Archive for the ‘Gedanken zur Persönlichkeit’ Category

20. Januar 1989 - Mozart

Mittwoch, Februar 11th, 2009

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 C. geht heute Abend mit Wulf und Werner in “Germania”.

# Heute, 12.2.2009, wird in der Zeitung über den Dokumentarfilm “Material. Deutschland 1988-2008″ von Thomas Heise berichtet. Ein Film, der mich enorm interessiert. Darin spielt auch diese Inszenierung von “Germania” eine Rolle:

“1988 inszeniert Fritz Marquardt Heiner Müllers »Germania Tod in Berlin« am BE. Das Stück ist da 18 Jahre verboten, durfte weder gespielt noch gedruckt werden. Ein Jahr vor dem Mauerfall verstand Klaus Höpcke nicht mehr, daß er es einmal mit auf den Index gesetzt hatte. Wer die Geschichte von 1989 erzählen will, muß spätestens 1988 beginnen. »Material« zeigt die Quälerei, die Ernsthaftigkeit der Probenarbeit.”#

Für mich habe Werner keine Karte mehr bekommen. Das ist zwar schade, auch weil sie damit unser Skaby-Wochenende platzen läßt. Ich habe aber keine Probleme damit, weil ich die Begründung glaube und kein absichtliches Ausschließen vermute. Daß Wulf freilich dieses Motiv haben könnte, ist dennoch nicht auszuschließen.

Wir waren gestern im Schauspielhaus (trafen G., Krebsverdacht bei K.). Ich sagte C., daß in Mozarts Musik immer vorhanden sind (verbunden, widerstreitend, immer recht hart und unvermittelt gegeneinander gesetzt) zarte, spielende (unschuldige) Kindlichkeit und Gewalt, erhabene oder/und erschreckende Macht. Und ich sagte ihr, daß das genau auch ihr Persönlichkeitserleben, ihre Persönlichkeitstruktur sei. (Sie fand das treffend.)

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Wie doch der sexuelle Reiz einer Frau allein durch etwas mehr Fleischlichkeit zunimmt.

 

11. Januar 1989 - Beziehungszwiespalt, Beziehungsqual

Donnerstag, Januar 22nd, 2009

Es ist z. Z. eine absolut zwiespältige, geradezu unehrliche Situation: Ich stehe unter dem Eindruck

* ihrer Lügnerei vom Freitag und Montag

* daß sie sicherlich ohne mich zu Wulfs Geburtstag zu gehen beabsichtigt

* vorher ihrer extremistischen Reaktion am 1.1. abends im Zusammenhang mit der Mauer

* ihrem Abkehrverhalten danach (vorige Woche).

So bin ich in meiner Beziehung zu ihr erschüttert. Die Zweifel sind da, ob uns wirklich genug verbindet. Welche gemeinsamen Ziele? Innere Kühle? (Bloß, wenn sie dann schlicht sagt:”Na, dann müssen wir uns eben trennen.” dann ist mir gar nicht mehr kühl.) …

Ich glaube, daß sie ihre Heimlichkeiten gleichsam als eine Sicherheitszone braucht, einen Bereich ihrer Intimität, den keiner kontrolliert, in den keiner eindringen darf. (Die Vertraulichkeiten mit Wulf könnte ich als solche Sicherheitszone aus Selbstzweck verstehen.) Ich muß diese Zone ihrer Heimlichkeit akzeptieren. Darauf kann ich nur meinerseits mit derselben Zone reagieren. Ich kann unmöglich in dieser Situation weiter so völlig offen bleiben. Das heißt, wir dulden Zonen der Sprachlosigkeit, der Fremdheit zwischen uns. Wenn solche “Zonen dominieren”, also Sprachlosigkeit herrscht, brauchen wir nicht beieinander zu sein. Das sind dann verlorene Zeiten.

Also sollten wir nur aufeinander zugehen, wenn wir wirklich etwas voneinander wollen. (Ich kann nicht ausschließen, daß der eigentliche Kern, der uns unvereinbar macht, eine politische Haltung bei ihr ist, die Feindseligkeit zum realen Sozialismus mit einschließt.)

Immer wieder derselbe Widerspruch: Ich kann nicht, will nicht glauben, daß ihre Heimlichtuerei einen ernsten Grund hat. Und zugleich die Befürchtung, daß das Wunschdenken ist. Denken: Wer so konsequent verheimlicht, der muß einen Grund haben.

Soll ich mich, ob Grund für Heimlichkeit oder nicht, zu mir bekennen und sagen: Ich ertrage diese Art nicht - also trennen.

Oder kann ich sagen: Ich toleriere jede Heimlichkeit, da ich glaube, daß sie sie zu nichts Schlechtem benutzt.

Kann ich uneingeschränkt an sie glauben? Ohne jeden Vorbehalt? Nein.

Wenn sie aber nun gerade diesen Glauben braucht? Wie auch immer: Diese Quadratur des Kreises geht nicht.

So handeln: Prinzip: Im Bestreben, ihr jedes Recht auf Heimlichkeit zuzugestehen zugleich bei mir bleiben.

* Heute Abend wie o. angedeutet sprechen. Das Problem des Verheimliches artikulieren.

* Ihr offen und entschieden und ganz konsequent das Recht auf jede Art von Heimlichkeit zugestehen (dies sagen und tun!)

* Entsprechende Handlungen von ihr werden mich schmerzen (bzw. befremden). In solchen Situationen mein Befremden, meinen Schmerz ihr gegenüber aussprechen, ausdrücklich aber mit meiner erklärten Bereitschaft, sie gewähren zu lassen.

* Den Schmerz nicht durch Zuwendung zu ihr, durch Kampf um sie aus der Welt schaffen wollen, sondern durch Abwendung von ihr und Besinnung auf das Eigene überwinden.

Das ist der Weg des konfliktarmen (an äußerlichen Konflikten armen) Auseinanderlebens.

Übrigens wird vermutlich die “BR” nicht mehr ausgeliefert.

# Ich habe keineAhnung, wie dieses deprimierende Beziehungs-Hin und Her auf einen außenstehende Leser wirkt. Mich berührt es noch heute sehr ernst. Und zwar gar nicht wie eins der üblichen, lange zurückliegenden Beziehungsprobleme. Heute wird mir viel klarer, wie damals kolossale gesellschaftliche Prozesse in unseren Alltag hineinwirkten. Ich sehe uns als zappelnde Figürchen in einem Bergrutsch. # 

04. Januar 1989 - Angst in unserer Partnerschaft

Donnerstag, Januar 15th, 2009

…  Ich bin enttäuscht von C.

Ich muß ihr meine Meinung klar machen, ohne dabei Vorwürfe zu erheben.

Angst und Schwäche sind starke Komponenten, Hauptkomponenten ihrer Person. Das ist mir vielleicht jetzt erst richtig bewußt geworden. Ich möchte hier viel Rücksicht nehmen, viel verstehen - aber natürlich gibt es dafür Grenzen.

Ich werde ihr die Feststellung nicht ersparen, daß sie sich von uns weg bewegt hat, seit der Auseinandersetzung von Sonntag, nicht auf den Partner zu, wie ich es versucht habe.

18.20 Uhr: Von der Kreisschule Marxismus-Leninismus kommend bin ich seit anderthalb Stunden in weitem Bogen hierher gelaufen, habe berührt Haus der jungen Talente, Fernsehturm, ungarisches und polnisches Kulturzentrum, französisches Kulturzentrum, Becherclub und etliche Cafes - immer in der Hoffnung (aber dies natürlich absurd) auf C. in Begleitung zu stoßen. Dabei natürlich viel Zeit zum Nachdenken (und immer Belastung im Magen). Ergebnisse bis hierher: Momentan scheint mir C.s ganze Lebensstrategie ganz entscheidend auf Angst und der “Rettung” vor der Angst gegründet und zwar Letzteres durch

a.) Verdrängung und

b.) Sicherung von Alternativen (fast um jeden Preis).

In beiden Fällen Vermeiden des Durchlebens existentieller Angst.

Auf diesen Grundpunkt gestellt, scheint mir fast alles folgerichtig erklärbar.

Als wir uns kennenlernten, fragte ich sie beim ersten Konflikt, ob sie einen Anderen liebe. Das verneinte sie. Mit der heutigen Lebenserfahrung würde ich darüber hinaus zu ergründen suchen, ob sie sich ein vollkommenes Lieben (in Liebe aufgehen) für sich überhaupt vorstellen könne.

Zur Angst C.s in unserer Beziehung:

Gibt es eine Entwicklung, Vertiefung, Festigung unserer Beziehung? Ich möchte “ja” sagen. Mein Gefühl sagt das deutlich. Praktische Beweise sind wesentlich dünner gesät.

Ihre Worte letzten Sonntag, daß sie, wenn ich so spreche, Angst vor mir habe, haben dies zum ersten Mal so deutlich verbalisiert. - Ist das ein Vertrautheitsbeweis? War es nur ein spontaner Leidensausbruch?

Unsere ernste Auseinandersetzung hatte große Schärfe, auch Einsicht und führte so relativ schnell, noch am selben Abend uns in Richtung Versöhnung. War das für sie zu schnell? Hat sie selbst ihrem Wunsch nach Zueinander zu schnell nachgegeben, so daß sie die Abwendung der letzten beiden Tage machen mußte?

Liegen noch tiefere Angstpotentiale/Sachkonflikte zwischen uns? Ich glaube ja.

Es geht um die Frage der Gewalt, gar des Terrors, für den Sozialismus. Kann sie dem von ihrer tiefsten Lebenswurzel aus nicht zustimmen?

Wenn es so ist, haben wir dann überhaupt eine Chance?

# Heute, mit dem Wissen, wie sich alles weiterentwickelt hat, finde ich es immer noch bedrückend aber auch verblüffend, was da so fundamental in unser Leben hineinwirkte und von uns nicht begriffen oder “bewältigt” werden konnte. #

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# Ein  interessantes Thema in der Zeitung und Theaterkarten. Niemals vorher oder nachher besuchte ich soviel Kulturveranstaltungen aller Art. #

28. Oktober 1982 – zwei Arten Orgasmus

Sonntag, Januar 4th, 2009

Hörspiel Günter Rücker “Einer Reise zusehen”

Lesen: “Temperamente” 2/82 Report “Kutscher und Solotänzer” (Hanusch), “Deutsche Zeitschrift für Philosophie” 9/82, Geerdts über Goethe 74-96)

Nach dem Hörspiel von Rücker: Kunst darf es, schafft es, uns innerst anzuregen, spricht uns aus dem Herzen. Darf, kann Wissenschaft das heute nicht mehr, speziell die Philosophie?

Es gibt Zeiten, wo Gedanken für dies Tagebuch geradezu sprudeln, Gedankenknäuel würgen sich hervor. Es wäre gut, dazu Näheres mitzuteilen. Doch dazu nachher. Jetzt erstmal das Knäuel zu Tage gebracht:

Das Sinken meines sexuellen Begehrens Heidruns geht einher mit einem (noch schwachen) Aufflackern meines Aktinteresses. […]

Davon ausgehend wurde ich zum Nachdenken, eigentlich nur Staunen, über mich angeregt: Mit welcher Gier betrachte ich meist Aktfotos. […] Wobei die Gier das eindeutige Ziel hat, das weibliche Geschlechtsteil in den vielfältigsten Darbietungen oder Verstecknissen zu erspähen. Was hab’ ich nur davon? Da hast du eine Viertelstunde lang, meinetwegen auch eine halbe Stunde, dies Teil nach Herzenslust ausgekaut (wobei Geschäftigkeit waltet, Bemühtheit aber nicht Erschütterung). Und nun?

Der Stier stößt nach dem roten Tuch, in Wirklichkeit aber in die Luft.

Mephisto lässt die Studenten in Auerbachs Keller begehrlich zugreifen, der Zauber entgleitet, Nasen und Ohren haben sie gepackt.

Diese Entzauberung (meine, nicht die der Studenten) wird durch die Triebbefriedigung vermittelt. Also: Ich bin vor dem Geschlechtsverkehr ein anderer Mensch als nachher. Mein ganzes Empfinden ist geändert (aus physiologische Ursachen). Mein ganzes?

Es gibt auch einen anderen Erlebnisablauf. […]

Der sexuelle Ablauf entsprach dem oben erwähnten (und war durchaus momentan relativ verselbständigt), jedoch war er eingebettet in einen “Orgasmus des Menschlichen, Psychischen, Sozialen”. Ich war von Gier auf diesen Menschen, diese Persönlichkeit erfüllt und schleuderte mich selbst als ganze Persönlichkeit in sie hinein. Mir entriss sich Samenflüssigkeit, und dies gab die bekannten elementaren Emotionen ; doch dieser Vorgang verschmolz mit einem anderen. Er war nur das Pferd, der andere der (spornende) Reiter. Es war zugleich mein menschlich Innerstes, Keimhaftes, Zartestes, Zukünftigstes, das sich mir entriss, also verschenkt wurde (und gleicherweise von mir empfangen wurde).

Dieses Erlebnis war Seligkeit […], und dies Erlebnis zerstörte keinen Zauber, sondern machte ihn eigentlich ganz wirklich. (All das ist etwas Besonderes, nicht beliebig reproduzierbar, obwohl es sicher viele Menschen irgendwann mal erleben. Hoffentlich machen sie es sich bewußt.) Das menschliche Erlebnis ist nur maximal als zugleich physischer Vorgang. Die Physis drängt, soweit geschlechtlich, rhythmisch auf Betätigung, gleichgültig ob all die anderen Bedingungen für solch Gipfelerlebnis erfüllt sind oder nicht. Sind sie es nicht, so gaukeln die Reflexe Erinnerungen als Erwartungen vor, und schon kommt es dazu, daß ich vom Reiben des Schwanzes ein Paradies erwarte.

Übrigens, wenn menschliche Beziehungen als physische maximal sind, so ist zu fragen, welches die physische Gestalt von Freundschaftsbeziehungen sein kann.

Wenn dies alles so halbwegs durchdacht, was also tun?

Natürlich offen sein für die Menschen, für die Liebe. Jedoch solange sie nicht kommt? Die Verzauberung nicht schmähen! Die Entzauberungen durchleben! So wie der Schmied das Eisen immer wieder in die Glut legt, dann ihm einige Schläge versetzt, dann wieder in die Glut usf., viele Male wiederholt, bis dem plumpen Kloben seine Schlacken herausgedroschen sind und Festigkeit, Leichtigkeit, vielleicht sogar edle Form erreicht sind (manchmal zerbricht ein halbfertiges Stück).

23. Oktober 1982 – menschliche Beziehungen

Samstag, Januar 3rd, 2009

Film “Lady Chatterly” (mit Heidrun)

Lesen: “Guten Morgen, Du Schöne”

Auf dem Heimweg von Heidrun wandern meine Gedanken zu Evi; um sie nicht zu mystifizieren, erinnere ich mich an die Momente bzw. Phasen unserer Beziehung:

a) erster Eindruck: nett, hübsch, zu jungfräulich

b) Evi eine Weile aus dem Gesichtskreis

c) nach ca. 2 Wochen aktive Aufmerksamkeit für sie. Ich phantasiere (zunächst spielerisch) eine erotische Beziehung zu ihr.

d) Ich mache mich bemerkbar, nehme Beziehung auf

e) Sie erwidert und macht dabei eindeutig klar, welcher Art diese Beziehung sein kann – kurze Enttäuschung bei mir. Ich erkenne die Vater-Tochter-Beziehung für mich!

f) Der Kontakt wird enger, gewisse Enttäuschung über “Ungeistigkeit”, mangelnde Kultur des künstlerischen Geschmacks

g) Besinnen auf den wahren (ethischen) Wert dieser Beziehung und nun

h) (nach einigen Wochen) kritische Revision dieses “wahren Wertes”. Hält er der Zeit stand? Oder verflüchtigt er sich ins Abstrakte? Und er hält nicht nur stand, es wird mir auch klar, daß jede Beziehung ihre eigene Konkretheit hat. Ja vielleicht besteht die Aufgabe darin, herauszufinden, welche eigene Konkretheit die Beziehung zu jedem einzelnen Menschen haben muss.

a-d: Ich bin im Üblichen befangen, “sitze im Käfig”

e: Die große Entdeckung, das Neue für mich.

f-h: Die immer tiefere Aneignung dieses Neuen, seine Verallgemeinerung.

 

Methodische Überlegung für meine Persönlichkeitsanalyse: Die Zeitanalyse ergänzen durch eine relativ detaillierte Haushaltsanalyse (Einnahmen, Ausgaben), etwa monatlich. Auch hier auf vorhandene Methodiken stützen.

 

 

15. Oktober 1982 – Neue Deutsche Welle. Und Hebbel

Montag, Dezember 8th, 2008

Gymnastik,

Lesen: “Sinn und Form”, 5/82, “Weltbühne” 41/82, BZ, “Budapester Rundschau”, “Kleingarten”

Noch einmal zum Hebbel-Bild des Menschen als Fluß:

Ja, und selbst ist man wie ein Wanderer, der die Flüsse quert. Ich steige in den Fluß hinein, er erscheint mir breit, unendlich wie das Meer (besonders, wenn ich halb verdurstet und in Finstern einstieg), seine Strömung trägt mich; doch schwimme ich unablässig weiter, so kommt das andere Ufer in Sicht, ich gehe an Land und überschaue rückblickend von der Uferhöhe den ganzen Strom in seiner Breite (während seine Länge, sein Lauf weiter Geheimnis bleibt).

Heute früh kommt L. Auf die “Spitzenklöpplerin” zurück. Die unerfüllte Sehnsucht sei die wirklich vollkommene, ideale Liebe (sinngemäß). Sie hebt am stärksten empor und läßt die größte Kunst entstehen. Ich vergaß, daran zu erinnern, daß nur die Erfüllung wirkliche Kinder zeugt, was in gewisser Weise über jedem Kunstprodukt steht. […]

Alles in allem: Ich vertrete das übergreifende, das goethesche, das faustische, realistische Ideal; das Werden und Vergehen, das Sehnen (Knospen)/Blühen/Reifen/Sterben (Winterschlafen). Poesie im ganzen Kreislauf, also subjektive Erhöhung, Belichtung, Vergeistigung des ganzen profanen Prozesses, während andere (L.) mit einer Art poetischen (oder auch ängstlichen?) Starrsinns auf der Phase beharren, die alles Schöne im Kern enthält (ohne seinen Untergang mitzufühlen, ohne sein Janusgesicht zu erkennen….

Mit der idealen Sicht zerbricht die Sicht oder es kommt die freie Sicht.

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Else Lasker-Schüler, um 1905

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Neue Deutsche Welle:

Wir sind glücklich!

Solange der Bildschirm die Träume uns gibt,

Solange der Kanzler uns so innig liebt,

Solange die Hoffnung im Frühformat winkt,

Solange die Sonne im Osten versinkt…

[…]

Ein Lied der aufs Streckbett gespannten Ironie, nicht das einzige dieser Art; wieviel noch deutlichere mag es geben, die nicht gesendet werden?

Auch das Lied “Vergiß es, vergiß es…” drückt durchaus “Zeitgeist” aus, besonders der Refrain:

Vergiß es, das Leben geht weiter,

bis zur Grenze, dann kommt mal’n Ende.

Vergiß es, vergiß es, es kommt, wie es kommt,

Ist doch klar, daß nicht jeder oben schwimmt.”

Gehirnamputiert”

Da war so ein Traum.

Es ist was Tolles passiert,

Ganz aus Versehen, gehirnamputiert.

Nie mehr Probleme,

Egal was passiert,

Bist Du gehirnamputiert.

 

Durch Realität schon völlig frustriert,

Doch dann dieser Traum gehirnamputiert.

Problemloses Dasein ist garantiert,

Bist Du gehirnamputiert.

 

Du fühlst Dich wohl, es geht Dir gut,

nie mehr Probleme,egal, was passiert

bist Du gehirnamputiert.

 

Warum wurde diese “Welle” produziert? Wird sie mit Kohl als Bundeskanzler weiter produziert?

Die ausgewählten Texte repräsentieren aber nicht das ganze Gesicht dieser Welle. Sie deuten mehrt an, woran die Manipulatoren anknüpfen.

 

Und das Meisterstück, textlich, wie musikalisch, wie interpretatorisch, das “Lied von der Königin” (wie die Szene einer Oper!).

Na so eine komische Königin,

die hat ja Räder unten dran.

Na, das ist ja eine Königin,

Wärst Du da gerne Untertan?

Rollt sie durch ihr Reich,

Vom Gebirge bis zum Deich.

Sie rollt und rollt ganz ungeniert,

Wie toll sie dabei noch regiert,

Eine tolle Königin.

 

Bergab regiert sie ziemlich milde,

Bergauf schimpft sie auch manchmal wilde,

Bergab weht ihr Gewand, das Schöne,

Berauf senkt sie auch mal die Löhne.

In der Stadt ist ihr das Volk lieb und teuer.

Im Wald erhöht sie dann die Steuer…

Eine perfekte Königin,

Prima, prima

Mit Rädern unten dran.

Hebbel: Ich glaube eine Weltordnung, die der Mensch begreift, würde ihm unerträglicher sein, als diese, die er nicht begreift. Das Geheimnis ist seine eigentliche Lebensquelle, mit seinen Augen will er etwas sehen, aber nicht alles; sieht er alles, so meint er, er sieht nichts.” (182) Vergl. S. 188: “Der Mensch ist die Kontinuation des Schöpfungsaktes, eine ewig werdende, nie fertige Schöpfung.”

Interessant zum (systematischen) Denken, das nicht eine allgemeine Gabe, sondern ein ganz besonderes Talent sei…. (184). Er betont die Produktivität (Kreativität) des echten Denkens.

Beschäftigung, nur Beschäftigung, und man ist geborgen, man weiß solange nichts von sich, als man etwas tut.” (185)

Goethes spätere Urteile… sind nicht Urteile seines Magens, sondern seines Gaumens.” (186)

Einen Sachverhalt in ein richtiges, reiches, leicht verständliches Bild setzen, wie hier H. können wir heute so schlecht. Wir versuchn eine Gestalt durch Abstraktionen zu umreißen. Doch die Abstraktionen sollten selbst wieder in Gestalten sclüpfen, sollen “tanzen”, wenn sie für uns da sein wollen.

Ehemals waren die Erwachsenen, wie die Kinder; wie hoffnungslos sind die Zeiten, wo die Kinder wie die Erwachsenen sind. Warum lernen wir so viel und so schnell!” (187)

(Kaum ein Gedanke von H., der nicht “aufgehoben” werden muß.)

Es ist kaum ein Trost, daß wir immer höher kommen, da wir immer auf der Leiter bleiben.” (189)

Zum Geist: Es könnte sein, weil er aus fremden Welten stammt, daß er “uns nur besuchte, nicht aber in uns wohne.” (191)

(Er tappt auf etwas Richtiges, Tiefes. Das Wesen des Menschen ist kein dem Individuum innewohnendes Abstraktum.)

Nicht, was der Mensch soll: was und wie er’s vermag, zeige die Kunst!” (193) (Dann wird sie realistisch sein.)

Nichts kann bewiesen werden, als – was zu beweisen sich nicht verlohnt.” (193)

Man verfault im bloßen Umgang mit sich selbst.” (193)

Stoff ist Aufgabe:Form ist Lösung.” (194)

Die Prosa stellt das Gedachte, die Poesie das Gelebte dar.” (195)

Unsere Tugenden sind meist die Bastarde unserer Sünden.” (198)

Die Erinnerung ist das einzig Feste, was dem Menschen bleibt; dies sollte der Bösewicht bedenken, daqnn würd’ er sich nicht aus so vielen Stunden Höllen zusammenzimmern.” (198)

(Die Erinnerung! – ein großartiger Gedanke (für junge Menschen).)

Philosopheme: Verstandesträume” (199)

Das Aufbrausen ist die Lebensäußerung des Zorns und zugleich sein Tod.” (200)

Jeder Klotz paßt hin, wo man ihn hinstellt.” (201)!

Die Poesie soll alle Strahlen des Menschen, dieser Nebelsonne, auffangen, sie verdichtet auf ihn zurückleiten und ihn so durch sich slbst erwärmen.” (201) “Das Leben gehört soweit in die Poesie, als es innerlich produktiv ist.” (210)

Nur das Geendete ist unendlich.” (202)

Das Gemeine ist verloren, sobald es kämpft.” (205) (Wenn’s doch so wäre!)

Es ist ungleich sündlicher, das Göttliche inm unserer Nähe nicht zu ahnen, es ohne weitere Untersuchung für sein schzwarzes Gegenteil zu halten, als es in weltmörderischer Raserei zu zerstören, weil wir es nicht besitzen können.” (208)

Sagen wir “das Neue”, statt “das Göttliche”, wie steht es dann um uns?

Das Göttliche in seiner Nähe zu ahnen – ist das nicht der einzige wirkliche Auftrag des Menschen?

 “Schon Ratschläge sind in vielen Fällen Angriffe auf die Selbständigkeit;…” (211)

(Helfen heißt auf dem vom Subjekt eingeschlagenen Weg helfen.)

 

Das Bewußtsein ist nicht produktiv, es schafft nicht, es beleuchtet nur, wie der Mond;” (213)

Die Frucht des Baumes ist nicht für den Baum.”(218)

 

Notiz übert das Entleeren:

Mein Prinzip in diesem Buch ist doch, nichts Menschliches auszusparen, nichts “Unmoralisches” zu verdrängen. Es kommt viel Sex zur Sprache. Noch nie kam ich darauf, den Gang zum Abort zu registrieren (wohl aber die Orgasmen). Was ist dafür der eigentliche wesentliche Grund? Physische Selbstverständlichkeiten sind uninteressant; die Atemzüge usw.

Die Lidbewegungen lohnt es nicht, zu registrieren (solange sie sozial bedeutungslos sind).

Heidrun stimmte heftig zu, als ich sagte, nichts Menschliches sei mir fremd. (Für mich kulminiert dies in “Schweinereien”. Für sie offensichtlich in Mordgedanken. – Als wir hier nicht dasselbe meinten, nahm sie gleich zurück.)

Heidrun, eine sensibel-sinnlich-leidenschaftliche Frau mit einem (vielleicht von Kindheit herrührendem) Defizit an kluger Selbstlenkung, -führung. In dieser Hinsicht von gewisser Grobheit, Unbeholfenheit, Ratlosigkeit, die zu ihrer Depressivität führt. H. erwähnte, wie leicht sie manchmal zui rühren ist.

Ahne ich damit etwas von den “Ufern” dieses Stroms?

Jedenfalls bin ich ihr gut gesonnen. Doch werde ich mich nicht auffressen lassen.

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14. Oktober 1982 – noch einmal Tätigkeitsanalyse. Und Hebbel

Montag, Dezember 8th, 2008

L. erzählt vom gestrigen Film “Spitzenklöpplerin”, der ganz und gar der Film ihrer ersten Liebe gewesen sei.

# Hier eine Beispielseite der täglichen Aktivitätenlisten aus dem Tagebuch. #

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Ein Tag, der mich nach schwerer Nacht müde gemacht hat. Zwar allein aber ganz zufrieden. Der – unerwartet - gute Verlauf des Gesprächs mit Jeanette trägt mich heute. Diese Belastung war doch wohl größer in der Nacht als mir bewußt war.

# Erläuterung: Möglicherweise vermissen aufmerksame LeserInnen auf der abgebildeten Aktivitätenliste den expliziten Ausweis von Tätigkeiten für das MfS. In der Tat hielt ich mich auch bei diesen Aufzeichnungen an die Regeln der Geheimhaltung. In der hier abgebildeten Aktivitätenübersicht vom 14.10. sind solche MfS-Aktivitäten unter 5.15.2 = “Kommunikation, Gespräche, Geselligkeit mit mehreren Partnern” klassifiziert, und nur mir ist aus den mitgeteilten Namen der Partner, in diesem Falle Jeanette und Sean, die spezielle Art der Tätigkeit erkennbar. #

Nun freue ich mich auf den Sonntag mit Heidrun, die ich morgen vielleicht mal anrufe.

Im Kopf bildet sich schon der Brief der nächsten Woche an Evi.

Netter Schwatz mit A. und R; wenn diese Runde doch nun hoffentlich wirklich meine Ausstandsrunde gewesen ist!

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Hebbel: “Ich bleibe dabei: die Sonne scheint dem Menschen nur einmal, in der Kindheit und der frühen Jugend…”

Tieck: “Nur wer Kind war, wird Mann.”

Hebbel ebd. über seinen Vater: Er war herzensgut “aber die Armut hatte die Stelle seiner Seele eingenommen. Ohne Glück keine Gesundheit, ohne Gesundheit kein Mensch!” (S. 177)

Hier ist Hebbel Materialist. (Vergl. S. 185, wo H. schreibt, daß ihm pekuniäre Rücksichten das zu häufige Briefeschreiben verbieten oder S. 186: Er habe “seit 21/2 Jahren, einen Sommer ausgenommen, nicht mehr warm gegessen…”

Diese ungeistigen Nebensächlichkeiten sind unerhört wichtig!

der größte Fortschritt der neueren Zeit, daß der Mensch sich jetzt nicht bloß wohl befinden, sondern auch gelten will…” (178)

(Etappen der Persönlichkeitsentwicklung in der Geschichte! Und heute?)

Die Menschheit läßt sich keinen Irrtum nehmen, der ihr nützt.” (181)

Auch das ist knurrig materialistisch.

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13. Oktober 1982 – statistische Persönlichkeitsanalyse – kaum erwähnte Seite meiner Aufzeichnungen

Donnerstag, Dezember 4th, 2008

Nun schon etliche Seiten “Zarathustra” gelesen. Es stellt sich, nicht aus Voreingenommenheit, eine Menge Widerwillen ein. Natürlich gibt es treffende Einzelformulierungen. Interessant manchmal der Versuch, anders, schöpferisch, über-, zu sein. Welche Berührungspunkte meiner Tabula-rasa-Vorstellung vom Menschen mit seinem Übermenschen?

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# Überlegungen zur Interpretation meiner Tagebuchaufzeichnungen #

Bis hierher, also in 120 min, rein statistische Aufbereitung von 9 Tagen. Dabei fehlen noch die einfachsten statistischen Zusammenfassungen und Verallgemeinerungen, von inhaltlichen ganz zu schweigen. Die einzige inhaltlich wertende Gruppierung ist die nach dem besonderen Partner. Vielleicht sollte der besondere Lese- überhaupt Kunsteindruck dazukommen, auch das besondere Einzelerlebnis und schließlich vielleicht der besondere Gedanke, der geistige Ein- oder Ausdruck der Woche. Vielleicht ist über die Orientierung auf das extrem Eingeprägte (Ausgeprägte) ein wenig dem Inhaltlichen näher zukommen. Im Grunde aber fehlt weiter der Weg zur Theorie. Und das ganze Verfahren ist weiterhin zu zeitaufwendig. Vielleicht gewisse Einsparung dadurch, daß die “statistische Aufbereitung” an jedem Tag erfolgt.

# Zur Erläuterung: Wie schon früher erwähnt, beabsichtigte ich, der phänomenologischen und reflektierenden Lebensschilderung im Tagebuch eine detaillierte, statistisch aufbereitete Tätigkeits- und Bedürfnisanalyse an die Seite zu stellen. Ich unterschied fünf große Tätigkeitskategorien:

  1. Arbeitszeit und arbeitsgebundene Zeit

  2. Hauswirtschaft/Vorbereitung der individuellen Konsumtion

  3. Betreuung/Pflege von Personen

  4. Befriedigung physiologischer Bedürfnisse

  5. Freizeittätigkeiten

Diese Haupttätigkeiten wurden gemäß der auf den beiden folgenden Bildern sichtbaren Systematik in Unterkategorien unterteilt, wobei sich diese Unterteilung an Lippold 1971 anlehnte.

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Täglich hielt ich nun, (wie auf der Abbildung zum 14.10.82 (morgiges Posting) zu sehen ist), meine Tätigkeiten mit einer Genauigkeit von 20 min. fest. Die oben erwähnte “statistische Aufbereitung von 9 Tagen” bezog sich nur darauf, die Wochensummen, später die Monatssummen aller Tätigkeitsarten zu ziehen. Diese Werte sollten die Primärdaten darstellen, die ich später (schon damals dachte ich an meine Rentnerzeit) auf ihre Zusammenhänge und Tendenzen untersuchen wollte. #

Gedanken, Aussprüche Anderer, die sich, fern meiner bewussten Absicht festhaken. […]

Z.B. Evi fragte mich, ob ich “für eine andere Frau Verantwortung trage”. – Dieser schöne Ausdruck des “Verantwortung Tragens”. Aber auch die Fragwürdigkeit des Verantwortung Tragens für Andere.

Heidrun: ”Ich möchte, daß Du mich formst.” Das klang sehr nach Schmeicheln meiner Eitelkeit, nach Berechnung. Nicht aber auch wie ein Hilferuf, ein “Sich-ins-Vertrauen-ergeben”? Die damit gesetzte Ungleichartigkeit der Partner, die Unterwerfung; die Beseelung des Stoffs (?).

Ist das schon das Geheimnis von Heidrun, von dem ich schrieb? (Freue mich auf den Besitz dieses vollblütigen Weibes, auf unsere wechselseitige Lust und bedaure sie um den mehr bei ihr liegenden Schmerz, werde ihr nicht mutwillig wehtun.)

Es lohnt sich schon, dem Unterschied von schönen einerseits und aufreizenden Aktfotos andererseits auf die Spur zu gehen.

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Meine Lust zu Grübeln verleitet mich, notwendige Kommunikation zu sparen. Die Nichtbefriedigung dieser Kommunikation (vielleicht besonders stark erotisch-sinnlicher Kommunikation) wirft mich auf das Sexuelle oder gar Pornografische zurück. Insofern war die Krankenhauszeit lehrreich. Die Überfülle der Kommunikation […] ließ mich die Schalheit des Pornografischen empfinden. (Pornografie – bezweckter Genuß einer Erotik, Sexualität ohne menschliche Bindung.)

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Auch in der Nacht vom 10. zum 11. spürte ich diesen Scheideweg. Der erotische Drang hätte mich “normalerweise” zur Selbstbefriedigung getrieben, so aber schrieb ich einen Brief an Heidrun, kommunizierte also und kam aus dem sexuell Zwanghaften heraus, verwandelte es in Vorfreude auf ein (zweiseitiges) Liebeserlebnis.

02. Oktober 1982 – „Kleines Testament“

Donnerstag, Mai 22nd, 2008

[…] 5 Zimmerkumpel,

[…] Hören: (Kopfhörer): Haydn, Oratorium

Behandlungen: 3/4 Bad, Wickel, Gymnastik,

[…] Mit Schwester Evi im Alten Museum, Orgelvesper in der Marienkirche, Grillrestaurant im Palasthotel. Ein schöner Nachmittag, nicht enttäuschend aber anstrengend. Wir sind beide geschafft. Natürlich ist sie 2 Stufen „einfacher“ als ich, doch ein „kompletter Mensch“. Sie ist keine Intellektuelle („von Natur aus“).

Gefährliche Gedankenspiele: Wenn es Intellektuelle und Nichtintellektuelle sui generis gibt, so käme es darauf an, die Nichtintellektuellen in solche Verhältnisse zu versetzen, daß sie zu Fortschritt und Wohlfahrt der Menschen maximal beitragen, während Intellektuelle sich über die gegebenen Verhältnisse erheben können (oder darunter bleiben).

# Mein Abschieds- und Dankgedicht an die Mitarbeiter des Krankenhauses #

Allen, die ihre Kunst an mich gewendt

vermache ich mein kleines Testament:

 

Ich bitte sehr, mir zu verzeihn,

besonders bitte ich den alten Franz.

Mit Mühe find’ ich hin und wieder einen Reim,

jedoch die Melodie gehört ihm ganz.

 

Verzeih er mir, Herr Chefarzt Dr. Steg

(„lich“ passte in die Zeile nicht mehr rein).

Gekrümmt, gebeugt, so eilt er seinen Weg.

Wer weist ihn mal in eine Klinik ein?

 

Mit Dr. Krause bin ich quitt.

Anfangs er schweigend nur Visite schritt.

Mich tröstete manch mitternächtlich Plausch,

doch den durchkreuzt’ er – schweigend – auch.

Nun köpf’ er Sekt, die Flaschen gleich zu drein.

Die Rache mag er mir verzeihn.

 

Reich an Erfahrungen im Schwesternstand

hält Christa fest die Zügel in der Hand,

packt selber jugendfrisch mit zu,

sorgt da für Tempo, dort für Ruh!

Für Ilse, Karin, Monika,

Petra, Martina, Barbara,

für jede ein Poem (und sei’s auch klein)

blieb ungereimt. - Das ist nicht zu verzeihn.

 

 

Frau Piotrowski möcht verzeihn,

die jeden Krankentag wie eignen Kummer spürt.

Man richtet gern sich auf neun Wochen ein,

wird man so kenntnisreich mit soviel Ernst geführt.

(Doch nur für mich gesagt und im Vertraun:

Mit ihrer Folgefrau tät ich ‘ne 10. Woche baun.)

 

Mit kluger Hand, handfestem Geist

Frau Rudolph manchen noch vom Messer reißt,

und fällt ‘ne Therapie ihr vor den Ärzten ein,

wenn ihr mich fragt, ich täts verzeihn.

 

Frau Beyer mit dem Lakenbad

vollbracht’ an mir manch gute Tat.

Sie riss mich in den starken Arm,

da wurd’ mir schwarz (kurz vorher warm)

und sich drückt sie ‘ne Rippe ein.

War’s Leidenschaft? - Wir wolln verzeihn.

 

Doch nun sei alle Witzelei vergessen.

Gesund und schmackhaft war das Essen.

Nur einmal quält ich mir’s mit Mühe rein.

Daß ich den Kürbis beigeschafft, sollt ihr verzeihn.

 

Besingen würd’ ich gern ihr weiches Haar,

jedoch sie quasselt, redet immerdar.

Ich sags wie’s ist, wenn auch nicht fein.

Ach“, Schwester Heidi, „Können Sie verzeihn?“

 

Gleich alle Kranken lächeln mit,

wenn freundlich auftaucht Schwester Grit.

Sie wird ‘ne Kleinigkeit verzeihn.

Welche genau? Das bleibt geheim.

 

Lieb’ Schwester Anmut hat nichts zu verzeihn.

Ihr bin ich einfach gut.

Dem brech’ ich alle Knochen kurz und klein,

der ihr was tut.

Doch dieses Prahlen lauthals in die Luft hinein,

wird sie’s verzeihn?

 

Annettchen in der Küche schafft,

arbeitet und schimpft mit gleicher Kraft.

Ich überhörte manchmal ihren Reim.

Das bitte ich sie zu verzeihn.

 

Daß Schwestern, Ärzte, Physios, Küche, Bad

ich hab’ gepresst in einen Raum hinein,

das ist vielleicht die allerschlimmste Tat.

Auch diese solltet ihr verzeihn.

 

Wer unerwähnt blieb, bitte, muss verzeihn!

Der Dichtergeist war allzu träg und dumpf.

Wen freut ein schlecht gefügter Reim?

Doch alle hebt das Glas auf Eure Zunft!

 

 

 

 

26. September 1982 – unnütze Klarsicht

Dienstag, Mai 6th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel, Männix, Mischa und Reiner erzählen Armeestories:

“Schildkröte”, “Musikbox”, “Cremen und Löffeln”, “Schwarze Kuh”, “Schmeicheln”.

[…] Lesen: „Wissenschaft und Fortschritt“ 9/82. (Ökosystem Müggelsee), Goethe: „In meinem Beruf als Schriftsteller

Hören: (Kopfhörer): Schostakowitsch, Sinf. Nr. 5 Op.47, Lieder mit Ernst Busch, Robert Schumann, Messe op. 147 (nicht hinreißend)

Hebbel:

Kriege zu führen, ist die menschlichste Versuchung eines Fürsten“ (S.151) Und wenn er Recht hätte? Auch für unsere sozialistischen Fürsten? Gibt es Machtmißbrauch, so gibt es jeden Machtmißbrauch (zumindest der Möglichkeit nach). (Ist es ein Vorteil, wenn wir eine Art menschliche Automaten (anscheinend) an der Spitze haben? Sie kommen nicht in menschliche Versuchung? Aber als Automaten der Macht?)

 

# Eine charakteristische Eintragung: Hebbel regt mich zu einem sehr „bösen“, sehr „schlimmen“ Gedanken über unsere realsozialistischen Führer an. Mehr nicht. Ich bildete mir etwas auf mein „illusionsloses Denken“ ein, zog aber weder praktische (Zur gleichen Zeit war die Afghanistaninvasion der Sowjetunion.) noch ernsthafte theoretische Schlüsse. Ich erlaubte mir, vor mich hin zu „denkeln“. Weder von einem „eingreifendem Denken“, noch überhaupt von einem klaren, folgerichtigen und auf denkerische Konsequenz zielendem Denken kann die Rede sein. Ich „Kämpfer für eine bessere Welt“ hatte meine (selbst gestellte) Aufgabe längst verraten und mich, kritische Nörgelei pflegend, in den Verhältnissen eingerichtet.
In den Verhältnissen eingerichtet, meine kritisch nörgelnde Stimme via Blogs pflegend, bin ich auch heute. #

Nicht nach der Länge seines Armes, nach der Länge seines Auges muß der Mensch sein Glück messen.“ (154) Ja, aber… Ja, bin für Bewußtheit. Aber sollte es nicht Glück für Arm und Auge und Sexus und Gaumen und … also ein allseitiges menschliches Glück geben? Wobei jeder dieser Glücksmomente seinen Mangel an sich selbst haben müßte. Und vielfältige Spannungen zwischen diesen verschiedenen Glücksmomenten.

Emanzipation des Gassenkots muß man nicht verlangen.“ (154)

Daß so wenig Schriftsteller Stil haben, liegt in ihrer Unfähigkeit, dem letzten hohen Zweck die nebenbei erreichbaren näheren und kleineren zu opfern, überhaupt in der menschlichen Unart, mit jeglichem Schritt eine Art von Ziel erreichen zu wollen.“ (155)

Das ist eine grobe Wahrheit oder eine wahre Grobheit, keine Dialektik. Nimm „Klim Samgin“. Hier ist Stil und hoher Zweck, jedoch die Kleinigkeiten werden nicht geopfert, sondern für diesen hohen Zweck zum Leben, zum Tanzen gebracht.

Ist manches, was bei Hebbel als Geist erscheint, nur Extremismus? Ist kluger Extremismus nicht in Wahrheit eine wichtige Art von Geist? Ist wahrer Geist nicht immer auch extremistisch?

Niemand umfaßt das Element, worin er lebt, sondern das Element umfaßt ihn.“ (156) Solche Erkenntnisse sind ein Damm gegen den Brechstangenoptimismus mancher, die sich Marxisten-Leninisten nennen.

… wenn du wahrhaft liebst, mußt du wieder geliebt werden, denn die Natur berechnet immer eine Kraft auf die andere.“ (159)

Die Natur zerstört ruhig und gleichgültig das Schönste, was sie hervorgebracht. Das „erregt die Empfindung ihres unvergleichlichen Reichtums, ihrer unerschütterlichen Sicherheit, ihres unverrückbaren Ziels.“ (160)

[…]Dichten: Der gemeine Stoff muß sich in die Idee auflösen und diese sich wieder zur Gestalt verdichten (164). Statt das Geistige zu verkörpern, vergeistigen sie gern das Körperliche. (169).

Das Kunstwerk: Grenzenlos in Bezug auf den Inhalt, begrenzt in Bezug auf die Form. (166).

Das Denken erscheint als bewußtes Gefäß des Unbeschränkten und ist daher beschränkt. Das Darstellen wirkt im Beschränkten ein Unbeschränktes. (Daher sind alle philosophischen Systeme abgetan worden mit der Zeit, aber kein einziges Kunstwerk.) (168)