Archive for the ‘Krieg’ Category

22. Oktober 1989 - schönes Wochenende

Samstag, Oktober 24th, 2009

‘raus nach Schmachte, herrliche Herbstfärbung allüberall, gesenst, nachts nicht kälter als 14 °C.

In der Sowjetliteratur Artikel über den Afghanistankrieg. Bei uns wird der “Sputnik” wieder zugelassen und anderes.

Ausflug zur Tongrube - und Bad!

Herrliches Pilzgericht, C. hatte Anischampignons gefunden.

12. September 1989 – Harte Auseinandersetzungen müssen kommen

Freitag, Oktober 16th, 2009

# Ein Blick ins Original des Tagebuchs, samt zeitgenössischem Abbild des Schreibers und seines pekuniären Hintergrunds. #

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Außerordentlich unzufriedene Stimmung bei den Genossen des Lehrgangs und darüber hinaus mit der Politik unserer Führung – offene Äußerung. Die Blauäugigkeit der Medien wird entschieden verurteilt. Sie reden völlig am Volk vorbei. Selbst Genosse F. erwartet eine entschieden kämpferische, offene Position, nicht bloß eine ADN-Meldung oder einen ADN-Kommentar.

Auch wenn man die Rolle der Westmedien nicht bestreitet, ist keiner bereit die bei uns selbst liegenden Ursachen zu ignorieren – keiner, außer denen, die etwas zu sagen haben. Die Genossen sehen Ratlosigkeit, wenn nicht gar Konzeptionslosigkeit bei der Führung.

C. erzählte, daß Frau Schmidt, ihre Sekretärin, sagte, sie habe gesetern geweint – aus Verwirrung, Unfähigkeit (Unwillen), sich für den Westen zu entscheiden, Hoffnungslosigkeit in unsere eigene Entwicklung.

DDR – „der doofe Rest“.

Ernst ist es, daß Gorbatschow keine ausreichenden Erfolge aufzuweisen hat.

Uns stehen harte Zeiten bevor. Ich erwarte (und erhoffe zugleich) Zeiten harter Auseinandersetzungen in der Partei. Sie sind unvermeidlich und notwendig. Noch geht es erstmal darum, daß sie beginnen; danach wird es sofort darum gehen, daß sie für den Sozialismus in der DDR hilfreich sein müssen, ihn stärken müssen.

Nasdala regiert nun in seinem kleinen Herrschaftsbereich. Mein Leben hat sich wieder vereinfacht, von der zeitweiligen Verantwortung entlastet. Von Bertriebsleitung hat N. nicht mehr Ahnung als ich. In dieser Hinsicht erreicht er nicht G.s Stärke (die einzige Stärke, die er mir gegenüber hatte), und ich verspüre umso deutlicher den reglementierenden Sinn meiner Nichteinsetzung. So ist, den lebendigen Nichtfähigeren vor der Nase, das kränkende Gefühl der Zurücksetzung deutlich spürbar. Ich gedenke, damit bewußt fertig zu werden. N. hat jedenfalls von vornherein das Bemühen klar gemacht, keine „schiefen“ Diskussionen zu dulden.

Übrigens, Blauert, WBA 15, hat sein Wohngebietsfest ausfallen lassen.

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So werden bei uns Ideen in Memoiren u.a.Formen verbuddelt.

30. August 1989 – Lehren aus den Weltkriegen?

Freitag, Oktober 16th, 2009

Im heutigen ND wieder ein großmächtiger Artikel zur „Diskussion“ vor dem XII. Parteitag (Ich möchte wissen, wer da diskutiert.) von Kurt Tiedtke, der wieder sämtliche Theoreme und Dogmen der Vergangenheit allen Widrigkeiten der Gegenwart zum Trotz verteidigt. Alle Fragen unserer Gegenwart werden auf den Klassenantagonismus reduziert, und in dieser Hinsicht hatten ja die Kommunisten schon immer absolut recht. In SuF 3/89 gestern las ich noch einen Artikel zu Ossietzky – „ungebundene Menschlichkeit“, der ganz vorsichtig zur Rolle des Humanismus versus kommunistischem Dogmatismus sich äußert – Vorsicht! Vorsicht!

Heute fühlbar: das Fehlen einer modernen, tiefgründigen Darstellung der Ursachen des II. Weltkriegs. Ich glaube diese Frage kann nicht beantwortet werden, ohne vorurteilslose Sicht auf die Politik der UdSSR und der Kommunisten überhaupt. (Ich spreche nicht von einer Mitschuld.) Diese vorurteilslose Sicht wiederum (nicht zu verwechseln mit leichtfertigen Schuldzuweisungen an die Kommunisten), erfordert ebenfalls eine tiefggründige Sicht auf die Ursachen des I. Weltkrieges.

Es steht in allem Ernst die Frage der Selbstausrottung der Menschheit.

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Die Erfahrungen des I. und II. Weltkrieges und die bisher dazu in der Vergangenheit gezogenen Schlußfolgerungen legen nahe, daß diese Gefahr Wirklichkeit wird. Welches neue Denken erforderlich ist, ist nach Gorbatschow in Ansätzen klar (in ersten Ansätzen). Ob das neue Denken Chancen hat zum herrschenden Denken werden zu können; wie es aussehen muß, um zum herrschenden Denken werden zu können (wie es sich mit Inhalt erfüllen und modifizieren muß) und vor allem – was kann ich selber tun, um nach meinen eigenen Kräften größtmöglich beizutragen? – all das sind offene Fragen. Und besonders quälend ist die fehlende Antwort auf die letzte Frage: Was tun? Für neuen Diskussionsstoff unter den Leuten ist gesorgt.

# Offensichtlich als Diskussionsstoff bis heute nicht erschöpft. #

Wortwechsel mit D. # Kaderchef des Ministeriums # Entzündet hatte er sich am Ausreiserproblem. Weiter zur notwendigen Konsequenz bei der Durchsetzung des Leistungsprinzips. Ich sage, daß dies nur mit politischen Konsequenzen zu realisieren sei. Er fragt nach Beispielen für notwendige politische Konsequenzen. Ich sage (nicht mit exakt diesen Worten): Die Manipulierung der Wahl. Er will mir das Gegenteil beweisen, kann es nicht, sagt: “Wenn Du das drüben bei Dir (im Lehrgang) sagst, bist Du fällig!“. Das ist das Diktat der Gedanken!

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28. August 1989 – Vor dem 2. Weltkrieg, Bündnispolitik

Freitag, Oktober 16th, 2009

Heftige Diskussionen mit C. über den täglichen 15-Minutenfilm nach der Tagesschau über die Zeit bis zum Kriegsbeginn vor 50 Jahren.

Viel gelesen in der Zwischenzeit.

Welches Schicksal nahmen eigentlich die Mitglieder des NKFD bzw. des BDO nach dem Kriege, besonders in der BRD?

Wie gestalteten sich eigentlich die Beziehungen zwischen der SU und Frankreich, England und den USA zwischen 1933/35 und 1938/39? (Woran scheiterten die hoffnungsvollen Ansätze hin zur kollektiven Sicherheit?) Steht hier nicht die Bündnisauffassung der Kommunisten in Frage? (Gerade in dieser Zeit trennte sich Münzenberg von der KP.) Und ist diese Frage nicht bis heute immer wieder in administrativ-bürokratischer Weise zu lösen versucht worden?

22. August 1989 – Medien heizen an

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


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Meldung mit mehrtätiger Verspätung – so als ob eine aktuelle Information ein ganzes Volk destabilisieren könnte.

In der „NZ“ 31 und 32 sehr gute Artikel zu den Streiks in der UdSSR.

Stark zu spüren ist die Anheizabsicht in den Medienäußerungen der BRD zum Ausreiserproblem. Zur Grenzprovokation Wahlhausen zunächst keine Informationen und dann Informationsgetue für Dumme.

Beginn einer 11-teiligen Dokumentation im BRD-Fernsehen jeweils 20 Uhr 15 bis 20 Uhr 30 zum Ausbruch des 2. Weltkrieges. Ihr erstes und letztes Wort ist Hitler/Stalin/Pakt – auch C. fällt darauf herein.

30. Juli 1989 – Post von Heiner H.

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


# (70. Geburtstag des ehemaligen Lehrers, früheren Flaksoldaten) #

Lieber P.!

Recht herzlichen Dank für Deinen Brief mit den Geburtstagswünschen und das Buch. Ich habe ja 8 Bücher bekommen, noch mehr Getränke und Blumen… Die Geburtstagsfeier verlief sehr harmonisch. Es war ein herrlicher Sonnentag. Gretl und Heide hatten alles gut vorbereitet, so daß die Gäste sehr zufrieden waren. Schule und Partei kamen schon am Vormittag. Zum Abendbrot waren beide Tische mit 15 Personen besetzt. Die Gehschwachen wurden mit dem Auto geholt und auch zurückgefahren.

Lieber P., das Buch von Dir habe ich gleich gelesen, weil ja doch Erinnerungen wachgerufen wurden. Es gibt ja einen Einblick von einfachen Leuten. Die Erlebnisse des Flaksoldaten kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich habe ja eine viel größere und wechselhaftere Reise mitgemacht. Die stärksten Bombenangriffe erlebte ich in Bremen. Doch die heikelsten Situationen kamen noch später, als man schon die Stimmen aus den Panzern hörte, der Chef war an der Schlagader verletzt, ein “Sani” drückte sie ihm ab, alles ging schön durcheinander. Das war noch linksrheinisch, später waren wir auch in Düsseldorf, wovon im Buch vom Einsatz die Rede ist. Obwohl der Soldat von einer durchaus angenehmen Zeit schrieb, hat er dann das Gefangenenlager nicht überstanden. So sind die humanen Amerikaner mit den Deutschen umgegangen…”

10. Juli 1989 - Soldatenbriefe - Zusammenbruch des Individuums

Freitag, Juli 10th, 2009

Tagesschau gestern sendet einen langen Spitzenbericht über die Republikaner. Waigel bestätigt seine revanchistischen Äußerungen. Honecker mit Gallenreizung in Bukarest ausgeschieden.

# Soweit ich mich richtig erinnere, erklärte auf dieser Tagung der Warschauer Vertragsstaaten Gorbatschow das Ende der “Breshnew-Doktrin”. #

Lektüre Popper - wichtig! N. Schmeljow ebenfalls wichtig.

“Zieh dich warm an” - Soldatenbriefe an Großvater Hebig zu seinem 75. Geburtstag geschickt.

Popper sagt - was ich zutiefst teile - der schwerste Angriff auf die Würde des Menschen ist die Angst. Gewalt gegen Menschen anwenden, heißt Kraft, Energie vernichten (statt sie Arbeit verrichten zu lassen). Bei uns werden unliebsame Vorschläge, so formulierte einst Rolf, “geerdet”. Seine Energie wirkungslos zu sehen, kann kein Mensch ertragen. er sucht nach anderen Formen der Kraftverausgabung. Unter ungünstigen sozialen und/oder subjektiven Bedingungen findet er diese nicht. Findet er auch keine Ersatz- oder Betäubungsformen, zerstört er die Energiequelle in sich selbst. (Wie alles Menschliche ist diese Energiequelle kein Fixum, sondern hat ein sozial und subjektiv bestimmtes (also veränderbares) Maß.)

Die Soldatenbriefe zeigen schreiend deutlich, wie der Radius meines Lebens kümmerlich bleibt, wenn ich nicht anders will. Der Mensch muß sich total als soziales Wesene verhalten, soll heißen:”als wenn er der König wär”. Marx: “enormes Bewußtsein”. Jedes Individuum ist ursprünglich “eNorm”. Die Soldatenbriefe enthüllen die unerbittliche Logik des totalen Zusammenbruchs. Sie besteht in der vollständigen Unterordnung unter einen fremden Willen. Formale Disziplinierung ist der Keim des totalen Zusammenbruchs. All das sehr heutig gemeint.

Mit großer Freude beobachte ich den Flug der Schwalben in Skaby und der Mauersegler am Arkonaplatz.


# Damit, am 10. Juli 1989, endet der Band 33 meiner Tagebücher, den ich beginnend mit dem 03. Januar 1989 hier im Blog begonnen hatte. #

10. Februar 1989 - Nagorny Karabach

Dienstag, März 10th, 2009


Gestern Rückfahrt von Wasungen, Fernsehertransport, Bücherkäufe in Meiningen,

viel gelesen, viel geistige Arbeit. Nichts spiegelt sich hier.

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# Solche Informationen hatte es bisher noch nie gegeben. #

07. Oktober 1982 – Heiner Lau

Donnerstag, Juni 26th, 2008


[…]

Wehmut nach dem Krankenhaus, d.h. nach den einfachen, mit viel Sympathie angereicherten Beziehungen dort. Hier muss ich erst lernen, mich richtig (gut für die Gesundheit) zu verhalten. Hab’ ziemlich viel geackert, um das Zimmer ein wenig zu säubern und herzurichten, hoffentlich nicht zu viel.

[…]Schwester Cordula, Heiner Lau - zwei Menschen, die einen völlig deprimierten, sogar gebrochenen, Eindruck machten. Bei H. Lau hab’ ich dies nur gespürt und verdrängt.

 

# Heiner Lau ist einer der Menschen, die ich getroffen und nicht begriffen habe, ein Mensch, zu dem eine Beziehung entstanden ist, die aber nie wirklich ausgesprochen bzw. definiert wurde. Er war ein grundoptimistischer, lebensfroher Typ.

 

 

Erstmals begegnet sind wir uns in jungen Jahren während unseres freiwilligen NVA-Dienstes (1958-1959). Er wurde zum FDJ-Sekretär unserer Batterie gewählt und versuchte, etwas „Schwung in den Laden“ zu bringen. Ich gehörte auch zur FDJ-Leitung, und unser gemeinsames Anliegen war es, eine interessante Wandzeitung zu machen. Eines Tages überraschte er uns damit, daß er eine neue Wandzeitungstafel mitbrachte – in ovaler Form, mit einem Loch darin. Wir diskutierten skeptisch, ob eine Wandzeitung solche Form haben dürfe (!) und „wagten“ schließlich das Experiment. (Einige Ausgaben unserer Wandzeitung wurden schließlich richtig populär, weil wir das Zeichentalent eines unserer Soldaten entdeckten und seinen Karikaturen viel Raum gaben.)

 

Unser Politoffizier, zu dem ich ein richtiges Vertrauensverhältnis hatte, war Heiner Lau gegenüber immer skeptisch eingestellt (ohne eine Begründung zu nennen). Ich verstand das nicht, übernahm aber tendenziell (in abgeschwächter Form) diese Haltung.

 

Nach der Armeezeit traf ich Heiner Lau, der ebenfalls in Berlin studierte und später dort als Dolmetscher oder Übersetzer arbeitete, gelegentlich in Berlin. Er war immer sehr erfreut, mich zu sehen. Beruflich kam er nur unter Schwierigkeiten voran. Seine Hoffnungen auf Auslandseinsätze erfüllten sich nicht. Gab es da eine republikflüchtige (wie es damals hieß) Schwester? Gab es da einen kirchlichen Hintergrund der Eltern?

 

 

Ich verspürte von seiner Seite mir gegenüber Offenheit, ich dagegen hielt immer eine gewisse Distanz. Weil mir seine Zuwendung zu heftig war? Weil ich vom „Politmißtrauen infiziert“ war?

 

Seit unserer Zufallsbegegnung während meiner letzten Krankenhaustage 1982 habe ich ihn nicht mehr gesehen. #

Als ich es bei Schwester Cordula verspürte, hab’ ich ein paar gute Worte gesagt. Es freut mich, daß L. (die all dies genauso empfindet) für Schwester Cordula eine Grafik zu überbringen hat.

Zum „Tag der Mitarbeiter des Gesundheitswesens“ werde ich „meine Klinik“ bedenken, das ist am 11.12.

Nun zu hause werden auch wieder Bilder usw. in dies Buch einkehren.

Fühle mich in einem Schwebezustand nicht belastender, fast schon wohltuender Einsamkeit.

Von Evi (und ihrer Generation) möcht’ ich wissen, wofür sie sich leidenschaftlich einsetzen.

Kollwitz, zum Kriege 1914-18, interessiert sie nicht.

W. Borchert, „Draußen vor der Tür“, interessiert sie nicht.

Sie wirkt eigenartig abgeklärt (sich nicht übernehmen). Für den Frieden kann man nichts tun. Ihre Freude an handwerklicher, dekorativer Arbeit.

26. September 1982 – unnütze Klarsicht

Dienstag, Mai 6th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel, Männix, Mischa und Reiner erzählen Armeestories:

“Schildkröte”, “Musikbox”, “Cremen und Löffeln”, “Schwarze Kuh”, “Schmeicheln”.

[…] Lesen: „Wissenschaft und Fortschritt“ 9/82. (Ökosystem Müggelsee), Goethe: „In meinem Beruf als Schriftsteller

Hören: (Kopfhörer): Schostakowitsch, Sinf. Nr. 5 Op.47, Lieder mit Ernst Busch, Robert Schumann, Messe op. 147 (nicht hinreißend)

Hebbel:

Kriege zu führen, ist die menschlichste Versuchung eines Fürsten“ (S.151) Und wenn er Recht hätte? Auch für unsere sozialistischen Fürsten? Gibt es Machtmißbrauch, so gibt es jeden Machtmißbrauch (zumindest der Möglichkeit nach). (Ist es ein Vorteil, wenn wir eine Art menschliche Automaten (anscheinend) an der Spitze haben? Sie kommen nicht in menschliche Versuchung? Aber als Automaten der Macht?)

 

# Eine charakteristische Eintragung: Hebbel regt mich zu einem sehr „bösen“, sehr „schlimmen“ Gedanken über unsere realsozialistischen Führer an. Mehr nicht. Ich bildete mir etwas auf mein „illusionsloses Denken“ ein, zog aber weder praktische (Zur gleichen Zeit war die Afghanistaninvasion der Sowjetunion.) noch ernsthafte theoretische Schlüsse. Ich erlaubte mir, vor mich hin zu „denkeln“. Weder von einem „eingreifendem Denken“, noch überhaupt von einem klaren, folgerichtigen und auf denkerische Konsequenz zielendem Denken kann die Rede sein. Ich „Kämpfer für eine bessere Welt“ hatte meine (selbst gestellte) Aufgabe längst verraten und mich, kritische Nörgelei pflegend, in den Verhältnissen eingerichtet.
In den Verhältnissen eingerichtet, meine kritisch nörgelnde Stimme via Blogs pflegend, bin ich auch heute. #

Nicht nach der Länge seines Armes, nach der Länge seines Auges muß der Mensch sein Glück messen.“ (154) Ja, aber… Ja, bin für Bewußtheit. Aber sollte es nicht Glück für Arm und Auge und Sexus und Gaumen und … also ein allseitiges menschliches Glück geben? Wobei jeder dieser Glücksmomente seinen Mangel an sich selbst haben müßte. Und vielfältige Spannungen zwischen diesen verschiedenen Glücksmomenten.

Emanzipation des Gassenkots muß man nicht verlangen.“ (154)

Daß so wenig Schriftsteller Stil haben, liegt in ihrer Unfähigkeit, dem letzten hohen Zweck die nebenbei erreichbaren näheren und kleineren zu opfern, überhaupt in der menschlichen Unart, mit jeglichem Schritt eine Art von Ziel erreichen zu wollen.“ (155)

Das ist eine grobe Wahrheit oder eine wahre Grobheit, keine Dialektik. Nimm „Klim Samgin“. Hier ist Stil und hoher Zweck, jedoch die Kleinigkeiten werden nicht geopfert, sondern für diesen hohen Zweck zum Leben, zum Tanzen gebracht.

Ist manches, was bei Hebbel als Geist erscheint, nur Extremismus? Ist kluger Extremismus nicht in Wahrheit eine wichtige Art von Geist? Ist wahrer Geist nicht immer auch extremistisch?

Niemand umfaßt das Element, worin er lebt, sondern das Element umfaßt ihn.“ (156) Solche Erkenntnisse sind ein Damm gegen den Brechstangenoptimismus mancher, die sich Marxisten-Leninisten nennen.

… wenn du wahrhaft liebst, mußt du wieder geliebt werden, denn die Natur berechnet immer eine Kraft auf die andere.“ (159)

Die Natur zerstört ruhig und gleichgültig das Schönste, was sie hervorgebracht. Das „erregt die Empfindung ihres unvergleichlichen Reichtums, ihrer unerschütterlichen Sicherheit, ihres unverrückbaren Ziels.“ (160)

[…]Dichten: Der gemeine Stoff muß sich in die Idee auflösen und diese sich wieder zur Gestalt verdichten (164). Statt das Geistige zu verkörpern, vergeistigen sie gern das Körperliche. (169).

Das Kunstwerk: Grenzenlos in Bezug auf den Inhalt, begrenzt in Bezug auf die Form. (166).

Das Denken erscheint als bewußtes Gefäß des Unbeschränkten und ist daher beschränkt. Das Darstellen wirkt im Beschränkten ein Unbeschränktes. (Daher sind alle philosophischen Systeme abgetan worden mit der Zeit, aber kein einziges Kunstwerk.) (168)