Archive for the ‘Fernsehen’ Category

21. Dezember 1989 - Privilegien der Führung

Donnerstag, November 24th, 2011

ND von heute:

Die 14 Autos des Erich Honecker.

10 Farbfernseher/Jahr kaufte die Sippe Mittag (NSW-Erzeugnisse 1:1 + 50% Handelsspanne).

Von Sept. bis Nov. kaufte die Familie Sindermann 4 westl. Farbfernseher.

Hamsterkäufe einiger Familien, nachdem angekündigt worden war, dass das NSW-Sortiment zum letzten Mal verkauft wird.

Welch eine moralische Degradation!

Meine hier mehrfach geäußerte Entrüstung über die moralische Degradation unserer Führer verlangt nach Erläuterung:

Die Privilegien der Machthaber im Sozialismus waren immer ein wunder Punkt. Erzogen wurden wir mit Bildern von der spartanischen Lebensweise Lenins. Offiziell war das damit gesetzte Leitbild nie zurück genommen worden. Freilich hatten wir die Gleichmacherei, die Missachtung des Leistungsprinzips der frühen Jahre nach der Oktoberrevolution in unserem ideologischen Selbstverständnis seit langem „überwunden“ und damit war grundsätzlich klar, dass hochrangigen Leuten hochrangige Einkünfte zustanden. Kein Diskussionsgegenstand waren auch Vergünstigungen, die Widerstandskämpfern gegen den Faschismus gewährt wurden.

Leider wurden aber all diese Verhältnisse nie offen gelegt, Durchsichtigkeit war nie gegeben. Aber immer wieder wußte jemand von Beispielen offensichtlich ungerechtfertigter, keineswegs durch das Leistungsprinzip gedeckter Begünstigungen, die für unerfreuliche Diskussionen sorgten. Jedem waren solche Beispiele bekannt und als „guter Genosse“ musste man es eben schlucken, in einer ärgerlichen Defensive zu sein und die ganze Problematik mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen verdrängen.

Zu meiner eigenen Orientierung (oder Beruhigung) hatte ich mir in diesem zwiespältigen Bereich zwei, drei Kriterien festgehalten: Für unberechtigt und kritikwürdig hielt ich die quasi private Nutzung des ganzen Ferienhaus-, Gästehaus-, Tagungshauswesens. Deren ganzes Ausmaß war mir bis zum Ende der DDR nicht bekannt. Und für verwerflich hielt ich die Beziehungs- und Beschaffungsmentalität, die sich in der Versorgung ganzer Familien- und Freundesclans ausdrückte. Schließlich war ein dritter Aspekt schwer erträglich: Die Konsumwünsche unserer Oberen und ihres Familienanhangs richteten sich fast ausschließlich auf Westwaren und zwar, wie ich erst gegen Ende der DDR erfuhr, nicht nur auf westliche Gebrauchsgüter, sondern auch auf Perlen der westlichen Ideologieproduktion, Pornofilme eingeschlossen.

Die jetzt gemachten Enthüllungen und gleichermaßen die miesen Vertuschungsversuche bewiesen, dass die moralische Integrität der Führungsschicht zerstört war. An dieser Stelle mischte sich in meine Empörung Selbsthass – weil ich mich solange gescheut hatte, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Freilich, die Korruptheit der politischen Elite der DDR in den gegenwärtigen realkapitalistischen Rahmen gestellt, sieht mickrig aus. Selbst einer der intelligentesten Korrupten – Schalck-Golodkowski – hat kaum mehr zusammengerafft als heute ein zweitklassiges Fußballidol. Doch solche Relativierung setzt den Maßstab der bürgerlichen Gesellschaft voraus. Wir aber mühten uns um den Aufbau des Sozialismus. Noch in der Missachtung und Zerstörung sozialistischer Werte durch Kommunisten, wie sie 1989/90 ans Licht kam, leuchtete auf, dass sie zeitweilig gesellschaftliche Geltung erlangt hatten.

Ein Bedenken zum Schluss: Sollte ich mit dem ganzen schwer fassbaren Thema der Moralität nicht viel vorsichtiger umgehen? Verlange ich gar, dass Politiker, Menschen wie du und ich, Edelmenschen sein sollen? In der Tat geht es mir nicht um Moral in ihren vielen Aspekten, sondern um einen ganz bestimmten Zusammenhang, jenen Bereich, den jeder sozialistische Politiker verantworten muss – das Verhältnis des Einzelnen zur privaten (und das heißt wörtlich räuberischen) Aneignung von gesellschaftlichen Gütern und Leistungen. In dieser Frage bleibt jeder Sozialist, auch und gerade ein verdienter Politiker, voll und ganz verantwortlich. Die Erfahrung bestätigt, dass jede soziale Bewegung, die sich nicht von ihren Privatisierern frei macht und frei hält, verloren ist. #

# Auch im opablog Dezember 2011 beschäftigt mich das Thema. #

# Ein Zeitungsausriß  aus der “BZ” zum Kohl-Auftritt in Dresden # 

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20. Dezember 1989 - Kohl in Dresden

Dienstag, November 22nd, 2011

Frenetische „Deutschland! Deutschland!“ –Rufe in Dresden gestern und „Rote raus“ Rote raus“. (Die Gegendemonstration in Berlin existiert für die Tagesthemen nicht, auch nicht für die heutige CDU-„Neue Zeit“.)

Kohl begrüßt gestern die Dresdner an der Frauenkirche und zollt der „friedlichen Revolution“ in der DDR Bewunderung!!

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Am Zionskirchplatz gestern erblickte ich das erste Flugblatt der SED-PDS von der Basis. Es findet sich die GO # SED-Grundorganisation # des Wohngebiets.

Streit mit C. über Rechtmäßigkeit der Modrow-Regierung.

Gestern Bescherung bei F. und L. (Stabilbaukasten für F.)

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 # Der folgende Zeitungsbericht schildert den Arbeitseinsatz im Schlachthof Berlin, an dem auch ich beteiligt war, wie hier mehrfach berichtet. #

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15. Dezember 1989 - Eppelmann jetzt offen antisozialistisch

Dienstag, November 22nd, 2011

Gestern WBA-Sitzung.

Das „Neue Forum“ hat uns versetzt.

Kerstin brachte die Nachricht mit, daß der Kaufhallenaushang seit gestern angebracht worden sei. Wir sprachen über Sorgen der Gegenwart. Sie erzählte, daß in ihrem Heimatkreis das Amt für Staatssicherheit faktisch gestürmt worden sei. Mit Rufen, wie: „Hängt sie auf, die Schweine!“ Die das taten seien ganz negative Elemente gewesen. Ich fragte sie, wie sie die SED gegenwärtig sehe, und sie sagte: “Wenn jetzt Wahlen wären, würde ich SED wählen.“

Gestern im Fernsehen Eppelmann, der sich noch zu Weihnachten den Sturz der Regierung Modrow wünscht, und ein anderer Vertreter des „DA“, der nun ihre Forderung des Sozialismus außer Kraft setzt – mir scheint hier kommt der Pferdefuß des Demagogen und Konjunkturpolitikers deutlich zum Vorschein.

Der Wahlkampf hat begonnen und hier sehe ich Ansatzpunkte, um in die Offensive zu gehen. Das können wir aber nur, wenn die innere Reinigung der Partei schnell weitergeht

# Der folgende Zeitungsausschnitt aus der Zeitung der DDR-CDU “Neue Zeit” berichtet von der Untersuchung der Poizeiübergriffe vom 7./8. Oktober #

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 # Im folgenden dokumentiere ich einen in diesen Tagen erschienenen “Aufruf der 89″. Sein genaues Erscheinungsdatum weiß ich nicht. Die unterzeichnenden Persönlichkeiten setzen sich für die Erhaltung und Weiterentwicklung der sozialistischen Gesellschaft DDR ein, mit besonderer Betonung einer beispielhaften deutschen Friedenpolitik. #

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08. Dezember 1989 - Kultur in Westberlin

Dienstag, Dezember 8th, 2009

 # Die letzten Wochen des Jahres 1989 und die ersten des Jahres 1990 waren voller politischer Dramatik. Für mich persönlich war es die Zeit, in der mir klar wurde, daß die DDR untergehen würde. Mein Tagebuch zeugt von intensiver Informationsaufnahme. Es enthält besonders viele Zeitungsausschnitte und andere Dokumente. Eigene Notizen sind dagegen fast immer kurz und bruchstückhaft. Es war einfach nicht die Zeit für lange Betrachtungen. Die Ereignisse ermöglichten blitzartige, klare Einsichten. Aber auch verzerrte Wahrnehmungen und extreme Wertungen passierten mir mehrfach. Erst am 13. und 14. Januar fand ich erstmals ein wenig Zeit zur Reflexion und versuchte das auch zu formulieren. #


In meiner Aktivitätsstatistik neue Kategorie 5.60 einführen: “Besuch von West-Kulturveranstalungen”?

Letzter Arbeitstag im Broiler-Lager.

Nachmittags nach WB. Sehr schöner Egon Schiele-Kalender für C. Und Sexfilm „Emanuelle 5“ - hat mich kurzzeitig animiert aber dann gelangweilt.

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Abends lange Fernsehen vom außerordentlichen SED-Parteitag.

Spätes Schlafen.

 


02. Dezember 1989 - Die “Linken” in der SED rühren sich

Mittwoch, Dezember 2nd, 2009

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Tag des Saubermachens!

Über Rundfunk erfahre ich: Heute Abend 18.00 Uhr zum ZK.

F. bei uns.

Kundgebung vor dem Haus des ZK. Wir „Linken“ fordern den Rücktritt von Krenz mit dem Politbüro.

Biermann (u.a.) - Konzert im Fernsehen. Beeindruckend: Bettina Wegner.

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21. November 1989 - tiefe Krise der Partei

Sonntag, November 22nd, 2009

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Die gestrige Belegschaftsversammlung brachte fast keine Information. Die GO-Versammlung # Grundorganisation der SED # brachte die Delegiertenwahl # zum Sonderparteitag # und eine recht unerquickliche Diskussion. Wir sind 235, 193 sind anwesend (83%). Allgemeine Verwirrung, Resignation und zu kurzes Fragen nach den Ursachen (Alle Schuld hat die Parteiführung). Die Partei ist in einer Krise. In welcher Krise ist die Partei? Die Krise der SED hat leider sehr tiefe Wurzeln. Da ist der Stalinismus. Das geht schon sehr tief. Noch tiefer liegt aber die Wurzel Utopismus bei Marx und Engels. Die Rolle der politisch-kulturellen Verhältnisse war nicht tief genug begriffen. Illusionen über die Arbeiterklasse und damit auch die Diktatur des Proletariats.

Der Arbeitstag heute war anstrengend, fast keine Pause. Interessant: Das Ausladen von Wild.

Danach machte ich einen ersten dreistündigen Bummel durch WB. Nach Geldumtausch besitze ich jetzt erstmals 115,-DM. Der Eindruck ist groß! (Ein einsamer geschlagener Kommunist geht über den Markt.) Die Mauer – sie ist aber nur der Kulminationspunkt – hat uns sehr geschadet.

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Als ich 19.00 Uhr zu Hause ankomme, geht gerade C. mit Auszugshelfer Wulf aus der Wohnung. Damit mein Scherbenhaufen vollständig ist.

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18.November 1989 - Gewaltfreiheit!

Mittwoch, November 18th, 2009

Gestern noch bei F. - Modelleisenbahnbau

Regierungserklärung Modrow teile ich voll und ganz.

Westfernsehen überträgt Leipziger Kundgebung des “Neuen Forum”.

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Heute heißt es allenthalben, daß man weiter auf die Straße gehen muß. Das ist aber nur die halbe, eigentlich nur ein Drittel der Wahrheit: In Wirklichkeit geht es darum, sehr genau zu wisen, was man fordert und will, damit die Revolution weitergeht (”Neue Zeit”, 45/89, S. 22, V. Ganjuschkin), damit der Sozialismus demokratisiert wird. Und dafür muß man dann überall, auch auf der Straße, einstehen.

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“Das Volk” will nichts mehr von der SED wissen und schätzt Gorbi. Welche konkrete Politik Gorbi aber macht, und was man konkret von dort lernen könnte - Da gibt es wenig.

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 Daß uns eines Tages die Notwendigkeit, den Stalinismus aus- und auszumerzen so grausam packen wüde - das hätte ich nicht gedacht. Und wieder mußt Du als Genosse dabei vorangehen und darfst nicht auf Dank hoffen. Und die Massen sind zwiespältig in ihrem Aufschwung. Beflügelt wollen sie auch gleich noch den Dreck an den eigenen Füßen überfliegen. Wie schön ist es, wenn man nun für ALLES eine Schuldigen hat!

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 Die Leipziger Kundgebung des “Neuen Forum”, die ich heute lange gesehen habe, bietet eine wunderliche Mischung von ehrlicher Empörung/Unkenntnis/Demagogie und Rationalität/Realismus. Die eigentümliche Legierung von Mündigkeit und Unmündigkeit, die wir erleben!

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Ich freue mich darauf, morgen meine Garten in Schmachte zu erleben.

Mit elementarer Gewalt treibt es mich auf einen ideologischen Punkt zu: Wie kommen wir aus Hitler und Stalin? (Die Überempfindlichkeit Honeckers auf diese Sputnik-Frage. Das nachdrückliche Fragen der Lea Rosh nach eventuellen Wurzeln der DDR zwischen 1933-45. Wassili Grossmans Roman, über den ich gerade in “Kunst und Literatur” 6/89 lese.)

Ich wiederhole es: Vielleicht ist die Gewaltfreiheit in diesem Aufschwung in der DDR, der hoffentlich eine Revolution ist, eine welthistorisch neue Tat. Kann einst die Gewalt die Demut gebären?

Wie erlebe ich die Abwesenheit C.s? Gleichgültig.

In den Brüchen dieser Tage und den Mühes des Bewältigens gibt mir C. nichts.

Ausfall der halben E-Anlage in meiner Wohnung.

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11.November 1989 - Tag nach der Maueröffnung

Samstag, November 14th, 2009

6.10 Uhr, heute Schlange am Zeitungsstand. Ich kriege aber noch “ND” und “JW”.

Die gestrige unerwartete Öffnung der Mauer hat mich mit großer Sorge erfüllt. Ich glaube, da war bei mir mehr Angst als gut war. Ich war auch noch vor 2-3 Wochen innerlich nicht fähig, mich an Straßendemonstrationen zu beteiligen. Was mangelende Zivilcourage, Opportunismus betrifft, werfe ich mir nicht viel vor. Ich habe immerhin meine politische Haltung so vertreten, daß ich mir eine berufliche Karriere verbaut habe. Und sie so vertreten, daß ich Parteiausschluß und Kriminalisierung riskiert hätte, das wollte ich nicht. Das wollte ich lange Zeit nicht, doch diese Frage reifte nach dem mich vergewaltigenden Agit-Stasi-Einsatz auf dem Alexanderplatz am 7.7. heran, und ich hätte sie schließlich - bei aller Zurückhaltung und Berechnung - mit “Zivilcourage” getroffen.

Ich werfe mir aber ungenügendes Begreifen des wahrhaft demokratischen Charakters, eigentlich des machtvoll demokratischen Charakters der Volksaktivitäten vor. Die “Erfahrung der Freiheit … auf der großen Straße in Leipzig” - wie Volker Braun heute im ND schreibt - das war nicht nur nicht meine Erfahrung, es war auch nicht mein Begriff von einer solchen Erfahrung. Ich glaube, daß meine halbstaatsapparatlichen Arbeits- und Lebensverhältnisse mich so taub gemacht haben.

(Es entsteht der Wunsch, diese Lebensposition zu ändern - ist solch ein Wunsch nicht ein ganz brauchbares Kriterium für ernste Selbstkritik?)

Den Dreh- und Angelpunkt meiner geistig-theoretischen bisherigen Versäumnisse aber auch der künftigen Aufgaben möchte ich mit dem etwas unförmigen Begriff der “Souveränität der Basisdemokratie” bezeichen.

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Krenz hat in dieser Hinsicht, also eigentlich was den Kern der qualitativen Erneuerung betrifft, keinen geistigen Vorlauf. Aber er ist mit aller Energie bestrebt, sich auf die Höhe der Zeit hinaufzuarbeiten und die Lektionen zu lernen. Die Entstehung des neuen Politbüros ist nur ein markantes Beispiel dafür, wie konservativ Krenz an diese Fragen heranging. (Das Krenz-Vorschlag-Politbüro im Amt bis Mai 90 - eine Horrorvorstellung!) Selbst dieses alte ZK hat ihm eine Lehre erteilt. Die Richtung freilich, die Krenz angibt, ist richtig. Das ist ein Grund, sich zu identifizieren damit. Der Mangel -und es ist ein schwerwiegender - besteht in Krenz’ ungenügendem Begreifen, wie radikal Bedingungen, Tatsachen geschaffen werden müssen, damit aus Erklärungen Taten werden. Da besteht eine z. T. noch bürokratische Zeitvorstellung von den Prozessen, nicht volles Erfassen des Zeitdiktats der Straße. Das hat nur Modrow. Jedoch und das ist der 2. Grund, der entscheidende, für Identifikation: Die Öffnung der Mauer ist die erste Tat seit dem 11.10., die nicht den Ereignissen hinterherläuft. Die schnelle Entwicklung, vom Entwurf des Reisegesetzes über die Regelung vom 9.11. bis zur jetzt geübten Praxis, möchte ich verstehen als Herausbildung der Fähigkeit, die Prozesse wirklich zu führen.

Man muß auch akzeptieren, daß es gilt, den Zusammenhalt der Partei zu wahren.

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Übrigens war mir die jetzt geübte Praxis unverständlich. Ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte. Und halte diese Form auch nicht für die Beste.

Boje, den ich im Lustgarten traf (Er kam gerade mit dem Fahrrad vom Kudamm zurück.) erzählte, daß manche meinten, dieses fast völlige Öffnen der Grenze sei von inneren Kräften bewußt lanciert worden, damit es zu Konflikten komme und so zum Vorwand für einen Militärputsch.

Ich halte dies nicht für ausgeschlossen. (Keßler geht in seiner Diskussionsrede auf der 10. Tagung so gut wie gar nicht auf seine Mitverantwortung ein. Dickel ebenfalls nicht selbstkritisch.)

Wie weiter?

Realistisch (fast skeptisch) über die 10. Tagung reden, persönliche Schlüsse ziehen - und für die Arbeit - und für WBA.

Gegen Opportunismus!

Gestern auf der Kundgebung rief übrigens einer der Redner nach Conny Naumann!

Hab’ soeben einen Spaziergang zur Oderberger Straße gemacht, zur durchbrochenen Mauer.

Gestern war Gründungstreffen “Neues Forum” in der Gethsemane.

Am 13.11. ist Bürgerforum im Prater.

Hab’ heut nachmittag 3 1/2 Stunden geschlafen.

# Ich zeige mich als überrascht und verwirrt. Ich versuche der Entwicklung etwas Positives (für den Sozialismus der DDR) abzugewinnen. Ich erlebe die klassische Situation einer paralysierten handlungsunfähigen Partei, einer, dem Anspruch nach, wissenschaftlich begründet agierenden Partei, die sich als völlig konzeptionslos und frei von Strategie erweist.

Einige Momente von damals halte ich für heute fest (weil sie mir im Laufe der Jahre unter dem antikommunistischen Trommelfeuer) zu sehr in den Hintergrund geraten waren:

Meine positive Bewertung der Volksaktivität.

Meine Befürchtungen hinsichtlich der Möglichkeit einer “chinesischen Lösung”.

Auf beides zurückkommen.#

 

10.November 1989 - rasende Zeit

Montag, November 9th, 2009

Renates Mann, Siegfried, spazierte vergangene Nacht zwischen 0 Uhr und 2 Uhr in Westberlin herum. Fremde prosteten einander mit Sekt und Wein zu.

891110-1.jpg Gestern gute WBA-Sitzung zur Versorgungssituation.

C. und ich hörten gestern gegen 22 Uhr vom Westfernsehen von den neuen Reiseregelungen Das Westfernsehen berichtete da, daß die ersten DDR-Bürger schon kämen Ein Übergang (Welcher?) wurde gezeigt, wo noch keiner durchgekommen war; der Reporter vor Ort sagte aber, daß sie telefonisch wüßten, daß Bornholmer Straße schon DDR-Bürger durchgelassen worden seien.

Die Mauer wird geöffnet.

Ich bin erschreckt vom Anblick derer, die am Brandenburger Tor auf der Mauer sitzen.

Beratung mit HoDö über freiwillige Arbeit.

Abends Kundgebung im Lustgarten.

Anruf von Roderich - wie ich’s fände.

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02.November 1989 - Diskussionen im Kollegenkreis

Mittwoch, November 4th, 2009

Intensives Zeitunglesen

In Mylau: Viel Bewegung, darunter auch Substantielles. Intensive Diskussion auch mit dem Lehrgang.

Meine Thesen lasse ich kopieren. Ein Exemplar an Schlesinger, eins an den Lehrgang…

Fernsehdiskussion mit Klopfer, Bayreuther - alt!