Montags im Zug von Sofia nach Popowo. (Das ist die Strecke nach Warna.) Zum ersten Male für mich.
Bisher „geht alles seine Gang“. Der rechte Spaß stellt sich noch nicht ein.
Sonnabend und Sonntag war ich (bzw. sie mit mir) mit Stefan und Denka auf ihrer kleinen Datsche. Danach und nach den vielen Hin- und Herbesuchen war ich gestern abend völlig kaputt. Heute geht es schon wieder besser. Heute abend gehe ich aber noch nicht zu Ismet, sondern schlafe im Zelt, um das einmal auszuprobieren, und vor allem, um einmal allein zu sein, denn bei Kadirows dreht sich bestimmt wieder die Besuchsmühle.
Das Wetter ist in diesen Tagen herbstlich. Die Sonne scheint durch einen Dunstschleier, außer mittags kraftlos. Der Nachtwind ist kräftig und kalt.
Denka und Stefan waren sehr freundlich und immer um mich bemüht.
Auf ihrer Datsche großes Paprika Einkochen. Die Schoten werden entkernt, auf einem Blech am offenen Feuer geröstet, enthäutet, gesalzen, über Nacht stehen gelassen, fast ohne Luft dazwischen in Gläser geschichtet (mit etwas Petersilie) und 15 min eingekocht (auch das am offenen Feuer).
Außerdem Drenki gesammelt (Das sind Kornelkirschen.) Werde versuchen, sie im Garten zu ziehen. Damit einstmals die Sämlinge zu erkennen sind, sind hier einige Blätter eingepreßt.
Der Zug fährt übrigens von Sofia aus nach Norden durch ein Flußtal und eine abwechslungsreiche Bergwelt, elektrisch bis Warna. Jetzt hält er gerade in Svoge. Der Fluß heißt übrigens Iskir, und die Berge sind bis 1500m, viele kurze Tunnel.
Weiter von der Datsche: Alle Nachbarn vertragen sich gut, sitzen zusammen und palavern und ermuntern sich „na rabotu“ („Zur Arbeit!“), wonach sich aber keiner erhebt.
Wir trinken Rakija oder ihren süßen Kaffee oder jungen Fruchtwein. Aber alles in Maßen. Obwohl sie immer Zeit haben für ein Schwätzchen, sind sie eigentlich doch emsig tätig, die zwei Tage ohne Pause durch.
Ein Nachbar ist Oberst, wie man gleich erfährt. Er ist noch neu dort. Die andern sind u.a. Tanko und Ivanka mit den Kindern Diana und Silvia, die Großeltern, sowie die alte Wesa, kraftvolle, freundliche Oma, die gerne gibt. Sie macht einen guten Pflaumennektar (Pflaumen kochen, durchschlagen, gleiche Menge Zucker dazu, aufkochen, in Flaschen füllen.). Wir fachsimpeln über Gartengewächse, „Jagudi“- Erdbeeren, „Malini“ - Himbeeren, „Karpini“ - Brombeeren, „Tschereschtschi“ - Süßkirschen, „Tjuja“(?) - Quitten, „Praskowi“ - Pfirsiche, „Kassis“ - schwarze Johannisbeeren, „franzie Großdi“ - rote Johannisbeeren, „nemzie Großdi“ - Stachelbeeren, „Fedanka“ - Setzlinge.
Ein kleines Kloster, mehr eine Ruine, ist auch dort in der Nähe von Bankja, wo die Datsche ist.
Übrigens machte Denka ein schmackhaftes Paprikagemüse aus den gerösteten Schoten, die mit verquirltem Ei und Schafskäse aufgebacken wurden.
Gestern abend wir alle bei Tanko und Ivanka. Stefan erzählt munter, daß Hitler im Recht war, Zigeuner und Juden umzubringen. Ich glaubte, nicht verstanden zu haben, wollte es nicht verstanden haben und sagte das auch. Tanko (Er arbeitet irgendwo im Verwaltungsbereich der Akademie der Wissenschaften.) schwächte schnell ab. Politik interessiere sie nicht, sein bester Freund sein ein Zigeuner. Diese Reaktion aber erst auf meine Reaktion. Betretenheit.
Es sind halt sonnige Gemüter mit einem guten Schuß nationaler Überheblichkeit gegenüber Zigeunern und Türken.
Heute früh zeigte mir Stefan seinen Betrieb, wo sie Küken-Brutschränke bauen. 30-40 Leute bauen pro Monat ca 15 solcher Schränke für 9000 Lewa das Stück, handwerklich.
Eine Zigeunerin auf der Treppe ist nicht nur Scheuerfrau, sondern hat auch das Benehmen eines Aschenputtels gegenüber dem Herrn Stefan.
In jeder Datsche übrigens (Stefan, Tanko, Wesa) ein oder mehrere große kolorierte Fotos – etwa österreichische Erotik (Operette) der Jahrhundertwende oder Sex-Poster der heutigen Zeit (aber keine krasse Pornografie).
Gespräche anstrengend. Russisch nicht können und dann den möglichen russischen Klang bulgarischer Rede erfassen, d.i. schwierig, zumal allein, wo es keine Möglichkeit gibt, mal in Vertrautes auszupendeln.
Hoffentlich wächst meine Entdeckerlust, wenn ich in die Berge komme. Leider fühle ich mich auch körperlich nicht 100% fit.
Abend:
Schnell, solange das Licht noch reicht, ein kurzer Heldenbericht. Popowo liegt nun schon 1,5 Std. Rucksacktragezeit hinter mir. Mit den vielen Geschenkbutilki und -konservi kam ich mir wie ein bulgarischer Lastesel vor.Vor mir liegt ein Ort, wohl schon Slawjanowo, Zelt ist aufgestellt. Ich höre Autos, Grillen, Eisenbahn, Schafe und Hunde. Jetzt ans Abendessen, denn Brot und Wein habe ich in Popowo noch gefaßt. Luft kühl aber windstill. Es ist 18.30 Uhr. Gedanken domoi.