Archive for the ‘Garten’ Category

23. Mai 1982 - Gartenträume

Dienstag, November 20th, 2007



[…] gestern in Schmaha,

# L. und ich hatten zunächst über keinen Garten verfügt. Seit langen hatten wir einen Antrag auf ein Gartengrundstück in der Gemeinde Schmachtenhagen bei Oranienburg laufen. Durch einen Riesenzufall erwarb L. ein großes Gartengrundstück in Pankow, unweit ihrer Wohnung. Der Antrag in Schmachtenhagen schien mehr oder weniger aussichtslos, wir ließen ihn weiterlaufen. Genau zu dem Zeitpunkt unserer Trennung wurde uns plötzlich ein verwildertes Grundstück in Schm. angeboten, ein Glücksfall, den wir natürlich ergriffen. So ergab sich für mich zwar die allmähliche Trennung von dem Garten in Pankow, zugleich aber die Übernahme des Grundstücks in Schm. #

in Schm. alle Nachbarn am Werkeln, Heimfahrt bei Regen, will zwischendurch nach Hohen Neuendorf, D. und Frauke Gerhard besuchen. Der Regen und der Mißmut zwingen mich zur Umkehr. Ich bin widerwärtig depressiv in dieser Zeit, und die Schm.-Erinnerungen haben das nicht verbessert.

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[…] im Garten fleißig, Kürbissamen gelegt, Melone und Broccoli gepflanzt, Kartoffeln nachgelegt bzw. gepflanzt, Tomaten gepflegt, (drei Mistfuhren), Wein angebunden, etwas gemäht. […]

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Es ist wunderbar zu beobachten, wie glücklich F. lebt, wie aktiv und intensiv er „Seins“ macht. Wenn er über Mittag im Garten bleibt (dort schläft), dann ist er abends ganz erschöpft aber zufrieden, dann ist er lieb und läßt sich leicht lenken. Wahrscheinlich ist er (psychisch) befriedigt von den vielen Eindrücken und zugleich ermüdet (physisch) von den vielen Anstrengungen. Das ist offensichtlich ein guter Zustand.

Schön, seine Begeisterung, als er - zusammen mit Lies - auf Entdeckung (Mistholen beim Nachbarn) mitkommen durfte. Schön, wie er oft mitdenkt und mitarbeitet (z. B., wie er seinen Topf auf dem Kompost entleert); das Vorbild der Eltern führt ihn zur Achtung vor der Arbeit.

Der Garten ist ein Segen, für alle, aber dreimal für Kinder.

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Dagegen das Bemühen vieler Leute, in Schmaha wieder sichtbar, die Natur sofort zurechtzustutzen, gefühllos in Schemata einzuordnen, zu verkrüppeln.

Ich werde es anders machen. Ja, ich habe Lust gekriegt, mir dort ein bescheidenes Refugium zu schaffen, keinen Garten, sondern einen Stützpunkt, für

- das Ausschweifen in die Natur (auch mit Boot)

- das Sichzurückziehen

- vielleicht auch mal ein Liebesnest

- sich ein Ziel zu setzen. (Das habe ich wohl zur Zeit besonders nötig.)

So würde es geldlich aussehen: Eine winzige Laube (10m2): 2000,-M; Wasser (Brunnen): 1000,-M; Strom: 1000,-M. Wenn ich will, habe ich das sehr bald zusammen. Die Laube bietet Platz für 2+1 Personen, (Doppelstockbett + Campingliege, ein Zelt dazu erlaubt auch einer ganzen Familie, dort zu leben), Glasdach nach Süden mit Wein (Pergola), die die Wohnfläche etwa verdoppelt. Auf dem Grundstück: geschickt (und wenig) korrigierter Wildwuchs (Laube vom Weg nicht sichtbar, nach hinten freier Blick), Fischtümpel.

Heute hab ich nun (von 11/2 Std. Mittagsruhe abgesehen) den ganzen Tag gerackert und war froh dabei. Wie ich mich doch dazu zwingen muß, am Motorrad etwas zu machen, obwohl das doch auch nur wenige Handgriffe sind. Es ist keineswegs Bequemlichkeit, Faulheit - nein, die Interessenlage.

 

Mein Rücken schmerzt mir so, daß ich es manchmal kaum aushalten kann. In dieser Woche (morgen schon?) geht’s bestimmt zum Arzt.

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L. erzählte mir, F. habe, als sie ihn heute früh zu mir herunter brachte auf jeder Treppenstufe skandiert: „Lieber Papa, lieber Papa“.

Heute Abend natürlich wieder seine Frage: „Ein Liedchen….?“ Ich singe. (Wie immer kommt eine Art Resümee des Tages dabei heraus; wenn ich den ganzen Tag mit ihm zusammen war, fällt mir das natürlich leichter.) So wird das Liedchen heute lang und auch interessanter, da jede Strophe aus einer Frage- und einer Antwortzeile besteht. Er bedankt sich mit den Worten: „Ein großes Liedchen.“ […]

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Wie einen doch „das Schicksal“ beutelt! Wahrscheinlich verstehe ich meine Situation halbwegs klar. Doch es kann keine Rede sein, sie schnell zu ändern. Den Kelch muß ich leeren, „die Straße muß ich gehen“, # Winterreise # ohne zu wissen, was meiner harrt; ja, selbst, wenn ich es wüßte, ich müßte es trotzdem tun.

 

Im Fernsehen „Ein langes Wochenende“ von J. A. Bardem. Trotz Fernsehformat bin ich beeindruckt. Im Rahmen seiner etwas simplen Struktur starke Szenen: Juan in Badehose sieht der Beerdigung zu, Juan und der angstvolle Stierkämpfer, Juan im Kreis der „Blumenkinder“, Juan der „Don Quichote“, Juan und der „Erfinder“ im Rhönrad.

„Mensch, hab doch endlich mit Dir selbst Erbarmen.“

 

Warum fühlt sich der Mensch so einsam, wo doch landauf, landab (wie solche Kunstwerke zeigen) dieselben Sorgen leben? (Das Problem liegt in der Schwierigkeit, eine Konstellation zu finden, wo sich dieselben Sorgen aufheben.)

Frauen, die L. im Ernst übertreffen, kann ich kaum finden. Morgen früh versuche ich die „Morgenpuppe“ anzureden!

Gute Nacht!

 

19. Mai 1982 - Garten

Montag, November 19th, 2007



[…]

Nach Wärme und Regen ist der Garten, den ich nur zwei Tage nicht gesehen habe, ein Erlebnis. Die Quitte treibt wundervolle Blüten. Alle neu gepflanzten Bäumchen und Sträucher (bis auf die Stachelbeere) haben nun ihre Blätter voll entfaltet. Die Tomaten haben die Pflanzung prächtig überstanden. […]

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Margot schreibt ein Kärtchen von ihrem Besuch der Heidecksburg Rudolstadt. […]

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16. Mai 1982 - F. im Garten

Donnerstag, November 15th, 2007



[…]
Anstrengender aber schöner Tag im Garten. 13 Tomaten gepflanzt, 1 Pfd. Spargel geerntet, vieles gewässert, weitere Pflanzbeete vorbereitet, sehr sonnig und warm (über 25°C).
F., als das Wasser aus dem Schlauch zu den Himbeeren fließt: “Das Wasser rauscht.” Ein Camping-Fahrrad, das wir unterwegs sehen, ist “ein junges Fahrrad”. Er hatte zum ersten Mal über Mittag draußen geschlafen, und es ging gut (aber zu kurz). Als ich ihn jetzt, 19 Uhr, fragte, ob er müde sei, antwortete er: “ja”.
Die Sicherheit und Kraft, mit der sich der Bengel im Garten bewegt, sind begeisternd.
Er wird dadurch sowohl robuster als auch geschickter, z. B. beim Helfen, wo er erstaunlich mithält. Er kann nicht genug mit dem Wasser plantschen, ist natürlich prompt erkältet, gerät tatsächlich “aus dem Häuschen”. (Wie er versuchte auf dem Wannenrand zu balancieren, erinnerte er mich an Euphorion, Fausts und Helenas Sohn, wie der höher und höher strebte…) Jeder Absturz ist von fürchterlichem Protestgebrüll begleitet, ihm folgen verdoppelte Anstrengungen, es doch zu schaffen, was dann oft zu verdoppeltem Gebrüll führt.
Er erlebt eine glückliche Zeit und macht mich (uns) glücklich.
(F.s Respekt, als ich ihn anweise vom Tischtuch zu klettern, nachdem das L. wiederholt verlangt hatte, der ihn so hastig absteigen läßt, daß er abstürzt. - Diese Autorität vorsichtig gebrauchen!)
[…]

14. Mai 1982 - Massenkundgebungen in Polen

Dienstag, November 13th, 2007



[…]
Kreativitätstraining im Lehrgang, b820514-11.jpg
Kadergespräch mit Gen. L, Ministerium für Materialwirtschaft. Er gibt mir einen Personalfragebogen, relativiert aber gleichzeitig. da ein zweiter Kandidat im Spiel sei. […]
Im Garten, herrliches, wildes Spiel mit F. in der erstmals gefüllten Badewanne. Vorbereiten weiterer Tomatenpflanzen […]
Im Westfernsehen Bilder von Massenkundgebungen der Konterrevolution in Polen. So etwas muß einfach (über die aktuelle Sorge, Empörung und Enttäuschung hinaus) das Gewissen eines Genossen wach machen. Wie kann eine Kommunistischer Partei nur so abwirtschaften?

Wenn Gogol sagte, die Jugend sei schon deshalb glücklich, weil sie eine Zukunft hat, so möchte ich entgegenhalten: Jeder kann eine Zukunft haben. Der Jugend freilich wird sie geschenkt.

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07. Mai 1982 - Vater und Sohn

Freitag, November 9th, 2007



[…]
5.45 aufstehen
6.10 Straßenbahn zur Arbeit (Denken an Roderich)
7.00 Lektüre, Zeitung, Eule
7.30 Diskussion mit Roderich

# Mit dem Phantasienamen “Roderich” bezeichnete ich meine Kontakte zu meinem Führungsoffizier der Staatssicherheit. Abgesehen von den letzten ein, zwei Jahren der DDR hielt ich mich diszipliniert an die Regeln der Konspiration und fertigte mir keine Notizen meiner IM-Tätigkeit an. Nur den Zeitauwand hielt ich im Protokollbuch fest. #

8.50 Büroarbeit
9.30 Protokoll
10.30 Wege zum HdM, Beratungen
12.00 Mittagessen
12.40 Lehrgangsplanung, Telefonate, Büroarbeit
14.40 Protokoll
15.30 Straßenbahn nach Hause (Sw GB 1/82 in der Bahn)

# “Sw GB” ist meine Abkürzung für die Zeitschrift “Sowjetwissenschaft Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge”, eine deutschsprachige Fachzeitschrift, in der monatlich eine Auswahl interessanter Veröffentlichungen aus den sowjetischen Gesellschaftswissenschaften erschien. #

16.10 Kaffeepause, im Rundfunk “Rock für den Frieden”
17.30 mit dem Rad in den Garten, etwas Obstbaumpflege, schön, wie alle neugepflanzten Obstgehölze treiben, selbst die trockene Stachelbeere, das ist geradezu spannende! An der Baumbank gebaut.
19.50 nach Hause
20.00 Fernsehen (Westen)
20.20 Abendessen, abwaschen
21.10 Protokoll
22.10 Fernsehen (überall gestöbert)
22.30 im Bett
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L. hat bei den “100 Grafiken” einen 2.Preis bekommen.

Ein Rias-Kommentar beschäftigt sich mit der Korruption von Funktionären im Sozialismus. Dieses Geschwür ist tatsächlich überall zu finden. Würde ich konsequent meiner politischen Moral entsprechend handeln, würde ich z. B. einen Teil unseres Benzin-Kontingents zurückgeben und Günthers Mißbrauch offen aussprechen.
Wenn unsere Beziehung zum Staat z. T. Züge von Entfremdung enthält (Vergleich. Behandlung meines Wohnungsantrags), obwohl das doch seinem Wesen widerspricht, so auch deshalb, weil wir uns selbst dem Staat entfremden mit unserem individualistischen Egoismus. Der Staat schenkte uns Vertrauen, aber wir beuten ihn auch aus, wenns unbemerkt geschehen kann, sind gerne mal “Staatskassenplünderer” (Lenin).
Das ist so menschlich - und unversehens ist es polnisch .
Ich sollte Günther nicht vor irgendeine Tatsache stellen, sondern ihn einfach mal nach seinem Parteigewissen fragen.

Stefan besuchte uns und war neugierig auf mein (unser) Leben. Es hat ihn auch beeindruckt.

# Stefan, Christof, Clemens sind meine Söhne aus der Ehe, die 1975 geschieden wurde. #

Die Armeezeit hat ihn reifen lassen. (Vor dem Studium erst zu arbeiten, ist eine solches Zeichen von Reife.) Vor allem ist er offen und sucht Orientierung (von klaren, festen Grundpositionen aus). Er hatte sich bewußt auch für die Partei entschieden.
L. meinte danach, daß meine Frau eines sympathischen Sohn erzogen hätte.
Er erzählte interessant von seinem Grenzdienst, auch von seinen Vorstellungen des Lehrerberufs.
Interessant unser kurzes Gespräch, als ich ihn zur S-Bahn begleitete. Vorwürfe wegen meines Verhaltens damals zu Marlies Glöß. (”Das hast Du keine gute Figur gemacht.”) und wegen angeblicher Kleinlichkeit bei den Unterhaltszahlungen.
Das erste mußte ich eindeutig und selbstkritisch zugeben und tue es auch. Beim zweiten erkläre ich den Sachverhalt und weise Vorwürfe zurück. Er betont, dass er nicht gekommen sei, um irgend etwas “aufzufrischen”, sondern “aus reiner Neugier”. Ich verstehe das. Auch mir geht es so, daß ich keine übliche Vater-Sohn-Beziehung empfinden kann. Doch ich finde es nicht gut, auf immer in irgendwelchen Schützengräben zu hocken, in die man geraten ist. In diesem vorsichtigen Gespräch ist viel Ungesagtes, Unsagbares. Wir müssen das Sprechen erst wieder lernen.
[…]
Zum Schluß sagt er, daß nach diesem Besuch seiner “Neugier” nicht gestillt sein und daß Christof ähnlich denke.
Ich gebe ihm einen Fahrkarte der S-Bahn - und dann noch eine Rückfahrkarte.
Eine weite Landschaft der Hoffnung glänzt mir auf - die mich auch in die Verantwortung nimmt (Meine pornografischen Interessen kann ich diesem jungen Mann nicht so leicht begreiflich machen.)
Neue böse Härten für die Mutter, wenn nun die Kinder sich ablösen müssen! Ich bedauere sie, doch ihr ist nicht zu helfen.
Menschen, denen nicht zu helfen ist! (Jens Str., Christel, Klaus-Dieter K)

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Es scheint diese Folgekette zu geben:
Zu spät aufstehen, Zeitnot > Appetitlosigkeit, dem Magen daher leichte Kost anbieten (calorien- und kohlehydratreich)> daher um 9 Uhr bereits wieder kräftiger Hunger> der Magen ist mittags bereits an voluminöse Nahrung gewöhnt und will wieder reichlich gefüllt sein> Übergewicht.
Möglicherweise fängt alles mit morgendlicher Zeitnot und einem zu leichten Frühstück an. Den Tag gefaßt und in aller Ruhe beginnen, das kann man nur, wenn man sich ganz und gar zu seinem Tag bekennt, ganz in ihm aufgeht.
[…]
Das Begrüßungslächeln vieler Menschen (Franz Fischer, letztens Barbara Bondzio) - oft nicht mehr als eine Grimasse.

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08. Februar 1982 - Sex im Kopf

Dienstag, Juli 3rd, 2007

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Auf dem Wege zur Arbeit, erst halbwach (zu Hause war noch Stromausfall), im milden gelben Dämmerlicht der Friedrichstraße sehe ich eine ganz kleine Frau, fast knabenhaft und doch sind da weibliche Formen angedeutet, an den richtigen Stellen zu ahnen, keimhaft. Doch es war kein Kind, eine erfahrene, propere, flinke Frau war es. (Die eine Verkäuferin in der Sämereienhandlung Friedrichstraße ist derselbe Typ.)
Ich stelle mir vor, diesen Grashüpfer zu ficken, in diesen leichten, grazilen Körper mein Glied zu bohren. Ich werde wieder erstaunt sein (ähnlich wie früher bei anderen kleinen Frauen), daß, mit den Worten des Apulejus „das ganze große Gerät Platz findet“, und es ist ebenso überraschend, wie lustvoll, zu spüren, wie dieser winzige Körper fiebert, wie er preßt und reißt und wie das Erleben, unabgelenkt von sekundären Reizen, sich ganz auf den Geschlechtsteil konzentriert.
Und dann ermatten, der männliche Hochmut ist davongespült. Demütig ziehe ich meinen Schwanz ein und erkenne wieder, daß es fast einem Floh gelingt, meine 80 kg zu bändigen. Dankbar bin ich dem kleinen Wesen für die gemeinsame Lust.

Während des ganzen Aktes habe ich nicht einmal daran gedacht, daß auf diese Weise Kinder entstehen, daß der kleine Körper vielleicht eine riesige Frucht tragen muß, daß er mit Schmerz und Blut einstmals für diese Lust bezahlt - und ein Kind herausbringt.
Weit entfernt ist das von unserer diesmaligen Lust. Das sind Ereignisse, die mich dann von außen treffen; anders die Frau, deren Lust in einer direkten körperlichen Weise im Kind aufgehoben ist.
Daran ändert sich Vieles im modernen Leben, mit der Gleichberechtigung der Geschlechter und neuen technischen Mitteln.

Wer erlaubt mir, so etwas aufzuschreiben? „Der Bär tanzt“, wie Tucholsky sagt?
Ich versuche Tatsachen, auch innere, ungeschminkt hervorzuzerren (aber nur für mich, nicht für andere) und faßte meinen Entschluß, bevor ich Henry Miller las. Was kommt dabei heraus, wenn ich versuche, die Wahrheit rückhaltlos herauszureißen?
Die Wahrheit über das, was in mir liegt, will ich sachlich-objektiv formulieren. Oder falle ich hier in einen logischen Widerspruch? Es gibt keine direkte Entsprechung von Empfindung und Sprache (= Gedanken); der Inhalt von triebhaften Begierden ist kaum mit der Sprache faßbar, die die Menschen zum Austausch ihrer Überlegungen benutzen.
Die Formen der Kunst sind geschaffen, um auch Empfindungen auszudrücken und Triebe zu umschreiben.

Und wie drücken wir Triebe direkt aus? Durch verstohlene Gesten, durch Augensprache, durch Tasten, durch alle möglichen Handlungen - fast immer stumm oder doch wortarm oder durch Worte, die gegen die Gesellschaft gerichtet werden (Zynismen z. B.)

Mein Schreiben ist noch von einer weiteren Halbheit durchdrungen: Einerseits versuche ich kraß und unbewertet zu äußern, was in mir sich abspielt, und fast im selben Moment beginne ich darüber zu reflektieren, d.h. die Sprache der Gesellschaft, der mitmenschlichen Beziehung zu benutzen.
Kein sehr genießbarer Brei, der hier entsteht.

Doch ich will noch auf diesem Wege bleiben, denn für mich ist er neu, wenn er sich auch als Irrweg herausstellen sollte.
Tatsache ist doch, daß Triebe wirken, daß Unbewußtes wirkt, daß wir auch biologische Wesen sind. Den Menschen ganz zu befreien., heißt ihn auch als biologisches Wesen zu befreien. Das sind doch ernstzunehmende Fragen, ihnen will ich mich weiter stellen (auch wenn es mir nüchtern betrachtet, peinlich ist), zunächst halt so dilletantisch, wie ich das kann.

Ich spüre auch Gefahren auf diesem Weg. Die Selbstanalyse, zumal des so interessierenden Sexuallebens , kann einen immer weiter von der Welt wegführen, sich verselbständigen, selbst zur Lust werden. Deshalb muß ich darauf achten, in der Tagesarbeit, in der Familie, zu L., immer ein tätiger „normaler“ Mensch zu sein, um so möglichst den ganzen Spannungsbogen in mir zu erhalten.
Im Augenblick gelingt mir das, wie ich an vielen Ideen spüre, die mir zu allen möglichen Problemen und nicht zuletzt zur Arbeit kommen. (Beiläufig: Heute ist mir zum ersten Mal irgendwas von Pornografie verständlich geworden.) Was nützt hier die schnelle moralische Wertung? Millionen konsumieren Pornografie. Sie ist zur Industrie geworden. Auch ich würde mich gern an manchem davon ergötzen. Ja, viel der Aktbilder auf diesen Seiten schaue ich keineswegs nur ästhetisch und auch nicht nur frivol, sondern ganz eindeutig sexuell bzw. pornografisch an.

Ein anderes Erlebnis des heutigen Tages war auch das Referat des Ministers auf der Betriebskonferenz des MSAB. Diese Klarheit und Konzentration und zugleich Differenziertheit!
Viele neue Ideen für unseren Lehrgang - einer der wichtigsten: Wir müssen Wege finden, um die Leitungsprobleme der Kombinatsebene in unserem Lehrgang zu fassen. Mit etlichen genossen des MSAB habe ich mich verabredet, um die Führungsproblematik der verschiedenen Fachabteilungen besser zu erkennen. Nicht reden will ich hier von der Menge neuer Gedanken zu den Formen des Lehrgangs.

Die Woche habe ich begonnen mit 30,-M. Wenn ich nächst Woche nochmal mit 30-40,-M hinkomme, bin ich wieder im Sparrythmus drin.
Meine Wunsch-Monatsbilanz:
1180,- brutto

240,-Unterhalt
100,- Beiträge
90,- Miete
300,- eig. Unterhalt und Familie
400,- Sparbetrag

Das schaffe ich fast nie. aber seit ich mir das Geld pro Woche zuteile, gelingt es mir doch einigermaßen zu sparen.

Die heute sichtbaren Gartenarbeiten des Jahres:
Obstschnitt, Winterspritzung, Holzgerümpel, Obstpflanzung, Mistversorgung, Dachrinne der Laube, ihr Anstrich, Kackecke, Graunke-Tür, Kultur von Kartoffeln, Broccoli, Fenchel, Tomaten, Zwiebeln, Kürbis, Gurken, Salat, Radies, Bohnen. Spaliere, Kompost, Düngung u.a.

Festzuhalten ist Friederikes Brief und das Thema Margot:

Friederike ist eine Studienfreundin von L. Sie hatte einen polnischen Mitkommilitonen, Jacek, geheiratet. Beide sind „praktizierende Katholiken“. Damals lebte sie inmitten einer Schar von sechs oder acht Kindern glücklich in Krakow. Bei einem Besuch erzählte mir Jacek mit leuchtenden Augen, daß eines ihrer Kinder vom Papst Johannes Paul II als der noch Bischof in Krakow war, gesegnet worden sei.

Bei diesem Besuch hörte ich von Jacek zum ersten Mal, daß die Morde von Katyn von sowjetischer Seite begangen worden seien. Ich glaubte es nicht, aber er war sich völlig sicher.

Fr. schreibt, das Volk sei sich einig wie noch nie, seinen passiven Widerstand nicht aufzugeben. Durch Leid und Krieg müßten sie durch, dann kommt das Glück.

Margot schrieb einen Brief voller brennender Sehnsucht. Ihre Qual tut mir weh. Von der ersten Stunde an kann ich in ihr immer nur das mißhandelte Kind sehen. Wozu war meine Zuwendung gut, wenn ihr nun doch bloß die verzweifelte Sehnsucht bleibt? Wo habe ich einen Fehler gemacht, so daß ich ihr jetzt von dem wieder wegnehme, von dem ich ihr gegeben habe und viel geben wollte?

Ich hätte nach dem Theater den Bus nehmen müssen. Bei ihr zu übernachten war ehrlich von mir aber es war sträflich naiv (und auch eine Spur bequem).

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