Archive for the ‘Gedanken zur Persönlichkeit’ Category

23. Oktober 1982 – menschliche Beziehungen

Samstag, Januar 3rd, 2009

Film “Lady Chatterly” (mit Heidrun)

Lesen: “Guten Morgen, Du Schöne”

Auf dem Heimweg von Heidrun wandern meine Gedanken zu Evi; um sie nicht zu mystifizieren, erinnere ich mich an die Momente bzw. Phasen unserer Beziehung:

a) erster Eindruck: nett, hübsch, zu jungfräulich

b) Evi eine Weile aus dem Gesichtskreis

c) nach ca. 2 Wochen aktive Aufmerksamkeit für sie. Ich phantasiere (zunächst spielerisch) eine erotische Beziehung zu ihr.

d) Ich mache mich bemerkbar, nehme Beziehung auf

e) Sie erwidert und macht dabei eindeutig klar, welcher Art diese Beziehung sein kann – kurze Enttäuschung bei mir. Ich erkenne die Vater-Tochter-Beziehung für mich!

f) Der Kontakt wird enger, gewisse Enttäuschung über “Ungeistigkeit”, mangelnde Kultur des künstlerischen Geschmacks

g) Besinnen auf den wahren (ethischen) Wert dieser Beziehung und nun

h) (nach einigen Wochen) kritische Revision dieses “wahren Wertes”. Hält er der Zeit stand? Oder verflüchtigt er sich ins Abstrakte? Und er hält nicht nur stand, es wird mir auch klar, daß jede Beziehung ihre eigene Konkretheit hat. Ja vielleicht besteht die Aufgabe darin, herauszufinden, welche eigene Konkretheit die Beziehung zu jedem einzelnen Menschen haben muss.

a-d: Ich bin im Üblichen befangen, “sitze im Käfig”

e: Die große Entdeckung, das Neue für mich.

f-h: Die immer tiefere Aneignung dieses Neuen, seine Verallgemeinerung.

 

Methodische Überlegung für meine Persönlichkeitsanalyse: Die Zeitanalyse ergänzen durch eine relativ detaillierte Haushaltsanalyse (Einnahmen, Ausgaben), etwa monatlich. Auch hier auf vorhandene Methodiken stützen.

 

 

15. Oktober 1982 – Neue Deutsche Welle. Und Hebbel

Montag, Dezember 8th, 2008

Gymnastik,

Lesen: “Sinn und Form”, 5/82, “Weltbühne” 41/82, BZ, “Budapester Rundschau”, “Kleingarten”

Noch einmal zum Hebbel-Bild des Menschen als Fluß:

Ja, und selbst ist man wie ein Wanderer, der die Flüsse quert. Ich steige in den Fluß hinein, er erscheint mir breit, unendlich wie das Meer (besonders, wenn ich halb verdurstet und in Finstern einstieg), seine Strömung trägt mich; doch schwimme ich unablässig weiter, so kommt das andere Ufer in Sicht, ich gehe an Land und überschaue rückblickend von der Uferhöhe den ganzen Strom in seiner Breite (während seine Länge, sein Lauf weiter Geheimnis bleibt).

Heute früh kommt L. Auf die “Spitzenklöpplerin” zurück. Die unerfüllte Sehnsucht sei die wirklich vollkommene, ideale Liebe (sinngemäß). Sie hebt am stärksten empor und läßt die größte Kunst entstehen. Ich vergaß, daran zu erinnern, daß nur die Erfüllung wirkliche Kinder zeugt, was in gewisser Weise über jedem Kunstprodukt steht. […]

Alles in allem: Ich vertrete das übergreifende, das goethesche, das faustische, realistische Ideal; das Werden und Vergehen, das Sehnen (Knospen)/Blühen/Reifen/Sterben (Winterschlafen). Poesie im ganzen Kreislauf, also subjektive Erhöhung, Belichtung, Vergeistigung des ganzen profanen Prozesses, während andere (L.) mit einer Art poetischen (oder auch ängstlichen?) Starrsinns auf der Phase beharren, die alles Schöne im Kern enthält (ohne seinen Untergang mitzufühlen, ohne sein Janusgesicht zu erkennen….

Mit der idealen Sicht zerbricht die Sicht oder es kommt die freie Sicht.

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Else Lasker-Schüler, um 1905

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Neue Deutsche Welle:

Wir sind glücklich!

Solange der Bildschirm die Träume uns gibt,

Solange der Kanzler uns so innig liebt,

Solange die Hoffnung im Frühformat winkt,

Solange die Sonne im Osten versinkt…

[…]

Ein Lied der aufs Streckbett gespannten Ironie, nicht das einzige dieser Art; wieviel noch deutlichere mag es geben, die nicht gesendet werden?

Auch das Lied “Vergiß es, vergiß es…” drückt durchaus “Zeitgeist” aus, besonders der Refrain:

Vergiß es, das Leben geht weiter,

bis zur Grenze, dann kommt mal’n Ende.

Vergiß es, vergiß es, es kommt, wie es kommt,

Ist doch klar, daß nicht jeder oben schwimmt.”

Gehirnamputiert”

Da war so ein Traum.

Es ist was Tolles passiert,

Ganz aus Versehen, gehirnamputiert.

Nie mehr Probleme,

Egal was passiert,

Bist Du gehirnamputiert.

 

Durch Realität schon völlig frustriert,

Doch dann dieser Traum gehirnamputiert.

Problemloses Dasein ist garantiert,

Bist Du gehirnamputiert.

 

Du fühlst Dich wohl, es geht Dir gut,

nie mehr Probleme,egal, was passiert

bist Du gehirnamputiert.

 

Warum wurde diese “Welle” produziert? Wird sie mit Kohl als Bundeskanzler weiter produziert?

Die ausgewählten Texte repräsentieren aber nicht das ganze Gesicht dieser Welle. Sie deuten mehrt an, woran die Manipulatoren anknüpfen.

 

Und das Meisterstück, textlich, wie musikalisch, wie interpretatorisch, das “Lied von der Königin” (wie die Szene einer Oper!).

Na so eine komische Königin,

die hat ja Räder unten dran.

Na, das ist ja eine Königin,

Wärst Du da gerne Untertan?

Rollt sie durch ihr Reich,

Vom Gebirge bis zum Deich.

Sie rollt und rollt ganz ungeniert,

Wie toll sie dabei noch regiert,

Eine tolle Königin.

 

Bergab regiert sie ziemlich milde,

Bergauf schimpft sie auch manchmal wilde,

Bergab weht ihr Gewand, das Schöne,

Berauf senkt sie auch mal die Löhne.

In der Stadt ist ihr das Volk lieb und teuer.

Im Wald erhöht sie dann die Steuer…

Eine perfekte Königin,

Prima, prima

Mit Rädern unten dran.

Hebbel: Ich glaube eine Weltordnung, die der Mensch begreift, würde ihm unerträglicher sein, als diese, die er nicht begreift. Das Geheimnis ist seine eigentliche Lebensquelle, mit seinen Augen will er etwas sehen, aber nicht alles; sieht er alles, so meint er, er sieht nichts.” (182) Vergl. S. 188: “Der Mensch ist die Kontinuation des Schöpfungsaktes, eine ewig werdende, nie fertige Schöpfung.”

Interessant zum (systematischen) Denken, das nicht eine allgemeine Gabe, sondern ein ganz besonderes Talent sei…. (184). Er betont die Produktivität (Kreativität) des echten Denkens.

Beschäftigung, nur Beschäftigung, und man ist geborgen, man weiß solange nichts von sich, als man etwas tut.” (185)

Goethes spätere Urteile… sind nicht Urteile seines Magens, sondern seines Gaumens.” (186)

Einen Sachverhalt in ein richtiges, reiches, leicht verständliches Bild setzen, wie hier H. können wir heute so schlecht. Wir versuchn eine Gestalt durch Abstraktionen zu umreißen. Doch die Abstraktionen sollten selbst wieder in Gestalten sclüpfen, sollen “tanzen”, wenn sie für uns da sein wollen.

Ehemals waren die Erwachsenen, wie die Kinder; wie hoffnungslos sind die Zeiten, wo die Kinder wie die Erwachsenen sind. Warum lernen wir so viel und so schnell!” (187)

(Kaum ein Gedanke von H., der nicht “aufgehoben” werden muß.)

Es ist kaum ein Trost, daß wir immer höher kommen, da wir immer auf der Leiter bleiben.” (189)

Zum Geist: Es könnte sein, weil er aus fremden Welten stammt, daß er “uns nur besuchte, nicht aber in uns wohne.” (191)

(Er tappt auf etwas Richtiges, Tiefes. Das Wesen des Menschen ist kein dem Individuum innewohnendes Abstraktum.)

Nicht, was der Mensch soll: was und wie er’s vermag, zeige die Kunst!” (193) (Dann wird sie realistisch sein.)

Nichts kann bewiesen werden, als – was zu beweisen sich nicht verlohnt.” (193)

Man verfault im bloßen Umgang mit sich selbst.” (193)

Stoff ist Aufgabe:Form ist Lösung.” (194)

Die Prosa stellt das Gedachte, die Poesie das Gelebte dar.” (195)

Unsere Tugenden sind meist die Bastarde unserer Sünden.” (198)

Die Erinnerung ist das einzig Feste, was dem Menschen bleibt; dies sollte der Bösewicht bedenken, daqnn würd’ er sich nicht aus so vielen Stunden Höllen zusammenzimmern.” (198)

(Die Erinnerung! – ein großartiger Gedanke (für junge Menschen).)

Philosopheme: Verstandesträume” (199)

Das Aufbrausen ist die Lebensäußerung des Zorns und zugleich sein Tod.” (200)

Jeder Klotz paßt hin, wo man ihn hinstellt.” (201)!

Die Poesie soll alle Strahlen des Menschen, dieser Nebelsonne, auffangen, sie verdichtet auf ihn zurückleiten und ihn so durch sich slbst erwärmen.” (201) “Das Leben gehört soweit in die Poesie, als es innerlich produktiv ist.” (210)

Nur das Geendete ist unendlich.” (202)

Das Gemeine ist verloren, sobald es kämpft.” (205) (Wenn’s doch so wäre!)

Es ist ungleich sündlicher, das Göttliche inm unserer Nähe nicht zu ahnen, es ohne weitere Untersuchung für sein schzwarzes Gegenteil zu halten, als es in weltmörderischer Raserei zu zerstören, weil wir es nicht besitzen können.” (208)

Sagen wir “das Neue”, statt “das Göttliche”, wie steht es dann um uns?

Das Göttliche in seiner Nähe zu ahnen – ist das nicht der einzige wirkliche Auftrag des Menschen?

 “Schon Ratschläge sind in vielen Fällen Angriffe auf die Selbständigkeit;…” (211)

(Helfen heißt auf dem vom Subjekt eingeschlagenen Weg helfen.)

 

Das Bewußtsein ist nicht produktiv, es schafft nicht, es beleuchtet nur, wie der Mond;” (213)

Die Frucht des Baumes ist nicht für den Baum.”(218)

 

Notiz übert das Entleeren:

Mein Prinzip in diesem Buch ist doch, nichts Menschliches auszusparen, nichts “Unmoralisches” zu verdrängen. Es kommt viel Sex zur Sprache. Noch nie kam ich darauf, den Gang zum Abort zu registrieren (wohl aber die Orgasmen). Was ist dafür der eigentliche wesentliche Grund? Physische Selbstverständlichkeiten sind uninteressant; die Atemzüge usw.

Die Lidbewegungen lohnt es nicht, zu registrieren (solange sie sozial bedeutungslos sind).

Heidrun stimmte heftig zu, als ich sagte, nichts Menschliches sei mir fremd. (Für mich kulminiert dies in “Schweinereien”. Für sie offensichtlich in Mordgedanken. – Als wir hier nicht dasselbe meinten, nahm sie gleich zurück.)

Heidrun, eine sensibel-sinnlich-leidenschaftliche Frau mit einem (vielleicht von Kindheit herrührendem) Defizit an kluger Selbstlenkung, -führung. In dieser Hinsicht von gewisser Grobheit, Unbeholfenheit, Ratlosigkeit, die zu ihrer Depressivität führt. H. erwähnte, wie leicht sie manchmal zui rühren ist.

Ahne ich damit etwas von den “Ufern” dieses Stroms?

Jedenfalls bin ich ihr gut gesonnen. Doch werde ich mich nicht auffressen lassen.

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14. Oktober 1982 – noch einmal Tätigkeitsanalyse. Und Hebbel

Montag, Dezember 8th, 2008

L. erzählt vom gestrigen Film “Spitzenklöpplerin”, der ganz und gar der Film ihrer ersten Liebe gewesen sei.

# Hier eine Beispielseite der täglichen Aktivitätenlisten aus dem Tagebuch. #

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Ein Tag, der mich nach schwerer Nacht müde gemacht hat. Zwar allein aber ganz zufrieden. Der – unerwartet - gute Verlauf des Gesprächs mit Jeanette trägt mich heute. Diese Belastung war doch wohl größer in der Nacht als mir bewußt war.

# Erläuterung: Möglicherweise vermissen aufmerksame LeserInnen auf der abgebildeten Aktivitätenliste den expliziten Ausweis von Tätigkeiten für das MfS. In der Tat hielt ich mich auch bei diesen Aufzeichnungen an die Regeln der Geheimhaltung. In der hier abgebildeten Aktivitätenübersicht vom 14.10. sind solche MfS-Aktivitäten unter 5.15.2 = “Kommunikation, Gespräche, Geselligkeit mit mehreren Partnern” klassifiziert, und nur mir ist aus den mitgeteilten Namen der Partner, in diesem Falle Jeanette und Sean, die spezielle Art der Tätigkeit erkennbar. #

Nun freue ich mich auf den Sonntag mit Heidrun, die ich morgen vielleicht mal anrufe.

Im Kopf bildet sich schon der Brief der nächsten Woche an Evi.

Netter Schwatz mit A. und R; wenn diese Runde doch nun hoffentlich wirklich meine Ausstandsrunde gewesen ist!

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Hebbel: “Ich bleibe dabei: die Sonne scheint dem Menschen nur einmal, in der Kindheit und der frühen Jugend…”

Tieck: “Nur wer Kind war, wird Mann.”

Hebbel ebd. über seinen Vater: Er war herzensgut “aber die Armut hatte die Stelle seiner Seele eingenommen. Ohne Glück keine Gesundheit, ohne Gesundheit kein Mensch!” (S. 177)

Hier ist Hebbel Materialist. (Vergl. S. 185, wo H. schreibt, daß ihm pekuniäre Rücksichten das zu häufige Briefeschreiben verbieten oder S. 186: Er habe “seit 21/2 Jahren, einen Sommer ausgenommen, nicht mehr warm gegessen…”

Diese ungeistigen Nebensächlichkeiten sind unerhört wichtig!

der größte Fortschritt der neueren Zeit, daß der Mensch sich jetzt nicht bloß wohl befinden, sondern auch gelten will…” (178)

(Etappen der Persönlichkeitsentwicklung in der Geschichte! Und heute?)

Die Menschheit läßt sich keinen Irrtum nehmen, der ihr nützt.” (181)

Auch das ist knurrig materialistisch.

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13. Oktober 1982 – statistische Persönlichkeitsanalyse – kaum erwähnte Seite meiner Aufzeichnungen

Donnerstag, Dezember 4th, 2008

Nun schon etliche Seiten “Zarathustra” gelesen. Es stellt sich, nicht aus Voreingenommenheit, eine Menge Widerwillen ein. Natürlich gibt es treffende Einzelformulierungen. Interessant manchmal der Versuch, anders, schöpferisch, über-, zu sein. Welche Berührungspunkte meiner Tabula-rasa-Vorstellung vom Menschen mit seinem Übermenschen?

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# Überlegungen zur Interpretation meiner Tagebuchaufzeichnungen #

Bis hierher, also in 120 min, rein statistische Aufbereitung von 9 Tagen. Dabei fehlen noch die einfachsten statistischen Zusammenfassungen und Verallgemeinerungen, von inhaltlichen ganz zu schweigen. Die einzige inhaltlich wertende Gruppierung ist die nach dem besonderen Partner. Vielleicht sollte der besondere Lese- überhaupt Kunsteindruck dazukommen, auch das besondere Einzelerlebnis und schließlich vielleicht der besondere Gedanke, der geistige Ein- oder Ausdruck der Woche. Vielleicht ist über die Orientierung auf das extrem Eingeprägte (Ausgeprägte) ein wenig dem Inhaltlichen näher zukommen. Im Grunde aber fehlt weiter der Weg zur Theorie. Und das ganze Verfahren ist weiterhin zu zeitaufwendig. Vielleicht gewisse Einsparung dadurch, daß die “statistische Aufbereitung” an jedem Tag erfolgt.

# Zur Erläuterung: Wie schon früher erwähnt, beabsichtigte ich, der phänomenologischen und reflektierenden Lebensschilderung im Tagebuch eine detaillierte, statistisch aufbereitete Tätigkeits- und Bedürfnisanalyse an die Seite zu stellen. Ich unterschied fünf große Tätigkeitskategorien:

  1. Arbeitszeit und arbeitsgebundene Zeit

  2. Hauswirtschaft/Vorbereitung der individuellen Konsumtion

  3. Betreuung/Pflege von Personen

  4. Befriedigung physiologischer Bedürfnisse

  5. Freizeittätigkeiten

Diese Haupttätigkeiten wurden gemäß der auf den beiden folgenden Bildern sichtbaren Systematik in Unterkategorien unterteilt, wobei sich diese Unterteilung an Lippold 1971 anlehnte.

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Täglich hielt ich nun, (wie auf der Abbildung zum 14.10.82 (morgiges Posting) zu sehen ist), meine Tätigkeiten mit einer Genauigkeit von 20 min. fest. Die oben erwähnte “statistische Aufbereitung von 9 Tagen” bezog sich nur darauf, die Wochensummen, später die Monatssummen aller Tätigkeitsarten zu ziehen. Diese Werte sollten die Primärdaten darstellen, die ich später (schon damals dachte ich an meine Rentnerzeit) auf ihre Zusammenhänge und Tendenzen untersuchen wollte. #

Gedanken, Aussprüche Anderer, die sich, fern meiner bewussten Absicht festhaken. […]

Z.B. Evi fragte mich, ob ich “für eine andere Frau Verantwortung trage”. – Dieser schöne Ausdruck des “Verantwortung Tragens”. Aber auch die Fragwürdigkeit des Verantwortung Tragens für Andere.

Heidrun: ”Ich möchte, daß Du mich formst.” Das klang sehr nach Schmeicheln meiner Eitelkeit, nach Berechnung. Nicht aber auch wie ein Hilferuf, ein “Sich-ins-Vertrauen-ergeben”? Die damit gesetzte Ungleichartigkeit der Partner, die Unterwerfung; die Beseelung des Stoffs (?).

Ist das schon das Geheimnis von Heidrun, von dem ich schrieb? (Freue mich auf den Besitz dieses vollblütigen Weibes, auf unsere wechselseitige Lust und bedaure sie um den mehr bei ihr liegenden Schmerz, werde ihr nicht mutwillig wehtun.)

Es lohnt sich schon, dem Unterschied von schönen einerseits und aufreizenden Aktfotos andererseits auf die Spur zu gehen.

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Meine Lust zu Grübeln verleitet mich, notwendige Kommunikation zu sparen. Die Nichtbefriedigung dieser Kommunikation (vielleicht besonders stark erotisch-sinnlicher Kommunikation) wirft mich auf das Sexuelle oder gar Pornografische zurück. Insofern war die Krankenhauszeit lehrreich. Die Überfülle der Kommunikation […] ließ mich die Schalheit des Pornografischen empfinden. (Pornografie – bezweckter Genuß einer Erotik, Sexualität ohne menschliche Bindung.)

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Auch in der Nacht vom 10. zum 11. spürte ich diesen Scheideweg. Der erotische Drang hätte mich “normalerweise” zur Selbstbefriedigung getrieben, so aber schrieb ich einen Brief an Heidrun, kommunizierte also und kam aus dem sexuell Zwanghaften heraus, verwandelte es in Vorfreude auf ein (zweiseitiges) Liebeserlebnis.

02. Oktober 1982 – „Kleines Testament“

Donnerstag, Mai 22nd, 2008

[…] 5 Zimmerkumpel,

[…] Hören: (Kopfhörer): Haydn, Oratorium

Behandlungen: 3/4 Bad, Wickel, Gymnastik,

[…] Mit Schwester Evi im Alten Museum, Orgelvesper in der Marienkirche, Grillrestaurant im Palasthotel. Ein schöner Nachmittag, nicht enttäuschend aber anstrengend. Wir sind beide geschafft. Natürlich ist sie 2 Stufen „einfacher“ als ich, doch ein „kompletter Mensch“. Sie ist keine Intellektuelle („von Natur aus“).

Gefährliche Gedankenspiele: Wenn es Intellektuelle und Nichtintellektuelle sui generis gibt, so käme es darauf an, die Nichtintellektuellen in solche Verhältnisse zu versetzen, daß sie zu Fortschritt und Wohlfahrt der Menschen maximal beitragen, während Intellektuelle sich über die gegebenen Verhältnisse erheben können (oder darunter bleiben).

# Mein Abschieds- und Dankgedicht an die Mitarbeiter des Krankenhauses #

Allen, die ihre Kunst an mich gewendt

vermache ich mein kleines Testament:

 

Ich bitte sehr, mir zu verzeihn,

besonders bitte ich den alten Franz.

Mit Mühe find’ ich hin und wieder einen Reim,

jedoch die Melodie gehört ihm ganz.

 

Verzeih er mir, Herr Chefarzt Dr. Steg

(„lich“ passte in die Zeile nicht mehr rein).

Gekrümmt, gebeugt, so eilt er seinen Weg.

Wer weist ihn mal in eine Klinik ein?

 

Mit Dr. Krause bin ich quitt.

Anfangs er schweigend nur Visite schritt.

Mich tröstete manch mitternächtlich Plausch,

doch den durchkreuzt’ er – schweigend – auch.

Nun köpf’ er Sekt, die Flaschen gleich zu drein.

Die Rache mag er mir verzeihn.

 

Reich an Erfahrungen im Schwesternstand

hält Christa fest die Zügel in der Hand,

packt selber jugendfrisch mit zu,

sorgt da für Tempo, dort für Ruh!

Für Ilse, Karin, Monika,

Petra, Martina, Barbara,

für jede ein Poem (und sei’s auch klein)

blieb ungereimt. - Das ist nicht zu verzeihn.

 

 

Frau Piotrowski möcht verzeihn,

die jeden Krankentag wie eignen Kummer spürt.

Man richtet gern sich auf neun Wochen ein,

wird man so kenntnisreich mit soviel Ernst geführt.

(Doch nur für mich gesagt und im Vertraun:

Mit ihrer Folgefrau tät ich ‘ne 10. Woche baun.)

 

Mit kluger Hand, handfestem Geist

Frau Rudolph manchen noch vom Messer reißt,

und fällt ‘ne Therapie ihr vor den Ärzten ein,

wenn ihr mich fragt, ich täts verzeihn.

 

Frau Beyer mit dem Lakenbad

vollbracht’ an mir manch gute Tat.

Sie riss mich in den starken Arm,

da wurd’ mir schwarz (kurz vorher warm)

und sich drückt sie ‘ne Rippe ein.

War’s Leidenschaft? - Wir wolln verzeihn.

 

Doch nun sei alle Witzelei vergessen.

Gesund und schmackhaft war das Essen.

Nur einmal quält ich mir’s mit Mühe rein.

Daß ich den Kürbis beigeschafft, sollt ihr verzeihn.

 

Besingen würd’ ich gern ihr weiches Haar,

jedoch sie quasselt, redet immerdar.

Ich sags wie’s ist, wenn auch nicht fein.

Ach“, Schwester Heidi, „Können Sie verzeihn?“

 

Gleich alle Kranken lächeln mit,

wenn freundlich auftaucht Schwester Grit.

Sie wird ‘ne Kleinigkeit verzeihn.

Welche genau? Das bleibt geheim.

 

Lieb’ Schwester Anmut hat nichts zu verzeihn.

Ihr bin ich einfach gut.

Dem brech’ ich alle Knochen kurz und klein,

der ihr was tut.

Doch dieses Prahlen lauthals in die Luft hinein,

wird sie’s verzeihn?

 

Annettchen in der Küche schafft,

arbeitet und schimpft mit gleicher Kraft.

Ich überhörte manchmal ihren Reim.

Das bitte ich sie zu verzeihn.

 

Daß Schwestern, Ärzte, Physios, Küche, Bad

ich hab’ gepresst in einen Raum hinein,

das ist vielleicht die allerschlimmste Tat.

Auch diese solltet ihr verzeihn.

 

Wer unerwähnt blieb, bitte, muss verzeihn!

Der Dichtergeist war allzu träg und dumpf.

Wen freut ein schlecht gefügter Reim?

Doch alle hebt das Glas auf Eure Zunft!

 

 

 

 

26. September 1982 – unnütze Klarsicht

Dienstag, Mai 6th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel, Männix, Mischa und Reiner erzählen Armeestories:

“Schildkröte”, “Musikbox”, “Cremen und Löffeln”, “Schwarze Kuh”, “Schmeicheln”.

[…] Lesen: „Wissenschaft und Fortschritt“ 9/82. (Ökosystem Müggelsee), Goethe: „In meinem Beruf als Schriftsteller

Hören: (Kopfhörer): Schostakowitsch, Sinf. Nr. 5 Op.47, Lieder mit Ernst Busch, Robert Schumann, Messe op. 147 (nicht hinreißend)

Hebbel:

Kriege zu führen, ist die menschlichste Versuchung eines Fürsten“ (S.151) Und wenn er Recht hätte? Auch für unsere sozialistischen Fürsten? Gibt es Machtmißbrauch, so gibt es jeden Machtmißbrauch (zumindest der Möglichkeit nach). (Ist es ein Vorteil, wenn wir eine Art menschliche Automaten (anscheinend) an der Spitze haben? Sie kommen nicht in menschliche Versuchung? Aber als Automaten der Macht?)

 

# Eine charakteristische Eintragung: Hebbel regt mich zu einem sehr „bösen“, sehr „schlimmen“ Gedanken über unsere realsozialistischen Führer an. Mehr nicht. Ich bildete mir etwas auf mein „illusionsloses Denken“ ein, zog aber weder praktische (Zur gleichen Zeit war die Afghanistaninvasion der Sowjetunion.) noch ernsthafte theoretische Schlüsse. Ich erlaubte mir, vor mich hin zu „denkeln“. Weder von einem „eingreifendem Denken“, noch überhaupt von einem klaren, folgerichtigen und auf denkerische Konsequenz zielendem Denken kann die Rede sein. Ich „Kämpfer für eine bessere Welt“ hatte meine (selbst gestellte) Aufgabe längst verraten und mich, kritische Nörgelei pflegend, in den Verhältnissen eingerichtet.
In den Verhältnissen eingerichtet, meine kritisch nörgelnde Stimme via Blogs pflegend, bin ich auch heute. #

Nicht nach der Länge seines Armes, nach der Länge seines Auges muß der Mensch sein Glück messen.“ (154) Ja, aber… Ja, bin für Bewußtheit. Aber sollte es nicht Glück für Arm und Auge und Sexus und Gaumen und … also ein allseitiges menschliches Glück geben? Wobei jeder dieser Glücksmomente seinen Mangel an sich selbst haben müßte. Und vielfältige Spannungen zwischen diesen verschiedenen Glücksmomenten.

Emanzipation des Gassenkots muß man nicht verlangen.“ (154)

Daß so wenig Schriftsteller Stil haben, liegt in ihrer Unfähigkeit, dem letzten hohen Zweck die nebenbei erreichbaren näheren und kleineren zu opfern, überhaupt in der menschlichen Unart, mit jeglichem Schritt eine Art von Ziel erreichen zu wollen.“ (155)

Das ist eine grobe Wahrheit oder eine wahre Grobheit, keine Dialektik. Nimm „Klim Samgin“. Hier ist Stil und hoher Zweck, jedoch die Kleinigkeiten werden nicht geopfert, sondern für diesen hohen Zweck zum Leben, zum Tanzen gebracht.

Ist manches, was bei Hebbel als Geist erscheint, nur Extremismus? Ist kluger Extremismus nicht in Wahrheit eine wichtige Art von Geist? Ist wahrer Geist nicht immer auch extremistisch?

Niemand umfaßt das Element, worin er lebt, sondern das Element umfaßt ihn.“ (156) Solche Erkenntnisse sind ein Damm gegen den Brechstangenoptimismus mancher, die sich Marxisten-Leninisten nennen.

… wenn du wahrhaft liebst, mußt du wieder geliebt werden, denn die Natur berechnet immer eine Kraft auf die andere.“ (159)

Die Natur zerstört ruhig und gleichgültig das Schönste, was sie hervorgebracht. Das „erregt die Empfindung ihres unvergleichlichen Reichtums, ihrer unerschütterlichen Sicherheit, ihres unverrückbaren Ziels.“ (160)

[…]Dichten: Der gemeine Stoff muß sich in die Idee auflösen und diese sich wieder zur Gestalt verdichten (164). Statt das Geistige zu verkörpern, vergeistigen sie gern das Körperliche. (169).

Das Kunstwerk: Grenzenlos in Bezug auf den Inhalt, begrenzt in Bezug auf die Form. (166).

Das Denken erscheint als bewußtes Gefäß des Unbeschränkten und ist daher beschränkt. Das Darstellen wirkt im Beschränkten ein Unbeschränktes. (Daher sind alle philosophischen Systeme abgetan worden mit der Zeit, aber kein einziges Kunstwerk.) (168)

 

 

23. September 1982 – wieder bei Hebbel

Samstag, April 12th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Velomed, Blutabnahme; Gewicht 74,3 kg, Blutdruck 125/75

[…] Lesen: Eule, Berliner, horizont, BZA # „Berliner Zeitung am Abend“ #

Hebbel, Tagebücher 1 Und 2, Jean Paul, „Schulmeisterlein Wuz“

[…] Hören: (Kopfhörer): Schubert, Beatkiste, gute Sachen dabei: Puhdys „Jahreszeiten“ (6. Platz)

Raggy play („Floßfahrt“), Karussel „Mein Bruder Blues“ (5. Platz), NO55 „Geburt“ (4. Platz), Stern Meißen „In derselben Bahn“ (3. Platz), Berluc „Öffne ich mein Fenster“ (2. Platz), Rockhaus „Bonbons und Schokolade“ (1. Platz); engl. Folk. […]

Wir leiden unter den Belastungen, die Wissenschaft und Technik mit sich bringen. Doch vor der reaktionären Romantik Vorsicht! Welchen Reichtum haben diese Kräfte hervorgebracht, Reichtum der Lebensbedingungen der Massen! Hebbel schildert die Armut in seiner Kindheit und was sie physisch und psychisch bedeutete. Aber auch Jean Paul. Oder Zille, Kollwitz, und letztere lebten vor weniger als 100 Jahren.

Hebbel-Auszüge. Ich setze mit dem Jahr 1838 ein (Bd. I S. 126):

Aus der Menschenwelt geht zuweilen als Menschenwirkung ohne erfaßbare Ursache etwas Geheimnisvolles hervor; dies ängstigt den Geist am meisten.“ (S126) (Gorki („Klim Samgin“) ist, soweit es um soziale, revolutionäre Wirkungen geht, ein Meister in der künstlerischen Darstellung solcher Situationen. Ängstigt sich nicht vornehmlich der Geist des isolierten, bürgerlichen Intellektuellen?) Lenin (Gorki) ist der solchen Menschenwirkungen zutiefst zugetane Geist.

Nur schärfstes Trennen führt weiter zur Erkenntnis, und die zur Bewältigung.“ (S. 128) (Dieser Nutzen der „schärfsten Trennung“ gilt nicht nur für die Erkenntnis. Jede (?) Steigerung, Kräftigung setzt anders schärfste Trennung voraus.)

Wir besitzen auch in geistiger Hinsicht immer nur auf einige Zeit. Dies gilt von Einsicht, wie von Kraft.“ (S. 130) (Dies Bewußtsein der Flüchtigkeit der Zeit und aller unserer Äußerungen in der Zeit ist so wichtig und keineswegs selbstverständlich, besonders nicht für die Jugend.)

Diejenigen Menschen, die sich auf demselben Weg befinden, aber in verschiedenen Stadien, sind am weitesten auseinander.“ (S. 132) Das ist z. T. wahr und z. T. Schein: Ja, sind weit auseinander, weil eine Notwendigkeit (ihr gemeinsamer Weg) sie trennt. Diese kann nicht einfach beiseite gewischt werden. Aber es ist dies doch letztlich eine besondere und enge Form der Verbindung (die berücksichtigt werden muß, will ich die Einheit beider schaffen).

Hebbel hält die Vergangenheit für die Zeit der bedeutenden Einzelnen, während sich heute die Masse geltend mache. (S. 134) Natürlich sagt der Marxismus-Leninismus viel und Tieferes über Masse und Persönlichkeit in der Geschichte aber dennoch finde ich hier ein entscheidendes Kriterium des Fortschritts, ein Charakteristikum einer ganzen geschichtlichen Übergangsepoche, in der wir stehen (seit Beginn des Kapitalismus und endend mit einem relativ ausgebildeten Kommunismus). Die neue Qualität in der Rolle der Masse!

Ob es wohl 6000-jährige Irrtümer gibt, ich meine solche, zu denen alle, auch die größten Geister Gevatter gestanden haben?“ (S. 135) Das ist ein Gedanke, so originell, daß ich dazu meinen Senf nicht geben mag, ebenso der folgende: (S. 136)

Es ist die Frage, ob wir jemals eine ganz neue Wahrheit erfahren werden, eine solche, von der wir nicht von Anfang an schon eine Ahnung gehabt hätten, ja, es ist fast unzweifelhaft, daß dies nicht geschehen wird, eben weil es nicht geschehen kann, da ohne den vollständigsten Kreis aller Wahrheiten die menschliche Existenz, die durchaus eine solche Atmosphäre verlangt, gar nicht denkbar ist.“ 

(In einer Hinsicht wußte der erste Mensch genauso viel, wie wir heute. Dieser Tatbestand ist die eine Hälfte dessen, was wir Fortschritt nennen. Obwohl der „Fortschritt“ selbst, wie schon der Name sagt, als seine andere Hälfte verstanden werden will. Der Fortschritt mystifiziert so sich selbst, obwohl doch eigentlich auf der Hand liegt, daß es einen Fortschritt nur bezogen auf einen Fortbestand geben kann.)

Immer wieder gibt es Goldkörner bei Hebbel: Philosophie ist eine höhere Pathologie.“ (S. 157)

 Doch auch Hebbels Tagebuch ist ein Buch seines geistigen Lebens (wobei er die Beziehung des Geistes zur Sinnlichkeit durchaus erwähnt, reflektiert). Mir schwebt vor, das Tagebuch zunehmend auch zum Protokoll des somatischen Lebens und seiner Wechselbeziehung zum geistigen L. zu machen (obwohl dabei noch keine Systematik oder gar Tiefe erreichbar).

22. September 1982 – wenn Haß sich sammelt

Donnerstag, April 10th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Periost;

[…] Lesen: Hebbel, Tagebücher 1 Und 2 S. 158-167; „horizont“, Wochenpost

[…] Hören: (Kopfhörer): Schubert, Haydn

[…] Wir kamen auf Grenzen zu sprechen, in denen man sich einrichtet. Der Käfig, in dem man sich fängt. So etwas gibt es ganz besonders (in naiver, unbezweifelter Weise) auch bei jungen Menschen. Was in unserem Leben erzieht zu diesem „Grenzenbewußtsein“? Die Rolle der Massen, die Industrie? Das (zumindest für das individuelle Empfinden) pattartige der Situation im Klassenkampf.

Babsy“, die Fasterin, die in Rostock im „shop“ arbeitet. # gemeint ist ein Valuta-Laden „Intershop“ # Die gesichtslose, moderne, „perfekte“ Frau, ihrer „Stellung“ bewußt. (!)

Eine Fasterfrau, „Gabi“, hat von einer CSSR-Reise mit Familie ein Erinnerungsbuch angelegt. Im Juni 1968 haben sie in 19 Tagen 2600 km mit ihrem Wartburg-Kombi zurückgelegt. Armselig, was da übrig geblieben ist: Ein detailliertes Festhalten der mit welchen Verkehrsmitteln zurückgelegten Strecken, ziemlich viel über speisen und Getränke, einige Preis- und Kaufkraftvergleiche, wenige politische Einsprengsel (Ost- und Westtouristen wandern gemeinsam, Slowaken auch gegen Sozialismus und Kommunismus, Manövertruppen, Partisanendenkmäler), nette Wirtsleute; dazu Etiketten von Flaschen und Schachteln aller Art, Fahrscheine, getrocknete Pflanzen – Müll! Das ist – nur bezogen auf das für mich Fremden sichtbare Ergebnis – hart gesagt aber nicht zu hart. (Aber es wurde aufgeschrieben! - Mal die eigenen Reiseaufzeichnungen nach längerer Zeit erneut kritisch lesen!)

Gestern im „Thema“: Rainer Kunze und andere Ex-DDR-Autoren treten aus dem von Bernt Engelmann geführten westdeutschen Schriftstellerverband aus. Ich sage verknappt: Sie wollen eine harte CDU/CSU-Politik. Sie leitet ein Maßstab: Haß auf die DDR, auf dies Herrschaftssystem. (Auch in mir sammelt sich ohnmächtiger Haß – Was fang ich mit ihm an, um nie mich dahin zu versteigen?)

# Hier ( http://opablog.twoday.net/stories/4855912/) hab ich aus heutiger Sicht zu dieser und ähnlichen Erfahrungen  etwas gesagt. #

Wie schon gesagt, als ich Bernd Wagner schrieb kam ich zu der Formulierung von der Gefahr des Erstickens. Dies Gefühl ist – wie ich weiter schrieb – unauflöslich verbunden mit dem Genuß dieses „Ungeheuers Leben“. „Das geht schon ins Monströse“. Mir ist bewußt, daß ich gefährlich, sozusagen ohne Netz lebe. Dadurch bleibe ich jung und all den Eingeschachtelten gegenüber so stark, überlegen, unabhängig. Weiß ich tief genug, daß es nach jedem Niederschlag einen Aufschwung gibt? (Und immer ist gerade dieser letzte der schönste.) Ich weiß es aber es hilft nicht viel. Nicht gefeit bin ich vor dem Augenblick, in dem ich alle Waffen nieder sinken lasse.

Entwicklungsphasen der Fastergruppe (die recht spontan abliefen):

In den ersten Stunden – jeder markiert seine „Erstposition“ (tosendes Gerede, jeder redet mit).

In den ersten Tagen – ausgedehntes Erzählen Einiger. Es wird die vorläufig stabile Position eingenommen; individuelle Differenzierung, Beziehungen entstehen, sehr aktive Phase. Das vorläufige Gesicht der Gruppe bildet sich.

In den ersten 10 Tagen – der Alltag kehrt ein. Zufälliges tritt zurück, erste Konfliktsituationen, zu denen sich die Einzelnen differenzierter verhalten, erste Auseinandersetzungen und teilweise Umbewertungen bzw. tiefere Bewertungen der Partner.

In dieser dritten Phase werden die Möglichkeiten mit der Gruppe zu arbeiten und negative Momente zurück zu drängen größer.

Das Problem der Evi könnte sein oder werden eine gewisse Nüchternheit, Phantasielosigkeit (Man kann damit anfangen aber darf dabei nicht bleiben.) Phantasiemangel, weil die Kindheit nicht glänzte?

20. September 1982 – Durcheinander in meinem Kopf

Dienstag, April 8th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Perl, Periostmassage, Lakenbad, Wickel […]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – Magazin 8/82;

Dante, “Göttliche Komödie” III – 9. Gesang (Ich verstehe nichts mehr.) Hebbel, Tagebücher ! -129

[…] Hören: (Kopfhörer): Verschiedenes, Prof. L. Bisky über Kultur

Kleiner Schwatz mit Schwester Martina, arbeitet seit 1 Jahr, lernt noch, hat knapp 500,-M. Ist begeistert von ihrem Beruf (immer neuen Menschen helfen). Unangenehm ist die Arbeit mit dem Schieber, Ente usw.

Was Schwester Evi zu ihrem Beruf sagte (sinngemäß): Ich: “Kann man ein Leben lang Schwester sein?“ Sie: “Manche machen es ein Leben lag, also kann man…. Man darf sich erstens nicht übernehmen, überverausgaben. (Ich frage mich: Ist das die Jugend von heute? Woher diese Abgeklärtheit? (Selbstgenügsamkeit?)? Was bedeutet sie?) und zweitens muß man mit Freude darangehen. Es ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf.“

Das Wort, das irgendjemand zu den Arbeiten der Kollwitz sagte – ein „Arme-Leute-Edel-Ballett“ - ist sicher nicht ganz wahr, aber es trifft mit hinterhältiger Genauigkeit ihre schwächste Stelle. Wie viel bedeutender ist Barlach! Kann es jedoch sein, daß für die Entwicklung des Kunstverstandes (meine Kindheit) Kollwitz eine hervorragende Rolle spielen kann? Überhaupt Entwicklungsstufen des Kunstverstandes.

Ein anderes Beispiel dazu: A. Bostroem. Einst (noch in der Armeezeit) schrieb mir Christel, meine Geliebte, viele „Terzinen des Herzens“, gewidmet Friedrich Eisenlohr (!) von Bostroem ab. Und auch ich schmolz dahin in diesem Sang. Später – ich kannte schon manches von Nazim Hikmet – kaufte ich erwartungsvoll einen Band Gedichte von ihm und war enttäuscht. Übersetzungen von A. Bostroem. Gestern im Rundfunk: Armenische Lyrik. Etwas Fernes, das als nahe begriffen wird – schön, aber störend das Tönen der Bostroem.

# Erst heute, da ich dieses Tagebuch abschreibe, informiere ich mich kurz über Annemarie Bostroem und stelle mit Erstaunen fest, daß sie Jahrgang 1922 ist. Sie war also damals zur Zeit ihrer „Terzinen“ nur wenig über 30 Jahre alt.#

Die Diskussionen in unserem Zimmer – vieles deprimierend an dieser Lebensweise. Die Berufe meiner Zimmerkumpel sind gefragt. Käuflichkeit! Sozialistische Verkommenheit! Aber wie normal ist dies?

[…] Doris erwähnt die in ihren Augen sehr egoistische Art der Selbstverwirklichung z. B. bei L. Ich erwähne dazu Dante, Homer… Sie wehrt ab, in der Art „Das kann doch keiner praktisch gebrauchen.“ Die höchsten (aber unpraktischen) Ideale (auch hier Selbstgenügsamkeit). Doris meint, daß sie ihre geistige Ausdehnung erreicht hat.

Rudi“ # meine Masseuse # meint, daß Mediziner solche Massaker wie in Beirut nicht anders erleben als andere Menschen.

Nietzsche-Vortrag im Rias gestern. Werbung für seine Renaissance, schamlos werden die Weichen gestellt. Man möchte rufen: „Merkt ihr nischt!“ Doch wir („Einheit“) # theoretisch-ideologische Monatszeitschrift der SED # haben es schon gemerkt. Nur das Rufen unseres fetten, selbstzufriedenen, langsamen, herzlosen, feigen, langweiligen Aufklärungsapparates findet immer weniger Hörer. Und andere kommen nicht zu Wort.

Lenin zum demokratischen Zentralismus: Er könne straff, fast militärisch gehandhabt werden, aber auch wie das Dirigieren im Konzert. Natürlich hinken Bilder immer. Aber ist darüber hinaus etwas grundsätzlich falsch an dieser Auffassung? Kann man die Gesellschaft in ihrer Dynamik mit einem Orchester vergleichen? Wo gibt es das Orchester, in dem ein Stück gespielt (also auch dirigiert) wird und zugleich die Musikanten improvisieren? # Eine meiner seltenen kritischen Bemerkungen zu Lenin. #

Lese das Reclam-Bändchen Kollwitz von hinten nach vorn. Ihre Stellung zum 1. Weltkrieg, zu ihrer Arbeit usw.! Vieles erinnert an L. Wie sie doch nur aus dem Erleben, aus dem unmittelbaren Erleben zum Denken angeregt werden!

Worin besteht heute der Fortschritt (auch auf Westeuropa bezogen)? Krieg zu glorifizieren ist vielleicht schwerer geworden. Dafür ist die Lust am Bösen, an der Niedertracht, gesellschaftsfähig geworden, so daß vielleicht die harte Münze des Ruhms und der Selbstopferung nicht mehr nötig ist, um zum Kriege bereit zu machen. Ist die Kriegsbereitschaft heute wirklich geringer? Ursachen in der Gesellschaft deckt nur die Theorie auf. Unsere Theorie ist in den Massen nur ganz schwach verwurzelt.

Hebbel: Die Dichter sollen erlösen

die Natur zu selbsteigenem

die Menschheit zu freiestem

die unendliche (unfaßbare) Gottheit zu notwendigem Leben. (S.60)

Versuche Hebbel zu lesen, gestört von den laut fernsehenden Zimmerkumpeln (Dieter Thomas Heck). Diese Dummheit, Dummheit, Dummheit, diese Zeitvernichtung, mit der die Zeit ausgefüllt wird!

In meinen „großen Lektüren“ der letzten Zeit ist eins nicht zu finden (mal von Jean Paul abgesehen) – Humor!

Welch Durcheinander in meinem Kopf: Gegen eine verordnete Nietzsche-Renaissance bin ich allergisch, der extreme Egozentrismus Hebbels (der freilich ein humanistischer ist) zieht mich an. Für mich persönlich möchte ich wohl eine Ausnahme machen? Angesichts Hebbel erneut die Frage: Was will ich mit diesem Protokollieren? Ich habe noch immer kein klares Ziel. Ist das Schreiben nur Lebensersatz? Wovon lebte Hebbel? Hebbel kritisch lesen!

Wie wichtig es doch ist, zumindest den Willen zum „Gutsein“ zu haben (zu Mitgefühl, Aufgeschlossenheit usw.). Oft habe ich zwar nicht die Zeit oder Kraft, entsprechend zu handeln, aber wenn diese Bedingungen gegeben sind, dann tue ich es doch. Andere (meine Zimmerkumpel), die nicht einmal diesen (ohnmächtigen) Willen haben, handeln dann selbst unter günstigen Bedingungen nicht besser. Die Vergeudung von menschlichen Möglichkeiten dadurch, daß günstige Bedingungen nicht ausgeschöpft werden! # (Am 16.10. 1985 hierzu ergänzt:) # Das ist offensichtlich nicht nur eine Frage der Selbsterziehung, sondern auch einfach der aktuellen Selbststeuerung. Möglichkeiten in einer Persönlichkeit sind das Eine. Was sie unter wechselnden Bedingungen aus ihnen macht, ist das Andere.

Dichten im Gehen. Mit den „Schwestern“ geht es während des Spazierengehens langsam voran. # Ich versuche eine Dankgedicht an die Schwestern zu machen. # Der Spaziergang kann doch den fehlenden Inhalt nicht bringen. Bei vorhandenem Inhalt einen Rhythmus zu finden, dazu kann er wohl beitragen.

12. September 1982 – Gorki: „Klim Samgin“

Mittwoch, März 5th, 2008

[…] heute Sonntag keine Behandlungen, Schmerzen im Bein deutlich

[…] Lesen: Gorki, „Klim Samgin“, Tendrjakow, „Nofretete“, keine rechte Konzentration,

[…] 6 Zimmerkumpel anwesend, Träume in der Nacht.

Gorki spricht davon, wie sich die Menschen erfinden. Ist es wirklich nur Erfindung? Wo hört die Erfindung auf und fängt die Wirklichkeit an (das Ursprüngliche)? - All das hab’ ich auch schon oft erlebt. Jetzt gerade erfinde ich mir Evi. (Eben war es still. Jetzt wieder Radiodusche, Quatschen und jede Stimmung ist zerstört. Nichts geht mehr zu Finden oder zu Erfinden.)

Das Leitmotivische im „Klim Samgin“: „Ist denn überhaupt ein Junge dagewesen? Vielleicht war gar kein Junge da?“ Mir sind auch solche leitmotivischen Eindrücke, Erlebnisse bewußt (Mutters erschrockenes „ Ach, ja“ als der Ball in der Ostsee abtrieb, die Schallplattenrede von Peter E. bei meiner Schulentlassung, später ein Filmtitel: „Never lets go!“).

Gern möchte ich wissen, wie es anderen geht. Mich trifft der Gorki mit vielen Charakterisierungen des Klim Samgin schmerzhaft genau, ärgerlich genau.

Gemessen an den Gesprächen meiner Zimmerkumpel dominiert eindeutig die bürgerliche Welt in ihrer geistigen Welt.

Eine eigenartige Fesselung durch „Klim Samgin“ (bis S. 105). Wieder (auch beim 2. Lesen) bleiben mir viele Gestalten etwas blaß, unanschaulich. Zugleich habe ich das Gefühl, daß Gorki z. B. in den geschilderten Teegesprächen soviel mehr sagt, als ich verstehe, Perlen verstreut, für die ich Sau bin. (Ob der Roman an diesen Stellen doch „zu russisch“ ist?) Und Gorki hat einen Reichtum solcher Perlen, wie ihn nur die Größten haben. Er steckt in drei Zeilen, woraus andere eine ganze Erzählung machen. […]  Es steht soviel zwischen den Zeilen. Bei Andrej Platonow steht auch viel „zwischen den Zeilen“. Dort ist es ein Springen von Stein zu Stein, von Scholle zu Scholle. Nach jedem Sprung steht der Leser wieder fest und zugleich an einem neuen Punkt und erschrickt oft im Nachhinein über den Sprung, über das, was er übersprungen hat; doch diese Sprünge entlang einer Linie!

Bei Gorki aber: Sprünge in einem Netz, in einem Geflecht mehrerer Linien, in einem Feld, Beziehungsgefüge vieler Individuen. Bisher kann ich das nur ahnen, kaum nachvollziehen, aber schon diese Ahnung ist atemberaubend. […]

Manfred Krüger, der viel und gut erzählt, ist der Erste hier, der mir in seiner Widersprüchlichkeit faßbarer wird. Grobheit und Zartheit. Es gibt keine Frau, mit der er es länger als 5, 6 Wochen aushält. Er ist allein. […]

Leseanfang Tendrjakow „Nofretete“. Dabei eine Erinnerung aus den Jahren 1961 oder 62. Die Rede ist von einem Uni-Dozenten, der nach dem 13.8. 61 in seine Vorlesung einflicht, daß er froh sei, sich vor der Mauer noch einmal die Nofretete (in Westberlin) angesehen zu haben. Wir sind empört ob dieser infamen, hinterhältigen Kritik an der Mauer.

Wie glücklich wäre ich heute, die Nofretete gesehen zu haben.

Eigentlich hören die Leute ungemein viel Musik, Unmengen! Welche Musik hören sie? Wie hören sie? […]

Besuch von L. und F.  F. kommt herein und stürzt sich begeistert auf mein Nachtschränkchen (in dem eine Straßenbahn ist). Auf dem Bett sitzend, essen wir gemeinsam Abendbrot.