Archive for the ‘Führung’ Category

07. Dezember 1989 - schwere Arbeit - Zeitungsschau

Dienstag, Dezember 8th, 2009

Schwere Arbeit! (9 1/2 Stunden), 20 Kunden mit Geflügel beliefert (Trinkgeld 17,-M:2, zwei Mahlzeiten).

# Vielleicht erscheint es als Zumutung nachfolgend einen Zeitungsausschnitt nach dem andern einzustellen. Mein Tagebuch sieht wohl deshalb so aus, weil ich von der Arbeit wirklich erschöpft war und keine Kraft zu langen Einträgen hatte. Andererseits waren die Zeitungen voller bisher ungehörter Stimmen, und ich verfolgte sie intensiv. Es herrschte das Gefühl eines unerhörten Tempos. Das Leben schien sich täglich zun beschleunigen. Ohne mein Zutun. #

891207-1.jpg

# Gibt es eine gründliche, wissenschaftliche Darstellung und Analyse der Arbeit des Ausschusses zur Untersuchung der Ereignisse vom 7. und 8. 10.1989? Ich weiß es nicht. Wie hier schon früher dargestellt, haben auch mich diese Ereignisse stark beeindruckt und beeinflußt. Den Untersuchungsprozeß habe ich nur am Rande verfolgt, bin aber sicher, daß er prinzipielle Einsichten in die Denk- und Verhaltensweisen von Mächtigen in der Endphase der DDR ermöglicht. #

891207-2.jpg

# Solche Bedenken waren neuartig. Beobachtungen einer Telnehmerin an den Leipziger Montagsdemonstrationen. Ein Bild von Differenzierung, wie es heute nach 20 Jahren längst unter die Räder der offiziellen “historisch-heroischen Erinnerung” gekommen ist. #

 # Es folgt ein repräsentatives Meinungsbild der DDR-Bevölkerung von Ende November 1989.#

891207-31.jpg

 891207-4.jpg

# Und zwei interessante, sensible Stimmen, die im “Sonntag” (Vorläufer des “Freitag”) zu finden waren. #

02. Dezember 1989 - Die “Linken” in der SED rühren sich

Mittwoch, Dezember 2nd, 2009

891202-1.jpg

Tag des Saubermachens!

Über Rundfunk erfahre ich: Heute Abend 18.00 Uhr zum ZK.

F. bei uns.

Kundgebung vor dem Haus des ZK. Wir „Linken“ fordern den Rücktritt von Krenz mit dem Politbüro.

Biermann (u.a.) - Konzert im Fernsehen. Beeindruckend: Bettina Wegner.

891202-2.jpg

 

01. Dezember 1989 - Die Krise der SED treibt zum Höhepunkt

Mittwoch, Dezember 2nd, 2009

Konzeption ZF mit N. # meinem Chef # abgestimmt. # Hat was Groteskes, das wir weiter an der Zukunftskonzeption unserer Einrichtung gearbeitet haben. #

Skandal Gotsch/Lauck um Parteitagskandidierung, Achim Döhler ist auf Draht. Charakteristisch Wohlbür und Fischer Franz.

# Plötzlich erscheinen in meiner Abschrift Namen statt nur Anfangsbuchstaben. Zugleich keine Beschreibung der Vorgänge. - Ich möchte damit die Turbulenz der Ereignisse dieser Tage andeuten. Der Wirbelsturm ist jetzt im Innern der Partei und langsam beim letzten Genossen angekommen. Jetzt beginnen die Kämpfe “mit Haken und Ösen” ums eigene Überleben.

Zugleich gibt es Andere, denen es weiter, vielleicht mehr denn je, um “die Sache” geht. Man muß sich die eigentlich unglaubliche Situation klar machen, daß die sog. ehrlichen Genossen, “die Linken in der SED”, wie ich sie nenne (und zu denen ich mich zähle) bis zu diesem Tag noch in keiner Weise öffentlich sichtbar, selbständig aufgetreten sind. Meine illusionslose Kritik der Führer des realsozialistischen Kommandoapparats muß ich erweitern auf die eigene Unfähigkeit, eine durchdachte Alternative zu formulieren und laut und deutlich politisch wahrnehmbar zu vertreten. #

Volkskammer zu Verbrechen – Krenz erweist sich als unfähig.

Der verzweifelte Genosse Arbeiter im Ratskeller am Bersarinplatz!

30. November 1989 - “Für unser Land”

Dienstag, Dezember 1st, 2009

891129.jpg# Die Zeitungen bringen den Entwurf eines Reisegesetzes, das diesen Namen verdient. Jetzt, nachdem “alle Messen gesungen” sind! Das Trauerspiel in mehreren Akten um das DDR-Reisegesetz verdiente eine gesonderte Darstellung. Es veranschaulicht und beweist die totale Unfähigkeit des Machtapparates und der amtierenden Führung, das Unaufschiebbare und Notwendige zu tun. #

Gestern zum Gespräch in F.s Schule.

Auf Einladung von C. bei Gilbert. Er ist Kontaktmann für „Neues Forum“ im Prenzlauer Berg.

# In Zeitungen (Vergl. die folgenden beiden Ausschnitte) haben diejenigen, die verantwortungsbewußt auf wirkliche Erneuerung drängen Stimme und Tribüne. Die Macht haben sie nicht. Die realsozialistische Apparate- und Funktionärsmacht ist nicht fähig, den Weg zu etwas Höherem einzuschlagen. Sie klammert sich an den alten Stand. Später wird sie radikal beseitigt werden durch die BRD-Macht, eine andere alte Macht. Diese “radikale Beseitigung” ist ein deutsches, insofern historisch zufälliges Phänomen. In den anderen Ländern des Realsozialismus verwandelt sich die alte Apparate- und Funktionärsmacht in die neue alte Macht des Realkapitalismus. Das geschieht in der Form chaotisch, im Wesen bruchlos und geschmeidig. #

891130-1.jpg

891130-2.jpg

# Eben habe ich noch den revolutionären Charakter des Prozesses beschworen, den ich miterlebe, da wird das “Entweder Oder” offen ausgesprochen. Meines Wissens wurde der Aufruf “Für unser Land” bis Anfang März 1990 von 1,5 Mio Menschen unterzeichnet (was ich natürlich nicht beweisen kann). Wikipedia spricht (ebenfalls ohne Quellenangabe) von 200000 Unterzeichnern. #

891130-3.jpg

28. November 1989 - Wandlitz

Montag, November 30th, 2009

891128-3.jpg

Gestern zig Seiten HUB-Sozialismuskonzept kopiert. # Materialien der Gruppe um Dieter Klein, Michael Brie, Rainer Land von der Humboldt-Uni. # Endlich hab ich ein modernes Material!

 Telefonat mit D. Voraussichtlich am 16./17.12. nach Coburg.! # Verwandtenbesuch #

S. # mein Neffe # ist mit Familie Anfang November abgehauen.

Familienbrüche auch bei … auf Rügen.

Die Zeitungen sind voller Interessantem!

Heute Abend gehe ich in F.’s Schule.

Auf Arbeit heute schmerzhafte Prellung des linken Fußes.

891128-1.jpg

Das Trauerspiel um die Transporte aus Wandlitz, (die erst in den letzten Tagen getätigt wurden!), offenbart ein solches Unmaß der Amoralität der Ex-Machthaber, dass selbst einem in diesen Sachen kaltblütigen Menschen, wie mir, die Galle hochkommt.

Welch Krise der Partei!

891128-2.jpg

27. November 1989 - Reform? Reformunfähigkeit!

Montag, November 30th, 2009

Nasdallala # mein Chef # von Kur zurück. 3,5 Std. Beratung über meine Vorlage zur ZF-Konzeption; kaum Fachgespräch, sondern nur Gelaber. Eine Stunde streiten wir über den einen Satz auf der ersten Seite meines Konzepts: „Der sozialistische Rechtsstaat schließt die Aufhebung der Diktatur des Proletariats ein.“ Sonst äußert sich der „Chef“ nicht zu meinem Konzept. Er wird jetzt in den nächsten Tagen selbst ein Konzept erarbeiten. Ich bin mehr als skeptisch. Dieselbe dümmlich-mißtrauische Arroganz wie bei HoDö # Leiter für Kader und Bildung im MSAB # . Das ist das Ergebnis „negativer Auslese“.

Die Reformproblematik der Apparate im Sozialismus, das ist ein unerschöpfliches Thema, das noch kaum als Thema begriffen ist, von wirklicher Durchdringung ganz zu schweigen. Die Reformunfähigkeit der SED ist gravierend. Sie könnte erschrecken, wenn ich nicht ohnehin wenig erwartet hätte.

26. November 1989 - Konzeptarbeit

Montag, November 30th, 2009

891125-2.jpg

In diesen Tagen interessante Gespräche und Erfahrungen im Wild- und Geflügellager.

Reichlich Samstagarbeit - konzeptionelle Überlegungen für eine neue ZF. Weiterarbeit vom Samstag.

# Es waren die wenigen Tage, Wochen, in denen es Vielen schien, daß eine entschiedene Erneuerungsarbeit für DDR und Sozialismus nicht nur notwendig, sondern auch möglich wäre. #

Abends zu F. Dann “Serkalo” #”Spiegel” # von Tarkowski.

891125-1.jpg

16.November 1989 - Sonderjagdgebiete werden aufgelöst

Montag, November 16th, 2009

891116.jpg

# Sonderjagdgbiete sind ein Beispiel für Erscheinungen, die es in der DDR gab, die auch keineswegs streng geheim waren, und deren prinzipielle Bedeutung ich mir dennoch nie wirklich klar gemacht habe. Allgemeiner gilt: Man wußte von Privilegien bestimmter Personenkreise, man ärgerte sich darüber als braver (davon ausgeschlossener) Genosse, aber ich scheute mich durchaus, daraus Prinzipielles zu schließen, zu schließen, daß eine neue, sich partiell feudalistisch gebende Klasse entstanden sei (wie es Milovan Djilas vertrat und uns die Westmedien unter die Nase rieben). Diese Unentschiedenheit im Denken (und Handeln) meinte später Volker Braun, als er bezweifelte, daß das, was wir zu wollen glaubten unser WIRKLICHGEWOLLTES war.

Von der üblichen Situation des Unprivilegiertseins gab es oft einen fließenden Übergang zum nächsten Schritt: Der Möglichkeit, unter bestimmten Bedingungen einen Zipfel von den Privilegien der “Großen” zu erhaschen. Kleine (oder größere) Bröckchen wurden zur Belohnung für “Zuverläßigkeit”, Linientreue, kurz, Wohlverhalten absichtsvoll verteilt - eine sich immer weiter fressende Korrumpierung der Beziehungen, die die Realitätsmächtigkeit des Sozialismus im allgemeinen und die seiner führenden Szenerie im besonderen immer stärker schädigte, bis zum endgültigen Kollaps.

Dabei war es für das Schicksal des Sozialismus unerheblich, daß das Ausmaß, das materielle Niveau der Bevorzugungen verglichen mit privatem Reichtum und privater Macht im Realkapitalismus meist lächerlich gering waren. Das “Argument”, verglichen mit westlichen Eliteverhältnissen sei Wandlitz bescheiden, ja piefig gewesen, geht daran vorbei, daß der Sozialismus ganz Neues wollte (und der Realsozialismus es in Elementen tatsächlich lebte!) und gerecht nur an seinen eigenen Ansprüchen, Möglichkeiten und Schon-Wirklichkeiten gemessen werden konnte. #

Gestern Abend den Text von unserer HGL-Beratung zur Versorgung (vom 9.11.) formuliert. Ich hatte mir gestern Nachmittag Gedanken zum weiteren Schicksal des WBA gemacht und war davon ausgehend zu der Idee gekommen, im Wohnbezirk die Arbeit von Bürgerinitiativen, und überhaupt die demokratische Bewegung unterhalb und in Zusammehang mit den Abgeordneten kennenlernen zu wollen. ..

Gespräch mit C. zur Klärung unserer wechselseitigen Positionen. Das Gespräch zeigte uns beide unnachgiebig, und so legte sie (legten wir) fest, daß sie im Laufe der nächsten Tage auszieht.

Gelegentlich nochmal genauer unsere jeweilige Poition fixieren.

Mich schreckt schon, daß das, was bisher nur in Aussicht stand, wahr werden soll. Zugleich habe ich nicht das Gefühl, einen Fehler zu machen.

Übrigens heute Telefonat mit Nasdala: Wir bestätigen uns eilfertig (ich wohl doch nicht eilfertig), daß wir beide für ganz weitreichende Veränderungen seien. Der Kerl ist der absolute Anpasser. Auf die neue Bewegung, wenn sie siegt, schmeißen sich alle Anpasser.

Unsere Volksbewegung? Nicht so sehr Heroismus hat sie groß gemacht, sondern die Erfahrung der Hilflosigkeit der Macht und der (relativen) Straflosigkeit des Protests.

 

15. November 1989 - Konflikte

Samstag, November 14th, 2009

Diskussion am Montag mit dem nun abgebrochenen Lehrgang. Sie berichten von der Forderung, die Parteiorganisation im Betrieb aufzulösen, hauptamtliche Parteifunktionäre im Betrieb abzuschaffen, Parteiarbeit auschließlich außerhalb der Arbeitszeit durchzuführen.

 Ich denke, daß man sich solchen Forderungen stelleh muß. Man muß alle Konsequenzen des Prinzips der Trennung von Partei und Staat ziehen.

Im Betrieb unmittelbar muß gesichert sein, daß die Werktätigen ihre Miteigentümerfunktion ausüben können. In der polis muß gesichert sein, daß sie ihre politische Funktion/Teilnahme an der Macht ausüben können. Beides darf nicht verwischt werden.

Auch das denken: Die Niederlage unserer Partei bei eventuellen Wahlen bedeutet nicht automatisch die Liquidierung des Sozialismus in der DDR. (Es geht aber um die revolutionäre Weiterentwicklung des Sozialismus in der DDR!)

Die montäglichen DIskussionen unter den Genossen im Lehrgang ebenso wie in der APO-Versammlung zeigen tiefgehende Verwirrung und beunruhigende Hilflosigkeit. Die Genossen entwaffnen sich selbst, indem sie das, was die Partei nun schon gibt, nicht ernst nehmen, kaum kennen: Das Aktionsprogramm, den Diskussionsbeitrag Modrows.

Daß wir einen qualitativen Umbruch erleben - ich hoffe einen revolutionären - wird deutlich und schmerzhaft daran sichtbar, daß die Brüche bis in die Familien und überhaupt in die persönlichen Bereiche gehen

- Auseinandersetzungen zwischen R. und D.

- A. beschäftigt erstmals ernsthaft der Gedanke, im Westen zu leben

- Auseinandersetzungen zwischen C. und mir.

Sie war gestern in Westberlin, kam gegen 21 Uhr und erzählte nun. Ich hörte interessiert zu. Aber natürlich hab’ ich nur mehr oder weniger höfliches Interesse, tief bewegen mich andere Fragen: das Schicksal unserer Republik, unserer Partei und anderes.

Demonstrativ wollte sie mein Interesse noch mehr wecken, den inneren Kontakt finden und erzählte weiter und begann - mangels Masse - mir auf dem Plan ihren Fahrweg zu beschreiben. Da sagte ich ruhig, daß mich das nicht interessiere.

Generell bestätigte ich, daß ich an Reisen interessiert sei, meinen Paß beantragen werde, wenn das nicht mehr stundenlanges Anstehen bedeute und erst mit meinem Paß reisen werde. Was den kommenden Sonnabend betrifft, hatte ich ohnehin angekündigt, daß ich in der Charite arbeiten wolle.

# Weil die reisetrunkenen Ossis (den Begriff gab es damals noch nicht) jede freie Stunde (und manche Arbeitsstunde) im Westen sein wollten, wuchs der Arbeitskräftemangel sprunghaft an. Daher wurden brave Genossen zu freiwilligen Hilfsschichten in Arbeits-Brennpunkten geworben. So sollte/wollte ich Hilfsarbeiten in der Charite ausführen. Andere Einsatzgebiete waren der Handel. #

Solche Arbeit kam für C. nicht in Frage (da sie vergangenes Wochenende zu arbeiten hatte und überhaupt auch noch in der Krebsnachsorge sei.) Was die weitere Zeit betrifft, erklärte C., daß sie sich nicht dem Diktat meiner Reiseabsichten unterwerfen werde, sie möchte öfter ‘rübergehen, möchte das freilich nicht alleine, werde dann eben mit “jemand anders” gehen.

Damit war dieses Gespräch beendet und Sprachlosigkeit hergestellt.

Heute früh kam sie auf mich zu und sagte, daß ich so bös (schweigend) zu ihr sei. Ich sagte, daß mir nicht nach Herzlichkeit zu mute ist, wegen der Sorgen, die ich mir mache, allgemein politische Sorgen und Sorgen um uns in dieser Situation. “Unsere Wege trennen sich.”, sagte ich. Das ist eine empirische Tatsache. “Ich versuche zu verstehen, was das bedeutet.” Ich sagte ihr, daß ich - vorausgesetzt ich erlebe meine Schicht am kommenden Samstag als notwendig - entschlossen bin, bis Weihnachten solche Samstagschichten zu machen. Sie werde dann mit anderen Begleitern in den Westen gehen. Das wird uns entschieden auseinanderbringen. Es gehe nun nicht mehr um unterschiedliche politische Auffassungen, sondern um gegensätzliches praktisches Verhalten; unsere Lebensverhältnisse trennen sich.

Wir werden zweifellos heute Abend auf dieses Thema zurückkommen. Sie wird sich nicht auf einmal meinen Werten anschließen. Wir stehen auf verschiedenen Grundlagen! So werden wir uns trennen.

War nun bei der Charite. Diesen Samstag brauchen sie mich nicht. Soll mich Mittwoch wieder melden.

11.November 1989 - Tag nach der Maueröffnung

Samstag, November 14th, 2009

6.10 Uhr, heute Schlange am Zeitungsstand. Ich kriege aber noch “ND” und “JW”.

Die gestrige unerwartete Öffnung der Mauer hat mich mit großer Sorge erfüllt. Ich glaube, da war bei mir mehr Angst als gut war. Ich war auch noch vor 2-3 Wochen innerlich nicht fähig, mich an Straßendemonstrationen zu beteiligen. Was mangelende Zivilcourage, Opportunismus betrifft, werfe ich mir nicht viel vor. Ich habe immerhin meine politische Haltung so vertreten, daß ich mir eine berufliche Karriere verbaut habe. Und sie so vertreten, daß ich Parteiausschluß und Kriminalisierung riskiert hätte, das wollte ich nicht. Das wollte ich lange Zeit nicht, doch diese Frage reifte nach dem mich vergewaltigenden Agit-Stasi-Einsatz auf dem Alexanderplatz am 7.7. heran, und ich hätte sie schließlich - bei aller Zurückhaltung und Berechnung - mit “Zivilcourage” getroffen.

Ich werfe mir aber ungenügendes Begreifen des wahrhaft demokratischen Charakters, eigentlich des machtvoll demokratischen Charakters der Volksaktivitäten vor. Die “Erfahrung der Freiheit … auf der großen Straße in Leipzig” - wie Volker Braun heute im ND schreibt - das war nicht nur nicht meine Erfahrung, es war auch nicht mein Begriff von einer solchen Erfahrung. Ich glaube, daß meine halbstaatsapparatlichen Arbeits- und Lebensverhältnisse mich so taub gemacht haben.

(Es entsteht der Wunsch, diese Lebensposition zu ändern - ist solch ein Wunsch nicht ein ganz brauchbares Kriterium für ernste Selbstkritik?)

Den Dreh- und Angelpunkt meiner geistig-theoretischen bisherigen Versäumnisse aber auch der künftigen Aufgaben möchte ich mit dem etwas unförmigen Begriff der “Souveränität der Basisdemokratie” bezeichen.

—————————————-

Krenz hat in dieser Hinsicht, also eigentlich was den Kern der qualitativen Erneuerung betrifft, keinen geistigen Vorlauf. Aber er ist mit aller Energie bestrebt, sich auf die Höhe der Zeit hinaufzuarbeiten und die Lektionen zu lernen. Die Entstehung des neuen Politbüros ist nur ein markantes Beispiel dafür, wie konservativ Krenz an diese Fragen heranging. (Das Krenz-Vorschlag-Politbüro im Amt bis Mai 90 - eine Horrorvorstellung!) Selbst dieses alte ZK hat ihm eine Lehre erteilt. Die Richtung freilich, die Krenz angibt, ist richtig. Das ist ein Grund, sich zu identifizieren damit. Der Mangel -und es ist ein schwerwiegender - besteht in Krenz’ ungenügendem Begreifen, wie radikal Bedingungen, Tatsachen geschaffen werden müssen, damit aus Erklärungen Taten werden. Da besteht eine z. T. noch bürokratische Zeitvorstellung von den Prozessen, nicht volles Erfassen des Zeitdiktats der Straße. Das hat nur Modrow. Jedoch und das ist der 2. Grund, der entscheidende, für Identifikation: Die Öffnung der Mauer ist die erste Tat seit dem 11.10., die nicht den Ereignissen hinterherläuft. Die schnelle Entwicklung, vom Entwurf des Reisegesetzes über die Regelung vom 9.11. bis zur jetzt geübten Praxis, möchte ich verstehen als Herausbildung der Fähigkeit, die Prozesse wirklich zu führen.

Man muß auch akzeptieren, daß es gilt, den Zusammenhalt der Partei zu wahren.

————————–

Übrigens war mir die jetzt geübte Praxis unverständlich. Ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte. Und halte diese Form auch nicht für die Beste.

Boje, den ich im Lustgarten traf (Er kam gerade mit dem Fahrrad vom Kudamm zurück.) erzählte, daß manche meinten, dieses fast völlige Öffnen der Grenze sei von inneren Kräften bewußt lanciert worden, damit es zu Konflikten komme und so zum Vorwand für einen Militärputsch.

Ich halte dies nicht für ausgeschlossen. (Keßler geht in seiner Diskussionsrede auf der 10. Tagung so gut wie gar nicht auf seine Mitverantwortung ein. Dickel ebenfalls nicht selbstkritisch.)

Wie weiter?

Realistisch (fast skeptisch) über die 10. Tagung reden, persönliche Schlüsse ziehen - und für die Arbeit - und für WBA.

Gegen Opportunismus!

Gestern auf der Kundgebung rief übrigens einer der Redner nach Conny Naumann!

Hab’ soeben einen Spaziergang zur Oderberger Straße gemacht, zur durchbrochenen Mauer.

Gestern war Gründungstreffen “Neues Forum” in der Gethsemane.

Am 13.11. ist Bürgerforum im Prater.

Hab’ heut nachmittag 3 1/2 Stunden geschlafen.

# Ich zeige mich als überrascht und verwirrt. Ich versuche der Entwicklung etwas Positives (für den Sozialismus der DDR) abzugewinnen. Ich erlebe die klassische Situation einer paralysierten handlungsunfähigen Partei, einer, dem Anspruch nach, wissenschaftlich begründet agierenden Partei, die sich als völlig konzeptionslos und frei von Strategie erweist.

Einige Momente von damals halte ich für heute fest (weil sie mir im Laufe der Jahre unter dem antikommunistischen Trommelfeuer) zu sehr in den Hintergrund geraten waren:

Meine positive Bewertung der Volksaktivität.

Meine Befürchtungen hinsichtlich der Möglichkeit einer “chinesischen Lösung”.

Auf beides zurückkommen.#