Archive for the ‘L.’ Category

05. Juli 1989 – das Totschweigen!

Samstag, Juli 4th, 2009

Gestern F. und L. zur Bahn gebracht, nach Rumänien/Bulgarien.

C. erzählte von der kontroversen Diskussion bei der Vorstandstagung des VFF # VFF- “Verband der Film- und Fernsehschaffenden”, wo sie arbeitete # und davon, wie Erich Hahn unter aller Kritik aufgetreten sei.

Heute Agitatorenanleitung im MSAB. Ich bin mal wieder dabei. Denda und Ritter greifen den Bericht M. Dittrichs an (zur “Konterrevolution in Peking”, er selbst ist nicht da.) Ich nehme noch einmal zur Kommunalwahl Stellung. Ich erlebe wieder, (genau wie C. am selben Tag) die Taktik des Nichreagierens der Verantwortlichen, des Totschweigens.

Tiefe moralische Krise unseres Systems!

Hab’ wieder etliche APN-Broschüren gekauft, so auch N. Schmeljow - überzeugende Qualität!

# APN-Broschüren - APN war ein sowjetischer Verlag, der aktuelle politische Materialien fremdsprachig, darunter auch in deutsch veröffentlichte. In Berlin war es möglich, diese Perestroika-Literatur (die inzwischen offiziell verpönt war) im HdSWK, dem “Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur” in der Friedrichstr. zu bekommen. #

 

28. Mai 1989 – Wochenenderholung in krisenhaften Zeiten

Dienstag, Juni 16th, 2009

Schönes Wochenende mit C. in Schmachte. Dach der Laube geteert, Pflanzenpflege. Mit den Nachbarn Autogeburtstag gefeiert. 2x zum Tonsee geradelt. Die Kinder dort sagen:”Die Russen haben Stickstoff reingeleitet.” Prompt wäscht sich, auf das Gerücht hin, C. gleich nach dem Baden.

Rückfahrt über den Heinersdorfer Garten, bei F. und L. vorbei.

Im Garten L.s Freundin Steinhöfel erzählte, daß der Freund ihres Sohnes Peter diesmal zusammen mit seinem Bruder erstmals wählen wollte (mit Rücksicht auf Freundin und Kariere). Dabei erfuhren sie (mit ihrer Wahlbenachrichtigungskarte in der Hand), daß sie schon im Sonderwahllokal gewählt hatten!

Abends in der Badewanne erbitterter politischer Streit mit C. um den Fragenkomplex Mehrparteien- oder Einparteiensystem im Sozialismus. C. meint, es müsse unbedingt mehrere gegensätzliche Parteien im Rahmen einer sozialistischen Verfassung geben. Ich meine, daß mir nicht genügend zwingende Kriterien gegeben sind, um diese Frage zu entscheiden.

21. April 1989 - Grundbuchänderung; “Sonntag”

Montag, Juni 8th, 2009


Gestern Abend kleine Wahlveranstaltung, dann Handarbeiten. Zu Hause lese ich den “Tangospieler” zu Ende. Ich halte es für ein sehr gutes Buch.

Heute zum Notar; mit L. zum Notar, anschließend im Cafe “Ephraimpalais”. Brief an Liegenschaftsdienst Oranienburg abgeschickt wegen Grundbuchänderung Schmachte.

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In der Galerie “Ephraimpalais” Konrad Knebel, wirklich sehr gut.

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 Lesenswerte Beiträge aus dem “Sonntag” 16/89.

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# Hans Vent gehört für mich zu den wichtigsten bildenden Künstlern der DDR.#

08. Oktober 1982 – Dresdner Kunstausstellung und Sozialismus

Dienstag, Dezember 2nd, 2008

Hören: Haydns “Die Schöpfung” in der Schloßkirche Buch

Gestern beim Spazierengehen erzählt L. von der Dresdner Kunstausstellung. Unsere Auffassungen harmonieren sehr in diesen Fragen. Das Malerische habe keine Chance in dieser Ausstellung. Riesenformate dominieren und “Leipziger Schule”. Sie vermißt die Haltung der Künstler. Jedoch, das Schlimme ohne erkennbare eigene Haltung darzustellen, sei auch wieder eine Art Realismus. Den Politikern müßte, recht besehen, bei vielen dieser Bilder grausen. Sie sagt, man könne nicht den Arbeiter malen, wenn man ihn mal 4 Wochen studiere. Mayerl habe das gekonnt. Vieles in Dresden sei auch Rekordjagd, etwas Ausgefallenes bieten. Viele Arrivierte wiederholen sich. Plenkers sei ihr aufgefallen.

Vieles, was sie da sagt, klingt wie Zustimmung zu mir. … Sie meinte, ich solle ruhig etwas zu Dresden schreiben. Diese Absicht hatte ich nicht, da an eine Veröffentlichung nicht zu denken ist. Jedoch jetzt faßte ich den Entschluß. Ja, ich betrachte diese Ausstellung sehr genau und schreibe rückhaltlos, sogar zugespitzt meine Meinung: für mich, für die Schublade, für einige Freunde (Bernd Wagner, Hans Vent, Dieter Goltzsche, Karl Heinz Schatte, Kurt).

Eigentlich ist der Sozialismus ein umgestülpter Imperialismus. Er schafft die ersten, die allerelementarsten Grundlagen dafür, daß der Mensch einmal anders werde. Diese sind Frieden und sinnvolle Arbeit (Das sagte auch mal Andersen-Nexö.) Wir sind noch weit davon entfernt, diese Grundlagen sicher geschaffen zu haben.

Insofern ist der “vergessene Humanismus” in unserer Praxis einfach Ausdruck dafür, daß sich das Wesen unserer Entwicklung real deutlicher ausprägt. Nur das Bewußtsein dieser Tatsachen dürfen wir anscheinend noch nicht haben. Die Künstler beginnen es zu formen (Granin, Aitmatow). Die Theorie darf (und kann) es bei weitem noch nicht formulieren.

19. September 1982 – Kunst für den Nichtüberfütterten

Dienstag, April 8th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel anwesend, vormittags Spaziergang im Park von Buch mit Eva, Monika, Reiner, schöner Park, danach bin ich ganz schön kaputt, Kopfschmerzen; abends Skat mit Monika und Reiner; Monika, 30 J. Ist Ökonomin im Patentamt, Kind 5 J, in 14 Tagen ist Scheidung. Jede Regung ist in ihrem Gesicht zu lesen, ein netter Mensch, strahlt mich an, ganz unanregend.

[…] Hören: (Kopfhörer): Orgelmusik von J. G. Walter, Lieder mit jungen sowjetischen Solisten, abends: Rias: Nietzsche

In der Nacht zu heute höre ich von dem furchtbaren Massaker Israels/Haddads in Beirut. Schrecklich diese Ohnmacht.[…]

Finde seit einiger Zeit oft Schreibfehler aus Nachlässigkeit. Sicher Folge der derzeitigen Schwäche. Oder auch schon erste Abbauerscheinungen? (Die Verkalkung kommt schleichend.)

Trockener Humor Reiners: Ein Mann fährt im Auto an uns vorbei. Er hat sehr rote Lippen. Ich sage:“Entweder spricht er viel, oder er küßt viel.“ Reiner:“Oder er fährt jetzt zum Abschminken.“

Wenn eine Gruppe zusammen ist und die anderen passiv sind, fängt bald Einer an, sich zu spreizen. […] Wichtig, daß die Bewunderung stets auch kritisch ist, daß die eigene Position gewahrt bleibt. Wie kann man kritiklose Bewunderung schadlos überstehen? Man muß sich die Kritiker suchen

Die Orgelmusik von J. G. Walter (noch nie gehörter Name) jagt mir Schauer über den Rücken (wie tags zuvor manche Passagen der „Rusalka“). Wie wichtig, neu, kraftvoll ist Kunst für den Nichtüberfütterten (der sie verstehen kann)! Ihre Notwendigkeit erlebe ich neu. […] Bachs Oratorien vollauf erlebt zu haben (nicht, sie entdeckt zu haben), das gehört in die Zeit mit L, gehört zu dem Dank, den ich ihr schulde. Ich kann schon mit Freude an das denken, was ich L. Verdanke.
Neue Deutsche Welle“ - „Detlef“ z. B., raffiniert gemacht, d.i. schon ästhetischer Genuß der Gemeinheit – Dekadence.

 

29. Juli 1982 - weiter krank

Montag, Februar 4th, 2008



[…]
Lesen: Goethe, “West-östlicher Divan”, Fühmann, “Pavlos Papierbuch”
[…]
Meine Ablösung von L. erlebt eine neue Phase. Das Wahrhabenmüssen aber noch nicht wahrhaben können geht zu Ende. Ich empfinde zunehmend Befreiung (neben allem Bedauern, das bleibt, aber nun mehr rational vermittelt wird.) Die Folge ist auch ein ausgeglicheneres Verhalten zu ihr.

Heute viel unterwegs, viel gesessen, viel gelaufen. Jetzt bin ich wie gerädert und 2x ausgerenkt. Ich bleibe Hinkebein. Die Ärztin heute sagte, wenn es keine Fortschritte gibt, wird eine Operation wahrscheinlicher. (”Manuelle Therapie” hält sie nicht für möglich.)

In guter Stimmung heute den Lehrgang verabschiedet. Auch G. bleibt weiter krank.

F. entdeckt im Hintergrund des Fernsehbildes Springbrunnen.
Ich:” du hast aber gute Augen, einen guten Blick.” Er: “Ja, einen guten Augenblick.”

22. Juli 1982 - Lebensmitte

Samstag, Februar 2nd, 2008


[…]
Jetzt werde ich 42 Jahre alt: Das heißt, ich gehe in die zweite Hälfte des von mir anvisierten Alters (84).
Doch man kann es auch anders sehen: Bald gehe ich auf die 50, und lass es nicht zur 84 kommen, sondern nur zu, sagen wir, 75. Dann heißt das, ich bin schon weit in der zweiten Hälfte, gar schon beim letzten Drittel.
Als ich L. kennenlernte, war ich 35. Das waren noch die letzten Ausläufer des Jung-Mann-Alters. Sind es auch diese Dimensionen, die diese sechs Jahre so bedeutsam und ihren Verlust so schwerwiegend machen?
Mir scheint, dass jetzt jedenfalls eine neue Arbeit einen wichtigen Aufschwung bringen könnte.
[…]
Bisky stellt fest, dass heute viele Informationen des Rundfunks, auch zum Teil des Fernsehens beiläufig aufgenommen werden, als Nebenaktivität. Andersherum kann man sagen, viele Sendungen sind so flach, dass man sie überhaupt nur nebenher konsumieren kann.
Unsere Zeit der ewig hämmernden Beat-Schläge.

Dax # Freundin von L. # fragt (in L.s Gegenwart) was im Garten mir gehört. Ich sage:” Mir gehört hier gar nichts. Ist alles nur geborgt.”

# In den Garten, der L. gehörte, hatte ich viel Zeit aber auch einiges Geld eingebracht. #

 

19. Juli 1982 - Ein Hundewelpen und Feigheit

Donnerstag, Januar 31st, 2008

[…]
Lesen: Burchard Brentjes:”Die Söhne Ismaels”
Ich reime: “horizontal”
[…]
große Traumszenen, Traumflächen, Fahre mit Vati im alten DKW eine neugebaute Autobahn nach Eisenach, ein himmelsteiles Stück dabei, dass wir aber bewältigen.

Diskussion zur Kollektivarbeit.
Das alles lenkt mich von der Selbstbschäftigung ab, und ich fühle mich nachher viel besser als vorher. Bin ich nun wirklich so krank oder ist vieles davon eine ungute Selbstfixierung? (Die Taubheitsgefühle bleiben “zuverlässig”, die Schmerzgefühle sind sehr wandelbar.)

Habe G. nicht den Satz gesagt, dass ich mich entschuldige, seinen persönlichen Baustofftransporter für meine Behandlungstermine beansprucht zu haben. Habe gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Aus Feigheit? Passte es nicht zur Situation? Bin mir selbst nicht gut deswegen.

Peter Schwarzbach schickt ein Hundewelpen in unserer Wohnung. Ausgehend von Vroni läuft es über die Stationen Jakob - L. - Schwarzbach/Jakob - L. - Gerhard - Christine -L. - Balko - L. Keiner will es haben. Vroni hatte schonmal vor Jahren einige Küken ihrem Vergnügen geopfert.
Alle sind sehr für ländliche Romantik. Nur praktisch darfst nicht werden (L. nehme ich davon aus.)

18. Juli 1982 - Burchard Brentjes, Hans Mottek

Donnerstag, Januar 31st, 2008


[…]
Lesen: Burchard Brentjes:”Völker am Jordan”
Hören: SFB III, Brechts Verhöre in den USA, Nordsee Verschmutzung
[…]
Viel geträumt in der Nacht. Große ausgedehnte Szenarien, Fahren mit Rolf, erst Auto, dann Motorrad, in der Dunkelheit unter konspirativen Bedingungen, große Auseinandersetzungsszene zum Ende des Lehrgangs mit G. Habe keine Lust, mehr davon aufzuschreiben.
Fühle mich wieder schlechter, das Bein brennt. Die Taubheit erfasst alle 4 Zehen und den großen Onkel halb. Ob das von den Bädern und Einreibungen kommt? Das Warten und machtlose Registrieren nervt.

Das Buch von Brentjes entrollt ein großes Panorama. Ich erfahre von Kulturblüten, von denen ich nach wie vor viel zu wenig weiß. Das mal selbst erleben!

# Hier ist eine der seltenen Stellen, wo ich mal eingestehe, daß ich gern reisen würde. Die Felsenstadt Petra, von der Brentjes berichtet, hatte meine Phantasie  angeregt. Allerdings habe ich diese Reise bis heute nicht unternommen. #

Goethe, “West - östlicher Diwan”! Es ist ungemein befreiend, mal über unseren griechisch - römischen Kulturkreis hinaus etwas zu erfahren.
Jetzt hat es für mich einen Inhalt bekommen, wenn Motteks Schwester sagte, Begin sei ein Mystiker. Danach sieht tatsächlich die vorsätzliche Schreckenstat von Dar Yasin aus, die jetzige Blockade Westbeiruts hat etwas davon; ein imperialistischer Politiker, der zugleich in einem historischen Wahn handelt, darin Hitler ähnlich.

# Zu Prof. Dr. Hans Mottek siehe hier. L. hatte den Auftrag für ein Portät von Hans Mottek. Wir blieben darüber hinaus in freundschaftlichem Kontakt. Seine Schwester lebte in Israel. Wir lernten sie bei einem ihrer häufigen Besuche in der DDR kennen und tauschten natürlich intensiv unsere Meinungen aus. #

Borniertheit, Unwissen; Verachtung, nur weil etwas anders ist (die Bauarbeiter und der Barfuß-Mann am U-Bahnhof Thälmann Platz). Das materielle/politische Interesse und nicht die Einsicht!

16. Juli 1982 - “Liebe”

Dienstag, Januar 29th, 2008


[…]
Lesen: Lunatscharski, “Lenin”
[…]
Solche Nervenentzündung ist ein erstaunliches auf und ab. Hatte ich nachts nicht gut warm gelegen? War ich zu schnell zum HdM gelaufen? Das Hängen, der Rückweg waren eine Qual. Ja, selbst jetzt, nachmittags, reißt es enorm, wenn ich mal aufstehe (eigentlich brennt es).
[…]
Wir gebrauchen die Begriffe der Wissenschaft sehr selbstverständlich in unserem Leben, überhaupt allgemeine Begriffe, Abstraktionen. Vielleicht sollten wir damit viel vorsichtiger sein, denn das Leben ist gar nicht abstrakt, und unversehens haben wir das ganz verzerrt bezeichnet und so missverstanden.
[…]
Ein solcher Allgemeinbegriff ist z. B. “Liebe”. “Liebes”beziehungen waren für mich bisher beschränkt auf Christel und L. Und sprachlos war ich, um mein Verhältnis zu Annemarie, Margot, Helga, Karin zu bezeichnen (oder vielleicht auch das zu Marlies Glöß). Das Leben zwingt einfach dazu, nicht nur ein großes, umfassendes, “vollkommenes” Verhältnis als Liebe zu bezeichnen. Schon allein deshalb, weil sich diese Vollkommenheit doch als eine Frage recht kurzer Zeit erweist (2 bis 3 Jahre). Die Verhältnisse zu Margot oder Helga oder Annemarie hatten, haben von vornherein nicht diese Vollkommenheit. Sie erfassen nicht den ganzen Menschen. Aber dennoch: In bestimmter Hinsicht bin ich allen diesen Frauen “von Herzen gut”. Ich weiß, daß ich ihnen wehtue, sie vielleicht sogar quäle aber es tut mir leid (es quält mich selbst). Ich fühle mich kaum verantwortlich für solche Misere, nehme es wie Schicksal, dem wir alle unterworfen sind.
Es hat keinen Sinn, “Liebe” in schwindelnde Höhen zu heben und sich in der Zwischenzeit verschämt mit “Sex” zu begnügen. Liebe ist ein Feld, hat eine riesige Spannweite, viele Gesichter. Das Gemeinsame ist eine “völlige Intimität” im Menschlichen vermittelt durchs Geschlechtliche. Die “völlige Intimität”, die zwei Sonnen monate- oder jahrelang umeinander kreisen läßt oder als einmaliges, momentanes Streifen aneinander (und alles, was dazwischen liegt).