Archive for the ‘Faschismus’ Category

07. Dezember 1989 - schwere Arbeit - Zeitungsschau

Dienstag, Dezember 8th, 2009

Schwere Arbeit! (9 1/2 Stunden), 20 Kunden mit Geflügel beliefert (Trinkgeld 17,-M:2, zwei Mahlzeiten).

# Vielleicht erscheint es als Zumutung nachfolgend einen Zeitungsausschnitt nach dem andern einzustellen. Mein Tagebuch sieht wohl deshalb so aus, weil ich von der Arbeit wirklich erschöpft war und keine Kraft zu langen Einträgen hatte. Andererseits waren die Zeitungen voller bisher ungehörter Stimmen, und ich verfolgte sie intensiv. Es herrschte das Gefühl eines unerhörten Tempos. Das Leben schien sich täglich zun beschleunigen. Ohne mein Zutun. #

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# Gibt es eine gründliche, wissenschaftliche Darstellung und Analyse der Arbeit des Ausschusses zur Untersuchung der Ereignisse vom 7. und 8. 10.1989? Ich weiß es nicht. Wie hier schon früher dargestellt, haben auch mich diese Ereignisse stark beeindruckt und beeinflußt. Den Untersuchungsprozeß habe ich nur am Rande verfolgt, bin aber sicher, daß er prinzipielle Einsichten in die Denk- und Verhaltensweisen von Mächtigen in der Endphase der DDR ermöglicht. #

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# Solche Bedenken waren neuartig. Beobachtungen einer Telnehmerin an den Leipziger Montagsdemonstrationen. Ein Bild von Differenzierung, wie es heute nach 20 Jahren längst unter die Räder der offiziellen “historisch-heroischen Erinnerung” gekommen ist. #

 # Es folgt ein repräsentatives Meinungsbild der DDR-Bevölkerung von Ende November 1989.#

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# Und zwei interessante, sensible Stimmen, die im “Sonntag” (Vorläufer des “Freitag”) zu finden waren. #

23. Oktober 1989 - Wie die politische Macht bewegen?

Samstag, Oktober 24th, 2009

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Las am Wochenende auch die Erklärung des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden. Alles erklärt und revolutioniert jetzt. L. erzählte von Fränze von Polizeiübergriffen (Herta Heidenreich und Butzmann betroffen).

Erschütterung der Betroffenen wird immer wieder geschildert - Das ist die Begegnung mit dem echten Totalitarismus.

Kriege die Parteiinformation 7/89 in die Hände, geschrieben nach dem 11.10.89 - ein unsägliches Dokument.891023-2.jpg

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Nie vergessen: Die gegenwärtige Wende ist nicht von Dialogpartnern herbeiargumentiert worden. Die materielle Macht der Straße und der Ausreiser hat sie erzwungen.

Wenn ich schon - im Interesse sozialer Effektivität - auf diese materiellen Kräfte verzichten möchte, so kann es keinen Zweifel geben, daß politische Kräfte nötig sind (politische Macht, Gewalt), um die herrschende politische Macht zu bewegen.

Die Frage reduziert sich darauf, ob die herrschende politische Macht im eigenen Schoße die Gegenmacht (lebendig) enthalten kann oder ob politische Gegenmächte außerhalb ihrer selbst latent oder potent vorhanden sein müssen? Oder beides?

17. Oktober 1989 - meine Thesen zur Erneuerung des Sozialismus (Thesen 0,1,7,8,9)

Dienstag, Oktober 20th, 2009


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Diese Meldung ist interessant, weil:

* in Dresden der OB und nicht der Parteichef zum ersten Partner wird

* hier möglicherweise tatsächlich praktisch vorgemacht wird, daß die vorhandenen demokrtischen Formen ausreichen (?)

Der folgende Ausschnitt zeigt m. A. n. ebenfalls mehr als nur “Lippentraining” (wie C. gestern sagte). Aber: Ich habe kein Vertrauen zu Schabowski und glaube, daß er nur zur Macht will.

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Beim Frühstück bringt A. das Gespräch auf Polizeiübergriffe. Ich erzähle, was ich von Nitschke weiß. Nasdala (!) erzählt von ähnlichem Vorgehen, was ihm bekannt geworden sei.

weiter Gedanken:

0. Das Leben bestraft Fehler unserer Politk.Die Vertrauenskrise, in der sich die DDR befindet, die sich weiter vertieft und zunehmend Züge einer politischen Krise annimmt, wurzelt primär in der Unfähigkeit unserer Parteiführung, die objektiv notwendigen tiefgreifenden Reformprozesse unserer Gesellschaft vorausschauend und folgerichtig zu führen. Weltweit besteht die objektive Notwendigkeit der Erneuerung, der qualitativen Höherentwicklung des Sozialismus, der Reform aller Seiten seines Systems. (Die Erneuerung und Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus, der Theorie des Wissenschaftlichen Sozialismus/Kommunismus ist dabei von überragender Bedeutung. Dies aber ist nicht Gegenstand der folgenden Überlegungen, die sich auf die Reform der politischen und ökonomischen Seite des sozialistischen Systems beschränken.)

Die Notwendigkeit der Erneuerung resultiert

- aus der Notwendigkeit, die Gefahr eines Weltkrieges mit politischen Mitteln zu beseitigen (d.h. unter den Bedingungen einer offenen Auseinandersetzung, eines offenen Wettbewerbs, mit dem Imperialismus).

- aus dem inneren Reifezustand des Sozialismus. Im Innern des Sozialismus bestehen keine Klassen und Schichten mehr mit dem objektiven Interesse, den Sozialismus zu vernichten. Alle Klassen und Schichten der sozialistischen Gesellschaft der DDR sind heute fähig und haben ein Recht darauf, einen eigenständigen Beitrag zur Vervollkommnung des Sozialismus zu leisten. (Unterscheiden zwischen einzelnen politischen Kräften, die sozialismusfeindlich sind und Klassen und Schichten, die nichtantagonistisch zueinander stehen.)

- aus der Aufgabe, die unermeßlichen menschlichen Schöpferkräfte, die sich in Gestalt der wissenschaftlich-technischen Revolution entfalten, zu meistern, ständig zu erweitern und in solchen neuen Formen zu verwirklichen, daß die wachsenden Gefahren der Zerstörung der menschlichen Umwelt und des damit einhergehenden Verlusts des Lebenssinns für jeden Einzelnen überwunden werden.

1. Der Prozeß der Erneuerung des Sozialismus muß von der Partei geführt werden. Zu diesem Zweck sollte das Politbüro sofort um Parteifunktionäre erweitert werden, die entschieden für Reformen eintreten und sich auch öffentlich entsprechend äußern, so daß die Partei zum XII. Parteitag - nach entsprechend demokratischer Vorbereitung - eine neue Führung wählen kann. Unabhängig davon sind bereits heute konkrete Sofortzeichen der politischen Reformbereitschaft der SED notwendig, erste populäre Entscheidungen, die noch nicht Grundsatzprobleme betreffen sollten, die aber unerläßliche Voraussetzung sind, um das schwer geschädigte Vertrauensverhältnis zwischen Führern/Partei/Massen wiederherstellen zu können. Das betrifft z. B. eine detaillierte Information und mutige Stellungnahme zu den zahlreichen Klagen über Gewaltanwendung der Polizei gegenüber friedlichen Demonstranten und Unbeteiligten, nachdem diese festgesetzt waren.

Die Erneuerung muß einzigartigen Werte und Errungenschaften des Sozialismus in der DDR bewahren und ebenfalls erneuern. Dazu zählen

- die Friedensliebe unseres Staates

- die uneingeschränkte völkerrechtliche und innerstaatliche Anerkennung der durch den 2. Weltkrieg geschaffenen Realitäten (besonders der Grenzen)

- Antifaschismus, Antirasssismus

- politische Macht der Arbeiterklasse im Bündnis und Wettstreit mit allen Werktätigen

- Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen durch gesellschaftliches Eigentum an den entscheidenden Produktionsmitteln

- Wiederentdeckung, -belebung und Fortführung der unterdrückten revolutionären und radikal-demokratischen Traditionen des deutschen Volkes

- Solidarität anstelle von Konkurrenz als Grundprinzip des gesellschaftlichen Umgangs der Menschen

- soziale Sicherheit in Verbindung mit hohem Leistungsstreben durch konsequente Verwirklichung des Prinzips der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik

- Perspektivgewißheit und historischer Optimismus.

# Zu These 2 weiter mit den Ausführungen vom 13.10. #

7. Die gesetzgebende Macht im erneuerten Sozialismus liegt bei der obersten Volksvertretung (Volkskammer), die aus demokratischen Wahlen hervorgeht. Alle exekutiven Organe sind der Legislative untergeordnet.

Wie sollte die nächste Volkskammer gewählt werden (und damit der Übergang zum konsequenten Rechtsstaat eingeleitet werden)? Diese Wahlen dürfen nicht zu einer politischen Destabilisierung des Sozialismus in der DDR führen. Sie dürfen ebensowenig zu einer Zementierung überlebter Verhältnisse führen und müssen der freien Willensentscheidung des Volkes Ausdruck geben. Ich bin der Meinung, daß wir uns auf das sowjetische Modell der Wahlen zum Volkskongreß orientieren sollten, mit folgenden Bestimmungen:

50% der Abgeordnetenmandate werden von den Parteien und Organisationen des Demokratischen Blocks im bisherigen Proporz belegt und von ihnen direkt in die Volkskammer gewählt. Die andere Hälfte der Abgeordneten wird als Person (mit einem persönlichen Wahlprogramm) von den Wählern direkt gewählt. Diese Abgeordneten dürfen audrücklich keinem Fraktionszwang unterworfen werden. Die Wähler in den Wahlkreisen können unbegrenzt Kandidaten vorschlagen. Gewählt ist, wer mehr als 50% der abgegebenen Stimmen hat. Falls kein Kandidat dies erreicht, Stichwahl nach zwei Wochen zwischen den beiden Erstplazierten - Entscheidung nun mit einfacher Stimmenmehrheit.

Die öffentliche Kontrolle der Wahlen über alle mit der Wahl zusammenhängenden Fragen ist zu sichern. Ergebnis muß ein Parlament sein, in dem die bisher staatstragenden politischen Kräfte diese Funktion weiter ausüben können, in dem zugleich aber ihr Monopol der politischen Artikulierung gebrochen ist. Im Verlauf einer Legislaturperiode müssen alle beteiligten Kräfte sozialistischen Parlamentarismus lernen, so daß nach Ablauf von 5 Jahren eine Wahl unter weiter gereiften demokratichen Verhältnissen möglich ist.

Für die Anwendung dieses Wahlsystems ist Eile geboten. Man darf nicht warten, bis sich eine politische Opposition bildet und soweit gefestigt ist, daß sie die Personenwahl zu einer Parteienwahl auf der ganzen Linie macht und, momentane Stimmungen ausnutzend, eine Erdrutschsieg gegen den Demokratischen Block erzwingt. Eine solche Entwicklung würde zwar nicht automatisch die Preisgabe des Sozialismus bedeuten, würde aber unnötige Risiken enthalten.

8. Die Rolle der Medien muß tiefgreifend verändert werden. Meinungspluralismus ist durchzusetzen. Abschaffung des Genehmigungswesens. Erste Pflicht der Medien ist aktuelle wahre Information in der ganzen Widersprüchlichkeit der Ereignisse. Ihre zweite Pflicht ist die Unterstützung der Bürger bei der politischen Wertung von Ereignissen und Zusammenhängen aus der Sicht der Parteien, Organisationen und Gruppen, die verantwortliche Träger des jeweiligen Mediums sind. Die Medien sollen die Kommunikation in der Gesellschaft vermitteln, Tribüne des Streits sein. Das bisher miserable Niveau unserer Tagespresse und Wochenillustrierten darf nicht vergessen machen, daß ebenfalls eine durchgreifende Qualitätserhöhung der Wochenzeitschriften und Periodika notwendig ist, die der intellektuellen Selbstverständigung und Selbsterziehung der Gesellschaft dienen (z. B. “Sonntag”, “Weltbühne”, “Sinn und Form”, “NDL”). Ein Weg zur Lösung dieser Aufgabe ist, neben der systematischen Heranziehung eigener profilierter Autoren (z. B. Chr. Wolf, Ch. Hein, V. Braun und Jüngerer) ein kräftiger Schub in Richtung Internationalisierung der Thematik und Autorenschaft.

Eigenverantwortung der Redaktione! Offenlegung der Finanzierung der Medien!

Die mediengerechte Darstellung der Politik der Partei bekommt überragende Bedeutung für die Durchstzung ihrer führenden Rolle. Das erfordert nicht nur eine entsprechende Befähigung ihrer Führer und aller hauptamtlichen Funktionäre, sondern auch entsprechende Organisationsformen (Pressestelle, Pressesprecher, Kolumnisten usw.)

9. Im Unterschied zur politischen Reform verfügt unsere Partei für die ökonomische Reform über ein tragfähiges Konzept. Es muß weiter vervollkommnet und energischer und ohne Abstriche durchgesetzt werden. In Bezug auf die ökonomische Reform schließe ich mich dem Konzept von Prof. Dr. Hans Joachim Beyer, Akademie für Gesellschaftsissenschaften beim ZK der SED an (ebenso Prof. Dr. Dieter Graichen, TH “Carl Schorlemmer”, Leuna-Merseburg), das der Parteiführung vorliegt.

Ausgangspunkt der Wirtschaftsreform der DDR sind die Kombinate, Wirtschaftseinheiten, die zur Meisterung der w-t Revolution fähig sind und gleichzeitig nach Ware-Geld-Beziehungen funktionieren. Mit ihnen kann der demokratische Zentralismus als ökonomisches Prinzip zur Geltung gebracht werden.

Hauptansatzpunkt für die Veränderung des Gesamtsystems der Leitung und Planung der Volkswirtschaft ist die leistungsabhängige Erwirtschaftung und eigenverantwortliche Verwendung der Mittel durch die Wirtschaftseinheiten. So wird ein echtes kollektives Interesse der Produzenten geschaffen. Zugleich geht es um neue Ideen für die bewußte Sicherung von Planmäßigkeit, Gleichgewicht, Proportionalität in der Volkkswirtschaft als Ganzes.Das erfordert es, die Warenproduktion, die bekanntlich die horizontale Verflechtung der Wirtschaftssubjekte zur Grundlage hat, zur Vervollkommnung des demokratischen Zentralismus zu nutzen. Die Kooperationsfreundlichkeit unseres Systems der Leitung und Planung muß entscheidend erhöht werden. Das berührt die Problemkreise:

- materielles Aufkommen/Zuliefererverantortung/Strukturentwicklung der Volkswirtschaft

- Zuliefererpreise und Eigenerwirtschaftung

- volkswirtschaftliche Kostenaspekte der Kooperationsfreundlichkeit

- Wirtschaftsvertrag und Bilanz

- Stärkung des Produktionsmittelhandels

Die Eigenerwirtschaftung berührt solche Probelmkreise, wie

- Bedarfsoreintierung, Sortimentssicherung bei Gewinnorientierung

- Durchschlagen der Eigenerwirtschaftuing auf jedes Kollektiv, jeden Arbeitsplatz

- einfache Reproduktion/erweiterte Reproduktion/steigende Investitionskraft aus effektivem Wirtschaften

- materielle Deckung der Investitionen

- Stabilität der Normative

- Außenhandelsfunktion der Wirtschaftseinheiten

Die ökonomische Reform muß darüber hinaus Antworten geben auf Fragen

- der “ökonomischen Demokratie” (Fragen der Demokratie in und zwischen den Produktionseinheiten)

- des zielstrebigen Ansteuerns der Konvertierbarkeit unserer Währung (Ausbau der Tatsache von zwei Währungen im Land zum Prinzip. Garantie des jährlichen Kaufs einer Mindestmenge von Valuta für jeden erwachsenen DDR-Bürger, Einführung von Möglichkeiten des leistungsabhängigen Erwerbs von Valuta für jeden DDR-Bürger im produzierenden Bereiche.)

- der Subventiuonspolitik (soziale Sicherheit bei gleichzeitiger Stimulierung von Leistung, Sparsamkeit und Effektivität. Reform der Wohnungswirtschaft (Vergl. detaillierte Vorschläge von Prof. Graichen) zur Lösung der Wohnungsgfrage. Fast völliger Stopp des Wohnungsneubaus

- die Beherrschung der durch Ausreisen auftretenden ökonomischen Verluste.

14. Oktober 1989 - Gilbert Furian

Montag, Oktober 19th, 2009

# Gilbert ist der Ex-Mann meiner Partnerin C. Er hatte eine Studie über Punks in der DDR erabeitet, wofür er (bzw. für ihre Veröffentlichung im Westen) mehrere Monate ins Gefängnis kam. Er war aktiv in der kirchlichen Opposition bzw. Bürgerrechtsbewegung/Neues Forum. Nach dem Untergang der DDR beschäftigte sich G. F. mit der Analyse der Arbeit der Staatssicherheit., veröffentlichte dazu Studien und Bücher. Unser damaliges Verhältnis war - wie man sich leicht vorstellen kann - in mehrfacher Hinsicht von erheblicher Distanz, keineswegs jedoch von Feindseligkeit geprägt. Kürzlich ist er mir im Fernsehen wiederbegegnet - als Rahmenfigur beim Besuch der Frau Bundeskanzlerin in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen. Trotz dieses hohen Anlasses war er immer noch in altbekannter Manier sympathisch-nachlässig gekleidet. #

 Gestern Abend Besuch von Gilbert (mit Katharina und Wilhelm). G. und K. berichten von Gestapomethoden der Staatssicherheit, sogar Vergewaltigungen habe es gegeben.

Fahrt ins Wochende nach Skaby.

# Update: Übrigens vertrat Gilbert immer den Standpunk, daß er die DDR nicht gegen die westdeutsche Republik eintauschen wollte, sondern, daß er eine bessere DDR wollte. Das war glaubwürdig. #

28. September 1989 – Wahlkreisaktivtagung

Samstag, Oktober 17th, 2009

Abschluß Verhaltenstraining 45. Lehrgang, gut gelaufen.

Anneliese erzählte von einer gestrigen Auseinandersetzung Kunden/Verkäuferin im Minimarkt: das Pflaumenmusrationierungsgesetz”.

Film im französischen Zentrum: “Milch und Schokolade” – Liebe zwischen einem Genraldirektor und seiner scharzen Putzfrau. Es sollte Spaß mit tieferer Bedeutung sein, war dazu aber nichr gut genug gemacht.

Wahlkreisaktivtagung. Sie war nicht zuletzt der Vorbereitung des 40. Jahrestages gewidmet.

Zur Ausreiserwelle: Das sind Veräter. Wir sollen Ursachen nicht nur im eigenen Lande suchen. Aber auch diese rhetorischen Wendungen: Unsere bisherigen Erfolge seien keine Garantieurkunde für fortwährende weitere Erfolge. Und: Wie können wir genauer erfassen, was uns gelingt, und was noch nicht?

Ich melde mich zu Wort und sage sehr offen und prinzipiell, daß es bei uns noch gar keine offene Diskussion über die Ursachen gibt und daß der Vertauensschwund weitergehen wird, wenn wir die bei uns liegenden Dinge nicht beim Namen nennen. Als Beispiele erwähne ich Sputnikverbot, Verbot sowjischer Filme, Nichtpublikation sowjetischer Filme und literarischer Meisterwerke.Ich wende mich dagegen, die Ausreiser pauschal als Verräter abzustempeln. Auf Zwischenruf sage ich u.a., daß es nicht 20 T, sondern 100 T. sind und in 40 Jahren DDR mehr als 2 Millionen waren.

Sofort danach polemisiert einer aus Richtung WBA 9 mit mir, wenig überzeugend. (Ich würde die Ausreiser schon zu Martyrern machen (weil ich sagte, daß manche von ihnen unter Schmerzen diesen – falschen – Weg gehen.))

Dann ergreift Ingrid Zander # 2.Sekretärin der SED-Kreisleitung Berlin-Mitte # das Wort. Ihr Grundtenor ist nicht der einer direkten scharfen Verurteilung meiner Position. Sie geht mehr indirekt vor, beschwört, daß hier auf Wahlkreisebene jeder seine konkrete Arbeit machen soll (an mich gewandt: daß wir sie gemeinsam machen sollen) und daß wir uns nicht um irgendwelche unfaßbaren “grauen Felder” den Kopf zerbrechen sollen.

Später heißt es in der Diskussion, mein Beitrag habe “den Nerv getroffen” (so sagt es Mitarbeiter Wohnungspolitk Schulze). Aber es steigt keiner auf diese Qualität der Diskussion mit ein.

Horn-Zimmermann # ein junger CDU-Abgeordneter unseres Wahlkreies # stellt danach (im Zwiegespräch) die Starrheit der Gegenreaktion fest. In den Schlußbemerkungen brachte Ingrid übrigens das Argument, daß “die Masse treu zu uns steht, aufopferungsvoll arbeitet und die Republik festigt.”

Fazit:

  • Beeindruckend, was man – die nötige Zivilcourage vorausgesetzt – schon sagen kann, ohne vernichtet zu werden.

  • Die unverhüllte Reduktion der Demokratie auf die Funktion des kleinen Rädchens. Es gehört nicht zu den demokratischen Anforderungen an den Einzelnen, von den Übergeordneten Rechenschaft zu erzwingen.

  • Und dies wird drittens, wenn überhaupt, begründet mit solchem Argument, wie: Das sei allgemeines, Niemanden konkret betreffendes Reden.

Dies letzte Argument ist besonders infam, da die von den Oberen verursachte Undurchsichtigkit den Unteren angelastet wird. Nch dem Motto: Ihr habt dazu gar keine Informationen (Wir halten sie nämlich geheim.), also könnt ihr gar nicht mitreden. Ihr könnt gar keine Verantwortlichen mit Namen benennen, also könnt ihr von Niemandem Rechenschaft velangen.

C. erzählte von qualifizierten Artikeln von Bischof Demke und Anderen in der letzten Kirchenzeitung.

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BZ vom letzten Wochenende mit interessanten Zahlen zur juristischen Verfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechern:

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27. September 1989 – David Szmulewski (Fajzenberg)

Samstag, Oktober 17th, 2009

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22. September 1989 – “Scheißstaat”

Samstag, Oktober 17th, 2009

Bei herrlichem Spätsommerwetter (26°C) Fahrt raus nach Schmachte. 13 Uhr auf dem Bahnhof Schönhauser:

In unser Abteil drängt – wegen Pendelverkehr – eine Menschentraube. – Unzufriedenheit, Schimpfen auf die Reichsbahn.

Ein Mann (beide Arme tätowiert, vielleicht 35 J.) mit Hund (sehr laut):”Nicht Reichsbahn – Scheißstaat!”

Ein ziemlich alter Mann:”Nein, ich bin von der Reichsbahn…” Der Zug fährt an. Der Alte schimpft halblaut vor sich hin, dabei lauter werdend:”… da müßten sie eben ein Gleis legen… früher hat man da ein Gleis gelegt… sogar während des Krieges hat man da ein Gleis gelegt… (ziemlich laut): Das war ja sogar im Krieg besser als heute.”

Eine vielleicht knapp 50-jährige Frau, sehr laut, sehr scharf: “Wann hört denn mal das Meckern auf! Dann steigen Sie doch aus…!”

Der Alte (wohl erschrocken, gleich):”Gut, da steige ich aus.” (Er steigt schnell aus. Der Zug hielt wohl gerade in Pankow.)

Gleichzeitig der Mann mit dem Hund sehr laut, fast brüllend:”Dieser Scheißstaat, Du Rote Sau!”

Ein junger Mann, der neben dem Hundemann saß, sagte sofort:”Hier in der S-Bahn brauchst Du für Deinen Köter einen Maulkorb.” ((Du selbst hast den Maulkorb wohl nötiger – diesen Satz, glaube ich, wenn auch undeutlich gehört zu haben. C. sagt, sie habe diesen Satz nicht gehört.))

Die Frau schimpft noch einige Sätze gegen die Meckerer, leiser werdend, erbittert: “Diese Saubande”.

Regungen gab es auch von anderen Fahrgästen aber die genannten Worte standen im Raum. Der Hundemann schwieg im weiteren. Wir sagten nichts. Es ging alles unwahrscheinlich schnell. In Blankenburg stiegen alle pendelnd aus.

Ich habe mir zurechtgelegt, wie ich künftig in solchen Situationen auftreten werde. Man muß auf extreme, extremistische und quasifaschistische Äußerungen eingestellt sein! Faschisten muß das Maul gestopft werden, und die Anderen müssen von den Faschisten getrennt werden (und bei Quasifaschisten ebenso).

Auch Stephan Götz vom Lehrgang erzählte von einer Kneipenberührung mit Faschistischem.

Und unsere Führung ist weiter unfähig, auf die Zeichen der Zeit klug zu reagieren. Mit ihrer Art gießen sie weiter Öl ins Feuer. Ich, wir Genossen im Lehrgang, haben das Gefühl, daß der Krug noch eine Weile zu Wasser geht, dann bricht er, und wir hoffen, daß wir nur naß werden und nicht ganz weggespült werden. (So sprachen wir.)

12. September 1989 – Harte Auseinandersetzungen müssen kommen

Freitag, Oktober 16th, 2009

# Ein Blick ins Original des Tagebuchs, samt zeitgenössischem Abbild des Schreibers und seines pekuniären Hintergrunds. #

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Außerordentlich unzufriedene Stimmung bei den Genossen des Lehrgangs und darüber hinaus mit der Politik unserer Führung – offene Äußerung. Die Blauäugigkeit der Medien wird entschieden verurteilt. Sie reden völlig am Volk vorbei. Selbst Genosse F. erwartet eine entschieden kämpferische, offene Position, nicht bloß eine ADN-Meldung oder einen ADN-Kommentar.

Auch wenn man die Rolle der Westmedien nicht bestreitet, ist keiner bereit die bei uns selbst liegenden Ursachen zu ignorieren – keiner, außer denen, die etwas zu sagen haben. Die Genossen sehen Ratlosigkeit, wenn nicht gar Konzeptionslosigkeit bei der Führung.

C. erzählte, daß Frau Schmidt, ihre Sekretärin, sagte, sie habe gesetern geweint – aus Verwirrung, Unfähigkeit (Unwillen), sich für den Westen zu entscheiden, Hoffnungslosigkeit in unsere eigene Entwicklung.

DDR – „der doofe Rest“.

Ernst ist es, daß Gorbatschow keine ausreichenden Erfolge aufzuweisen hat.

Uns stehen harte Zeiten bevor. Ich erwarte (und erhoffe zugleich) Zeiten harter Auseinandersetzungen in der Partei. Sie sind unvermeidlich und notwendig. Noch geht es erstmal darum, daß sie beginnen; danach wird es sofort darum gehen, daß sie für den Sozialismus in der DDR hilfreich sein müssen, ihn stärken müssen.

Nasdala regiert nun in seinem kleinen Herrschaftsbereich. Mein Leben hat sich wieder vereinfacht, von der zeitweiligen Verantwortung entlastet. Von Bertriebsleitung hat N. nicht mehr Ahnung als ich. In dieser Hinsicht erreicht er nicht G.s Stärke (die einzige Stärke, die er mir gegenüber hatte), und ich verspüre umso deutlicher den reglementierenden Sinn meiner Nichteinsetzung. So ist, den lebendigen Nichtfähigeren vor der Nase, das kränkende Gefühl der Zurücksetzung deutlich spürbar. Ich gedenke, damit bewußt fertig zu werden. N. hat jedenfalls von vornherein das Bemühen klar gemacht, keine „schiefen“ Diskussionen zu dulden.

Übrigens, Blauert, WBA 15, hat sein Wohngebietsfest ausfallen lassen.

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So werden bei uns Ideen in Memoiren u.a.Formen verbuddelt.

11. September 1989 – “alte Leute”

Freitag, Oktober 16th, 2009

Schönes sommerliches Wochenende in Schmachte. Weinstöcke „Blauer Portugieser“ und „Siegerrebe“ gesetzt. Pflanzung weißer Johannisbeere und zweier Loganbeeren. Badefahrt zum Tonsee.

Wichtige Artikel in der BR („Budapester Rundschau“) 36/89 und NZ 34/89 zum Hitler/Stalin-Pakt und seinem Umfeld.

F. erzählte im Gespräch von älteren Leuten…? - von 40- bis 45-Jährigen. So stehe ich auf einmal im Reich des Alters! Er erzählt, daß er Mückenlarven für eine Fische fängt:”Sie sind etwa 8x so lang wie eine Blattlaus.”

06. September 1989 – Rolf Henri

Freitag, Oktober 16th, 2009

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Ein würdiges Bild aus unseren Tagen – dachte ich auf den ersten Blick. (Es geht aber um die Verleihung von Mutterkreuzen 1941 in Berlin-Köpenick.)

Gestern Beendigung der Lektüre des Rolf Henri (”Der vormundschaftliche Staat“, Rowohlt 1989). Es findet sich immer Anregendes bei solch rücksichtslosem Schreiben. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, daß wenig Substanz zu finden ist. (Was soll mir Rudolf Steiner als Theoretiker?)

Mit C. darüber gesprochen, ob wohl ein Mensch, der mit Gefühl (mit innerer Verbundenheit) für das Leben der Pflanzen lebt (an ihm innerlich teilnimmt), ob der nicht notwendig psychisch gesund und ausgeglichen ist.

Nach einem Einkauf behindert mich ein kleines Kind mit seinem Fahrrad. Seine sehr junge Mutter:“Laß doch mal den Opa vorbei.“