Archive for the ‘Humor’ Category

05. Oktober 1989 – Monatsbericht

Sonntag, Oktober 18th, 2009

# Wie an anderer Stelle schon mal erwähnt, hatten alle Parteiorganisationen (und natürlich andere Institutionen auch) für die übergeordneten Leitungen monatliche Berichte zu politischen Stimmungen und Meinungen anzufertigen. Auch wenn diese Berichte oft geschönt waren. (Das Eingeständnis von “schiefen Diskussionen” im eigenen Arbeitsbereich konnte ja sogleich zum Rückschluß auf Mängel der eigenen Arbeit führen.), enthielten sie doch zweifellos viele konkrete Informationen “von der Basis”. Viele Berichteschreiber - ich gehörte dazu - glaubten auch, durch wahrheitsgemäße Berichte Anstöße zu einer besseren Medienarbeit der Partei zu geben. Das war, wie sich schließlich herausstellte, völlig illusionär. Die Selbstherrlichkeit und Ignoranz der “führendsten Genossen” hatte ein mir damals unvorstellbares Niveau erreicht- #

Fülle der Anzeichen für die sich immer weiter zuspitzende Situation. Im Folgenden der Enturf meines diesmonatigen Stimmungsberichts, den ich morgen abzuschreiben gedenke:

Es ist nicht möglich die Lawine der gegenwärtigen Diskussionen im Einzelnen darzustellen. Folgende Tendenzen zeichnen sich aus der Sicht unserer APO ab:

    Realistische Betrachtung bei der Masse der Genossen und Parteilosen des Anteils der Westmedien und der BRD-Politik an der Organisierung der Auseisewelle und Klarheit über den völkerrechtswidrigen Charakter dieser Aktivitäten.

    Massive Kritik der Genossen an unseren Medien,. Weil diese keinen Auseinandersetzung zu den bei uns liegenden Urachen der Ausreisewelle führen. Ebenfalls Kritik an den Funktionären von Partei und Regierung, die keine selbstkritische Betrachtung der eigenen Ursachen erkennen lassen. Tendenz zur Ratlosigkeit und Resignation bei manchen Genossen und Parteilosen angesichts der oftmls erlebten Unmöglichkeit, den eigenen Überzeugungen und Vorstellungen zur Stärkung unserer Republik angemessen Geltung zu verschaffen. Wachsend Stimmungen der Besorgnis darüber, daß die Schwäche unserer politischen Überzeugungsarbeit uns verleiten könnte, diese durch den Einsatz von Polizei- oder Sicherheitskräften zu ersetzen.

    Zu all diesen Fragen gibt es heftige Diskussionen zwischen Genossen um die Frage, was zu tun ist, um aus der gegenwärtigen defensiven Situation herauszukommen. Es bildet und festigt sich dabei die Überzeugung, daß der Sozialismus in der DDR einer qualitativen Festigung und Stärkung bedarf, daß dazu die anvisierten ökonomischen Reformen noch energischer und folgerichtiger vorangetrieben werden müssen und einen solche Weiterentwicklung des politischen Systems unserer Gtesellschaft zu konzipieren ist, die zu einer qualitativen Stärkung der sozialistischen Demokratie führt. Die Genossen sind der Meinung, daß zu diesen Fragen in Vorbereitung des XII. Parteitages unverzüglich eine prinzipielle innerparteiliche Diskussion geführt werden muß. 891005-1.JPG

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09. Mai 1989 – Reiz des Unsichtbaren

Samstag, Juni 13th, 2009


Renate erzählt, Pfarrer Eppelmann habe im Westfernsehen berichtet, daß in 89 (?) Wahllokalen von Friedrichshain insgesamt 4721 Gegenstimmen ausgezählt wurden und nicht die 1611 offiziell angegebenen. Das entspräche 5,4 %.

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# Nicht wegen des hintersinnigen Titels habe ich diese kleine Glosse in meinem Tagebuch festgehalten, sondern weil der Verfasser einer meiner ältesten Freunde ist. Manchmal liest er hier mit,  also:”Grüß Dich, Kalle!” #

28. Januar 1989 - Eisvogel

Donnerstag, Februar 19th, 2009


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# Hier dokumentiere ich zum Scherz, daß mir schon damals - in Form des Besuchs einer Eisbar - der Eisvogel über den Weg gelaufen ist. Zehn Jahre später habe ich in Lychen, Uckermark gelebt. Lychen liegt inmitten beonders sauberer Seen, an denen der Eisvogel wohnt, der auch zum Tourismusymbol der Stadt erkoren wurde. Als wir in Lychen unseren Shantychor gründeten, nannten wir ihn (auf meinen Vorschlag) “Eisvogel”. UInd schließlich: Seit ich angefangen habe Münzen zu sammeln, erwärme ich mich für den “Kookaburra”, die australische Münze mit dem jährlich wechselnden Eisvogelmotiv.#

20. September 1982 – Durcheinander in meinem Kopf

Dienstag, April 8th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Perl, Periostmassage, Lakenbad, Wickel […]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – Magazin 8/82;

Dante, “Göttliche Komödie” III – 9. Gesang (Ich verstehe nichts mehr.) Hebbel, Tagebücher ! -129

[…] Hören: (Kopfhörer): Verschiedenes, Prof. L. Bisky über Kultur

Kleiner Schwatz mit Schwester Martina, arbeitet seit 1 Jahr, lernt noch, hat knapp 500,-M. Ist begeistert von ihrem Beruf (immer neuen Menschen helfen). Unangenehm ist die Arbeit mit dem Schieber, Ente usw.

Was Schwester Evi zu ihrem Beruf sagte (sinngemäß): Ich: “Kann man ein Leben lang Schwester sein?“ Sie: “Manche machen es ein Leben lag, also kann man…. Man darf sich erstens nicht übernehmen, überverausgaben. (Ich frage mich: Ist das die Jugend von heute? Woher diese Abgeklärtheit? (Selbstgenügsamkeit?)? Was bedeutet sie?) und zweitens muß man mit Freude darangehen. Es ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf.“

Das Wort, das irgendjemand zu den Arbeiten der Kollwitz sagte – ein „Arme-Leute-Edel-Ballett“ - ist sicher nicht ganz wahr, aber es trifft mit hinterhältiger Genauigkeit ihre schwächste Stelle. Wie viel bedeutender ist Barlach! Kann es jedoch sein, daß für die Entwicklung des Kunstverstandes (meine Kindheit) Kollwitz eine hervorragende Rolle spielen kann? Überhaupt Entwicklungsstufen des Kunstverstandes.

Ein anderes Beispiel dazu: A. Bostroem. Einst (noch in der Armeezeit) schrieb mir Christel, meine Geliebte, viele „Terzinen des Herzens“, gewidmet Friedrich Eisenlohr (!) von Bostroem ab. Und auch ich schmolz dahin in diesem Sang. Später – ich kannte schon manches von Nazim Hikmet – kaufte ich erwartungsvoll einen Band Gedichte von ihm und war enttäuscht. Übersetzungen von A. Bostroem. Gestern im Rundfunk: Armenische Lyrik. Etwas Fernes, das als nahe begriffen wird – schön, aber störend das Tönen der Bostroem.

# Erst heute, da ich dieses Tagebuch abschreibe, informiere ich mich kurz über Annemarie Bostroem und stelle mit Erstaunen fest, daß sie Jahrgang 1922 ist. Sie war also damals zur Zeit ihrer „Terzinen“ nur wenig über 30 Jahre alt.#

Die Diskussionen in unserem Zimmer – vieles deprimierend an dieser Lebensweise. Die Berufe meiner Zimmerkumpel sind gefragt. Käuflichkeit! Sozialistische Verkommenheit! Aber wie normal ist dies?

[…] Doris erwähnt die in ihren Augen sehr egoistische Art der Selbstverwirklichung z. B. bei L. Ich erwähne dazu Dante, Homer… Sie wehrt ab, in der Art „Das kann doch keiner praktisch gebrauchen.“ Die höchsten (aber unpraktischen) Ideale (auch hier Selbstgenügsamkeit). Doris meint, daß sie ihre geistige Ausdehnung erreicht hat.

Rudi“ # meine Masseuse # meint, daß Mediziner solche Massaker wie in Beirut nicht anders erleben als andere Menschen.

Nietzsche-Vortrag im Rias gestern. Werbung für seine Renaissance, schamlos werden die Weichen gestellt. Man möchte rufen: „Merkt ihr nischt!“ Doch wir („Einheit“) # theoretisch-ideologische Monatszeitschrift der SED # haben es schon gemerkt. Nur das Rufen unseres fetten, selbstzufriedenen, langsamen, herzlosen, feigen, langweiligen Aufklärungsapparates findet immer weniger Hörer. Und andere kommen nicht zu Wort.

Lenin zum demokratischen Zentralismus: Er könne straff, fast militärisch gehandhabt werden, aber auch wie das Dirigieren im Konzert. Natürlich hinken Bilder immer. Aber ist darüber hinaus etwas grundsätzlich falsch an dieser Auffassung? Kann man die Gesellschaft in ihrer Dynamik mit einem Orchester vergleichen? Wo gibt es das Orchester, in dem ein Stück gespielt (also auch dirigiert) wird und zugleich die Musikanten improvisieren? # Eine meiner seltenen kritischen Bemerkungen zu Lenin. #

Lese das Reclam-Bändchen Kollwitz von hinten nach vorn. Ihre Stellung zum 1. Weltkrieg, zu ihrer Arbeit usw.! Vieles erinnert an L. Wie sie doch nur aus dem Erleben, aus dem unmittelbaren Erleben zum Denken angeregt werden!

Worin besteht heute der Fortschritt (auch auf Westeuropa bezogen)? Krieg zu glorifizieren ist vielleicht schwerer geworden. Dafür ist die Lust am Bösen, an der Niedertracht, gesellschaftsfähig geworden, so daß vielleicht die harte Münze des Ruhms und der Selbstopferung nicht mehr nötig ist, um zum Kriege bereit zu machen. Ist die Kriegsbereitschaft heute wirklich geringer? Ursachen in der Gesellschaft deckt nur die Theorie auf. Unsere Theorie ist in den Massen nur ganz schwach verwurzelt.

Hebbel: Die Dichter sollen erlösen

die Natur zu selbsteigenem

die Menschheit zu freiestem

die unendliche (unfaßbare) Gottheit zu notwendigem Leben. (S.60)

Versuche Hebbel zu lesen, gestört von den laut fernsehenden Zimmerkumpeln (Dieter Thomas Heck). Diese Dummheit, Dummheit, Dummheit, diese Zeitvernichtung, mit der die Zeit ausgefüllt wird!

In meinen „großen Lektüren“ der letzten Zeit ist eins nicht zu finden (mal von Jean Paul abgesehen) – Humor!

Welch Durcheinander in meinem Kopf: Gegen eine verordnete Nietzsche-Renaissance bin ich allergisch, der extreme Egozentrismus Hebbels (der freilich ein humanistischer ist) zieht mich an. Für mich persönlich möchte ich wohl eine Ausnahme machen? Angesichts Hebbel erneut die Frage: Was will ich mit diesem Protokollieren? Ich habe noch immer kein klares Ziel. Ist das Schreiben nur Lebensersatz? Wovon lebte Hebbel? Hebbel kritisch lesen!

Wie wichtig es doch ist, zumindest den Willen zum „Gutsein“ zu haben (zu Mitgefühl, Aufgeschlossenheit usw.). Oft habe ich zwar nicht die Zeit oder Kraft, entsprechend zu handeln, aber wenn diese Bedingungen gegeben sind, dann tue ich es doch. Andere (meine Zimmerkumpel), die nicht einmal diesen (ohnmächtigen) Willen haben, handeln dann selbst unter günstigen Bedingungen nicht besser. Die Vergeudung von menschlichen Möglichkeiten dadurch, daß günstige Bedingungen nicht ausgeschöpft werden! # (Am 16.10. 1985 hierzu ergänzt:) # Das ist offensichtlich nicht nur eine Frage der Selbsterziehung, sondern auch einfach der aktuellen Selbststeuerung. Möglichkeiten in einer Persönlichkeit sind das Eine. Was sie unter wechselnden Bedingungen aus ihnen macht, ist das Andere.

Dichten im Gehen. Mit den „Schwestern“ geht es während des Spazierengehens langsam voran. # Ich versuche eine Dankgedicht an die Schwestern zu machen. # Der Spaziergang kann doch den fehlenden Inhalt nicht bringen. Bei vorhandenem Inhalt einen Rhythmus zu finden, dazu kann er wohl beitragen.

19. September 1982 – Kunst für den Nichtüberfütterten

Dienstag, April 8th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel anwesend, vormittags Spaziergang im Park von Buch mit Eva, Monika, Reiner, schöner Park, danach bin ich ganz schön kaputt, Kopfschmerzen; abends Skat mit Monika und Reiner; Monika, 30 J. Ist Ökonomin im Patentamt, Kind 5 J, in 14 Tagen ist Scheidung. Jede Regung ist in ihrem Gesicht zu lesen, ein netter Mensch, strahlt mich an, ganz unanregend.

[…] Hören: (Kopfhörer): Orgelmusik von J. G. Walter, Lieder mit jungen sowjetischen Solisten, abends: Rias: Nietzsche

In der Nacht zu heute höre ich von dem furchtbaren Massaker Israels/Haddads in Beirut. Schrecklich diese Ohnmacht.[…]

Finde seit einiger Zeit oft Schreibfehler aus Nachlässigkeit. Sicher Folge der derzeitigen Schwäche. Oder auch schon erste Abbauerscheinungen? (Die Verkalkung kommt schleichend.)

Trockener Humor Reiners: Ein Mann fährt im Auto an uns vorbei. Er hat sehr rote Lippen. Ich sage:“Entweder spricht er viel, oder er küßt viel.“ Reiner:“Oder er fährt jetzt zum Abschminken.“

Wenn eine Gruppe zusammen ist und die anderen passiv sind, fängt bald Einer an, sich zu spreizen. […] Wichtig, daß die Bewunderung stets auch kritisch ist, daß die eigene Position gewahrt bleibt. Wie kann man kritiklose Bewunderung schadlos überstehen? Man muß sich die Kritiker suchen

Die Orgelmusik von J. G. Walter (noch nie gehörter Name) jagt mir Schauer über den Rücken (wie tags zuvor manche Passagen der „Rusalka“). Wie wichtig, neu, kraftvoll ist Kunst für den Nichtüberfütterten (der sie verstehen kann)! Ihre Notwendigkeit erlebe ich neu. […] Bachs Oratorien vollauf erlebt zu haben (nicht, sie entdeckt zu haben), das gehört in die Zeit mit L, gehört zu dem Dank, den ich ihr schulde. Ich kann schon mit Freude an das denken, was ich L. Verdanke.
Neue Deutsche Welle“ - „Detlef“ z. B., raffiniert gemacht, d.i. schon ästhetischer Genuß der Gemeinheit – Dekadence.

 

02. August 1982 - Band 5

Montag, Februar 4th, 2008

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# Deckblatt Band 5 des Tagebuchs #

21. Juli 1982 - Geselligkeit

Donnerstag, Januar 31st, 2008

# In der Dienststelle, in der ich beschäftigt war, haben wir viele Jahre, ja, mehrere Jahrzehnte, zusammen gearbeitet. Es gab da mal Reibereien, dort mal Animositäten aber im Grunde hatten wir ein gutes Klima, haben gern zusammen gearbeitet und waren vom Sinn unseres Tuns überzeugt.
Auch zu vielen Teilnehmern unserer Halbjahreslehrgänge haben wir oft noch jahrelang, zu manchen überhaupt dauerhaft Beziehungen unterhalten. Natürlich gab es viele Anlässe zu Geselligkeit und Feten (und wenn es keine gab, wurden sie auch mal erfunden).
Einige Beiträge zur geselligen Unterhaltung wurden aufgeschrieben, vervielfältigt - das ging damals, wenn er funktionierte, mit unserem Ormig-Apparat - und so der Nachwelt überliefert. Hier eine Kostprobe. #

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20. Juli 1982 - Reime aus der Matratzengruft

Donnerstag, Januar 31st, 2008


[…]
Ich weiß kaum zu sagen, wie mein Befinden ist, ständiges Auf und Ab, Schmerzen wechseln mit Taubheitsgefühlen. Gestern, von der Arbeit abgelenkt, fühlte ich mich recht gut. In den letzten Tagen kann ich besser sitzen. Doch zwischendurch kann ich kaum 10 Schritte gehen. Wie wirken die Bäder? Sollte ich weniger liegen? Übermorgen die Ärztin Fragen.
Doch es scheint mir in den schmerzfreien Phasen eine Stabilisierung zu geben. Nach dem kurzen Abendbad glaube ich sogar, dass erstmals die Taubheit in den Zehen nachzulassen beginnt.

# Ich liege nun schon drei Wochen und vertreibe mir die Zeit mit einem Reimspaß. #

Horizontal

Wir Menschen sind fast jeder zeigt
modern und wach und tatbereit.
“Auf Arbeit” packen wir den Plan,
im Haushalt wird auch was getan.
Für kurze Zeit nur stoppt uns mal
gesunder Schlaf - horizontal.

Der Fleiß schenkt mir ein braves Leben.
Die Würze soll die Liebe geben.
Ohn Rast und Ruh kreist unser Herz,
reimt sich auf Liebe, Lust, auf Schmerz,
doch allerhöchster Wonnen Zahl
genießen wir - horizontal.

Ob liebesreif, ob arbeitsmatt,
sie finden ihre Lagerstatt.
Sie drehn sich in die Kissen ‘rein,
doch da - liegt schon ein armes Schwein.
Des Kranken widerwärtge Qual
ereilt ihm meist - horizontal.

Es zuckt zurück der Arbeitsmann.
Vielleicht ist da ein Virus dran?
Es zuckt zurück die Liebesfrau,
zwar Viren sieht sie nicht genau,
doch eines sieht sie allemal.
Der Kerl ist schrecklich - horizontal.

Der kranke Bein beißt in seine Kissen,
er muss die Schwestern, Brüder missen.
Doch ewig man nicht beißen kann.
Er fängt erneut zu denken an
und fragt sich ein - ums andremal:
wie wurd ich nur - horizontal?

Am Anfang stand des Arztes Wort:
“Schern Sie sich in ihr Bette fort.”
Er fängt von “Arbeit” an zu stammeln.
(Dort kann er fette Mäuse sammeln.)
Der Arzt sagt nur:”Na, hörn Sie mal…”.
Er ist gefällt - horizontal.

Nun hat der Ruhe für sein Bein
und reibt es mit Essenzen ein
und wärmt und badet zielbewußt
schleckt auch Tabletten voller Lust
und krümmt sich manchmal wie ein Aal,
doch alles brav - horizontal.

Nun täglich eine Reise lockt,
die hat sein lieber Chef verbockt.
Zementtransporte müssen rollen,
wie kann ein Kranker da was wollen?
Mein junger Freund, beweg dich mal,
sei nicht so lasch - horizontal.

Doch jetzt genug vom Klagereigen.
Das Gute will ich nicht verschweigen.
Der Optimist soll laut erschallen
von dieses Lagers Deckenwallen.
Ihn trifft ein warmer Sonnenstrahl.
Schon freut er sich - horizontal.

Ihr draußen hab zwar Himmel viel,
doch seht ihr ihn im Tagsgewühl?
Mein Himmel ist nur eckig klein,
doch tausend Wolken schaun herein,
sind Fabeltiere ohne Zahl.
Die Kindheit blüht - horizontal.

Und gar die heiße Sommerzeit!
Wie Teer ist das Gehirn euch breit.
Ich brauch der Wärme nicht zu jammern.
Es freun sich meine Wirbelkammern.
Ja, selbst der Ischias lächelt mal,
leider nur schwach - horizontal.

Und was ich alles lesen kann!
Ganz blass vor Neid seht ihr mich an.
Die Länder durchstreif ich,
die Zeiten durcheil ich,
zuletzt bis in das Industal!
Grad noch mein Corpus blieb - horizontal.

Und erst des Radios offener Mund!
Tut stets mir allerneuestes kund,
dazwischen Rock und harter Beat
durchzuckt mich bis ins letzte Glied.
Schon denke ich laut: “Jetzt tanz ich mal!”
Doch vorerst nur - horizontal

So bin ich aller Arbeit frei,
genieß die Faulheit gleich für drei
und selbst an Gartenmüh’ und - pracht
wird allerhöchstens mal gedacht.
O, Leben, du verwöhnt mich mal!
Ich danke dir - horizontal.

Am Ende möcht’ ich Künstler sein,
dann nähm ich einen Riesenstein.
Den braucht’ ich für ein Ehrenmal,
meinetwegen für Baal oder Aal oder Copyrkal.
Aber dieser Stein, verdammt nochmal,
der stünde nie und nimmer horizontal.

28. Juni 1982 - Moczarski “Gespräche mit dem Henker”. Die Mauern von Chikago.

Sonntag, Januar 20th, 2008

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[…]
Hauptetappen meines Lebens lassen sich durch Frauen markieren:
Christel (16 bis 35 Jahre), eine Zeit des Pflichtbewusstseins, der Ernsthaftigkeit in der Anwendung des Gelernten, der strengen Familienorientierung, beginnender Zweifel und Einsichten.
L. (36 bis 42 Jahre), Traum meines Lebens.
Interregnum (42 bis 50/55) Kennenlernen, Studieren der Besonderheiten, Nischen, Abwege. Entdecken ausgefallener Lust, Schwäche zu großer Bindung, intensivste Arbeit, die mich auch verändert.
Abendliebe (50/55 bis Schluss) schöne begrenzte Liebe, sich Bescheiden mit dem Möglichen, das zum Wirklichen wird. Abschied vom unendlichen Glück, Frieden im bescheidenen Glück.

Beim Psychologen-Treff spreche ich mit Inge über Angelika. Nach dem was ich schildere (Badeszene), meinte sie, dass es doch ziemlich ernst sei und sie in ärztliche Behandlung müsse. Man solle solche Leute straff, energisch, ernsthaft, aber nicht kränkend anfassen.

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[…]
Im Westfernsehen zum ersten Mal eine Hitler Wochenschau ganz gesehen. 30 Minuten das Gloria der deutschen Heere, danach schwätzen 1, 2 Engländer über die damaligen Kämpfe um Tobruk (1, 2 Russen über die Kämpfe um Sewastopol lassen sie nicht auftreten), wegen der Objektivität! Seit Jahren sind diese Sendungen alltäglich. Seit Jahren also ungebrochene Tradition zur deutschen faschistischen Wehrmacht selbstverständlich. Konsequentes Verdecken von Zusammenhängen und Ursachen, wie auch in der nachfolgenden Sendung “Hedonismus”.
Imperialistische Ideologie: das (dosierte) Darstellen von Erscheinungen kann sehr weit gehen, wenn zugleich gesichert wird, dass das Wesen unerkannt bleibt!
Das Verdecken von Zusammenhängen und Ursachen ist auch bei Fassbinder typisch, für den wieder Gedenksendung. Mit ihm ist Ihnen wirklich ein ideologisches Zugpferd ausgefallen.

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Immer wieder fällt auf bei Leuten, die nicht aus L.s Umgebung kommen, sondern meiner die Unsinnlichkeit, Blindheit beziehungsweise allenfalls schematisierte Sinnlichkeit (zuletzt beim Psychologen-Treff, z. B. Nichtbeachtung der Blumen).

Zu “Gespräche mit dem Henker” von K. Moczarski: Frau Käthe Stroop kommt aus der Kulturintelligenz. Wahrscheinlich auch eine Bestätigung dafür, wie die ästhetische ohne entsprechende politisch - ethische Bildung zum Schlimmsten passt.
“Ein Leiter ist auch dafür verantwortlich, was die von ihm Geleiteten tun.” Die Tiefe dieses Leninsche Satzes ist mir jetzt nach der “Stroop-Lektüre” erst richtig aufgegangen. Bei der Darstellung durch Mocz. stehen Momente der Führungstätigkeit im Vordergrund. Das bedingt eine gewisse Abstraktheit und drängt die wirklichen Folgen der Handlungen der Befehlenden (und erst von Schreibtischtätern!) in den Hintergrund, macht sie unwirklich. Um das Handeln solcher Leute auch emotional richtig zu werten, müssen neben dem Wesen ihrer Führungs- und Leitungstätigkeit auch immer typische Erscheinungen, Einzelheiten dessen dargestellt werden. Typische Erscheinungen, denn nicht für alle Erscheinungen ist der Leiter verantwortlich.

Gute Stimmung beim Psychologentreff. Heidi freut sich über ein kleines Kompliment, dass ich ihr mache. Sie scheint und wirkt so herb. Und das täuscht. Wie ein Schwamm saugt sie Lob, Dank, Aufmerksamkeit auf. Sie will gewärmt werden.
[…]

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27. Juni 1982 - Schmerzen

Samstag, Januar 19th, 2008


[…]
Das ist die schlimmste Nacht. Es ist 4:30 Uhr. Ich habe vielleicht zweimal 40 Minuten geschlafen, trotz zwei Zäpfchen. Das Bein brennt lokal wie Feuer.

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[…]
Die verfluchten Schmerzen sind in neuer Schärfe zurückgekehrt. Gestern Nacht nahm ich ein Zäpfchen. Heute nehme ich nochmal 3x 2 Voltaren, sozusagen, um ihnen die Spitze zu nehmen. Etwas anders liegen die Schmerzen übrigens, so, dass jetzt das Sitzen kaum möglich ist. (Das Sitzbad in der Dusche war kaum durchzuhalten.)
0:30 Uhr: die Schmerzen sind widerwärtig. Sie sind ja nicht so, dass ich brüllen müsste aber ständig zermürbend anwesend. Ich will schlafen und bin putzmunter und kann nicht stehen, gehen, sitzen, liegen.