Archive for the ‘deutsch’ Category

03. Dezember 1989 - zwei Flugblätter der SDP

Sonntag, Dezember 6th, 2009

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Der Rundfunk (West) meldete Kulturminister Keller habe Rücktritt des Politbüros gefordert, Hungerstreik in Bautzen I,

C., die sich zu ihrer Frauenveranstaltung (Volksbühne) 10.00 Uhr fertig machte, überraschte mich soeben mit der Frage, ob ich gerne einen Kakaokuchen, d.h.einen sog. “kalten Hund” möchte. Auf diese indirekte Art erfahre ich, daß sie erst nachmittags zurückzukommen gedenkt. (Ich denke sie will sich an der “Menschenkette durch die DDR” beteiligen, eventuell auch mit Gilbert treffen dabei.) Daran ist nichts Schlimmes, nur daran, daß sie zu mir nicht offen ist, wie eh und je. Nun also wieder Unfreundlichkeit, Verstimmung - hols der Teufel!

F. bei mir.

30. November 1989 - “Für unser Land”

Dienstag, Dezember 1st, 2009

891129.jpg# Die Zeitungen bringen den Entwurf eines Reisegesetzes, das diesen Namen verdient. Jetzt, nachdem “alle Messen gesungen” sind! Das Trauerspiel in mehreren Akten um das DDR-Reisegesetz verdiente eine gesonderte Darstellung. Es veranschaulicht und beweist die totale Unfähigkeit des Machtapparates und der amtierenden Führung, das Unaufschiebbare und Notwendige zu tun. #

Gestern zum Gespräch in F.s Schule.

Auf Einladung von C. bei Gilbert. Er ist Kontaktmann für „Neues Forum“ im Prenzlauer Berg.

# In Zeitungen (Vergl. die folgenden beiden Ausschnitte) haben diejenigen, die verantwortungsbewußt auf wirkliche Erneuerung drängen Stimme und Tribüne. Die Macht haben sie nicht. Die realsozialistische Apparate- und Funktionärsmacht ist nicht fähig, den Weg zu etwas Höherem einzuschlagen. Sie klammert sich an den alten Stand. Später wird sie radikal beseitigt werden durch die BRD-Macht, eine andere alte Macht. Diese “radikale Beseitigung” ist ein deutsches, insofern historisch zufälliges Phänomen. In den anderen Ländern des Realsozialismus verwandelt sich die alte Apparate- und Funktionärsmacht in die neue alte Macht des Realkapitalismus. Das geschieht in der Form chaotisch, im Wesen bruchlos und geschmeidig. #

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# Eben habe ich noch den revolutionären Charakter des Prozesses beschworen, den ich miterlebe, da wird das “Entweder Oder” offen ausgesprochen. Meines Wissens wurde der Aufruf “Für unser Land” bis Anfang März 1990 von 1,5 Mio Menschen unterzeichnet (was ich natürlich nicht beweisen kann). Wikipedia spricht (ebenfalls ohne Quellenangabe) von 200000 Unterzeichnern. #

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03. Oktober 1989 – Ausreise der Botschaftsbesetzer

Sonntag, Oktober 18th, 2009


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Die politischen Ereignisse nach der Abreise der 6 T Botschaftsbesetzer in Prag und Warschau überstürzen sich. Schon sollen wieder mehr als 1 T. in diesen Botschaften sein. Offensichtlich hat man sich von westlicher Seite nicht an die Absprachen gehalten, die Botschaften zumindest zeitweise zu schließen. Wie oft müssen wir noch erleben, daß es hier um Klassenkampf geht und nicht um Kabinettpolitik. Das was Honecker unter Dialog verstand – Dialog der erlauchten Häupter, die bei sich zu Hause machen, was sie wollen – das funktioniert eben nicht.

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Viele Polemiken mit C. zur aktuellen Politik, oft sehr scharf und wenig konstruktiv. C.s negative Freude am “immer schlimmer” liegt mir fern. Für mich gibt es Revolution, Fortschritt, Sozialismus in der DDR. Für sie nicht.

In Leipzig habe es am Montagabend wieder eine Demonstration gegeben. Der Westen sprach von 10 T Leuten.

Vergangene Woche erzählte A., daß sie mit Nasdala auch über mich ins Gespräch gekommen sei. Sie sagte, daß sie nur Bestes von mir gesagt habe. Sie habe mich als einen “aufrichtigen Kommunisten” bezeichnet. N., so ihr Eindruck, sei offensichtlich über mich voreingestellt gewesen… (Davon bin ich ohnehin absolut überzeugt.) Das Gespräch begann wohl damit, daß N. seine Hochachtung vor meinem Training mit dem Lehrgang ausdrückte.

02. Oktober 1989 – ein Sohn-Vater-Briefwechsel in unruhiger Zeit

Samstag, Oktober 17th, 2009

Hallo Vater!

… Zwei Wochen Studium liegen nun schon hinter mir, und es läßt sich alles ganz gut an….Ich habe ja immerhin die Armee hinter mich gebracht. Man ist froh, wenn es vorbei ist, obwohl es mir wirklich nicht schlecht ging. Ich war in Seddin, Nähe Potsdam, und hauptsächlich waren wir bei der Deutschen Reichsbahn im Gleisbau, sind also im Prinzip arbeiten gegangen. Natürlich formt die Armee aber auch, und der Kontakt mit den meist um 3-5 Jahre älteren Kollegen hat mir doch eine Menge gegeben. Bestes Zeichen ist, daß trotz negativer Erfahrungen und Erlebnisse die Zeit doch recht schnell verging. Und nicht zuletzt hatte ich natürlich äußerst günstige Bedingungen für die Heimfahrt. Danach war ich noch 2 ½ Monate arbeiten. Über einen Freund habe ich bei den Theaterwerkstätten der Deutschen Staatsoper begonnen. Ich hatte zwar nur Kulissen zu schieben und sonstige Transportaufgaben zu erledigen, aber es war natürlich ganz interessant.

Und in der letzten Augustwoche bin ich noch nach Ungarn gefahren (und zurückgekommen). 4 Tage Budapest, 3 Tage Balaton, geschlafen auf dem Bahnhof. Budapest war für mich nach 3 Tagen schon so belastend, daß ich merkte, was man an unserem Berlin hat. Laut, voll Verkehr und Hektik und mit wenig Grün. Teuer ist Ungarn für uns ja nun sowieso, mich interessierten nur die Plattenläden. Balaton war dagegen paradiesisch, wenn auch das Wetter schlechter wurde. Vom ganzen Ausreiserrummel hat man dort am allerwenigsten mitbekommen, DDR-Bürger traf man sowieso auf Schritt und Tritt.

Ja und nun hat für mich also das (hoffentlich lustige) Studentenleben begonnen. Deutsch/Englisch-Lehrer in Rostock. 17 Mädchen, 3 Jungen, aber man kann damit leben. Nach zwei Wochen Vorbereitung und Wiederholung unterstützen wir jetzt unsere Landwirtschaft in Form von Kartoffelsortieren. Heute sind wir angekommen in einem Dorf bei Hagenow. Wenn aber die Arbeit so gut ist, wie das Quartier, ist uns nicht bange. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen. Ich mache mir aber keine großen Sorgen. Es ist ja noch der Anfang….”

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Lieber Cl.!

Über Deinen Brief, mit dem Du eine Menge erzählt hast, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe den Eindruck bekommen, daß Du mit einem freundlichen Realismus an die Dinge herangehst, gleichmütig, ohne gleichgültig zu sein. Was es wohl heißen mag, daß Du Dich so sehr für Platten interessierst? Also nicht für Literatur, gar Lyrik?

Als ich von Deiner Gleisbauarbeit las, fiel mir ein Gedicht von Harald Gerlach ein: “Die Rotte”

Sperrgleis, für die Ramme frei – Leben

geht an uns vorbei: Züge halten, Züge

fahren. Wir sind, wo wir immer waren; ewig

steht für uns auf Halt das Signal. Wir bleiben

alt, eingeschlossenzwischen Schwellen. Schienen

singen. Pfiffe gellen, Warnlaut, gelb

die Flagge winkt. Hüfttief in den Schotter

sinkt, wer es wagt, sich loszureißen von den

ausgefahrnen Gleisen. Endstation. Mit unserm

Schweiß koffern wir das tote Gleis.”

Wüstungen” heißt der Gedichtband von Harald Gerlach, in dem ich etliche Gedichte gefunden habe, die mich berührt haben.

Ich habe von Jugend an bis heute immer Gedichte gelesen. Fast alle lesen in ihrer Jugend Gedichte (oder schreiben gar welche) und hören dann auf, wenn sie erwachsen werden.

In Ungarn war ich noch nie (von einem halben Tag Budapest vor Jahren auf der Durchreise abgesehen).

In Bulgarien war ich übrigens oft und könnte Euch verschiedene Privatadressen vermitteln, wenn Ihr daran interessiert wäret.

In den bulgarischen Boden habe ich sozusagen kleine Wurzeln gesenkt. Das hat sich über etwa 10 Jahre hingezogen. Dieses Reisen hat mich eigentümlich untauglich gemacht für Auslandsreisen. In den letzten Jahren bin ich nur in der eigenen DDR-Heimat herumgekommen (auch nicht mehr Bulgarien). Ich finde es sehr schön hier, wenn auch Vieles schmerzlich ist, aber es ist mein Eigentum. Auch dazu fällt mir ein Gedicht ein. Das schreibe ich Dir aber nicht ab. Es wäre zu lang. Außerdem: Was würdest Du von Deinem Vater denken? (Es ist “Mein Eigentum” von Hölderlin, ein Wegbegleiter.)

Reisen ins Ausland, nur um irgendwelche äußeren Schalen zu sehen, erscheint mir sinnlos. Und um die Schalen zu durchstoßen und ins Innere vorzudringen, fehlen Kraft und Zeit. Das soll aber nur realistisch, nicht resigniert klingen. In die UdSSR, das Land der Erneuerung des Sozialismus, zu fahren, habe ich mir fest vorgenommen.

Ich informiere mich intensiv über die Sowjetunion. Mein rusisch habe ich über Jahre vernachlässigt, so daß es mit Originalliteratur nichts ist. Aber die Moskauer “Neue Zeit” habe ich noch in letzter Minute, gleich nachdem die Perestroika begann, abonniert. Nun ist diese Zeitschrift wohl die wichtigste geistig-politische Quelle für mich geworden (zur Zeit).

Um das Studentenleben 17+3 beneide ich Dich ein wenig. Ich bin Zeit meines Lebens in Schulen, Universitäten und Arbeitsstellen gegangen, wo die Männer eindeutig in der Überzahl waren. Nun seid iIhr also die Hähne im Korb? Ob Dein großer Bruder Cr. – er sagte mir, daß er in Rostock arbeitet – ein Auge auf Dich hat? Daß Du das Studentenleben nicht gar zu lustig nimmst? Ich hatte immer den Eindruck, daß er sich sehr für Dich verantortlich fühlt…”

10. Juli 1989 - Soldatenbriefe - Zusammenbruch des Individuums

Freitag, Juli 10th, 2009

Tagesschau gestern sendet einen langen Spitzenbericht über die Republikaner. Waigel bestätigt seine revanchistischen Äußerungen. Honecker mit Gallenreizung in Bukarest ausgeschieden.

# Soweit ich mich richtig erinnere, erklärte auf dieser Tagung der Warschauer Vertragsstaaten Gorbatschow das Ende der “Breshnew-Doktrin”. #

Lektüre Popper - wichtig! N. Schmeljow ebenfalls wichtig.

“Zieh dich warm an” - Soldatenbriefe an Großvater Hebig zu seinem 75. Geburtstag geschickt.

Popper sagt - was ich zutiefst teile - der schwerste Angriff auf die Würde des Menschen ist die Angst. Gewalt gegen Menschen anwenden, heißt Kraft, Energie vernichten (statt sie Arbeit verrichten zu lassen). Bei uns werden unliebsame Vorschläge, so formulierte einst Rolf, “geerdet”. Seine Energie wirkungslos zu sehen, kann kein Mensch ertragen. er sucht nach anderen Formen der Kraftverausgabung. Unter ungünstigen sozialen und/oder subjektiven Bedingungen findet er diese nicht. Findet er auch keine Ersatz- oder Betäubungsformen, zerstört er die Energiequelle in sich selbst. (Wie alles Menschliche ist diese Energiequelle kein Fixum, sondern hat ein sozial und subjektiv bestimmtes (also veränderbares) Maß.)

Die Soldatenbriefe zeigen schreiend deutlich, wie der Radius meines Lebens kümmerlich bleibt, wenn ich nicht anders will. Der Mensch muß sich total als soziales Wesene verhalten, soll heißen:”als wenn er der König wär”. Marx: “enormes Bewußtsein”. Jedes Individuum ist ursprünglich “eNorm”. Die Soldatenbriefe enthüllen die unerbittliche Logik des totalen Zusammenbruchs. Sie besteht in der vollständigen Unterordnung unter einen fremden Willen. Formale Disziplinierung ist der Keim des totalen Zusammenbruchs. All das sehr heutig gemeint.

Mit großer Freude beobachte ich den Flug der Schwalben in Skaby und der Mauersegler am Arkonaplatz.


# Damit, am 10. Juli 1989, endet der Band 33 meiner Tagebücher, den ich beginnend mit dem 03. Januar 1989 hier im Blog begonnen hatte. #

29. Januar 1989 - Jürgen Kuczynski

Donnerstag, Februar 19th, 2009

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# Ein Artikelchen von J. Kuczynski in der “Berliner Zeitung”. Ich habe dazu im Tagebuch nichts notiert. Offensichtlich war ich der Meinung, daß meine vielen Unterstreichungen und Fragezeichen meine Skepsis und Ablehnung genügend zum Ausdruck bringen. Ich war nie ein besonderer Verehrer von J. K., obwohl man seine zahlreichen Artikel zur Kenntnis nahm. Er erschien mir immer als ein Meister des publizistischen Slalomlaufs und der Rückversicherung, wo eindeutige Positionierung und schmerzhafte Wahrheit angebracht gewesen wäre.

Ob ich meine Haltung heute als etwas selbstgerecht ansehen muß?

Vermutlich hat J. K. in seinem Leben mehr gewagt als ich. Ich verübelte ihm wohl sein Talent, wie ein Korken immer oben zu schwimmen.Er schaffte sich einen “Freiraum” für seine manchmal heftig kritischen Ausfälle dadurch, daß er Erich Honecker geradezu schamlos schmeichelte.

Meine Haltung, muß ich einräumen, hatte auch etwas vom Anhimmeln der gelehrten Autorität, die kühne Dinge mutig sagen sollte, damit man sich darauf beziehen/dahinter verstecken konnte.

Ach diese Sumpfseiten des geistigen Lebens des Realsozialismus, für die wir alle verantwortlich sind! #

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04. September – 10. September 1982 - fünfte Woche Krankenhaus

Sonntag, März 2nd, 2008

# Die Eintragungen der Woche fasse ich angesichts des Krankenhauseinerleis wieder zusammen. #

Die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner, Bindegewebsmassage, Schlammpackungen; Reizstrom, Gymnastik, Duschbad mit Haarwäsche, peinlich: Während ich im Lakenbad liege, wächst beim kurzen Gespräch mit der jungen, sympathischen Bademeisterin, unversehens mein Glied empor.

[…]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - ND, BZ, BZA, Kleingarten, Wochenpost, Eule, Weltbühne, Magazin, Sportecho, Sport und Technik,

Illustrierte: NBI, “für dich”, Freie Welt,

Gorki, “Klim Samgin”, G. d. Bruyn, „Leben des J.P.F. Richter“, Dante, “Göttliche Komödie” I, Tendrjakow, “Nofretete”, Strittmatter, “Geschichten aller Ardt”,

[…]

Reden mit den Mitpatienten: Armeestories, Essen, Arbeit auf dem Bau, Ficken, Manfred spielt ein Pornotonband aus dem Westen vor. Rolf erzählt begeistert von einem Bergurlaub, Probleme der Arbeit, Japan, Witzkassette, Skat spielen,

[…]

Viel Lektüre, “bedeutende Empfindungen”. Was bewirkt das alles in mir? Fülle ich einen Topf, der dann keine andere Bestimmung hat, als einstmals in die Grube gesenkt zu werden? So Vieles bewegt mich beim Lesen. Was bau’ ich daraus? “Das Werk” doch wohl kaum, wenn ich betrachte, wie wenig dies Protokoll der Gedankenbewegung folgt, wieviel verlorengeht. Bau ich mich selbst zum bewußteren Menschen? Zweifelhaft.

Ich bin unfähig, das zu beschreiben, was ich hier mit den Zimmerkumpeln erlebe. Soviel deftiges, spontanes “Volksleben”. Es ist wie eien Neuauflage meiner Armeezeit.

 

Die fessenlde Lektzüre des Jean Paul-Buches von de Bruyn beendet: Anschaulich gemacht wird der Kulturstand vor 200 Jahren. Wie schwer hatte es der Dorfschulmeister. Welch geistige Armut (letzte Hexenverbrennung, Gespensterfurcht, auch die größten Geister in Deutschland gelangten nicht bis zum Materialismus. Die Schwere des Lebens der Studenten (J. P.s Freund Hermann, der Hunger aber auch die sexuelle Not, der Wahnsinn) Die Knechtschaft der Frau – der Lebensweg der Charlotte von Kalb als Beispiel. Das “Schlummern” der Volksmassen, die dünne Schicht Geisitigkeit, das Elend der Soldaten nach der Völkerschlacht.

All das wirtd anschaulich überzeugend erzählt und wirkt den unwillkürlich idyllischen Vorstellungen von der Vergangenheit entgegen und einer ungerechten, weil ahistorischen Kritik der Gebrechen unserer Zeit

Die Begeisterung de Bruyns für J. P. bringt mir diesen natürlich näher, reizt mich aber zugleich zum Widerspruch. Überspitzt: J. P., der nie Mann war, der schwärmerischer Jüngling und Opa war; demokratisch-realistische Fülle, jedoch in ungezügelter Wucherung; Schwärmerei, good will, die sich dem sozialen Kampf nicht stellt. Das sind keine Vorwürfe an Jean Paul. Seine persönlichen Grenzen sind oft exakt die historischen Grenzen der deutschen Enhjtwicklung.

J. P. der Girondist. Der Friedenswünscher, der erst in letzter Sekunde den gerechten Krieg feiert. In den Wertungen dieser Sachverhalte ist de Bruyn recht subjektiv. Aber ein J. P. mit seinem sozialen und poetischen Sinn und wirklichen theoretischen Geist ist nicht möglich. Die Zeit gab es nicht her.

Heute nacht ein detaillierter erotischer Traum mit A. St.

Wesen meiner pornografischen Wünsche? Absolut die Freiheit von gesellschaftlichen Normen ausleben? (Aber doch in Beziehung auf ein anderes Menschenwesen.) Den anderen Menschen absolut meinen Wünschen unterwerfen (die nicht darauf zielen, ihn zu unterwerfen, immerhin aber doch darauf, ihn absolut zu meinem Mittel zu machen.) Doch bin ich bereit, im gleichen Unmaß der Schamlosigkeit sein Mittel zu sein.

 

Erstaunen über die Denkweise des “gemeinen” Mannes: Welche Selbstkritiklosigkeit! Welche spontane, ungebrochene, (gewissenlose) Denk- und Existenzweise im Käfig des eigenen Ich .

Frau Rudolph, die Physiotherapeutin, mit der sich so gut reden läßt, stellte heute fest, daß es “so erstaunlich wenig positive Menschen gibt”. Das ist auch politisch zu versatehen: Die Sucht, negative Erfahrungen zu sammeln und wie Fahnen zu schwenken.

Die Erziehung des Einzelnen in dieser Gesellschaft durch die harten Tatsachen reicht bei weitem nicht aus. Wohin führt das? Ich weiß es wirklich nicht. Die Borniertheit des Konsumdenkens! Dieses produzieren wir selbst!

Jargonsplitter: “Ablachen”, (überhaupt die ganzen Zusammensetzungen von Verbien mit Vorsilbe ab… abschminken, abruhen).  “ein Rohr verlegen”, “rumpeln”, “spitz sein”, “geht los wie’n Gewitter”, “…ist alles zu spät”, “…dann ist Pumpe” . Doch auch wieviel Humor!
Weiter das starke pornografische Interesse, in dem ich ihnen gleiche, das bei mir aber schneller befriedigt ist. […]

Man vergißt zu viel: In Gesprächen kommen wir auf einen Film zu sprechen, der heute hier gespielt wird. Ich kenne ihn schon: Ein italienisches “Lustspiel”, von einer Kindesentführung handelnd. Ich war erschrocken über dieses “Kulturangebot” bim Sozialismus.

Man muß Distanz haben (einnehmen) zu solchen Teilen unseres Überbaus im Sozialsimus. – nicht nur Distanz, Feindseligkeit ist angezeigt.

Weiter zu den Diskussionen der Zimmerkumpel: Ständiges Räsonieren darüber, was “sie” versaut haben (Doch unerwartet flicht sich bei (fast?) jedem von ihnen auch mal ein “wir” ein.) Das Schimpfen auf “sie” gleicht einer Selbstbefriedigung und –entschuldigung, jedoch hat auch jeder Tatsachen erlebt, wirklicher Mißstände. Wenn die Verantwortlichen Mißstände dulden und selbst verursachen – das untergräbt jedes Vertrauen. Und dabei kommt oftmals die Ohnmacht des Einzelnen zum Ausdruck, wirklich etwas zu verändern. Das formale, bürokratische Arbeiten ist das größte Gift für uns. Das führt bis zur Selbstzerstörung unseres Systems (VR Polen).

# Sehenden Auges in die Krise! #  

Ein Überbau, dem traditionelle Herrschaftssymbole immer wichtiger werden (die Denkmäler der Preußenzeit) und der neue Herschaftssymbole von gleicher Qualität schafft (das Denkmal Thälmannpark, Leninplatz). Nichts Neues, Befreiendes!

05. Mai 1982 - Individualismus

Donnerstag, November 8th, 2007



[…] b820505-1.jpgReri, die Zahnschmerzen hat, ist eher abweisend in der Stimme, erneuert ihre Einladung nicht. Ich dränge mich nicht auf. Entweder haben wir beide Lust, einander zu ficken oder nicht. Große Bittgänge kann sie nicht erwarten.

In „Sinn und Form“ 2/82 Gedichtetes von J. Rennert, aus einer Station des Griesinger- Krankenhauses. - Im Grunde hatte Karin Ohde bei mir „verschissen“ als sie sagte, daß sie aus dem Griesinger-Krankenhaus, wo sie Soziologin war, als Verkäuferin zum Kunsthandel wollte.

(Hegrü: „Als Leiterin muß ich mich ganz anders geben, als ich bin.“ - Sachlichkeit, Stärke dieser heutigen Frauen, worunter sie leiden.)

Ohde, Merker, Waalkes, Max, Tannert, Manne, Libuda, L. (aber nicht Konrad Wolf) - mehr oder weniger suchen sie alle die Freiräume in den Poren dieser Gesellschaft, das Glashaus für ihre ihnen so liebe Individualität. Nein und nein, das ist nicht mein Weg. - Letztlich aus dieser Überzeugung entscheide ich mich für den Kaderdirektor!

(Deshalb entscheide ich mich auch für Goethe, zu dessen Würdigung Germs in „Sinn und Form“ Wichtiges sagt. Goethescher Sensualismus - Klarheit darüber kann vielleicht mein Drängen vor vulgären Abirrungen bewahren?)

Wenn meine Neu- und Lebensgier sich selbst genügt, heißt das, daß sie auch frei von Güte und Weisheit ist.

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