Archive for the ‘Kunst’ Category

15. März 1990 – wie der ideologische Bruch verläuft

Mittwoch, Februar 1st, 2012

Gestern übrigens befragte Gaus Christof Hein. Die Sendung brachte wieder nicht sehr viel. Wie auch diese Literaturbeilage zeigt,

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sind viele Literaten von tief greifender Verwirrung und Resignation befallen und neigen dazu – ihrem Metier entsprechend – diese ihre Befindlichkeit sehr subjektiv zu nehmen und dann zum Weltproblem aufzutürmen. Bei dieser Beschränkung auf’s Subjektive schieben sie sich unter oder lassen sie sich unterschieben viel Meinen des Tages für ernste Tatsache. Solche Sätze wie: “Wie konntet ihr das nur alles mit ansehen…“ oder „Vom Westen aus ist da natürlich leicht zuzuschauen…“ und „Obrigkeitsmentalität in der DDR“ und „welch ein Umschlag in jenem Herbst“ – solche Sätze anscheinender Gewißheit greifen doch entschieden zu kurz; stellen fest, sind fertig, wo doch eigentlich die ersten Fragen anfangen müßten.

Die Ideologen spüren, dass wir uns (ungewollt schnell) aus dem „realen Sozialismus“ verabschieden müssen, und alle stehen unter dem Druck, mit dem realen jedem Sozialismus abschwören zu sollen und ebenso unter dem Druck, zu leugnen, dass der „reale Sozialismus“ doch auch schon Sozialismus war und …

Druck, Druck, Druck, (übrigens nicht nur „des Volkes“ sondern ebenso deutlich „des Klasssenfeinds“) und dabei vergessen sie, dass man den Marxismus-Leninismus nicht per Volksabstimmung abschaffen kann. Durch das, was wir erleben, ist der Marxismus-Leninismus nicht widerlegt. Er bedarf der tiefgründigen Kritik, der Erneuerung. Er ist fähig, eine höhere Stufe zu erreichen. Die Voraussetzungen dazu sind gegeben. Welche?

 # Heute, 22 Jahre nachdem ich das geschrieben habe, halte ich den M-L nach wie vor für nicht widerlegt. Das ist eine Aussage, die angesichts der Tiefe und Dauer seiner Niederlage, gewagter als damals erscheinen mag. Seine andauernde Stagnation erkläre ich zu einem guten Teil mit dem Ausbleiben bzw. der Oberflächlichkeit seiner Selbstkritik. Ich hatte kühn geschrieben, daß die Voraussetzungen seiner Erneuerung gegeben seien. Das war bloße Behauptung. Ich habe dazu nichts ausgeführt. Heute (in diesen Tagen) sollte ich mir die Mühe machen, diese Behauptung zu begründen. Auch wäre heute mal zu schauen, ob vielleicht doch Momente seiner Erneuerung bereits existieren. #

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So sieht der Wahlzettel unserer ersten demokratischen Wahl aus.

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Gestern hat Schnur nun seine Stasi-Mitarbeit zugegeben.

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Gestern Abend die Idee, aus der ZF eine Managervermittlung zu machen. 

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05. März 1990 – hin und her gerissen

Donnerstag, Januar 12th, 2012

Vielfältige und etwas hektische Aktivitäten zur Weiterführung der ZF.

Und zur Erringung von Gewerberäumern.

Und zur Durchführung des PDS-Wahlkampfes.

Heute mit Stoffer, - Deutsche Post, PZV verabredet.

War bei Heinrich, DGB, kurze freundliche Begegnung. 3 Disketten im KaDeWe gekauft.

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01. März 1990 – Hektik

Donnerstag, Januar 12th, 2012

Hetzjagd durch die Zeit.

Dokfilm über Berlin 45-49, mittelmäßig.

Frühs bei H. S. wegen Gewerbe und Raum.

Jagd nach einem polizeilichen Führungszeugnis.

Paß abgeholt.

Ganztagsvortrag von Prof. Dr. Graichen kommt an.

18. Februar 1990 – Ich sortiere alte Nummern des „Eulenspiegel“ aus

Samstag, Januar 7th, 2012

# die „Funzel-Seite“ mit den züchtigen Nackedeis #

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12. Februar 1990 – Zeichen der Ernüchterung?

Montag, Januar 2nd, 2012

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Einkäufe am Freitagabend und Sonnabendfrüh in sehr geleerten Kaufhallen. Unter dem BRD-Druck flüchten die Leute so gut es geht in Sachwerte.

# Zwei oder drei Jahre später lernte ich zufällig eine Frau kennen, die ihre ganze Garage mit Lebensmittelkonserven angefüllt hatte und sich immer noch (notgedrungen, denn zum Wegwerfen waren sie ihr zu schade) weitgehend von diesen Vorräten ernährte! #

Am Samstag - C. arbeitet bei der Berlinale – mit F. zum Flughafen Tegel, danach zum Wachsfigurenkabinett am Kudamm und Zauberwurm Fipo. Am Sonntag mit F. in „Und rückwärts laufen kann ich auch“, guter DEFA-Film.

Bei L. und Johannes sorgenvolles (ernüchtertes) Gespräch über Zukunft der DDR.

Zu Hause Arbeit am Zukunftspapier für die Weiterbildungseinrichtungen des MMB

# („Ministerium für Maschinenbau“, das an Stelle der fünf  Industrieministerien gebildet worden war und in das ich später übernommen wurde.) #

In der heutigen BZ die Antworten der neuen Minister deuten auch auf eine gewisse DDR-Besinnung hin.

„Atame“, „Fessle mich“, mein erster Berlinale-Film. Nichts! Das sollte unterhaltend sein. Es war „frauenfeindlich“.

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09. Februar 1990 – von der Euphorie zur Überlegung?

Montag, Januar 2nd, 2012

Wir sahen gestern Fernsehgespräch mit Modrow und H. Schmidt. Mir wurde so richtig bewußt, daß die Menschen beginnen, sich ernsthaft Sorgen um ihre soziale Sicherheit zu machen. Ich denke (und hoffe noch mehr), daß die Euphorie langsam in kühles Überlegen übergeht. Herr Abend hat mit seinen Ausführungen zu Schüleressen und Schulhort hier wie ein Katalysator gewirkt. Daraus wächst bei mir die Idee zu einer WBA- bzw. Bürgeraktivität. Bald dazu mehr.

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Bei Frau Beringer, HPA8, Kadervorgespräch. Sie nimmt mich auf eine Warteliste.

07. Februar 1990 – DDR nicht wegwerfen!

Donnerstag, Dezember 29th, 2011

Wir sollten die Souveränität der DDR nicht einfach wegwerfen. Sie ist das einzige Instrument, das die Menschen hier zum Schutz ihrer Interessen haben. Und: Man kann 40 Jahren DDR nicht mit der Haltung gegenübertreten, möglichst viel möglichst schnell zu verdrängen. Die Vergangenheit holt uns immer ein.

 Hinaufarbeiten zum Marxschen „enormen Bewußtsein für das Gesellschaftsganze“. Nur so wird reale ´Demokratie möglich. Aber noch mehr umgekehrt: Dies wird nur bei realer Demokratie (Basisdemokratie!) möglich.

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Anruf von Marion Grothe, die mir einen Kontakt zum Postamt 8 vermittelt. Meine Vorstellungen zum Bürgerrat teilt sie. Zu diesem Thema auch Gespräch mit Noeske und dem Bürgerkomitee 14 (Prenzlauer Berg) zur Vorbereitung des 15.2. (WBA).

Gespräch mit Thierfeld zur Konzeption der Zentralschulen und der ZF.

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31. Januar 1990 – am Punkt 0

Mittwoch, Dezember 14th, 2011

Anruf von Kerstin Kluge, die wohl wegziehen wird.

Filter # unser vorläufiger WPO-Sekretär # stimmte gestern meinem Beschlußpapier zu.

Ich erlebte mit den Parteiaustritt des Oberstleutnant Jeromin - schäbige Typen.

Heute bei Döring, der energisch die Auflösung der ZF betreibt. Wir sind für weitermachen. Dem  Minister wir der Entscheidungsvorschlag zugeleitet. 

Kurzer Besuch bei Anneliese. # unsere langjährige Sekretärin an der ZF, die bereits eine andere Arbeit angenommen hatte # Dann im „Haus der Demokratie“ Programmpapiere eingesackt.

15x mein Beschlußpapier für die WPO abgezogen und noch einmal 15 x.

Döring meint, nach aufgelöster ZF soll ich im Bereich Weiterbildung des MMB anfangen. # MMB – neugebildetes Super-Ministerium für Maschinenbau #

Ich stehe am 0-Punkt.

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24.Januar 1990 – Besuch beim DGB Westberlin

Mittwoch, Dezember 7th, 2011

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Ab Mittag nach WB zum DGB-Landesverband. Dort lerne ich Herrn Rainer Heinrich kennen. Ich frage nach den Mitbestimmungsrechten der Gewerkschaften in der Marktwirtschaft, und er überrascht mich mit der Mitteilung, daß sie keine Mitbestimmung haben. Dafür hätten wir in unserem Arbeitsgesetzbuch viel bessere Voraussetzungen, die bloß nicht zum Tragen gekommen seien. Wir seien, statt eine sozialistische Marktwirtschaft aufzubauen, auf dem besten Weg, die kapitalistische Marktwirtschaft zu übernehmen. Wir seien konzeptionslos, die BRD habe schon seit 60er Jahren eine detaillierte Konzeption für diesen Weg (an der übrigens auch der DGB mitgearbeitet habe). Wir einigen uns schnell darauf, dass er bei uns im Lehrgang dazu spricht. Er beansprucht keinerlei Honorar.

Es ist eine Schande, dass wir auch solche Beziehungen in der Vergangenheit nicht gepflegt haben. Wir durften es nicht aber es ist mir auch gar nicht in den Sinn gekommen.

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Danach bummel ich noch längere Zeit in der Stadt herum. Da keine Schlange davor ist, momentan, „besteige“ ich auch erstmals den Beate Uhse Laden am Bahnhof Zoo und ergötze mich lange an den dort zugänglichen pornographischen Magazinen und Büchern. Besuch im Sexkino um die Ecke, wo ich mir eine Stunde lang wechselnde Geschlechtsakt anschaue, zeitweilig angeregt, später abschweifend ernüchtert.

 Zu Hause ist C. Wir besuchen abends noch „Hundeherz“ in der Volksbühne.

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Auf die heutige Versammlung zum Bürgerkomitee Arkonaplatz bezogen sagte sie, ich könne ihr ja erzählen, was dort war. Ich lehnen das brüsk ab. Wenn es sie interessiere, könne sie selber hingehen, sage ich. Informationsübermittler zu spielen, habe ich keine Lust. Sie erzählt noch paar Einzelheiten aus dem Gespräch mit Rolf L. – weinerliche Tatsachenbeschreibung, wie das Leben immer schlechter wird.  

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22. Januar 1990 – Die große Niederlage. Wie ist ein Neuanfang möglich?

Montag, Dezember 5th, 2011

# Nachstehender Artikel von Prof. Werner Gilde, Direktor des ZIS “Zentralinstitut für Schweißtechnik”, Halle. Prof Gilde war eine ingeniertechnische und darüber hinaus intellektuelle Autorität in der DDR. Sogar Wikipedia kennt ihn heute! #

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Gestern mit F. und C. in dem schönen Film „Die unendliche Geschichte“

Heute 5 Stunden „Runder Tisch“ während der Arbeit gehört.

Ich entwerfe ein Flugblatt für meine WPO, für die PDS, gegen die SED.

Mit C. im Dokfilm „Unsere Kinder“. Vorher im „Alten Schönhauser“ Tischgespräch mitgehört von einem, der am Montagssturm auf das Stasigebäude dabei war. Er habe dort nur Ruhe und Ordnung gesehen, keine Ausschreitungen, „vielleicht ist da mal ein Schränkchen aus dem Fenster geflogen“. Mit C. hinterher Streit darüber. Ich sage: „Wenn erst einer aufgehängt wird, dann werden auch tausende im Land bezeugen, dass dort, wo sie waren, völlige Ruhe herrschte.“ Dazu erbitterte Polemik zwischen uns. Ablehnung dieser Denkweise durch C.

 Ernst bewegt hat mich an diesem Tag nebenstehende Kohl-Erklärung: 900122-2.jpg

Das heißt Einverleibung der DDR in ein NATO-Bundesdeutschland! So der Klartext, der nicht ins öffentliche Bewusstsein - wenn es so etwas überhaupt gibt - dringt. Der deutschnationale Alleingang wird für ernstzunehmende BRD-Kräfte eine reale Möglichkeit! Die Perestroika hat eine ganze Zeitetappe innerer tiefgreifender Spannungen und Umbrüche vor sich. Die Sowjetunion wird so geschwächt werden, dass ihre Rolle als Weltmacht in Frage steht. Das kalkuliert das deutsche Großkapital kühl ein. 

# in Wirklichkeit war die Perestroika bereits tot bzw. sie war selbst der Untergangsprozeß der SU. Wie ich doch Grundzusammenhänge nicht gesehen habe! #

 

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Berghofers Austritt ist ein ernster und niederträchtiger Schlag gegen die SED. Der PDS mangelnde Erneuerung vorzuwerfen und zugleich dagegen „sozialdemokratische Programmatik“ zu unterstützen, ist ein Widerspruch in sich. Die Programmatik der PDS ist ja gerade ihre Stärke. Von ihr braucht man sich nicht abzugrenzen. Für ihre Realisierung hätten diese Exgenossen ja verantwortlich in der Zentrale wirken sollen, statt sich nach Dresden zu verkriechen.

Am Wochenende Statut und Programm der SPD aufmerksam gelesen. Jedem wird alles versprochen! Keine Präzision! Besonders wird jede Klarheit in der Frage des Eigentums vermieden. Man sei für „gemeinwirtschaftliches Eigentum“ – kein Mensch kann damit eine klare Vorstellung verbinden - behaupte ich. Ebenso zur Souveränität der DDR. Und völlig ernüchternd im Statut: die Unabhängigkeit der oberen Parteiorgane von der Parteibasis! Da lassen die alten erfahrenen Parteistrategen der SPD „keine Luft“ ran.

SPD - eine Partei, die die Reform dogmatisiert.

Kommunisten – eine Partei, die die Revolution dogmatisiert.

Gebraucht wird eine Partei, die immer das Nötige machen kann, - einmal die Reform, dann die Revolution, dann wieder die Reform… Eine solche, wirklich sozialistische Partei gibt es nicht.

So war das Wochenende von schweren Gedanken erfüllt. Und es scheint, dass wir zwar einen Ministerpräsidenten haben, der sich bravourös schlägt, aber keinen Parteiführer, der der Härte dieses politischen Kampfes gewachsen ist.

Ich entschließe mich, ein PDS-Flugblatt für unsere WPO zu entwerfen (angeregt durch ein Flugblatt in der Mensa).

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 Ich denke: Man kann sich nicht aus einer Partei verabschieden, ohne für sie wirklich gekämpft zu haben. (Viel gehen jetzt noch schnell klammheimlich, Nasdala z. B. wittert nach allen Seiten, wann denn nun sein günstigster Absprungtermin ist.) 900122-4.jpg

Und einige haben die Illusion, nun flugs eine neue KPD zu gründen. Solche Narren! Als ob man dadurch die Vergangenheit loswerden kann. Keiner nimmt uns ab, all unsere Irrwege wirklich bis zum tiefsten Grund aufzuarbeiten. Das haben wir noch nicht geleistet. Danach wird – so bin ich überzeugt – ein Neuanfang möglich.

 # Der Übergang zu sozialdemokratische Positionen ist der Versuch derer, die dazu nicht fähig sind, gründlich  zu sein. #

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