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12. März 1990 – Brief an Kurt Riemer

Sonntag, Januar 22nd, 2012

# “Freiheit braucht Raum” # 

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Am Wochenende war eine Flut von Westzeitungen im Angebot. Beim Einkaufen in der Ackerhalle sehe ich den Leistenhändler, dort, wo ich die runden Spiegel gekauft hatte, der an seiner Ladentür steht und  - ledergeschürzt – die Bildzeitung verkauft. Sie gehen weg, wie warme Semmeln, die Leute stürzen sich darauf wie auf ein endlos lang entbehrtes Labsal. Am Freitag hatte sie als Werbeexemplar im Haus der Statistik gelegen.

 # Das “Haus der Statistik“, Sitz der DDR-Zentralverwaltung für Statistik war ein am Alex gelegener Bürokomplex. „Bild“ war nun also bei den zentralen Staatsorganen der DDR präsent. Ich nahm ein Exemplar mi, um das Gesamtkunstwerk „Bild“ im Tagebuch zu  dokumentieren. #

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Die Beispiele der letzten Seiten zeigen, dass die Dämme gegen den ideologischen Dreck endgültig gebrochen sind.

Beiliegende Seite brachte der Sonntag ins Haus. Die Hilflosigkeit bedeutender Schriftsteller ist ein erstaunliches Phänomen.

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Meine geistigen Prozesse unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von denen dieser Leute:

-                      ich hatte nie ein euphorisches Verhältnis zum 4.11., habe vielmehr dieses Ereignis und noch mehr den 9.11. mit gemischten Gefühlen erlebt.

-                      Ich bin mir jederzeit der „Errungenschaften“ der DDR-Wirklichkeit bewusst. Wenn ich jetzt erlebe, dass sie physisch bedroht sind und teilweise schon zerstört werden, so heißt das keineswegs, dass sie in mir moralisch zerstört werden.

-                      Und wenn jetzt BRD-Imperialismus uns übernimmt, dies zumindest sehr entschieden betreibt, so ist das zwar ein physisches Faktum; also anerkenne ich diese Gewalt, aber sie hat auf mich kaum eine Überzeugungswirkung. Die „Gebrechen“ dieses Marktsystems sind offensichtlich.

Nötig, hierüber mal gründlicher zu schreiben. Schriftsteller – Leute, die, koste es was es wolle, ständig Ideen aus sich ‚rauspressen müssen – das kommt mir oft ziemlich krampfig vor. 

# Brief an Kurt Riemer. Einiges zum Hintergrund:

Kurt war für mich eine außerordentlich wichtige, orientierende Persönlichkeit. Zum Programm der Halbjahreslehrgänge unserer ZF (für das ich verantwortlich war)  gehörte immer ein Besuch der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. Natürlich organisierte ich dazu eine kompetente Führung, und für diese wurde seit Ende der siebziger Jahre Kurt Riemer gewonnen. So lernten wir uns kennen. Kurt war etwa Jahrgang 1915 und Widerstandskämpfer von 1933 an. Er gehörte zur  Berliner Gruppe Robert Uhrig. Er war viele Jahre in Haft, darunter auch mehrere Jahre im KZ Sachsenhausen, an der Seite Matthias Thesens. Als die illegale Lagerleitung in Sachsenhausen im Oktober 1944 aufflog (und in der Folge auch Matthias Thesen ermordet wurde) verdankte Kurt Riemer der Standhaftigkeit Thesens, daß er überlebte. Kurt war bis zuletzt im KZ Sachsenhausen und nahm auch am Todesmarsch teil.

Kurt war für unsere Gruppe von Nachwuchsführungskräften auch deshalb besonders geeignet weil er in der DDR wichtige Funktionen in der Partei und als staatlicher Leiter ausgeübt hatte, er kannte sich also auch auf diesen Ebenen aus. Aus diesen Funktionen war er zur Zeit unserer Zusammenarbeit ausgeschieden und Rentner. Dies vordergründig wegen seiner angeschlagenen Gesundheit, wohl aber auch wegen einer Maßregelung (von der mir aber nichts Näheres bekannt ist).         

Von Kurt erfuhr ich viel von der, sozusagen, „Innenseite“ des Widerstandskampfes. Er mystifizierte nicht. In gewisser Weise sei es 1933 sehr einfach gewesen, meinte er. Man mußte sich einfach treu bleiben Punkt. Mein Brief drückt wohl deutlich aus, daß ich dem alten Genossen versichern wollte, daß ich unter den Bedingungen des Tages treu zu bleiben gedachte.

Wenig später hat er mir geantwortet. Dann noch einige weitere Ergänzungen.# 

„Lieber Kurt!                                                                                                                                                                                                     12.3.90

Ich möchte mich mal wieder kurz melden. Dir geht es hoffentlich gesundheitlich gut und überhaupt nicht schlecht. Aus dem beigelegten Papier # Es geht um mein persönliches Wahlflugblatt # siehst Du, wie bei mir die Arbeit, die Parteiarbeit, weitergeht. Eigentlich sollte es ein Flugblatt werden. Jeder in unserer Parteigruppe hatte sich vorgenommen, einen Entwurf zu machen.) Aber dann waren genügend gute gedruckte Flugblätter gekommen. Und ich habe mehr einen knappen Brieftext geschrieben, der hoffentlich eine gewisse Wirkung durch die persönliche Bekenntnisform gewinnt. Dies Papier habe ich 90x vervielfältigt und gebe, schicke es an alle, mit denen ich durch die WBA-Arbeit bekannt geworden bin. Eine Einwohnerversammlung zur Wahl hatte der WBA kürzlich auch veranstaltet. Wir hatten fünf konkrete Fragen an die wichtigsten Parteien/Vereinigungen gerichtet und sie um Sprecher gebeten. Ca. 60 Einwohner kamen aber nur wenige Parteien waren vertreten. Es war dennoch eine lebhafte Diskussion und PDS konnte dabei weine gute Rolle spielen. Solche Parteien, wie SPD oder CDU/DSU/DA waren nicht vertreten. Ich will aber nicht in’s lange Erzählen kommen, wollte Dir (Euch) nur ein kleines Lebenszeichen und einen Gruß schicken. Das Leben ist ja nicht dazu da, um sich unterkriegen zu lassen. So geht es mir ganz gut – auch im Garten habe ich schon wieder gewerkelt und sogar übernachtet.

Sei herzlich gegrüßt

Und ebenso Deine Frau

…“

 

09. März 1990 – mein persönliches Wahlflugblatt

Donnerstag, Januar 12th, 2012

Erfolgreicher Abschluß Dreitageskurs.

Nachher Infostand PDS?

Ich habe mein Flugblatt neu geschrieben und vervielfältigt. Ich werde es in der nächsten Woche allen mir im Wohngebiet bekannten zustellen. # Hab es 90x verteilt #

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20. Februar 1990 – Kleine Ereignisse, Einzelmomente, aus denen sich der historische Prozess zusammensetzt

Sonntag, Januar 8th, 2012

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Mir scheint, daß dieser Brief viel Wahlkampfdemagogie enthält. Vielleicht ist das aber die Form und der Ausgangspunkt des Weges, der damit beginnt, daß man irgendwie versucht wieder miteinander zu sprechen.

Mein gestriger ötv-Partner in WB jedenfalls lehnte eine Teilnahme an der Veranstaltung am 27.2., an einer PDS-Veranstaltung, ab. #Vergl unser Flugblatt# Man akzeptiere PDS nicht als Partner, kaum den FDGB, der ähnlich diskreditiert sei.

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# Damals freute man sich noch über Bonmots dieser Art. Das war doch mal ein Parteiführer, der rhetorisch etwas drauf hatte. Erst später begriff ich, daß nun Bonmots und rhetorische Floskeln klare (und theoriegeleitete) Aussagen ersetzen würden. #  

Der Linie des nebenstehenden Briefes entspricht übrigens der von Henrich vor einigen Tagen im ND, der das weiterbestehende Medienmonopol meiner Partei anprangerte. Diese Leute reden schon mit uns in unseren Zeitungen aber noch und vor allem, um uns anzuklagen und uns möglichst viel zu unterstellen. Ihr Verhalten ist noch zweispältig.

Übrigens gestern auch bei der AL in WB. Sie wollen nach Möglichkeit jemanden zu uns schicken.900220-7.jpg

 Ich war dann noch in der dortigen Staatsbibliothek und hab mich orientiert. Dort gibt es passable Arbeitsbedingungen. Eigenartiges Erinnern an Studentenzeiten. Bei mir leider alles von sexueller Unbefriedigung überschattet.

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 # Den guten Herrn Thomae hab’ ich dann doch nicht geschafft, gründlich zu lesen. # 

Auf dem Rückweg treffe ich Peter ..?  von der Betriebsschule M-L. # Marxismus-Leninismus # Für seine Arbeit „Berufsbildung“ sieht er auch künftig eine gute Perspektive. Auch für ihn löst die völlige Niederlage des Systems des realen Sozialismus die Frage aus, ob nicht das kapitalistische System für den Menschen das bessere sei. Den guten, den reformierten („sozial-ökologisch“) Kapitalismus wollen viele enttäuschte Fortschrittler (so auch Günther Just im Fernsehen). Sozialdemokratismus.

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Erstaunlich, dass in dieser Zeit weitreichender Verwirrung, meine innere Stimme nicht im geringsten zweifelt an der Notwendigkeit, dass große Privateigentum an den Pm abzuschaffen. Und ich glaube auch nicht, dass das 1917 anders als gewaltsam möglich war. Diese Enteignung bleibt die größte Tat des realen Sozialismus (der damals übrigens noch kein stalinistischer war). Seine größte Untat war, dass ihr keine gesellschaftliche Aneignung folgte.

Parteigruppenversammlung abends. Wir sind wenige. Aber wir werden optimistischer. Wir beginnen zu handeln.  

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13. Februar 1990 – Pressekonferenz Modrow – Kohl

Montag, Januar 2nd, 2012

R. hat mich heute in die Arbeit als Finanzsachbearbeiter eingewiesen.

# Ich war als einziger der früheren Mitarbeiter der ZF übrig geblieben und mußte nun alle Arbeiten der Abwicklung dieser Einrichtung erledigen. #

Seit Mittag war ich zu Hause – für den WBA und den Fensterputzer.

Pressekonferenz Modrow/Kohl original gesehen. Modrow hat nicht kapituliert und keinen Stich verschenkt. Es bleibt die Hoffnung, dass die DDR ein zu sperriger Fisch ist, als dass sie ihn einfach schlucken könnten. 

Brief an meinen Freund K.:

„… daß Euch zu allem Überfluß nun auch noch die LPG beunruhigen muß! Oder haben sich Eure Befürchtungen inzwischen nicht bestätigt?

Deine Gefühle der Müdigkeit, der Resignation, sind mir sehr vertraut. Darüber soll mein „progressives Papier“ nicht hinwegtäuschen. Diese Gefühle sind kostbar. Dieses unser Unglück müssen wir annehmen. Diese Niederlage, diese Schmach und Schande sind unsere Chance. (Du solltest wegen solcher Worte keine christliche Anwandlung bei mir vermuten.)

Zu diesem Thema die Kopie eines Tucholsky-Briefes von Dezember 1935….

# Diese Kopie findet sich nicht in meinem Tagebuch. Es handelt sich zweifellos um die bekannten Äußerungen Tucholkskys, in denen er die Unfähigkeit aller Demokraten und Linken anprangert, aus der historischen Niederlage gegen die Faschisten wirklich tiefschürfende Lehren zu ziehen. #

Nur so können wir uns von allen Wendeärschen wirklich absetzen. Du bist natürlich viel stärker als ich betroffen, gegenwärtig, weil Du viel direkter und ausschließlicher auf praktische Umsetzung orientiert warst. Für mich ist es dagegen schon ein gewisser „Trost“, daß das, was wir heute erleben unsere vergangenen 40 Jahre in keiner Weise wirklich geistig überwindet. Das, was heute –nach massenhafter Übereinkunft – tot ist, wird so leicht keine Ruhe finden/geben. Ob es nun erstmal 15 Jahre lang nur in Zirkeln weiter existieren wird oder doch bald wieder einen politischen Raum findet – das weiß keiner, ist mir auch nicht so wichtig.

Ich mache jedenfalls aus meinem Herzen keine Mördergrube und bekenne mich sehr deutlich zu dem, was ich in mir lebendig spüre.

Auf Brüche muß man sich einstellen.

Die Zentralstelle scheint mir zwar noch weiter Lohn und Brot zu geben, aber ich werde immer schwankender, ob ich das wollen sollte. Neugier und „Ungebundenheit“ (was natürlich eine andere Art Gebundenheit ist) könnte für uns (C. und mich) die Übernahme eines kleinen Buchladens oder Zeitungskiosks bedeuten (ist ernst gemeint).

Vielleicht für Dich/Euch käme in diesem Sinne die Übernahme der künftigen LPG-Nobel-Pension auf Rügen in Frage. Könntest Du Dich der LPG nicht als Aufbauplaner und –leiter unentbehrlich machen oder auch als Chefökonom? (Auch diese Vorschläge meine ich ein bißchen ernst.)…“

 Keinerlei Illusionen darüber, daß es in der Frage des DDR-Anschlusses in der BRD – mit Ausnahme der Grünen – eine große Koalition gibt.

 

 

08. Februar 1990 – Blick in die Zukunft

Donnerstag, Dezember 29th, 2011

Die Wochen rasen. 

Brief von Kurt gestern. Er ist sehr deprimiert, müde. Es trifft ihn nun vielleicht auch noch, daß ihn die LPG aus dem Wochenendhaus rausschmeißt.

Das spektakuläre Angebot der BRD-Regierung zu Verhandlungen für eine Währungsunion (nachdem noch gestern der Bundesbankpräsident dies abgelehnt hatte, stimmt er heute zu!) beweist einmal mehr den klaren, geraden Kurs dieser Regierung auf die Zerstörung der DDR. Es gibt keine politische Kraft, dies aufzuhalten. Modrow kann nur (und jede Folgeregierung) unser Fell so teuer wie möglich verkaufen. Unser stellvertretender Bildungsminister Abend (?) (CDU-NF) kündigt auch auf diesem Gebiet die Restauration an. Berghofer in Davos präsentierte sich als Groß-Liquidator.

Schewardnadse warnte vor dem Revanchismus, der sich unter dem Deckmantel der deutschen Vereinigung kräftige. Carmen findet das nun doch übertrieben. Ich werfe ihr vor, dass sie Entwicklungen erst sehe, wenn sie eingetreten sind. Dabei erinnere ich sie, dass wir uns noch vor 14 Tagen erbittert über meine Worte stritten, dass es der BRD einzig und allein um den Anschluß der DDR gehe. Unter dem Eindruck des Ministers Abend (o.ä.), der sie auch deprimiert hatte, widerspricht sie diesmal meinen Vorwürfen nicht.  

Fernsehinterview mit Bärbel Bohley. Ich begreife deutlicher, dass diese Leute, diese wenigen Leute, die einzigen Helden unserer jüngsten Geschichte waren. Ich meine die Oppositionellen, die Verfolgung auf sich genommen haben, weil sie für die Demokratie kämpften. Sie waren vor ein, zwei Jahren eine verschwindende machtlose Minderheit und sie wir sind es auch jetzt und werden es auch in absehbarer Zukunft sein. Es geht – ich wiederhole es – heute nicht mehr um Demokratie in der DDR, sondern um die Zerstörung der DDR, d.h. die Vollendung dieses Prozesses und das Aufsaugen der Reste durch die BRD.

Was ich für die Zukunft erwarte:

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Die BRD (der BRD-Imperialismus) landet ohne einen einzigen Schuß abzugeben, ausschließlich mit ökonomischer und politischer Überlegenheit, einen absoluten Sieg über die DDR (Einverleibung). Die DDR wird entwaffnet bei Fortbestehen der Bundeswehr. (Ebenso ist der Warschauer Vertrag zerfallen, bei Fortbestehen der NATO, die sich nur modifiziert, auch militärisch gesehen)

Die „Verdauung“ der DDR bedeutet für die BRD eine große Anspannung, die sie aber – mit gelegentlichem Magendrücken – bewältigt (in 5-10 Jahren). Der BRD-Imperialismus (genauso der USA-Imperialismus) haben ein ungeheures Erfolgserlebnis. Die im Osten liegenden Ziele dieses Imperialismus (Polen, CSSR, Königsberg) werden zu Zielen realer Politik. Dabei beschränkt sich die BRD weiter auf den Einsatz ök. und pol. Macht (während sie die militärische Macht in Reserve hält, teilverringert, konserviert). Das Erringen einer gravierenden Herrschaft Dominanzposition im EG-Raum, d.h. in Europa überhaupt, wird weiter betrieben, läuft parallel zur offensiven Ostpolitik.

In Deutschland besteht immer und zunehmend eine nationalistische Komponente bzw. Alternative.

All dies ist wahrscheinlich, weil die UdSSR in den nächsten 15 Jahren ihre Rolle als Supermacht nicht voll wahrnehmen kann, vielleicht einige dieser Funktionen erfüllt aber in anderer Hinsicht (ich glaube einschließlich der Königsberger Frage) nur die Kräfte einer Regionalmacht aufbringen kann.

Welche neuen strategischen Ziele sich in dieser Situation der USA-Imperialismus setzt, ist mir unklar, aber sie werden auf jeden Fall offensiv sein, die SU in ihrer Handlungsfreiheit einschnüren und auf solider oder überragender (?) militärischer Stärke basieren.

Die Widersprüche zu den Armen der Welt werden in vieler Hinsicht unerträglich werden. Natürlich erstmal für diese. Es kann zu offenen Kämpfen kommen, die aber mit Niederlagen für die Zivilisation enden, egal, welche Seite siegt.

Die sozialen Konflikte in den triumphierenden Ländern der Kapitalherrschaft verschärfen sich. Es ist mir unübersehbar, welche Folgen die Beseitigung der realen stalinistischen Alternative haben kann. Ist es möglich, dass nach einer Etappe von vielleicht 20, 30 Jahren der Kapitalismus reale innere Reform- und Revolutionskräfte gebiert + in der SU ein demokratischer Sozialismus entstanden ist + die armen Länder (einschließlich China) Bedingungen und sogar Zwänge für eine grundsätzliche Reform des Kapitalismus schaffen? Das steht in den Sternen.

Heute, denke ich, geht es darum das Überleben bisheriger sozialistischer Ideen zu sichern und eine für die Zukunft mögliche sozialistische Idee zu entwickeln. Es wird – für wie lange? – keine Einheit der Linken geben. Sie werden also auch keine starke Vertretung im Bundestag haben (vielleicht gar keine). Freilich, nach der gegenwärtigen absoluten Niederlage der stalinistischen „Linken“, könnten einige zusätzliche Impulse für linke Positionen entstehen, so dass diese Kraft überlebt.

Für mich folgt: „Links“ (sozialistisch) wird wieder zu einer Frage von Zirkelpolitik (Machtlosigkeit). Handlungsmöglichkeiten bestehen auf demokratischer Ebene (Basisdemokratie).

Zukunft der Weiterbildung im Ministerium, meines Arbeitsgebietes… Sollte ich mich nicht davor bewahren, mich mit der ideologischen Formierung des neuen Systems zu beschmutzen. Das würde ich doch als Ideologe/Organisator machen. Sollte ich mich nicht lieber als Verkäufer meiner Ware Arbeitskraft ehrlich auf den Markt begeben. Mit den Marktgesetzen leben, spekulieren und ihr Opfer sein. Diese Linie des „Widerstand Leistens“ im System selbst, die bringt doch nichts, wie mir meine bisherige Praxis bestätigt (bringt nichts für die moralische Integrität und Gesundheit).

Hab‘ soeben unsere Flüge gebucht (im August nach Burgas und zurück). Ab morgen wären sie um mehr als 200,-M/Person teurer gewesen.

Soeben Termin gemacht mit Frau Beringer, der Kaderleiterin des Hauptpostamts 8.

Auf dem S-Bahnhof Alexanderplatz traf ich Eberhard Ackermann aus Moskau kommend hier zum Soziologenkongreß, seit Oktober 89 nicht mehr in der DDR gewesen. Er findet vieles einfach unbegreiflich. Wir reden kurz über die Vereinigungseuphorie. Auch er ist noch in der Partei.

Lesend in „Initial“ 1/90, Brie, Peche, Sozialismuskonzeption ergeben neue Anregungen, fast möchte man sagen, aus der Theorie hergeleitete Hoffnungen. Nach dem Motto: Was geistig nicht wirklich überwunden wurde, kann nicht sterben. Aber andererseits sind es dann immer wieder Fakten des Tages, die solche Hoffnungskeime niederschlagen.

Für die Konzeption „Zentralschulen“ habe ich noch nichts aufgeschrieben, mache mir Gedanken, muß aber morgen ‚was zu Papier bringen.

26. Januar 1990 – FÜR RADIKALE ERNEUERUNG DER PARTEI!

Freitag, Dezember 9th, 2011

Lange Bürgerversammlung gestern.

Und heut‘ früh gleich sagt mir der Scheiß-D. # Abteilungsleiter Kader und Bildung im Ministerium #, daß die Zentralstelle aufgelöst werden sollte. Ich habe jetzt einen Brief für Lauck # Minister # fertig gemacht – versuche, ihn noch mit Volkmar Krinks # früherer Kollege von mir, jetzt Stellvertreter des Ministers # abzustimmen.

 # Mir ging es nicht um die Erhaltung meines Arbeitsplatzes um jeden Preis (Das kann man heute glauben oder auch nicht.), sondern vor allem gegen die Dummheit, in diesen auch geistig anspruchsvollen Zeiten Bildungskapazitäten zu schleifen .#

 Jetzt umdenken und überlegen, was in meinen Beschlussentwurf für PDS hinein müsste:

Brauchen wir die PDS? Warum? Das Schicksal, die Zukunft unseres Volkes, ein nationales Interesse. Worin?

gesellschaftliches Eigentum, Sozialprinzip, europäische Friedensordnung, allgemeine Abrüstung/Weltwirtschaftsordnung, keine Machtverselbständigung, Ökoprinzip.

Für diese Ziele kann nur eine radikal erneuerte Partei glaubhaft wirken. Das ist bis jetzt nicht geschehen. Warum?

Es liegt nicht daran, daß die programmatischen Zielsetzungen der Partei falsch sind. Die Erneuerung wurde verschleppt. Und zwar wurden unverzichtbare Prinzipien einer wahrhaften Erneuerung verletzt (sie wurden kaum formuliert).

·         Offenheit und Garantien für jederzeitiges Erzwingen von Offenheit.

·         Verhindern jeder Verselbständigung von Macht. Basismacht!

·         prinzipienfeste und zugleich bewegliche kollektive Führung

Wir müssen unseren Kampf um die Erneuerung von solchen Prinzipien geleitet führen, sonst tappen wir nur von Fall zu Fall, von Problem zu Problem und kommen nicht aus dem Nachtrab hinaus. Diese Prinzipien müssen uns dazu verhelfen, daß wir selbst Schwachstellen und Rückstände unseres Erneuerungsprozesses aufdecken (als Erste!).

Geleitet von o.g. Prinzipien fordern wir die Verwirklichung der folgenden Forderungen durch die folgenden Verantwortlichen. Weiter S 91ff

# der folgende Schreibmaschinentext ist hier schon eingefügt. Er wurde  dann am 31.1. beschlossen. #

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24.Januar 1990 – Besuch beim DGB Westberlin

Mittwoch, Dezember 7th, 2011

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Ab Mittag nach WB zum DGB-Landesverband. Dort lerne ich Herrn Rainer Heinrich kennen. Ich frage nach den Mitbestimmungsrechten der Gewerkschaften in der Marktwirtschaft, und er überrascht mich mit der Mitteilung, daß sie keine Mitbestimmung haben. Dafür hätten wir in unserem Arbeitsgesetzbuch viel bessere Voraussetzungen, die bloß nicht zum Tragen gekommen seien. Wir seien, statt eine sozialistische Marktwirtschaft aufzubauen, auf dem besten Weg, die kapitalistische Marktwirtschaft zu übernehmen. Wir seien konzeptionslos, die BRD habe schon seit 60er Jahren eine detaillierte Konzeption für diesen Weg (an der übrigens auch der DGB mitgearbeitet habe). Wir einigen uns schnell darauf, dass er bei uns im Lehrgang dazu spricht. Er beansprucht keinerlei Honorar.

Es ist eine Schande, dass wir auch solche Beziehungen in der Vergangenheit nicht gepflegt haben. Wir durften es nicht aber es ist mir auch gar nicht in den Sinn gekommen.

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Danach bummel ich noch längere Zeit in der Stadt herum. Da keine Schlange davor ist, momentan, „besteige“ ich auch erstmals den Beate Uhse Laden am Bahnhof Zoo und ergötze mich lange an den dort zugänglichen pornographischen Magazinen und Büchern. Besuch im Sexkino um die Ecke, wo ich mir eine Stunde lang wechselnde Geschlechtsakt anschaue, zeitweilig angeregt, später abschweifend ernüchtert.

 Zu Hause ist C. Wir besuchen abends noch „Hundeherz“ in der Volksbühne.

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Auf die heutige Versammlung zum Bürgerkomitee Arkonaplatz bezogen sagte sie, ich könne ihr ja erzählen, was dort war. Ich lehnen das brüsk ab. Wenn es sie interessiere, könne sie selber hingehen, sage ich. Informationsübermittler zu spielen, habe ich keine Lust. Sie erzählt noch paar Einzelheiten aus dem Gespräch mit Rolf L. – weinerliche Tatsachenbeschreibung, wie das Leben immer schlechter wird.  

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23. Januar 1990 – wahrhafte Demokratie

Mittwoch, Dezember 7th, 2011

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Gestern den ganzen Tag, 5 Std., Runder Tisch gesehen.

Ich brauche engeren Kontakt zur Plattform „3. Weg“. Muss mich beraten, wie die Erneuerung der Partei geführt werden soll und wohin. Gestern nach (und vor) dem guten Film über die DDR-Skins Überlegungen gemeinsam mit C., woran die Erneuerung der Partei zu messen wäre.

So könnte mein PDS-Flugblatt aussehen:

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Eine wahrhafte Demokratie (eine sozialistische), die noch nirgends verwirklicht ist, besteht darin, keinerlei Verselbständigung der Macht (jedweder) gegenüber der demokratischen Basis zuzulassen. Machtkonzentrationen muss es geben, Sie müssen aber jederzeit von der demokratischen Basis nicht nur kontrolliert werden, sondern aufgelöst werden können. Dies Prinzip bezieht sich auf alle Arten von sozialen Machtkonzentrationen in einer Gesellschaft ohne Ausnahme, also ausdrücklich auf die politischen ebenso wie die ökonomischen. 

Die einzige nicht durch demokratische Entscheidung auflösbare Machtballung kann die Ausstrahlung einer faszinierenden Persönlichkeit, eines anziehenden Menschen sein.

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22. Januar 1990 – Die große Niederlage. Wie ist ein Neuanfang möglich?

Montag, Dezember 5th, 2011

# Nachstehender Artikel von Prof. Werner Gilde, Direktor des ZIS “Zentralinstitut für Schweißtechnik”, Halle. Prof Gilde war eine ingeniertechnische und darüber hinaus intellektuelle Autorität in der DDR. Sogar Wikipedia kennt ihn heute! #

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Gestern mit F. und C. in dem schönen Film „Die unendliche Geschichte“

Heute 5 Stunden „Runder Tisch“ während der Arbeit gehört.

Ich entwerfe ein Flugblatt für meine WPO, für die PDS, gegen die SED.

Mit C. im Dokfilm „Unsere Kinder“. Vorher im „Alten Schönhauser“ Tischgespräch mitgehört von einem, der am Montagssturm auf das Stasigebäude dabei war. Er habe dort nur Ruhe und Ordnung gesehen, keine Ausschreitungen, „vielleicht ist da mal ein Schränkchen aus dem Fenster geflogen“. Mit C. hinterher Streit darüber. Ich sage: „Wenn erst einer aufgehängt wird, dann werden auch tausende im Land bezeugen, dass dort, wo sie waren, völlige Ruhe herrschte.“ Dazu erbitterte Polemik zwischen uns. Ablehnung dieser Denkweise durch C.

 Ernst bewegt hat mich an diesem Tag nebenstehende Kohl-Erklärung: 900122-2.jpg

Das heißt Einverleibung der DDR in ein NATO-Bundesdeutschland! So der Klartext, der nicht ins öffentliche Bewusstsein – wenn es so etwas überhaupt gibt – dringt. Der deutschnationale Alleingang wird für ernstzunehmende BRD-Kräfte eine reale Möglichkeit! Die Perestroika hat eine ganze Zeitetappe innerer tiefgreifender Spannungen und Umbrüche vor sich. Die Sowjetunion wird so geschwächt werden, dass ihre Rolle als Weltmacht in Frage steht. Das kalkuliert das deutsche Großkapital kühl ein. 

# in Wirklichkeit war die Perestroika bereits tot bzw. sie war selbst der Untergangsprozeß der SU. Wie ich doch Grundzusammenhänge nicht gesehen habe! #

 

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Berghofers Austritt ist ein ernster und niederträchtiger Schlag gegen die SED. Der PDS mangelnde Erneuerung vorzuwerfen und zugleich dagegen „sozialdemokratische Programmatik“ zu unterstützen, ist ein Widerspruch in sich. Die Programmatik der PDS ist ja gerade ihre Stärke. Von ihr braucht man sich nicht abzugrenzen. Für ihre Realisierung hätten diese Exgenossen ja verantwortlich in der Zentrale wirken sollen, statt sich nach Dresden zu verkriechen.

Am Wochenende Statut und Programm der SPD aufmerksam gelesen. Jedem wird alles versprochen! Keine Präzision! Besonders wird jede Klarheit in der Frage des Eigentums vermieden. Man sei für „gemeinwirtschaftliches Eigentum“ – kein Mensch kann damit eine klare Vorstellung verbinden – behaupte ich. Ebenso zur Souveränität der DDR. Und völlig ernüchternd im Statut: die Unabhängigkeit der oberen Parteiorgane von der Parteibasis! Da lassen die alten erfahrenen Parteistrategen der SPD „keine Luft“ ran.

SPD – eine Partei, die die Reform dogmatisiert.

Kommunisten – eine Partei, die die Revolution dogmatisiert.

Gebraucht wird eine Partei, die immer das Nötige machen kann, – einmal die Reform, dann die Revolution, dann wieder die Reform… Eine solche, wirklich sozialistische Partei gibt es nicht.

So war das Wochenende von schweren Gedanken erfüllt. Und es scheint, dass wir zwar einen Ministerpräsidenten haben, der sich bravourös schlägt, aber keinen Parteiführer, der der Härte dieses politischen Kampfes gewachsen ist.

Ich entschließe mich, ein PDS-Flugblatt für unsere WPO zu entwerfen (angeregt durch ein Flugblatt in der Mensa).

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 Ich denke: Man kann sich nicht aus einer Partei verabschieden, ohne für sie wirklich gekämpft zu haben. (Viel gehen jetzt noch schnell klammheimlich, Nasdala z. B. wittert nach allen Seiten, wann denn nun sein günstigster Absprungtermin ist.) 900122-4.jpg

Und einige haben die Illusion, nun flugs eine neue KPD zu gründen. Solche Narren! Als ob man dadurch die Vergangenheit loswerden kann. Keiner nimmt uns ab, all unsere Irrwege wirklich bis zum tiefsten Grund aufzuarbeiten. Das haben wir noch nicht geleistet. Danach wird – so bin ich überzeugt – ein Neuanfang möglich.

 # Der Übergang zu sozialdemokratische Positionen ist der Versuch derer, die dazu nicht fähig sind, gründlich  zu sein. #

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12. Januar 1990 – Einheitsfront zur Entmachtung der SED-PDS

Sonntag, November 27th, 2011

Es hat sich gebildet die Einheitsfront für eine Entmachtung der SED-PDS. Vielleicht aber geht es in Wirklichkeit schon um Zerschlagung. Warnstreiks der Arbeiter häufen sich. Wir werden untergehen, aber doch wenigstens mit fliegenden Fahnen. Mit dem Eintreten von Arbeitern in die öffentliche Politik bekommen Chauvinismus und die Gesänge der Fußballstadien Raum. Die Massen sind – wie stets? – im kindlichen Wahn. Und Verantwortungsbewusste, die für die Erneuerung dieses Landes bereit sind, mit ALLEN Gutwilligen zusammenzuarbeiten gibt es nur in der Führung meiner Partei, in keiner anderen politischen Führung. Die beste Chance der Erneuerung wird also verspielt werden. Sie wird der Entmachtung der SED-PDS untergeordnet werden. Die Erneuerung danach wird zwar nicht unmöglich aber unvergleichlich schwerer sein. Ihr Scheitern wird eine reale Gefahr. Auch das Scheitern Gorbatschows wird zur realen Gefahr!

Nasdala, aus Crostau zurück, bringt eine erste Arbeitsrichtung. Mir scheint, man sieht nur noch Markt.

Die WPO-Versammlung am 10. im Wohngebiet, Teilnehmer 40, zeigte unser doch vorhandenes Potential. Die Diskussion und Beschlußfassung läuft positiv.

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