Coppelia wirbt, die sich als Swanilda zu erkennen gibt. Wie er ihr dabei den Hintern packte, war einfach köstlich. er rüttelte richtig an der Arschbacke, wie man bei uns vielleicht an der Schulter rütteln würde, gleichsam: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.“

 

04. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Donnerstag, Mai 3rd, 2007

Frühstück in Warna, in einem Privatquartier, das ich für drei Tage gemietet habe (21 Lewa, 2-Bett-Zimmer). Seit Bahnhof Gorna Orjach. Hat sich Ljonka (25 J.) mit mir bekannt gemacht. Die ganze Fahrt bis Warna geplaudert. Beginnt nun Liebe auf bulgarisch? Meine Lust zu sexuellen Spielchen ist nicht besonders groß, würde sich aber hervorlocken lassen. Sie versichert, Zigeuner und auch Türken seien „plochie, otschen plochie Ljudi“ („schlechte, sehr schlechte Leute“), die nur am Rande von Ortschaften wohnen. Sie ist aus Gabrowo. Mehr darüber später. Jetzt will ich zusehen, daß ich für den 6.10. einen Rückflug kriege, dann ins Puppentheater, dann mit Ljonka treffen.

Abends:

Nichts mit bulgarischer Liebe. Ljonka hat mich versetzt. Dabei hatte sie sich so verhalten, als setze sie voraus, dass jeder Mann jederzeit „Stangenfieber“ habe. (Dabei erinnerte sie mich an Sawwina von ehemals.) Es kam ihr aber wohl weniger darauf an, das Abenteuer zu haben, als vielmehr, mit dem Abenteuer zu spielen. (Das war Sawwina auch wichtig, sie machte dann aber doch Ernst, als sich die Gelegenheit bot.) Oder sie kriegte Angst vor der eigenen Courage.

Damals wie heute jedenfalls das Gefühl, dass sich die Sache nach kurzer Zeit totläuft. Den Leuten fehlt irgendwie eine Dimension. So bleibt mir (ob ich will oder nicht) die Rolle des nicht sehr begeisterten Liebhabers erspart. Auch dem Puppentheater fehlte eine Dimension, laut, grob, unsensibel. Morgen will ich (auch damit der Tag rumgeht) in die Oper. Es gibt „Coppelia“. Am 6.10. dann, 18 Uhr 40, ab nach Dresden.

Vielleicht klappt morgen Abend die Telefonverbindung nach Berlin, um mich entweder für den 6. 10. nachts noch anzukündigen oder bei Ch. W. in Dresden zu übernachten.

Sonst war ich noch im „Aquarium“, wo es eine Fischart gibt, die nur aus Weibern besteht. Der Same verwandter Männchen regt ihre Eientwicklung (ohne Befruchtung) an.

Beeindruckend die römischen Thermen aus dem II. Jahrhundert, allein schon wegen des Ausmaßes der Anlage. Leider wurde ich nicht schlau aus dem Gewirr der Ruinenstücke, die offensichtlich umgebaut, restauriert, umbenutzt, wieder zerstört usw. waren. Von einer sorgfältigen (und umfassenden) Freilegung des römischen Teils kann wohl keine Rede sein. Offensichtlich wären weitere Grabungen nötig. Ich habe mir jedenfalls, was ich bei jedem anderen Touristen verurteilen würde, ein „garantiert echtes Stück“ römischer Therme, 1700 Jahre alt, aufgeklaubt und eingesteckt.

Auch eine Gemäldeausstellung gesehen (vgl. Puppentheater).

Warna scheint die Prachtstadt Bulgariens zu sein. Obwohl Aushängeschild bleibt es doch südländisch-heiter. Wie man den Auto- und Fußgängerverkehr im Zentrum führt, das ist phantasievoll und großzügig verwirklicht.
Das Leben (und besonders Fahren) in Bulgarien ist anscheinend erheblich teurer geworden. (Aus dieser Sicht sieht man erst richtig die relative Stabilität der DDR.) Das Warenangebot erscheint mir reichhaltiger. Ich konnte keine Unruhe unter den Leuten wegen der Teuerung spüren. Für 100 Westmark kriegt man ungefähr 72 Lewa.

Spekulation über die Ursachen der inneren Stabilität Bulgariens:

- die Tradition des nationalen Befreiungskampfes

- die Tradition der Russenfreundschaft

- ein relativ günstiges Verhältnis von Stadt und Land.

(Die Stadt hat das Land sozusagen „im Griff“, führt es, ohne es zu erdrücken. Das Land andererseits orientiert sich an der Stadt, hat aber noch sein relative Selbständigkeit, sein Eigengewicht. Diese Verhältnisse werden nicht so einfach bleiben.) Vielleicht erklärt diese rel. Unabhängigkeit von Stadt und Land die so verschiedenen Antworten zum Zigeuner- und Türkenproblem.

- In den Zigeunern und vielleicht auch in den Türken haben sie ihre Parias, haben sie diejenigen ständig lebendig vor sich, gegenüber denen sie sich als Bulgaren (bei Bedarf sicher einschließlich der Türken) groß, edel, frei, kultiviert usw. fühlen können.


Folgt zum Schluß ein Speisezettel von heute. Das Bier war holländischer Import. (Ein Kilo Weintrauben kostete 0,50 Lewa.)
im Restaurant

3. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, April 29th, 2007
Frühmorgens Sonnenschein. Ich suche nach einer Busverbindung in die Berge. Erst 15 Uhr würde ein Bus van W. Tarnowo nach Gurkowo/Nikolajew fahren. Ich kaufe mir Fahrkarten nach Warna – ca. 7 Lewa, bin erkältet.
Die Flugzeuge nach Burgas verkehren z. Z. leider nicht mehr.
Jetzt auf dem Bahnhof, 11 Uhr ab G. O., an Warna gegen 15 Uhr.
				

2. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, April 29th, 2007
Es ist gleich 9 Uhr, eben gefrühstückt, in Antonowo, wo ich Zwischenstation mache, hoffentlich nicht festsitze. Denn gegen 11 oder 12 Uhr soll ein Bus aus Omurtag nach Weliko Tarnowo fahren, und mit dem ist erstmal mitzukommen. Habe mich entschlossen über W. Tarnowo ins Balkangebirge zu starten, denn sowohl das Wetter als auch meine Geschenklast verlocken nicht dazu, sich in große Abenteuer in der Wildnis zu stürzen.
Vorhin herzlicher Abschied von der ganzen Familie. Ismets Eltern sind bescheidene, herzliche Leute. Wir sollen alle, ganze Familie, für länger zu Besuch kommen.
Gestern noch fröhlicher Abend bei Kobrinka und Stefan, nachdem vorher bei Achmed reingeschaut. (Achmeds Schwester Emine, die immer im flotten roten Trainingsanzug rumläuft – sie trainiert 400m Leichtathletik – setzt sich ungehemmt an den Tisch der Männer und kriegt und trinkt auch ihr Gläschen Rakija.) Achmeds Vater, der auch noch dazu kommt, fragt, ob ich ihn wiedererkenne. „Nein“. Er sagt, ihn habe ich zuerst gefragt, bei meiner Ankunft im Dorf vor zwei Tagen, wo Ismet Kadirow wohne. Ich erinnere mich. Er hatte es mir nicht gesagt. Ich: Wenn er mir den Weg gezeigt hätte, hätte ich ihn sicher wieder erkannt. Dies Verhalten charakterisiert diese ganze Familie. Sie scheinen abwartend, beobachtend, ehrgeizig zu sein.
Bei Kobrinka (Stoitschews), wie gesagt, war es sehr fröhlich. Ihr Mann ist eine besondere Type, wie überhaupt die ganze Familie interessante Leute sind. Sie ist Russischlehrerin, er Kraftfahrer. Zwetomir („Blüte“) besucht die 6. Klasse. So wie er heißt, sieht er auch aus und ist der Stolz der Eltern.
Zwetomir
Er bastelt gern Modelle. Sie haben zwei Zimmer, leben also nicht so beengt, wie fast alle anderen Leute hier. Sie tanzen gerne. Der Plattenspieler spielte griechische Lieder. Den Raki destillieren sie selbst (aus Pflaumen), was seit 2 Jahren erlaubt ist. Bienenhonig haben sie auch selber. Was Kobrinka kocht, schmeckt gut, z. B. Würstchen mit Schafskäse überbacken, Reis sehr schmackhaft.
Das Rezept für Reiswein interessiert sie, wie schon Stefan und Drenka.
Stefan Stoitschew trinkt gerne, reichlich und ohne dazu etwas zu essen (was unüblich ist). Er ist lustig, verschmitzt, männlich – “spokoini” - („In der Ruhe liegt die Kraft.“), interessanter aber passender Gegensatz zu Kobrinka.
Wir saßen gemeinsam mit dem jungen Kadir, Salim und Ismigül, von 19.30 Uhr bis nach 23 Uhr zusammen. Das ist viel, nach 22 Uhr ist schon außergewöhnlich.
Im allgemeinen verstehen sie, ein Ende zu finden, beim Trinken ebenso wie beim Feiern. Das hängt mit der Ungezwungenheit ihrer Geselligkeit zusammen, diese läßt sie spüren, wann es genug ist. Sie fühlen sich nicht verpflichtet, Müdigkeit zu überspielen. Im Gespräch wirken Salim (29) und Stefan (Ende 30) wie Vater und Sohn. Stefan ist mehr Persönlichkeit.
Spekulation:
Vielleicht sind die Türken, eben auch die Männer, überhaupt weniger Persönlichkeit, weil eben das weibliche Ferment viel zu sehr in seine dienende Rolle gedrängt und darauf beschränkt ist. Auch hier wäre demnach die Befreiung der Frau auch die wirkliche Befreiung des Mannes. Möglich, daß die jungen Leute (Emine) hier ein Stück weitergehen. Jedenfalls erzählt man, daß sie schon frühzeitig (mit 14, 15 Jahren) anfangen zu rauchen und zu trinken.
Soviel von Slawjanowo.
Ich fühle mich, nachdem ich hier seit einer Stunde ruhig sitze, doch recht abgespannt. Eine lange ruhige Nacht bestens Schlafes täte mir gut.
Leider dauernd leichte Zahnschmerzen und wüste träume in der Nacht:
Ich kriege einen Telefonanruf von einem Igor…., meine Frau sei tot, zerrissen worden, es habe in der Zeitung gestanden, sie sei mit einem Moto-Cross-Fahrer zusammengeraten, es war wohl eher ein Unfall. Ich brülle auf. Im Laufe meiner Schmerzbekundungen wird mir bewußt, daß nicht von L., sondern von Christel (meine geschiedene Ehefrau) die Rede ist. Ich brülle nicht mehr, obwohl ein Kummergefühl bleibt, in diesem Moment aufgewacht, mein erster Gedanke: Was wird nun mit den Kindern? Dann schlafe ich wieder ein und komme in mein Zimmer, irgendwelche Trauervorbereitungen zu treffen, als ich sehe, daß dort etliche Maurer am Werk sind, die Wände aufstemmen, weil sie neue elektrische Leitungen verlegen wollen….
Jetzt geht es auf 10 Uhr. Ich werde mich nach draußen zum Busbahnhof begeben, wo es ungemütlich kalt ist, und ein oder zwei Stunden auf den Bus warten.
Noch kann ich mich entscheiden, nach links – Weliko Tarnowo oder nach rechts – Omurtag, Kotel.
Abends (noch 2.10.):
Die Entscheidung lautete Gorna Orjachowitsa. Diesen Bus hatte mir die Fahrkartenverkäuferin empfohlen, weil dieser Ort nahe W. Tarnowo liegt. Das war nach zwei Stunden Warten in lausiger Kälte (den Pullover rauszukramen, war ich zu lustlos), draußen strömender Regen den ganzen Vormittag. Im Warteraum nur Türken und Zigeuner, Männer, Frauen, Kinder. Mir gegenüber zurückhaltend, die wenigen Worte aber, die wir wechseln, drücken Freundliches und Hilfsbereitschaft aus. Das war eine Menschengalerie, wie man sie bei uns einfach nicht zu sehen kriegt.
Gorna Orjachowitsa ist übrigens die Bahnstation, wo einst, am Montag (es kommt mir vor, wie eine Woche zurück) der Bulgare mit dem Dudelsack einstieg. Es ist die 2. Station vor Popowo.
Im Bus hierher reifte mein Entschluß, die Bergtouren bei diesem Wetter abzublasen. Gegen Kälte könnte ich mich ja noch schützen, gegen Dauerregen aber nicht, und selbst, wenn er aufhört, ist ja von unten alles naß. Und auch das Gewicht macht doch etliche Rasten erforderlich, bei denen man sich einfach ins Gras haut. Also Urlaub verkürzen, denn auch das Meer reizt jetzt natürlich nicht. Wenn ich aber sowieso versuchen muß, einen anderen Rückflug zu kriegen, dann kann ich das auch in Warna versuchen, das ich jetzt viel leichter erreichen kann als Burgas.
Daher sitze ich jetzt im Hotel von Gorna Orch. (diesselbe Atmosphäre wie einst im Hotel von Smoljan) um morgen mit der “Wljak” (Eisenbahn) nach Warna zu fahren.
Heute nachmittag Abstecher nach W. Tarnowo (jede Viertelstunde fährt ein Bus), Eindruck vom Städtchen gekriegt.
Zum ersten Mal auch ein paar Bulgarinnen gesehen, die rundum hübsch waren. (Bisher war der größte sexuelle Eindruck dieser Reise eine große Frau mit schönen Brüsten, die sie frei unter ihrem Pullover trug – an der Weißenseer Spitze in Berlin.)
Reichlich 10 Lewa kostet das Zimmer, mit Zuschlägen und Frühstück 13 Lewa. Jetzt ist es gleich 19 Uhr und ich haue mich zum Schlafen hin.
				

1. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Mittwoch, April 25th, 2007
Kadir (53) und Hatike (50) sind Vater und Mutter Kadirow.

Rebschet (29), das älteste ihrer Kinder arbeitet in Madan.

Ismet Kadirow (26 oder 27) ist mit Sabiha verheiratet. Sie haben die Kinder Schirin (4) und Gülschan (2).

Ismigül ist mit Salim (29) verheiratet und hat die Kinder Dschefret, Jüner und Seki.

Nefise (23) ist mit Achmed verheiratet. Sie ist schwanger. Außerdem gibt es da noch die Schwester von Achmed, die Emine heißt und 12 J. alt ist.

Und schließlich ist da noch Kadir (16), der jüngste Sohn des alten Paares.

Außerdem schwirrt da noch Zwetomir (13) herum, der Sohn von dem Nachbarpaar Kobrinka und Stefan, die Bulgaren sind.

Die vielen Namen sagen deutlich genug, daß ich nun bei den Kadirows gelandet bin. Leider ist Ismet für 6 Monate seit August in der Sowjetunion, als Schweißer auf dem Bau, im Gebiet Tjumen, wo er 600 Lewa verdient.

Nach anfänglicher Ratlosigkeit der jungen Frauen werden wir miteinander bekannt, die Geschenke lassen sie auftauen, und an Hand der Photographien werde ich identifiziert.

(L. und ich hatten Ismet Kadirow zwei Jahre zuvor während unserer zweiten Bulgarienreise kennen gelernt. Wir hatten Quartier in einem kleinen Rhodopendorf genommen, in einer Gegend, in der viele Türken und Pomaken wohnten. (Pomaken sind Bulgaren, die eine türkische Lebensweise angenommen haben.) Während einer Wanderung hörten wir fröhliche Klarinetten- und Dudelsackmusik. Wir gingen der Musik nach und landeten bei einem frei an einem Berghang stehenden Gehöft, in dem eine türkische Hochzeit gefeiert wurde. Es waren hunderte Gäste und Schaulustige anwesend. Wir wurden als gleichsam vom Himmel geschickte, unerwartete Gäste mit vielen Ehren empfangen und waren bald mittendrin im Feiern. Dabei lernten wir einen fröhlichen jungen Musikanten, ebenfalls einen Gast, näher kennen. Es war Ismet, der früher auch hier gewohnt hatte, dann weggezogen und jetzt zu Besuch gekommen war. Am nächsten Tag gingen wir noch einmal zu dem dreitägigen Fest, jetzt mit Geschenken bewaffnet. Dem Musikanten Ismet (Klarinette und Saslan) schenkten wir unsere Flöte und eine Mundharmonika. Seine schier überwältigenden Freudenäußerungen habe ich noch heute in Auge und Ohr. Wir tauschten die Adressen und verabredeten, ihn später einmal zu besuchen. Später, von Berlin aus, schickten wir auch einige Fotografien.)

Stolz berichten sie gleich, daß Ismet über Radio Sofia gesungen habe, und sie spielen mir Bandaufnahmen von ihm vor.

Es kommt Vater Kadir, der Plattenleger beim Wegebau ist. Wir essen Mittag. Er zeigt den Garten, mit vielem Wein, Paprika, Mais, Kürbis, Eierfrüchten usw.

Und als ich glaube, langsam aufbrechen zu müssen (Die Unterhaltung fließt recht schleppend, schon wegen der Sprachschwierigkeiten, Kadir spricht nur wenig bulgarisch.), lädt er mich zum Übernachten ein.

Rundgang durch Slawjanowo, das ganz schön groß ist, zwischen Dorf und kleinem Städtchen.

L. würde ihre Motive finden, sowohl im Dorf, als auch in der Umgebung.

Abends kommt die ganze Familie zusammen. Die Männer sitzen in der „guten Stube“ am Tisch beim Rakija, und die Frauen schwirren drumherum. An den Tisch setzt sich später noch die Bulgarin Kubrinka, die Russischlehrerein ist. Sie hat Ismets Briefe an uns aufgesetzt. Atmosphäre wie einst in den Rhodopen. Von dort sind die Kadirows zugezogen, vor 10 Jahren, aus Jabolkowez, weil dort das Leben allzu mühsam war. Hier gibt es zwar auch nicht mehr Geld, aber im Garten wächst dafür alles reichlich. Das Anwesen hier haben sie für 4000 Lewa gekauft. Vater Kadir hatte immerhin für sechs Kinder zu sorgen. Jetzt werden sie langsam flügge. Neben den Eltern Kadir, besonders der Frau, schämt man sich fast, mit 40 noch so jung auszusehen.

In der Unterhaltung bestätigen Türken und Bulgarin, daß sie gut miteinander auskommen. Wenn nicht, seien das seltene Ausnahmen. Hochzeiten zwischen Türken und Bulgaren seien aber selten.

Türkisch wird nicht mehr in der Schule gelehrt. Es gibt aber Zeitungen, die teils türkisch sind. Kadir meint, es gäbe knapp 2 Millionen Türken in Bulgarien. Er würde gerne mal die Türkei besuchen, hat einen Bruder dort. Leben wollen sie aber nicht in der Türkei, wegen des politischen Terrors dort.

Er spielt etwas auf der Flöte, die wir Ismet geschenkt haben. Sie ist schon ganz abgenutzt.

Dann wetteifern Achmed, Salim und Kobrinka, mich für den nächsten Abend einzuladen. Ich muß den Tag noch bleiben, 14 Uhr Pilze suchen mit Kubrinka, 17 Uhr bei Achmed, 19 Uhr bei Kubrinka. Am liebsten sollte ich bei jedem einen Tag wohnen und übernachten. Daß ich weiter will, um das Balkangebirge und die Leute dort kennen zu lernen, überzeugt sie.

Achmed lädt mich mit Frau und Kind hierher ein. Er will mit Ismet zusammen in zwei Jahren uns in Berlin besuchen. Er trinkt ziemlich viel, die anderen nicht. Auch Ismet soll nicht viel trinken.

Die Tischsitten sind auch an den normalen Tagen so, wie wir sie aus den Rhodopen schon kennen.

Die Frauen sind wegen der kleinen Kinder zu Hause. Ismigül ist Melkerin, Sabiha ist Schneiderin.

Wenn die Männer an ihrer Tafel gar zu lange mähren, dann werden die Frauen auch energischer, und die Männer richten sich danach.

Zum Schluß des Essens kommt der Dankesrülpser. Dazu konnte ich mich bisher nicht überwinden, obwohl ich ihn „drauf hatte“.

Es scheint so, als ob diese Familie hier recht harmonisch zusammenlebt.

Es ist doch interessant, wie die Menschen mit dem modernen Leben zu tun haben (Hier gibt es Eisenbahn, moderne Rindergroßställe, eine Fabrik, Fernsehen sowieso, Kino, Krankenhaus, zwei Schulen, dorthin gehen sie 11 Klassen.), und wie sich ihre Lebensweise, ihre Mentalität, ihre Sitten doch andererseits nur sehr langsam ändern. Andereseits: Warum sollten sie auch? Wer sagt denn, daß unsere Sitten das Beispiel dafür sind, wie ein modernes Leben aussehen muß. Die Sofioter Bekannten sind das Beispiel dafür, daß sie, sobald sie die Chance haben durch Streben etwas zu erreichen, auch nur in die Richtungen streben (Auto, Datsche, Jeans, Schrankwand), die uns bekannt sind und uns anöden.

Das einzige, was hier gar nicht in die Harmonie paßt, ist das Wetter. Fast jeden Tag regnet es, immer windig und kalt.