Archive for the ‘Hebbel’ Category

11. April 1982 - Hebbel- Andrej Platonow

Freitag, Oktober 19th, 2007



[…] Meine Straßenbahn-Ansage-Zählerei beende ich jetzt.

Eine „empirische Prüfung“, deren Sinn man heute kaum noch verstehen kann. Als immer mehr moderne Straßenbahnen der tschechischen Marke „Tatra“ eingesetzt wurden, die alle mit Sprechfunkanlage ausgerüstet waren, ärgerte ich mich darüber, wie nachlässig und willkürlich die Ansage der Haltestellen von den Fahrern gehandhabt wurde. Das Verhältnis von ausgerufenen zu nicht ausgerufenen Haltestellen war mir eine Art Maß für die sozialistische Arbeitsmoral.

Bei 78 Fahrten mit Tatrabahnen wurden 61 mal, knapp 80%, die Haltestellen nicht ausgerufen und 17 mal ausgerufen, reichlich 20%. Ein Verhältnis von 4:1.

Hebbel, der in der letzten Zeit zu kurz kam (S. 69, von 1837): „Der Mensch, vielleicht weil nun einmal nur das sinnlich Wahrnehmbare sich innig in das Gefühl seiner Existenz mischt, empfindet selten das Stetige und immer das Vorüberrauschende im Leben. Da klammert er sich denn … an den Augenblick und verlangt von diesem, der ihm doch eigentlich nur für das Höchste bürgt, er soll es ihm auszahlen; statt sich zu freuen, daß er wächst, schmerzt es ihn, noch nicht gewachsen zu sein, und allerdings hat er in diesem ewigen Vorschreiten nirgends Anhalt. Dies ist der Fluch alles Werdens, der die Menschheit, wie den Menschen, durch jedweden einzelnen Zustand verfolgt; es ist ein stetes Wiedergebären durch den Tod, und wem, der das im Tiefsten an sich selbst erfuhr, steigt nicht ein Ekel, selbst gegen das Herrliche und Werte auf, da er im voraus weiß, daß es früher oder später einem Herrlicheren, und so ins Unendliche fort, weichen muß.“

Diese hellsichtige Überlegung Hebbels steht in einem merkwürdigen Verhältnis des Kontrastes aber auch der teilweisen Deckungsgleichheit zu einer Passage in Platonows großem Roman „Tschewengur“ (Berlin 1990, Seite 48): „Wie lange Sachar Pawlowitsch auch lebte, er sah mit Verwunderung, daß er sich nicht änderte und nicht klüger wurde…. Einstige Vorahnungen waren jetzt zu alltäglichen Gedanken geworden, aber damit hatte sich nichts zum Besseren verändert. Früher hatte er sich sein künftiges Leben als einen tiefen blauen Raum vorgestellt - so weit, daß er fast nicht existierte. Er wußte im voraus: Je länger er lebte, um so kleiner würde der Raum des ungelebten Lebens werden, und zurückbleiben würde ein immer länger werdender toter zertrampelter Weg. Doch er hatte sich getäuscht: Das Leben wuchs und sammelte sich an, und die noch vor ihm liegende Zukunft wuchs ebenfalls und weitete sich, wurde tiefer und geheimnisvoller als in der Jugend, so als trete Sachar Pawlowitsch vom Ende seines Lebens zurück oder steigere seine Erwartungen und seinen Glauben an das Leben. Wenn er sein Gesicht im Glas des Lokscheinwerfers sah, sprach er zu sich: Merkwürdig, ich sterbe bald, bin aber immer noch derselbe.“

Beide Schriftsteller beschäftigt das Problem des einzelnen Menschenlebens im Unendlichen. Hebbel akzentuiert den „Fluch des Werdens“, der der Einzelheit anhaftet, während Platonows Held seine Einzelheit als unverändert und belanglos erlebt, seine Ahnungen vom Raum der Unendlichkeit aber mit immer tieferem geheimnisvollerem Leben sich anfüllen.

„Aber, was hilfts, sich selbst Sünder zu nennen, wenn man nicht zu sündigen aufhört…“ (70)

„Wir müssen nicht klagen, daß alles vergänglich ist. Das Vergänglichste, wenn es uns wahrhaft berührt, weckt in uns ein Unvergängliches.“ (72)

„… in dieser hohlen Zeit, wo man nur auf und durch Papier lebt…“ (73)

„… in diesen Zeiten, wo es niemand möglich ist, gut zu sein.“ (74)

21. März 1982 - Elisabeth Shaw

Donnerstag, September 27th, 2007


Einer schrieb mal (war es Hebbel?), daß es wichtig sei, das Negative nicht zu vernichten; zwar von mir abzutun (zu überwinden) aber in seinem Recht bestehen zu lassen. (Unterschied von absoluter und dialektischer Negation.)

Nach dem Abendessen entdeckte F. sein Küken unter dem Tisch. Er holte es hoch, fütterte es, gab ihm zu trinken, zeigte auf sein Hinterteil: „A, a“ Ich: „Muß das Küken auch a, a machen?“ Er kletterte vom Stuhl, holte seinen Topf aus dem Nebenzimmer und „setzte“ das Küken darauf. „Küken macht a, a, macht eine „Dampfwurst“, „macht viel“, erklärte er immer wieder. „Küken macht auch pinke“. Großes Lob für das Küken, für seine „Dampfwurst“. Schließlich überrede ich ihn, daß das Küken nun genug gemacht hat. „Nun den Topf ausleeren“ und gemeinsam leeren wir den (leeren) Topf in sein mittlerweile fertiges Badewasser aus. Dann bringt er den Topf wieder ins Nebenzimmer, das Küken läßt er achtlos wieder unter den Tisch fallen.

Hebbel: „Für den Menschen, der Geist und Herz möglichst nach allen Seiten sich frei erhalten, oder befreit hat, ist jede Zeit schlimm, denn jede führt, da sie auf bestimmte Interessen verwiesen ist, etwas Ausschließendes mit sich. Die aber ist die schlimmste, die wegen wirklicher oder vermeintlicher Schwäche ihres Fundaments, Mut und Kraft verdammt, so daß nur Kranke und Verschnittene ihr Dienste tun können oder dürfen.“ (S66)

„Jean Paul nennt Ludwig XIV. Ludwig den Vergrößerten“ (66)

„Damit sich der Mensch in seiner ganzen Menschheit, d.h.zur Persönlichkeit ausbilde, ist es notwendig, daß er alle verschiedenen Lebensperioden, die jener letzten, worin er stehen, wirken und genießen soll, voraufgehen, mit angemessener Freiheit durchgenieße. Erstlich die Periode der Passivität, wie ich sie nennen möchte, weil sie den Menschen mit Leben und Welt überschüttet.“ (68)

Erstaunlich, daß die Natur in irgendwelchen Nischen immer auch gleichartige, „nichtsnutzige“, fruchtbare, robuste Lebewesen hervorbringt: Spatzen, Brennesseln, Fliegen, Mäuse.

Was gefällt mir an E. Shaw?

Die beiden folgenden Seiten stammen aus dem “Magazin” vom Mai 1980. Der Elisabeth Shaw würdigende Text ist vermutlich von Herbert Sandberg, Zeichner und Karikaturist, Kommunist, der im “Magazin” eine endlose Serie “Der freche Zeichenstift” betreute. Wikipedia kennt sowohl E. Shaw als auch H. Sandberg! Eine schöne Website zu E. Shaw und ihren Mann Rene Grätz hat ihr Sohn gestaltet.

 

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20. März 1982 - Cezanne

Mittwoch, September 26th, 2007

Wie Empfindungen täuschen: Heute lief ich wieder ohne Leistungsziel.

(Meine Laufstrecke, die „Große Weißenseer Runde“ erstreckte sich über 2 x 3,5 km.)

Es fiel mir schwer (Seitenstechen, Magenschmerzen). Ich dachte das sei die Quittung für die vergangene Woche. Die Zeit aber (30’30,5“, ohne Endspurt) erweist sich als ziemlich gut. Cierpinski gibt als Pulsschlagempfehlung 180 minus Zahl der Lebensjahre, für mich also 140. Ich hatte 164. Diese Läufe sind eine der wenigen Situationen, in denen ich regelmäßig eine bestimmte Fähigkeit messe. 

Durch Hans-Dieter Schmidts Bemerkung in seiner „Entwicklungspsychologie“ über den Expressionismus (Rückgriff aufs Kindliche bzw. Primitive um die Jahrhundertwende) wurde ich angeregt, mir erneut Gedanken über Cezanne zu machen, insbesondere auch über das Bild seiner Utopie „Die großen Badenden“, das ich meist übergangen hatte. Der Text der Teillandier (Südwest Verlag München) weist darauf, wie sorglich, einzelne überstarke Gestaltungsmittel meidend, er seine Ziel (Volumen, Farbe) erreichte. So erscheint mir Cezanne als Genie des Realismus , als Maler, der alle Mittel in den Dienst des realen stellt. (Nicht wie kleinere Maler, die eine Seite der Realität verabsolutieren > die ganzen Ismen) Natürlich ist er als bürgerlicher Künstler nur im Natürlichen in diesem hohen Masse Realist. Im Sozialen bleibt er abstrakt.

Für den „sozialen Realisten“ ist auch die Kleidung der Bildgestalten sehr wichtig. Das stete Bevorzugen von Akten oder Verkleidungen aller Art ist ein Ausweichen (bei vielen Gegenwartsmalern!). (Vgl. den „Wurf“ zum „sozialen Realismus“ (bestimmter Prägung) den W. Mayerl machte.) […]

Hebbel-Schätze: Prinzip, das all meinem Streben zu Grunde liegt, „daß bei dem Menschen nie von äußerer Erleuchtung, sondern nur von innerem Tagen die Rede sein könne, … mein Evangelium ist, alles Höchste, in welchem Gebiet es auch sei, erscheint nur, und wird selbst durch den geweihtesten Priester vergebens gerufen; man entdeckt nichts durch die Wissenschaft, sondern nur bei Gelegenheit der Wissenschaft; dies aber gibt der Wissenschaft noch Würde genug.“ (S64) 

üble Laune höherer Menschen (nicht aus Mangel an Genuß), sondern aus unerträglichem Zustand innerer Leere, halb unbewußtes „Haschen der Seele nach irgend einer Art von Tätigkeit. Sie verwundet sich selbst, um nur zu erwachen.“ (64)

[…]

 

 

19. März 1982 - Unbewußtes

Dienstag, September 25th, 2007

Das sind die Sternstunden der Geschichte (wie der Kunst), wenn die Produzenten der materiellen Güter und die Produzenten des Schönen (und die Produzenten der abstrakten Erkenntnis) identisch werden.

Gestern Abend ein Paar in der S-Bahn, beide ca. 30 Jahre, kräftig beschwipst und fröhlich. Er mit geschientem Arm (offensichtlich frisch) kuschelt sich zärtlich, wie Schutz suchend, an sie, birgt den Kopf an ihrer Schulter, schließt die Augen. Sie, mit großen schwarzen Augen, großem roten Mund, läßt das gerne geschehen, ist freundliche Partnerin mit einer Spur von Herablassung. Ihre großen Augen sehen über ihn hinweg, in meine Richtung, durch mich hindurch. Ich betrachte sie interessiert, sehe die Art von Kälte in ihr, die sich mit Leidenschaftlichkeit beim Lieben paart, sehe, daß sie über den lieben Kater an ihrer Seite schon hinaus ist. Ihrem Streben kann er nicht der notwendige Widerstand sein. Da beginnt ihre Zunge aus dem Munde zu spielen. Zunge kost Mund, wahrhaft exzessiv (sicher durch Alkohol verstärkt). Ihr Blick weiß, daß er durch mich hindurch geht, während er auf mir ruht (bzw. umgekehrt).

Ich bin (obwohl eigentlich sehr müde und erotisch desinteressiert) fasziniert von dieser Szene, von dieser… ja, der Klischeeausdruck hieße „Verworfenheit“

Was erlebt die Frau in diesem Augenblick, was kostet sie aus?

Der Widerstand, den die Frau braucht; den jeder braucht!

[…]

Frauen wollen manchmal wie Kinder sein - eine Bemerkung von Werner aus unserem Gespräch am 13.3.

Das stimmt, z.B. bei Margot, Hegrü. - Das sind Menschen, die keine gute Kindheit hatten und deshalb in ihrer Partnerbeziehung „alle Waffen sinken lassen möchten“, ganz klein wollen sie sein, sich aufgeben im Schutz des Vaters oder großen Bruders (seine Strenge lieben). Dem entgegen steht die verbreitete Meinung, daß Frauen viel erwachsener seien als Männer; Männer würden immer Kinder, Phantasten bleiben. (Das schreibt auch J. Baldwin.) Auch das stimmt. - Männer haben sich immer ein winziges Stückchen Freiheit (=Kindlichkeit, Phantasie, Zweckfreiheit) behauptet, indem sie es nämlich der Frau entrissen haben.

Die Frau wurde auf das Tragen bestimmter Funktionen reduziert, wurde absolut Zwecken unterworfen, sah darin den Sinn ihres Lebens und erschien dadurch als „erwachsen“. (Insofern schien sie dem Mann voraus zu sein, denn das Leben in der vergangenen Gesellschaft war ja auch für ihn das Abrichten zum bloßen Funktionsträger und Zweckerfüller.) Die Befreiung der Frau zeigt sich heute auch darin, daß sie zum ersten Mal einen Fußbreit Land im „Reich der wirklichen Freiheit“ - jenseits aller Zweckmäßigkeit (Diesen Marx-Gedanken aus dem III. Band des Kapital grundsätzlich auswerten!!) erobert, von dem aus sie sich als Mensch erleben will und das heißt eben u. U. das erträumte Glück der Kindheit erleben wollen. Es kann auch heißen, allein, d.h. mit sich im Reinen, leben wollen. Es kann auch heißen, selbst schöpferisch produzieren wollen (L.).

Ich habe die Zeit und nehme mir sie, solche Gedankengänge, wie hier beschrieben, zu machen, anknüpfend an kurze Erlebniseindrücke, die sich irgendwie festgehakt hatten. Viele Menschen, zumal Leiter, haben dazu nicht die Zeit. Was passiert in solchen Köpfen mit derlei festgehakten Eindrücken? Sie werden nicht rational aufgearbeitet, gehen aber dennoch nicht verloren. Sie werden nicht befragt, gewogen und eingeordnet. Jedoch sie sind da, im großen Strom des Unbewußten, und Dank ihrer besonderen Form, Ausdehnung, Intensität, inhaltlichen Färbung schieben sie sich an einen mehr oder weniger bestimmten Platz in diesem Strom […] (Davon künden u. U. Traumbilder.) Der „Strom des Unbewußten“ braucht einen bestimmten Raum im „Seelenleben“. Auch er muß irgendwie geleitet, gedämmt, geöffnet werden. Das kann bewußt gemacht werden oder spontan - z. B. indem durch Alkohol seine Energien entfesselt (geordnet) werden (bei vielen Leitern).

 Wie klug Träume sein können:Kürzlich ein Traumbild: Die Spitze meines Gliedes ist tiefrot, wie mit dunklem Blut übergossen. Im Orgasmus mit Hegrü vor drei Tagen schlägt mir höchste Lust in heißen Schmerz um, ich empfinde gleichsam heißes, nasses Blut.

Erleben und rationale Verarbeitung in ein Gleichgewicht bringen! 

Cezanne, die „großen Badenden“ besser begreifen! 

Eine unerwartete Wirkung dieses Buches, der hier „gepflegten“ Gedanken: Die neue Qualität unserer Gesellschaft im intimsten Menschlichen finden. Wie könnte ich Leute veranlassen, mir ihre Lebensgeschichten aufzuschreiben? 

Hebbel:

Jean Paul, „der durch den Gang, den sein äußeres Leben nimmt, in seiner innersten Entwicklung gestört wird.“ (S.53)

„Das Leben ist nur ein anderer Tod. Des Lebens Geburt, nicht Ende, ist der Tod.“ (54)

„Die Individualität ist nicht sowohl Ziel, als Weg, und nicht sowohl bester, als einziger.“ (55)

„Das nächste Ziel mit Lust und Freude und aller Kraft zu verfolgen, ist der einzige Weg, das fernste zu erreichen.“ (55)

„Zwei Menschen sind immer zwei Extreme.“ (55)

„Übrigens entstehen die meisten Irrungen zwischen Menschen nicht, weil sie verschieden sind, sondern weil sie sich, bei der Unzulänglichkeit jeder Mitteilung über innere Zustände und deren Bedingungen und Folgen, verschieden glauben, oft sogar, weil sie an andern nicht dulden können, was sie an sich verehren.“ (55)

„Unbeschreiblich ist meine Verachtung der Masse.“ (56)

„…, daß die Leidenschaft der Schlüssel zur Welt sei.“ (57)

Es gibt nur eine Anziehungskraft, die Menschen an Menschen kettet, „das ist die Freundschaft, und was man Liebe nennt, ist entweder die Flammen-Vorläuferin dieser reinen, unvergänglichen Vesta-Glut, oder der schnell aufflackernde und schnell erlöschende abgezogene Spiritus unlauterer Sinne.“ (57)

„Es gibt nichts Unvergängliches im Leben, als die Erkenntnis der jedesmaligen Zustände, worin es sich konzentriert.“ (Diese Erkenntnis nur dann möglich, wenn der Zustand, den sie erfassen will, nicht mehr wirklich ist.)

„Das vornehmste Bestreben der Welt sei darauf gerichtet, keines Herkules zu bedürfen.“ (59)

Die Dichtung, Kunst erlöse „die Natur zu selbsteigenem, die Menschheit zu freiestem und die uns in ihrer Unendlichkeit unfaßbare Gottheit zu notwendigem Leben!“ (60)

 

 

14. März 1982 - Hebbel

Sonntag, September 16th, 2007

[…] 

Hebbel (Jean Paul)

„Wir gleichen der Wunderblume, die in der alten Welt nur nachts ihre Blüten auftut, weil es dann in der neuen tagt, die ihre heimat ist.“ (S.52)

„… bin ich nicht viel mehr in der Gewalt des in mir Denkenden, als dieses in meiner Gewalt ist?“ (3.12.1836, S. 53)

 

13. März 1982 - Literatur

Sonntag, September 16th, 2007

[…] Die Faust-/Mephisto-Konstellation trifft nicht ganz unsere Zeit, mich.

Faust war hoffnungslos und lieferte sich bedingungslos Mephisto aus. Ich bin von vornherein in anderer Kampfposition, habe ein Gutteil Mephisto in mir; will zwar die Welt ganz und gar erfahren, jedoch hab’ ich dabei ein paar Instrumente (Dialektik, Materialismus), auf die ich mich stütze, die bisher nicht versagt haben und die ich im Grunde erproben und schärfen will. […] Ich liefere mich nicht aus. (Nicht aus Angst - ich brauche es einfach noch nicht - aber in Auerbachs Keller ging es Faust so ähnlich.)

Ich bemühe die Gestalt des grenzenlos suchenden Faust und schirme mich zugleich von ihr ab. Ich habe noch gar nicht kapiert, wie brüchig der Boden bereits ist, auf dem ich stehe. Ich bin noch weit davon entfernt, alles zu wagen.

Meine „Instrumente“ Dialektik und Materialismus schätze ich auch heute noch. Aber ich weiß, in welch vernachläßigtem Zustand sie sind.

 

[…] Werner beunruhigen die „selbständigen Frauen“. Er preist den unverbildeten Sex der 18-jährigen Ärsche. Ich bin für, entschieden für die „selbständigen Frauen“, Frauen, die sich selbst den Mann erwählen (und verstoßen). Freilich weniger bequem für olle Adam. Er muß sich in zweierlei Richtung bewegen: Partner für diese Frauen werden, auf der neuen Freiheitsebene, die sie nun erreicht haben und ihr Risiko nicht unnötig erleichtern wollen; mit ihren neuen Freiheiten sollen sie auch neue Risiken tragen. (Das hat nichts mit Roheit zu tun.)

[…]

Hebbel (S49-51): „Wenn auch bei Jean Paul Formlosigkeit ist, so ists ein Ozean, der über alle Grenzen hinausschwellt und die Unendlichkeit repräsentiert; geringere Geister aber sind, wie ein Bach, der nur durch seine Ufer schön wird.“

„Wirf weg, damit du nicht verlierst! ist die beste Lebensregel.“

„Der Witz ist das einzige Ding, was um so weniger gefunden wird, je eifriger man es sucht.“

Ich bin keiner von den Leuten, die Alkohol brauchen, um Wahrheiten zu denken und auszusprechen. Hoch die heilige Nüchternheit!

Alim Keschokow:

Frauenlist

Ein Narr, wer sich vermißt,

der Frau Verschlagenheit je zu ermessen,

denn unergründlich ist der Frauen List,

ein Narr, wer diese Wahrheit will vergessen.

Doch eher lacht der Pessimist,

und eher läßt die Kreise sich der Weise stören,

als daß das Weib mit seiner List

es aufgibt, unsereinen zu betören.

10. März 1982 - Leidenschaft

Montag, September 10th, 2007

[…]

Mein Körper, „meine Maschine“ funktioniert. Manchmal, in großen Zeitabständen, mache ich mir bewußt, welch großes Geschenk das ist. Genauer: Ich denk mal dran. Aber ich erlebe es nicht gut genug.

Zur Bezeichnung eines bestimmten Bereichs habe ich eigentlich ein dürftiges Vokabular: Liebe, Erotik, Sex. Auf mich bezogen sollte ich nicht auf die Begriffe „Lust“, „lüstern“ verzichten. Auf L. bezogen ist unerläßlich der Begriff „Leidenschaft“. (Ebenso wie bei „Genuß“ sollte ich auch bei diesen Begriffen mehr über den Wortsinn, über die Wortgeschichte wissen.)

Leidenschaft verlangt die völlige Hingabe ans Ziel meiner Wünsche, Leidenschaft schließt Verschmelzung ein. Eine „geteilte Persönlichkeit“ wird der Leidenschaft in Teilen frönen. Andere Teile (die Persönlichkeit selbst?) bleiben unberührt. Der wichtigste für Leidenschaft reservierte Teil ist der Geschlechtsteil, auch bei mir. Eine integrierte, ganzheitliche, einheitliche Persönlichkeit wird ganz von einer Leidenschaft erfaßt; aus Freude am Ästhetischen, Klugen, Sinnlichen, am Andern mit Haut und Haar. […]

Leidenschaft als Drang zur Verschmelzung ist zeitbegrenzt und Anspannung aller Kräfte (und Entladung). (Von „Leidenschaft zur Arbeit“ spricht man in etwas anderem Sinne, jedoch verwandt.) Anspannung der Kräfte, um die Verschmelzung möglich zu machen (Überwindung von Hindernissen, zumindest von Grenzen > Freiheit). Das mir mühelos Zugängliche entzündet keine Leidenschaft. Jedoch Leidenschaft lebensnotwendig, andernfalls erfahre ich nicht die größte Anspannung, Bestätigung und Befriedigung meiner Kräfte, also des Lebens überhaupt (bin schon etwas gestorben).[…]

In dem Augenblick, wo unser Zusammenleben von uns verlangt, die Leidenschaft zu zügeln, zu verdrängen, ist das Urteil gesprochen.[…]

Ein Zusammenleben ist möglich (in dem noch nicht mal sexuelle Leidenschaft völlig ausgeschlossen ist), wenn es Raum hat, die eigenen Leidenschaften ungehemmt zu erleben. Kameradschaftlich, zuverlässig, inhaltsreich miteinander leben (befriedigend) und bestimmte Leidenschaften in der Arbeit bzw. mit Dritten erleben. Das klingt ziemlich beschissen. Es ist aber -davon bin ich überzeugt - die Praxis fast aller langjährigen ehelichen oder nichtehelichen Gemeinschaften von Mann und Frau (solange sie noch zur Leidenschaft fähig sind). (Natürlich ist hier die Rechnung ohne den Dritten, den Gegenstand meiner Leidenschaft gemacht.)[…]

Ich verwechsle oft Leidenschaft oder auch nur Sinnlichkeit mit Lust oder gar Lüsternheit. […] Einen großen Teil meiner Lebenskraft wendete ich bisher dazu auf, meine Lebenskraft zu hemmen.

Goltzsche - nachdrückliche Behauptung des Rechts der Kunst! Seine Ausstellung ruft in mir des Gefühl hervor, in der Fülle des Schönen zu ertrinken. (Gerhard meint, Goltzsche meditiere über die gegenständliche Realität.)

Hebbel (S.39): „Farben, die durch die Sprache kaum angedeutet werden können.“

„Der Künstler sieht nichts als das Ganze, und in jedem Gliede sein Spiegelbild;…“ (S.40)

In seinem Sinnen, Empfinden ist dem Menschen die Realität in aller ihrer erscheinenden Nuanciertheit gegeben. Das macht er sich durch die Kunst bewußt. In der Ratio, im Denken ist ihm das Wesen der Realität gegeben. Das macht er sich durch Wissenschaft bewußt. (Seine Tat gehört selbst der Realität an.) Das Bewußtsein, eben weil es nur Widerspiegelung, nicht Realität selbst ist, aber doch als Widerspiegelung Quasirealität sein will, übernimmt sich damit. Es zerfällt in relativ eigenständige Formen, in denen es einzelnen qualitativen Zügen der Realität weitgehend gerecht wird. Die verschiedenen Bewußtseinsformen aber zusammenzubringen ist mühselig und letztlich nur aus „dem Wissen, dem Erahnen dessen, was Leben ist“ im Tun halbwegs möglich. Kunst versucht ihren „Mangel“ bloß sinnlich zu sein durch darauf (auf dem Sinnlichen) fußende Abstraktion zu überwinden. Wissenschaft versucht den ihr anhaftenden Mangel, bloß rational zu sein durch darauf (auf dem Rationalen) fußende Sinnlichkeit zu überwinden.

Das sind Grundzusammenhänge, die, wie mir scheint, auch in den Widersprüchen zwischen L. und mir wirken. Die reale Dialektik erlaubt verschiedene Denkstile: Der Eine denkt mehr das Gleichzeitige, das Ineinanderbestehen der Widersprüche, das „Unentschiedene“ der Realität, das Unbewegte, den Nuancenreichtum, das „Dahingelagertsein der Widersprüche, ihr Fließen > L., Goltzsche, Vent - Künstler.

Der Andere denkt mehr die Lösung der Widersprüche, die Zuspitzung des Vielfältigen zum Einfachen (das die Vielfalt aufhebt, (enthält und auslöscht), die Klärung zur Ruhe > ich, Wissenschaftler.

Wenn es nicht gelingt, beide Denkstile zu verbinden (bei aller Bevorzugung eines mir näher liegenden), schlägt uns das Leben. Sie sind letztlich nur durch Handeln, nicht durch Reflexion zueinander zu bringen (und durch Diszipliniertheit sich anzupassen schon gar nicht).

Auch das Erlebnis der Leidenschaft unterliegt diesen Gesetzen.

Ist es mehr Erlebnis einer Klärung, einer bestimmten Befreiung (wie bei mir bisher), Aktion einer Fixierung, Einseitigkeit, Abstraktion, Erlebnis der bestimmten Widerspruchslösung (daher dann (Schein-)überwindung des Vorher, sogar Abwertung des Triebes und seiner Aktion)?

Oder ist es mehr Hochschlagen, -peitschen, triumphierend Genießen aller Widersprüche, höchstes Erleben des Alles in Einem, Alles zugleich? (Dann wird es positive Erinnerung, muß aber auch als Erinnerung abgespeichert werden, da nicht ständig alles weiterführbar, lebbar ist.)

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09. März 1982 - Beziehungsgrübeln

Sonntag, September 9th, 2007

[…]

Ich bin dem „Logikprinzip“ unterworfen („Faust“ oder „Wagner“).

Sie ist dem „Phantasieprinzip“ unterworfen („Mephisto“).

Für sie hat es keinen Wert, etwas mit „letzter Klarheit“ gesagt zu haben. „Wahrheit um jeden Preis“ - was für mich wie der letzte Anker, der absolute Anker, erscheint (und unsereins hat nur nicht die Kraft, sich fest daran zu halten - da beginnt der subjektive Selbstbetrug), ist für sie kein Wert. Ihr „letzter Wert“ ist „das Leben“, „die Spontaneität“, die kein Letztes kennt, die das Erreichte sofort in Frage stellt, die absolute Bewegung. Daher muß sie da, wo ich „absolute Wahrhaftigkeit“ fordere, irrlichtern, ausweichen, feige erscheinen dem tumben Geist. Ja, wenn ich allzu nachdrücklich bin, dann regt sich ihr Widerstand, je mehr ich versuche durch Systematik, durch scharfsinnige Analyse das Unfaßbare zu fassen, umso mehr ist sie versucht, sich nun gerade nicht fassen zu lassen und mich auch bewußt und absichtlich an der Nase herumzuführen, auszutrixen, den Selbstgerechten für dumm zu verkaufen, zu beobachten, wie der ach so Logische sich an den unwahrscheinlichsten Strohhalm klammert, letzten Endes zu erleben und zu genießen, wie der verhaßte „Wagner“ untergeht.

Mit L. nach meiner Fasson leben zu wollen, heißt den Wind in meine Kammer einzusperren. - Entweder die Kammer wird gesprengt oder der Wind entartet zum Furz und stirbt.

[…]

Daß L. letztlich Widersprüche nicht auflöst, sondern lebt, hat auch mit ihrer Kunst zu tun und ist ein Urquell dieser Kunst.(Daher weiß ich, daß ich im Tiefsten unfähig bin, Kunst zu schaffen.) Die künstlerische Gestalt muß diesen Widerspruch tragen, darf ihn nicht aus sich herausgereinigt haben. Freilich gibt es oberflächliche und tiefere Widersprüche - hier muß wieder die Logik des Lebens zu ihrem Recht kommen. […]

Ohne Abstraktion keine Tiefe! Freilich geht es um spezifisch künstlerische Abstraktion.

[…]

Heute morgen am Bahnhof Friedrichstraße ein Mann und eine Frau - es sah wie eine Dienstreisebekanntschaft aus - deren Münder buchstäblich ineinander verbissen waren. (Bildmotiv: Das sich verschlingende Paar.)

Eindruck vorige Woche: Mann und Frau (Mitte/Ende 60J.) steigen aus dem Bus. Sie, ungeschickt, behindert ihn. Er, mit großem Gesicht, riesigem Mund, mächtiger, hängender Unterlippe (ein altes Schwein-Ungeheuer) brummt irgend etwas. Sie (während des Aussteigens, kläglich):“Du hast mir doch gesagt, daß ich das so machen soll.“ Ich sehe sie draußen stehen. Er, über sie gebeugt, redet scheltend auf sie ein. Sie (kleiner), weggebeugt, den Unterarm wie zum Schutz vor einem Schlag erhoben, vor ihrem Gesicht, lamentiert weinerlich. (Das war am 4.3., vergl. dort letzten Absatz) Danach hatte ich keine Freude mehr, mit der schönen Frau zu äugeln. (Sie hatte die Szene übrigens übersehen.)

[…]

Je mehr sich eine Frau schön macht, umso mehr macht sie es für sich selbst.

Überhaupt Menschen, die vor allem sich selbst erleben.

Während der Mittagspause blicke ich krampfhaft nach Frauen, die mir gefallen könnten.

Der Mann kann nicht wissen, was es heißt, die Frau zum Lustobjekt zu machen, solange er nicht selbst als Begattungswerkzeug benutzt wurde.

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Zwei Äußerungen bedeutender Künstler der DDR zum Tode von Konrad Wolf.

Dieses Bild hätte ich ohne Hebbel nicht richtig verstanden:

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„Die Klage ohne Trauer ist mehr noch als die Trauer ohne Klage, dasjenige, was die Menschenseele, wo sie auch sehen oder hören mag, erdrückt. Es ist das Leben selbst, hingestellt in seiner vollen Bedürftigkeit.“ (6.8.1836)

weiter Hebbel: (18.7.36) „Unendlich viele Menschen haben nie einen Gedanken gehabt und sehen doch wie Denker aus; sie sind wie Kartenspieler: unendliche Kombinationen durch wenige, gegebene Blätter. Solchen Menschen ist nichts begreiflich zu machen.“

„Mensch mit Mensch im Verhältnis will immer Steigerung dieses Verhältnisses, wenigstens die Möglichkeit derselben. Darum ist der Kulminationspunkt solch eines Verhältnisses oft zugleich der Gefrierpunkt…“(2.9.36)

„Ach, die leidige Halbheit, die Mutter innerer Verzweiflung und jedes äußeren Konflikts.“

„Es wäre ein geistiger Zustand denkbar, wo der Mensch, indem er sich ganz und gar an den irdischen Kreis gewöhnt hätte, in einen anderen nicht mehr eintreten könnte; und die wäre, was Verdammnis heißen sollte.“ (S. 42)

„Töten, das Aufheben einer eigentümlichen Lebensrichtung.“(S. 43);

[…]

 

07. März 1982 - Sinn meines Tagebuchs

Mittwoch, September 5th, 2007

[…]

Hebbel S. 17, 24.10.1839: Aufgabe der Kunst ist Darstellung des Lebens, d.h. Veranschaulichung des Unendlichen an der singulären Erscheinung.“ S. 18:“Ich halte es für die größte Pflicht eines Menschen, der überhaupt schreibt, daß er Materialien zu seiner Biografie liefere. Hat er keine geistigen Entdeckungen gemacht und keine fremden Länder erobert, so hat er doch gewiß auf mannigfache Weise geirrt, und seine Irrtümer sind der Menschheit eben so wichtig, wie des größten Mannes Wahrheiten.“ (Tagebücher als Barometer des Jahreszeitenwechsels der Seele und rückblickend Entdeckung geistiger Wendepunkte) S. 20: Das erste und einzige Kunstgesetz: An der singulären Erscheinung das Unendliche veranschaulichen.

Auch ich will am Einzelfall das Allgemeine erfassen, aber durchaus nicht in künstlerischer Gestaltung. Für mich ist das Tagebuch nicht Hintergrund, Gegenpart eines künstlerischen oder wissenschaftlichen offiziellen Werkes. Für mich ist es Selbstdarstellung und Selbstverständigung zugleich die Basis des wissenschaftlichen Werkes selbst. Daher ist das oberste Gesetz dieser Darstellung: uneingeschränkte Wahrheit. Ich bin mir bewußt, daß ich mit jeder Notiz empirische Daten für spätere wissenschaftliche und das heißt natürlich historisch-materialistische Verallgemeinerung schaffe.

Deshalb kann ich nicht so sehr Schlußfolgerungen oder gar Aphorismen bieten, mir kommt es darauf an, Sachverhalte möglichst genau und aktuell (also immer unter Zeitdruck) festzuhalten.

[…]

Über einige abstrakte theoretische und weltanschauliche Potenzen dieser Sache bin ich mir durchaus im Klaren. Hier wird der Mensch direkt gefaßt. Hier wird er als Ganzer gefaßt (nicht Teilung in verschiedene Wissenschaften, Künste, Biologie, Ideologie, Politik usw.), hier werden gesellschaftliche Tabus bzw. Verbote unwirksam. Es gilt auch mehr berühmte Tagebücher zu lesen. Auch „Anne Frank“, „Tagebuch der Armut“. Denkbar wäre es auch, dazu mal in einer Zeitschrift („Neues Leben“, „Magazin“) zu schreiben, z. B. berühmte Tagebücher vorstellen und sagen wie und warum ich selbst schreibe.

[…]

06. März 1982 - Hebbel-Tagebücher

Mittwoch, September 5th, 2007

[…]

Hebbel BdI S7f: „Es ist merkwürdig, wie die Frauen, die am Mann doch nur eben das lieben, was ihrer Natur gerade entgegengesetzt ist, ihn doch so gern zu dem machen wollen, was sie selbst sind; sie sind Göttinnen, die nur seine Sünden vergöttern und ihm diese Sünden dennoch nie vergeben.“

Unser gesellschaftliches Leben ist demokratisch, „breit dahingelagert“, horizontal gegliedert. Unserem Leben ist Bestialität wesensfremd. Es ist weniger auf Hierarchien zugeschnitten, die in dramatischen Konflikten bestätigt oder gestürzt werden. (Ich schreibe das alles im Bewußtsein des demokratischen Zentralismus.) Kommt daher auch eine Undramatik der Kunst, ein vielfaches Variieren und Abwandeln? Das denke ich bei Goltzsche, auch bei L. u.v.a. Und auch dieses Tagebuch ist so angelegt, sich in die menschliche Vielfalt zu vertiefen. Wir sind auf individuelle Befriedigung gerichtet. Weil unsere Gesellschaft geregelt ist?

Ich beschreibe Symptome eines Stagnationszustands aber - wie sich 1989/90 erwiesen hat - ohne zu begreifen, wie weit fortgeschritten er schon war und ohne die geringste Vorstellung, wie rasant der Umschlag in dramatische Verfallsprozesse vor sich gehen würde.

Hebbel BdI S23: „Nur die nächst Folge einer Tat darf dem Menschen zugerechnet werden, alles andere ist Eigentum der Götter…“.

Zur Sprache sagt Hebbel (17.7.35):“…unsere Sprache deutet eher auf einen Mangel unseres Ichs, als auf einen Vorzug desselben hin, indem sie uns nur als ein Mittel der Erweiterung und Läuterung unserer Ideen … durch Besprechung mit unseresgleichen gegeben ist; hätten wir absolute Begriffe, so würde sie uns sehr entbehrlich sein…“

ebenda S. 11, 29.7.1835: In Gott treffen sich die physischen und psychischen Kräfte in höchster Potenz:

„der Geist ist selig in Hervorbringung der Ideen, der Körper in Hervorbringung der Körper,…“

Hebbel-Splitter:

„Augen, die für nichts und wieder nichts glühen.“

„Die einsame Sonne, das einsame Meer. Sonne, flutest und wogst du ebenso mit deinen Flammen., wie unten das Meer? Die einsame Katze darunter.“

„Das aus dem Wagen eines Schlachters gehobene schlafende Kalb.“

„Das Weib gebiert den Menschen nicht einmal, sondern zweimal. Auch die geistige Wiedergeburt durch die Humanität ist ihr Werk.“

„Leidenschaft begehr keine Sünde, nur die Kälte. Brich jede Blüte, selbst, wenn du sie nicht für ewig ins Wasserglas zu stellen gedenkst, nur dufte sie dir!“

„Die Natur - man darf’s in guter Gesellschaft freilich nicht sagen - spricht sich in höchster Naivität in einem Hund aus, der eine Petze, die, bevor sie seine Triebe befriedigt hat, ihm fortrennen will, ins Ohr beißt.“

„Wenn einem Philosophen ein Licht aufgeht, ist’s für den anderen immer ein Schatten.