Archive for the ‘Faschismus’ Category
24. August 1989 - Kurt Pätzold über Ossietzkys Fschismusanalyse
Freitag, Oktober 16th, 2009# Den folgenden Artikel von Kurt Pätzold aus der “Weltbühne” 31/89 habe ich damals unkommentiert in mein Tagebuch übernommen. Ich geben ihn hier in voller Länge wieder, weil er einerseits einen Eindruck davon vermittelt, auf welchem intellektuellen Niveau in der DDR die Auseinandersetzung mit dem Faschismus (auch) geführt wurde und andererseits, weil er leider von ungebrochener Aktualität ist. Vergl. dazu opablog. #
30. Juli 1989 – Post von Heiner H.
Donnerstag, Oktober 15th, 2009# (70. Geburtstag des ehemaligen Lehrers, früheren Flaksoldaten) #
“Lieber P.!
Recht herzlichen Dank für Deinen Brief mit den Geburtstagswünschen und das Buch. Ich habe ja 8 Bücher bekommen, noch mehr Getränke und Blumen… Die Geburtstagsfeier verlief sehr harmonisch. Es war ein herrlicher Sonnentag. Gretl und Heide hatten alles gut vorbereitet, so daß die Gäste sehr zufrieden waren. Schule und Partei kamen schon am Vormittag. Zum Abendbrot waren beide Tische mit 15 Personen besetzt. Die Gehschwachen wurden mit dem Auto geholt und auch zurückgefahren.
Lieber P., das Buch von Dir habe ich gleich gelesen, weil ja doch Erinnerungen wachgerufen wurden. Es gibt ja einen Einblick von einfachen Leuten. Die Erlebnisse des Flaksoldaten kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich habe ja eine viel größere und wechselhaftere Reise mitgemacht. Die stärksten Bombenangriffe erlebte ich in Bremen. Doch die heikelsten Situationen kamen noch später, als man schon die Stimmen aus den Panzern hörte, der Chef war an der Schlagader verletzt, ein “Sani” drückte sie ihm ab, alles ging schön durcheinander. Das war noch linksrheinisch, später waren wir auch in Düsseldorf, wovon im Buch vom Einsatz die Rede ist. Obwohl der Soldat von einer durchaus angenehmen Zeit schrieb, hat er dann das Gefangenenlager nicht überstanden. So sind die humanen Amerikaner mit den Deutschen umgegangen…”
10. Juli 1989 - Soldatenbriefe - Zusammenbruch des Individuums
Freitag, Juli 10th, 2009Tagesschau gestern sendet einen langen Spitzenbericht über die Republikaner. Waigel bestätigt seine revanchistischen Äußerungen. Honecker mit Gallenreizung in Bukarest ausgeschieden.
# Soweit ich mich richtig erinnere, erklärte auf dieser Tagung der Warschauer Vertragsstaaten Gorbatschow das Ende der “Breshnew-Doktrin”. #
Lektüre Popper - wichtig! N. Schmeljow ebenfalls wichtig.
“Zieh dich warm an” - Soldatenbriefe an Großvater Hebig zu seinem 75. Geburtstag geschickt.
Popper sagt - was ich zutiefst teile - der schwerste Angriff auf die Würde des Menschen ist die Angst. Gewalt gegen Menschen anwenden, heißt Kraft, Energie vernichten (statt sie Arbeit verrichten zu lassen). Bei uns werden unliebsame Vorschläge, so formulierte einst Rolf, “geerdet”. Seine Energie wirkungslos zu sehen, kann kein Mensch ertragen. er sucht nach anderen Formen der Kraftverausgabung. Unter ungünstigen sozialen und/oder subjektiven Bedingungen findet er diese nicht. Findet er auch keine Ersatz- oder Betäubungsformen, zerstört er die Energiequelle in sich selbst. (Wie alles Menschliche ist diese Energiequelle kein Fixum, sondern hat ein sozial und subjektiv bestimmtes (also veränderbares) Maß.)
Die Soldatenbriefe zeigen schreiend deutlich, wie der Radius meines Lebens kümmerlich bleibt, wenn ich nicht anders will. Der Mensch muß sich total als soziales Wesene verhalten, soll heißen:”als wenn er der König wär”. Marx: “enormes Bewußtsein”. Jedes Individuum ist ursprünglich “eNorm”. Die Soldatenbriefe enthüllen die unerbittliche Logik des totalen Zusammenbruchs. Sie besteht in der vollständigen Unterordnung unter einen fremden Willen. Formale Disziplinierung ist der Keim des totalen Zusammenbruchs. All das sehr heutig gemeint.
Mit großer Freude beobachte ich den Flug der Schwalben in Skaby und der Mauersegler am Arkonaplatz.
# Damit, am 10. Juli 1989, endet der Band 33 meiner Tagebücher, den ich beginnend mit dem 03. Januar 1989 hier im Blog begonnen hatte. #
11. Juni 1989 – Urlaub, Trifonow über Faschismus
Dienstag, Juni 23rd, 2009Trifonow: “Faschismus ist das Hochkommen der Schlimmsten” und “Faschismus ist Straflosigkeit” (dies aus “Twerskoi Boulevard - 3″)
# Vielleicht ist unverständlich, warum ich diese einfachen Formulierungen als etwas Besonderes empfand. Sie erschienen mir bemerkenswert, weil der Faschismus hier in keinem Bezug zu Klasseninteressen verstanden wurde. Diese Auffassung ging also über die bei uns herrschende, auf Dimitroff zurückgehende Faschismusdefinition, hinaus. #
Und dieser Liedtext:
“Mein Pferd ist gesattelt, vom Hof geht’s hinaus.
An die stille Donau soll mein Rappe mich tragen.
Dort werde ich stehen, was ich tun soll mich fragen:
Erhängen oder ertränken oder zurückkehren nach Haus…”
Sehr schöner Radausflug. Pfarrer Palmer in Neuburg.
13. September 1982 – OdF – Opfer des Faschismus
Donnerstag, März 6th, 2008[…] die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel, Perlsches Gerät;
[…] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - BZ, BZA,
Dante, “Göttliche Komödie” II 16. Gesang, Tendrjakow, „Nofretete“ (enttäuschend),
Hören: Neue Deutsche Welle, […]
7 Zimmerkumpel anwesend, ein Neuer – Heinz Lauenrot, Patentingenieur, 110 kg […]
Heute fühl ich mich so schmerzfrei, wie seit langem nicht (Noch gestern dachte ich: Lieber Operieren, wenn es sich doch nicht bessert.), glaube auch wieder, gerader geworden zu sein. Gleich, sofort habe ich wieder ein schlechtes Gewissen, hier zu liegen.
BZ berichtet von der OdF-Kundgebung am 12.9.
# OdF – Organisation der Opfer des Faschismus. Der 12. 9. war /ist der Gedenktag für die Opfer des Faschismus und die antifaschistischen Widerstandskämpfer. #
Reden von Axen und A. Banfi. Axen: “… im Gedächtnis der Völker eingeschreint…“ und noch Vieles dieser Art. Banfi findet Sätze, die zu Dir Mensch als Partner sprechen. (Wie Fürnberg: So hab doch mit dir selbst Erbarmen.)
# Hermann Axen war langjähriges Politbüromitglied der SED. Da er Auschwitz überlebte, wo er eine Funktion in der Widerstandsorganisation innehatte, war er oft der Redner bei antifaschistischen Gedenkkundgebungen. A. Banfi, Italiener, war, soweit ich mich erinnere, Präsident der FIR, der Internationalen Organisation der Widerstandskämpfer. Übrigens gibt die FIR vierteljährlich ein Informationsbulletin heraus. #
Zimmerkumpel Manfred Krüger, den ich darauf aufmerksam mache, wehrt ab: „Mich interessieren diese Kumpels nicht. Die reden, aber es wird doch alles nur schlimmer, ändert sich doch nichts.“
Massen von Liedern der „Neuen Deutschen Welle“ - Daran kann man nicht einfach vorbeigehen. […]
11. Juli 1982 - Westpropaganda
Sonntag, Januar 27th, 2008
[…]
Lesen: Musil,
Fernsehen: Fußball WM, die BRD geht im Endspiel restlos unter. Gott sei Dank! Die BRD-Berichterstattung schaltet sofort unisono auf: “Vizeweltmeister! - Wenn uns das einer vor 4 Wochen prophezeit hätte…”
[…]
Kürzlich im Westschulfunk ein Höhrbild über Adenauer: Mystifikationen, Legendenproduktion; kein einziger historischer oder sozialer Zusammenhang wird gründlich dargestellt. Aber: Man hört es sich an. Es war interessant. Unser Extrem dagegen ist oft, die Persönlichkeit des Politikers auf soziale und politische Haupt - und Staatsaktionen zu reduzieren. Die Persönlichkeit als besonderer, sogar einzigartiger, Raum darf niemals herausfallen.
Kürzlich zweimal hintereinander im Westfernsehen Inszenierungen beigewohnt: (nein, einmal war es im Rundfunk). 1. Diskussion unter Leitung des Mühlfenzel zur Ausländerproblematik in der BRD. Der Neofaschismus wird salonfähig gemacht.
Eine Linksempörte wird gegenüber einem (wahrscheinlich) ideologischen Neofaschisten tätlich; minutenlanges Durcheinander in Fernsehtotale bis zum Einsatz der Theaterpolizei. Ergebnis: Man entschuldigt sich bei dem korrekt auftretenden Neofaschisten, bittet ihn, seine Thesen zu verkünden, distanziert sich aufs schärfste von den linken Chaoten.
2. eine Schlager/Talk-(Quatsch-) Sendung, bei Rias wohl. Getalkt wird Gunter Gabriel. Der Frager bringt das Gespräch (nicht ungeschickt:” Gunter, bist du schonmal zensiert worden?” Gunter:” Ja, von Dir.”) auf Gunters “Deutschlandlied”, dass er aber ohne erklärende Worte nicht senden wolle, da sich alte Kameraden bestärkt fühlen könnten. Quakelei hin und her darüber. Dann wird das Publikum gefragt, was Gunter zum Abschluss singen soll, natürlich das” Deutschlandlied”. Der Frager gibt sich geschlagen. Das Lied entpuppt sich als listiges graues Mäuslein. Weil es grau, dumm, banal ist, wird es nämlich ohne Bedenken passieren, nach dem Motto:” Deshalb solch ein Zeck?”. Das Liedchen bekennt sich zu Deutschland, ist endlich mal positiv, Deutschlands goldener Weizen und goldenes Bier! Von der Ruhr bis nach Meißen und Schwerin. Auch hier ist das” Heil des Gesunden “programmiert.
Nach Gunter raunzt Katharina Thalbach im Talk. (Während ich schreibe, blöken sich unten auf dem Hof die Motorradbastler die Fußballtaten Deutschlands zu.)
[…]
Mitten in der Nacht, 1.30 Uhr, sperrangelweit südlich steht mein Fenster offen, durch das herein den ganzen Tag der blaue Himmel strahlte. Doch nicht Grillenzirpen dringt herein, sondern dumpfes Großstadtdröhnen. Ich hab den ganzen Tag geruht und bin nun auf die Folter des Schlafenmüssens gespannt. Ich liege nackt bis auf die Hose, so dass wenigstens die gestaute Wärme aus dem Körper fließt. (Und meine Wirbel gleich wieder unterkühlt?) Munter, wehrlos, von Gesumm erfüllt, liege ich hier. Ich kann nur warten. Zu keiner Aktion bin ich fähig, die mich, wenn sie mich schon nicht befreit, doch wenigstens auf einen Weg brächte.
Die Krähen hacken auf mich ein und meine einzige Abwehr besteht immer wieder in der Selbstüberzeugung, dass ich eine alte, ganz feste, ledernen Haut habe. Das mag ein brauchbarer Schutz sein. Doch was sag ich dem wunden warmen Herzen in seinem sicheren Ledergefängnis?
“Höre nicht, wa es mir klagt, klagen ist für Toren.”
Und das unverständige Herz seufzt und arbeitet und taumelt und arbeitet und reißt an meinem Bein und arbeitet und pumpt unermüdlich den einmal endenden Strom.
Liegen, von Gesumm erfüllt und auf den Schlaf warten, das heißt: ich habe die bewusste Steuerung zurückgenommen, will mich dem Steuer der Müdigkeit überlassen. Doch dieses Steuer faßt nicht, weil gar keine Ermüdung da ist. So bin ich, ähnlich wie im Traum aber bei wachen Verstande, dem Unbewussten ausgesetzt. Besser: Es tritt zu Tage und es ist mit dem Gefühl zu vergleichen, einen Bienenschwarm in sich zu tragen.
[…]
Vor Tagen bis 1:30 Uhr im Rias eine Chancon-Sendung gehört. Auch Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt (”Pflaumenbäume”) kamen zu Wort, ein grünes Lied über Seveso, zuletzt Biermann mit Partnerin über den August 68 in der CSSR. B. ist ein großes Talent aber kein großer Künstler geworden. Er singt exhibitionistisch.
Einzelne Politlieder im Westrundfunk. - Schmerzlich spüre ich, was Lieder nicht können.
Gespielt fast nie, oder jetzt 1:00 Uhr, nach Mitternacht: Sie müssen doch eine ganze Menge können.
28. Juni 1982 - Moczarski “Gespräche mit dem Henker”. Die Mauern von Chikago.
Sonntag, Januar 20th, 2008[…]
Hauptetappen meines Lebens lassen sich durch Frauen markieren:
Christel (16 bis 35 Jahre), eine Zeit des Pflichtbewusstseins, der Ernsthaftigkeit in der Anwendung des Gelernten, der strengen Familienorientierung, beginnender Zweifel und Einsichten.
L. (36 bis 42 Jahre), Traum meines Lebens.
Interregnum (42 bis 50/55) Kennenlernen, Studieren der Besonderheiten, Nischen, Abwege. Entdecken ausgefallener Lust, Schwäche zu großer Bindung, intensivste Arbeit, die mich auch verändert.
Abendliebe (50/55 bis Schluss) schöne begrenzte Liebe, sich Bescheiden mit dem Möglichen, das zum Wirklichen wird. Abschied vom unendlichen Glück, Frieden im bescheidenen Glück.
Beim Psychologen-Treff spreche ich mit Inge über Angelika. Nach dem was ich schildere (Badeszene), meinte sie, dass es doch ziemlich ernst sei und sie in ärztliche Behandlung müsse. Man solle solche Leute straff, energisch, ernsthaft, aber nicht kränkend anfassen.
[…]
Im Westfernsehen zum ersten Mal eine Hitler Wochenschau ganz gesehen. 30 Minuten das Gloria der deutschen Heere, danach schwätzen 1, 2 Engländer über die damaligen Kämpfe um Tobruk (1, 2 Russen über die Kämpfe um Sewastopol lassen sie nicht auftreten), wegen der Objektivität! Seit Jahren sind diese Sendungen alltäglich. Seit Jahren also ungebrochene Tradition zur deutschen faschistischen Wehrmacht selbstverständlich. Konsequentes Verdecken von Zusammenhängen und Ursachen, wie auch in der nachfolgenden Sendung “Hedonismus”.
Imperialistische Ideologie: das (dosierte) Darstellen von Erscheinungen kann sehr weit gehen, wenn zugleich gesichert wird, dass das Wesen unerkannt bleibt!
Das Verdecken von Zusammenhängen und Ursachen ist auch bei Fassbinder typisch, für den wieder Gedenksendung. Mit ihm ist Ihnen wirklich ein ideologisches Zugpferd ausgefallen.
Immer wieder fällt auf bei Leuten, die nicht aus L.s Umgebung kommen, sondern meiner die Unsinnlichkeit, Blindheit beziehungsweise allenfalls schematisierte Sinnlichkeit (zuletzt beim Psychologen-Treff, z. B. Nichtbeachtung der Blumen).
Zu “Gespräche mit dem Henker” von K. Moczarski: Frau Käthe Stroop kommt aus der Kulturintelligenz. Wahrscheinlich auch eine Bestätigung dafür, wie die ästhetische ohne entsprechende politisch - ethische Bildung zum Schlimmsten passt.
“Ein Leiter ist auch dafür verantwortlich, was die von ihm Geleiteten tun.” Die Tiefe dieses Leninsche Satzes ist mir jetzt nach der “Stroop-Lektüre” erst richtig aufgegangen. Bei der Darstellung durch Mocz. stehen Momente der Führungstätigkeit im Vordergrund. Das bedingt eine gewisse Abstraktheit und drängt die wirklichen Folgen der Handlungen der Befehlenden (und erst von Schreibtischtätern!) in den Hintergrund, macht sie unwirklich. Um das Handeln solcher Leute auch emotional richtig zu werten, müssen neben dem Wesen ihrer Führungs- und Leitungstätigkeit auch immer typische Erscheinungen, Einzelheiten dessen dargestellt werden. Typische Erscheinungen, denn nicht für alle Erscheinungen ist der Leiter verantwortlich.
Gute Stimmung beim Psychologentreff. Heidi freut sich über ein kleines Kompliment, dass ich ihr mache. Sie scheint und wirkt so herb. Und das täuscht. Wie ein Schwamm saugt sie Lob, Dank, Aufmerksamkeit auf. Sie will gewärmt werden.
[…]
18. Juni 1982 – Nacktfotos
Samstag, Januar 12th, 2008
[…]
interessanter Tag, die Gespräche in Halle sind fruchtbar, wenn auch noch nicht unmittelbar für den 31. Lehrgang. Ich gehe mit der erneuerten Sicherheit: Das (Kaderdirektor) kannst du auch.
# Gespräche in der Kaderdirektion des Kombinates KPV, „Pumpen und Verdichter“, zur Verbesserung der Delegierung von Nachwuchskadern an unsere Weiterbildungseinrichtung #
In der Mitropa eine Kellnerin, ganz flink in der Bedienung und mit dem Mundwerk, blond, mit hellen grauen Augen; direkt, fröhlich, kräftig. Sie erinnerte mich an Annemarie ebenso wie an Margot. Sie war vielleicht 35-40, mit nicht besonders guter Figur, aber da war Sympathie. Wir wären bestimmt ein Paar geworden. Ich hab’ keine Zeit. Noch beim Bezahlen spendiere ich ihr einen Klaren (was sie zuerst mißversteht). Als ich aufstehe, begreift sie erst: „Ach, das ist aber lieb… Sie kennen wohl meinen Geschmack?“ Ich: „Na, klar!“ […]
Auf der ganzen Rückfahrt bin ich gefesselt von K. Moczarski, „Gespräche mit dem Henker“. S92:“… der rasche Deformierungsprozeß, überall dort, wo Menschen wenig festen Charakters plötzlich in den Genuß besserer Existenzbedingungen kommen, wo eine Privilegierung und Separierung von der bisherigen Umwelt eintritt.“ - eine wichtige Beobachtung.
Als ich zu Hause ankomme, finde ich im Briefkasten einen Einschreibebrief von H. Gross. Darin befinden sich […] 10 Aktfotos, […] sowie ein zweiter Umschlag, in dem Gross sein Angebot an Aktfotos unterbreitet. […]
Sie haben mich also finanziell korrekt und mit richtig gewählten Bildern (nicht allzu gewagt und doch einiges versprechend), sowie mit dem weiteren Angebot erstmal in den Kundenkreis aufgenommen, und davon bin ich sehr angetan. […]
Aktfotografie1 von H. Gross
Übrigens werde ich hier ins Protokollbuch nur wenige (und nicht die besten) dieser Originalfotos einkleben, denn, wenn das mal eine reizvolle Sammlung werden soll, darf ich die Bilder nicht zerstreuen.
Es sind keine künstlerischen Aktfotos, sondern erotisch reizende Bilder von nackten Frauen, und genau das ist es, was ich wünsche bzw. wo meine Wünsche ansetzen und weitergehen, einmal in Richtung des erotisch bzw. sexuell gewagten Fotos und zum anderen in die Richtung des künstlerischen Akts. Beide Richtungen werde ich verfolgen.
Erfreut bin ich übrigens auch über die erschwinglichen Preise, über die korrekte Verhaltensweise mit den 20,- M und überhaupt darüber, daß es – bei aller beachteten Diskretion – geklappt hat.
Interessant übrigens, wie ich mich doch nur langsam von meinen Hemmungen frei mache. L. hat längst von sich Aktfotos machen lassen, in recht krassen Stellungen. Wie ich doch bei jedem Schritt Skrupel zu überwinden habe!
Aktfotografie 2 von H. Gross
Erfreulich ist die Gelöstheit der Modelle. Die Szenen sind nicht peinlich. Das Modell mit den langen Haaren ist sogar sehr sympathisch, die von ihm aufgenommenen Bilder sind sehr zurückhaltend. Die andere […] posiert erotisch wesentlich „schärfer“, aber nichts von unangenehm. Es ist halt eine junge, schöne, sehr selbstbewußte Frau. […] Sie erinnert mich übrigens an Hegrü, mit deren Brüsten sie aber (obwohl Helga doch viel älter ist) keinesfalls konkurrieren kann.
Klar – das sind Bilder zum „Anfüttern“ (zugleich sich Absichern). Gespannt bin ich auf die Steigerungen. Antwortbrief an Gross. […]
# Der Kontakt zu Gross hatte sich dadurch ergeben, daß ich auf die Zeitungsannonce eines Fotomodells geantwortet hatte. Durch dessen Absage und Weitervermittlung war ich vorerst nicht bei einem Aktmodell, sondern bei einem Kleinhändler für Nacktfotos gelandet. Aus heutiger Sicht eine völlige Harmlosigkeit. Für mich damals ein aufregendes, halblegales Unterfangen, auf das ich mich vorsichtig einließ, zumal ich nicht abschätzen konnte, ob ich in eine Grauzone von käuflichem Sex geraten würde. #
24. März 1982 - Geschichtslogik; Freßlust
Mittwoch, Oktober 3rd, 2007
eklig Schnupfen und Rückenschmerzen, die Augen brennen
[…] Einkäufe: ein ordentlicher Cordanzug 312,-M, eine lange Hose 178,-M;
[…] Wichtiges aus „Sinn und Form“ 1/82. W. Girnus schrieb einen Artikel von zwingender Logik, der auch mich betrifft: „Auf Leben und Tod“, S. 184ff.
Seine logische Kette:
* Die Entwicklung zur wachsenden Gewalttätigkeit wird sich unter dem Diktat des militärisch-industriellen Komplexes bis zum Jahr 2000 erheblich beschleunigen.
* Die tiefgreifenden sozialen, geistigen, kulturellen Gegenbewegungen zu den konventionellen Lebensformen und -normen der kapitalistischen Endgesellschaft werden immer breiter und heftiger. (Wir müssen das ernst nehmen.)
* Dagegen laufende Verstärkung der bürgerlichen Staatsmacht. Ökonomisch heißt das weitere gigantische Kapitalkonzentration im internationalen Maßstab (Japan!)
* Die führenden Generale der NATO maßen sich immer mehr Entscheidungsgewalt an.
* Die Gefahr einer neuen faschistischen Welle, einer Art Eurofaschismus wird immer deutlicher. Diese Strömungen (Girnus gibt Beispiele.) stützen sich auf die Gedankenwelt Fr. Nietzsches.
Faschistischer Unrat aus den USA wird massenhaft in BRD importiert.
* Wir müssen die Gefahr einer Explosion dieses kapitalistischen Kessels bannen und sorgen, daß es zur Implosion kommt.
* Die Spannungen werden wachsen. Entspannungspolitik heißt nicht, daß keine Spannungen auftreten, sondern heißt verhindern, daß deren Entladung in eine nukleare Katastrophe mündet.
* Wir haben keine Zeit der Euphorie und Ekstasen vor uns. Wir brauchen Charaktere, Unbeugsame, Pioniere der Geschichte, die sich nicht scheuen, neue Wege durch das Dickicht unserer Epoche zu schlagen. „Künstler, denen dieser Typ nichts zu sagen hat, werden wenig zu sagen wissen.“
* Was Kunst kann. „Auferstehung“ im KZ.
Dieser Artikel und ein zweiter von O.Neumann „Wer wertet Becher um und warum?“ (S.193ff) brachten mir Einsichten. Neumann setzt sich mit G. Kunert auseinander (Bechers „Grashüpfer“). Becher und Brecht hatten nach Kunert zu viel Vernunftglaube, zu viel positive Utopie, zu viel Umfeld von außen (also zu wenig Beschränkung auf das „Infeld“?) Wechsel auf die Zukunft, die stets platzen.
Kunerts antiautoritäre Attitüde > vom Mythos autarker Kunst zu den „Kämpfen im Zirkusrund“ als Weltverständnis endlich zum Mythos des Züchtens der nordischen Rasse fürs „Zeitalter der Weltkriege“? Becher werde attackiert, weil er in „Kunstautonomie“ und „Innerlichkeit“ die Unfähigkeit zum Widerstand für das Humane und die Anfälligkeit für das Barbarische erkannt und bekämpft hat. (Auch hier weitere Beispiele, die belegen, daß es sich hier um eine Stoßrichtung, nicht um Einzelmeinungen handelt.)
Beide Artikel veranlassen mich zu einem Kommentar aus heutiger Sicht.
Welche Einsichten und Anstöße daraus also für mich?
* Achtung, wenn du deine geliebte Individualität hätschelst! (Die eigene Individualität sozial „produktiv“ machen. (Werner im damaligen Gespräch war das Wort „produktiv“ ein Graus.))
* Nietzsche besser kennen!
* „reine Kunst“ und Barbarei sind Geschwister
[…]
* Manche Leute, die mit dem Sozialismus gebrochen haben, aus Feindseligkeit, lassen sich dann nur von Feindlichkeit leiten > bis zum Faschismus.
Cezanne ist ein einzigartiger Realist der sinnlich-natürlichen Welt, sozusagen ein Feuerbachianer. Der sozialen Realität, so weit sie von der natürlichen geschieden ist, steht er verständnislos gegenüber (genau wie Gauguin, auch van Gogh); in dieser Hinsicht ist Sterl stärker, von Leuten wie Rembrandt oder Goya zu schweigen.
[…] Die harte, aggressive und genormte (also fast militärische) Art, in der Erotik in der Mode erscheint heutzutage. Z. B. die Preßhosen, z. B. einst die Minikleidung.
[…] Mit Anne noch über Freßsucht geredet. (In „Wochenpost“ 12/82 war ein Artikelchen „Stierhunger“ in den USA, der eigentlich der Auslöser für meine Beschäftigung hier mit diesem Thema ist.)
Was ich gestern Abend aß: Beim Einäugigen (Kneipe um die Ecke): 4 Scheiben Böhmerschinken und Mayonaisesalat. Damit war ich eigentlich satt. Zu Hause angekommen (Es war kalt, unfreundlich, ich angetrunken, verschnupft, geruch- und geschmacklos.) schlug ich in mich hinein (alles in Hast): 1 Bratpfanne voll Nudeln + reichlich Tomatensoße mit etwas Fleisch darin, dazu einen nicht kleinen Kanten Brot, eine herumliegende halbe Scheibe Leberwurstbrot, ein Portion Eis, zwei dicke Scheiben Malfa-Brot mit Speck, eine Scheibe Malfa-Brot mit dick Butter, vorher noch ein herumliegendes Stück Streuselkuchen. Es war ein genußfreier, reiner Füllvorgang. Wenige Minuten später ging ich zu Bett. Schlief bald ein, aber dann schlecht.
















