Archive for the ‘L.’ Category

13. Juli 1982 - Zusammensein mit F.

Montag, Januar 28th, 2008


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Lesen: Musil, “der Mann ohne Eigenschaften”
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Die Versicherungstante gestern kam in Begleitung einer munteren, sehr jungen, dreisten Frau, ihrer Nachfolgerin? Fast noch knabenhafte Figur, sehr rote volle Lippen, dunkle lebhafte Augen, ein schönes Modell.

Viel geschlafen und viel geträumt in der Nacht. (Die ausgiebigen Träume bezogen sich auf das Zusammensein mit dem Lehrgang, ich war neuer Student in der Sowjetunion, Studentenheim, viele Leute) Woher so viel Schlaf? Erschöpfung vom Heimweg vom HdM und von der F. - Versorgung?

# HdM = “Haus der Ministerien”, in der dortigen Physiotherapie fanden meine Behandlungen statt. #

F. gestern Abend ist dreimal aufgestanden. War offensichtlich von der Gartentour stark beansprucht, müde und zapplig. Beim dritten Mal ließ ich ihn eine halbe Stunde neben mir liegen. Das war sehr schön! Wir pusten uns an. Er schmiegt sich an, kräuselt die Nase. Und immer wieder (auf das Aktfoto am Regal weisend):”Die Oma ist nackigt.” Sie hat Haare, Augen, Nase, Mund, “ist nackigt”. Drei-, viermal stellte er fest, dass die Oma nackigt sei (mit einem besonderen Ausdruck, Verschämtheit?).
Am Morgen hatte ich ihm gleich Stift und Papier geschenkt:”schrieben, Mama”. Mama entdeckt er auch auf dem Bild über meiner Tür, ich sage ihm, dass Sie bald wiederkommt. Sonst ist aber von ihr nie die Rede.

08. Juli 1982 - nach einer Trennung

Donnerstag, Januar 24th, 2008


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Fernsehen: endlos Fußball, WM Halbfinale Polen - Italien, BRD - Frankreich

Kann ich mich zu einer neuen Einstellung gegenüber L. erheben? […] Wenn wir miteinander fertig sind, wenn ihre Liebe seit langen und ganzen naturwüchsig erkaltet und gestorben ist, wenn nicht das inzwischen ebenso und auch in seiner Notwendigkeit empfinde (nicht nur rational einsehe), dann sollte ich doch ihre ferneren Handlungen nicht mehr auf mich beziehen und immer wieder neu verletzt sein. Dann sollte ich mich doch über das, was ihre positive Qualität ausmacht, freuen (und als Befreundeter oder Fremder aneignen) und zugleich froh über meine Freiheit von ihren negativen Zwängen sein.
So könnte ich ein sachlich - korrektes und zugleich ihr positiv zugewandtes Verhältnis zu haben.[…]

Kurzer Traum von Heidi: drückte sie (prüfend) an mich und war überrascht von der Fülle ihrer Brüste. (Vor paar Tagen war mir eingefallen, dass ich gar keine Vorstellung von ihren Brüsten habe.) Auf dem Kopf hatte sie eine dunkle Perücke mit drahtigen, eng das Gesicht umrahmenden Haaren.

28. Juni 1982 - Moczarski “Gespräche mit dem Henker”. Die Mauern von Chikago.

Sonntag, Januar 20th, 2008

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Hauptetappen meines Lebens lassen sich durch Frauen markieren:
Christel (16 bis 35 Jahre), eine Zeit des Pflichtbewusstseins, der Ernsthaftigkeit in der Anwendung des Gelernten, der strengen Familienorientierung, beginnender Zweifel und Einsichten.
L. (36 bis 42 Jahre), Traum meines Lebens.
Interregnum (42 bis 50/55) Kennenlernen, Studieren der Besonderheiten, Nischen, Abwege. Entdecken ausgefallener Lust, Schwäche zu großer Bindung, intensivste Arbeit, die mich auch verändert.
Abendliebe (50/55 bis Schluss) schöne begrenzte Liebe, sich Bescheiden mit dem Möglichen, das zum Wirklichen wird. Abschied vom unendlichen Glück, Frieden im bescheidenen Glück.

Beim Psychologen-Treff spreche ich mit Inge über Angelika. Nach dem was ich schildere (Badeszene), meinte sie, dass es doch ziemlich ernst sei und sie in ärztliche Behandlung müsse. Man solle solche Leute straff, energisch, ernsthaft, aber nicht kränkend anfassen.

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Im Westfernsehen zum ersten Mal eine Hitler Wochenschau ganz gesehen. 30 Minuten das Gloria der deutschen Heere, danach schwätzen 1, 2 Engländer über die damaligen Kämpfe um Tobruk (1, 2 Russen über die Kämpfe um Sewastopol lassen sie nicht auftreten), wegen der Objektivität! Seit Jahren sind diese Sendungen alltäglich. Seit Jahren also ungebrochene Tradition zur deutschen faschistischen Wehrmacht selbstverständlich. Konsequentes Verdecken von Zusammenhängen und Ursachen, wie auch in der nachfolgenden Sendung “Hedonismus”.
Imperialistische Ideologie: das (dosierte) Darstellen von Erscheinungen kann sehr weit gehen, wenn zugleich gesichert wird, dass das Wesen unerkannt bleibt!
Das Verdecken von Zusammenhängen und Ursachen ist auch bei Fassbinder typisch, für den wieder Gedenksendung. Mit ihm ist Ihnen wirklich ein ideologisches Zugpferd ausgefallen.

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Immer wieder fällt auf bei Leuten, die nicht aus L.s Umgebung kommen, sondern meiner die Unsinnlichkeit, Blindheit beziehungsweise allenfalls schematisierte Sinnlichkeit (zuletzt beim Psychologen-Treff, z. B. Nichtbeachtung der Blumen).

Zu “Gespräche mit dem Henker” von K. Moczarski: Frau Käthe Stroop kommt aus der Kulturintelligenz. Wahrscheinlich auch eine Bestätigung dafür, wie die ästhetische ohne entsprechende politisch - ethische Bildung zum Schlimmsten passt.
“Ein Leiter ist auch dafür verantwortlich, was die von ihm Geleiteten tun.” Die Tiefe dieses Leninsche Satzes ist mir jetzt nach der “Stroop-Lektüre” erst richtig aufgegangen. Bei der Darstellung durch Mocz. stehen Momente der Führungstätigkeit im Vordergrund. Das bedingt eine gewisse Abstraktheit und drängt die wirklichen Folgen der Handlungen der Befehlenden (und erst von Schreibtischtätern!) in den Hintergrund, macht sie unwirklich. Um das Handeln solcher Leute auch emotional richtig zu werten, müssen neben dem Wesen ihrer Führungs- und Leitungstätigkeit auch immer typische Erscheinungen, Einzelheiten dessen dargestellt werden. Typische Erscheinungen, denn nicht für alle Erscheinungen ist der Leiter verantwortlich.

Gute Stimmung beim Psychologentreff. Heidi freut sich über ein kleines Kompliment, dass ich ihr mache. Sie scheint und wirkt so herb. Und das täuscht. Wie ein Schwamm saugt sie Lob, Dank, Aufmerksamkeit auf. Sie will gewärmt werden.
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24. Juni 1982 - Sorgen um Angelika

Samstag, Januar 19th, 2008



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Angelika gestern spät abends lud ich zu Gespräch, zu Flasche Wein ein, damit sie nicht 23:30 Uhr noch in die Nacht irrt. (Sie suchte ewig ihren Skizzenblock, wollte L. und Christine vom Zeichnen abholen.) Sie lässt sich auf kein Gespräch ein, ist von großem Misstrauen erfüllt, geht schließlich. Ich kann nicht einschlafen.[…]

0:30 Uhr rammelt L. laut die Wohnungstür zu, die Angelika angelehnt hatte. Werde davon wieder ganz munter, kriege mit, dass Angelika nicht mit zurückgekommen ist. Informiere L., dass sie sich um Georg kümmern muss. L. sagt, das Angelika sie wohl nicht angetroffen habe, da sie noch Bier trinken waren. Ich sage L., dass Angelika “verrückt ist”, dass sie “verwirrt ist”. Sie sagt, dass sie (L. und Christine) darüber auch gesprochen hätten. Wieder Wachzeit, dann höre ich Angelika kommen. (Ich hatte alle Türen aufgeschlossen.) Sie tappst auch in mein Zimmer, fragt mich, warum ich unten schlafe, lässt alle Lichter brennen.
Früh vor 6:00 Uhr geht sie mit dem weinenden Kind, dem sie seine Flasche gegeben hat, aus dem Haus, “zu Ursel”. Lege L. einen Zettel mit dieser Information hin. Auf dem Weg zur Arbeit treffe ich Angelika unschlüssig, bzw. zurückkommend. Sie wolle noch die zum Trocknen aufgehängten Sachen von Georg mitnehmen.
Abends hatten wir uns noch kurz über Georgs Geburtstag unterhalten. Sie versichert, dass er zu früh gekommen sei. Sie haben das alles schriftlich. Sie habe für so was alles Bescheinigungen.
- offensichtlich eine geistige Verwirrung im Zusammenhang mit der Niederkunft - zum Kotzen diese Weiber,
Angelika die das Kindabenteuer haben muss,
Christine in ihrer christlichen, egoistischen Hartherzigkeit,
L., die an Erdbeeren, Zeichnen, an sonstnochwas denkt, aber nicht mitkriegt, dass sie es mit einer Kranken, teilweise Unzurechnungsfähigen zu tun haben. (Schließlich sind sie schon einen Tag unter halbe Nacht mit ihr zusammen gewesen.)
Erinnerung an “die Marianne” in Wümbach steigt auf.
Geo ist ein sympathisches, munteres Baby. Unerträglich, welch brüchigem Schutz diese schutzlosen Kinder ausgeliefert sind. Hier liegt schon ein ganzes Schicksal vorgezeichnet.

Die christliche Christine - was ist denn christlich an ihrem Verhalten? Sie lebte sehr subjektiv, sehr egoistisch, hält sich aus allem heraus. Dafür liefert die Kirche ihr Erbauung und nimmt ihr das Denken ab.

Jetzt werde ich langsam kribbelig wegen der Ministerbestätigung für unsere Kollektivarbeit…..
Es hat den Tag “gekribbelt”, und nun, kurz vor Feierabend ist endlich, endlich die bestätigte Aufgabenstellung da (bestätigt ohne jede Rückfrage oder Bemerkung). Jetzt können unsere Gruppen mit vollem Recht losmarschieren, und jetzt müssen sie auch Tritt fassen. Aber noch einmal werde ich nicht so “auf Rand genäht “eine Aufgabenstellung erarbeiten. Sinnvolle Reserven müssen sein.

Die “Morgenpuppe” - eine schöne, sehr wohl geformte Frau um die 40 Jahre. Sie kommt mir oft auf dem Wege zur Straßenbahn entgegen, geht meist auf der anderen Straßenseite, blickt sich um, kurz, das ist aber nicht kontaktsuchend, sondern nur “Bewunderung heischend”. Heute fällt mir auf, als wir auf gleicher Höhe sind, dass ihre herrlichen Formen dabei sind, üppige Formen zu werden (und eines Tages vielleicht ausladenden Formen).
Die Bewunderung ihrer sexuellen Reize (und das Spiel mit ihnen) muss im Verhältnis zu einer solchen Frau doch einfach eine überragende Bedeutung bekommen.
War heute Mittag kurz im Café im Handelszentrum. Viele hübsche junge Frauen sitzen da und blicken interessiert. Immer wieder frappierend, welchen Eindruck doch moderne, schicke Kleidung macht, wie man ganz anders angesehen wird!

Sicher, in der Aktfotografie darf man alles zeigen. Aber es geht wohl darum, dass immer irgend eine (innere) Position der Frau zum Ausdruck kommt, eine Position - da stimme ich Burkhardt bei - die menschlich noch würdig ist.
Eine Darstellung völligen, willenlosen Ausgeliefertseins liegt wohl nahe am Pornographischen (und zwar gleichgültig, ob dabei “alles” sehen ist oder nicht). Auch das Sichausliefern wäre darstellbar, zum Beispiel wenn es Ausdruck leidenschaftlicher Hingabe ist. Oder auch Ausliefern der intimsten Körperteile an die Kamera aus einer Neugierde heraus, aus dem Spiel mit diesem Mysterium, aus dem Wagen und so weiter. In solcher Stellung wird vielleicht der Blick der Frau die Schranke vor dem Pornographischen sein. Anders dieselbe Stellung, wenn ihr Sinn darin besteht, der Frau Profit zu bringen aus ihrem Verkauf - das ist wohl wieder anrüchig. (Obwohl wahrscheinlich das Motiv sich zu verkaufen oft gekoppelt ist mit dem Stolz auf den eigenen schönen Körper.)

Schon immer liebte Angelika das Spiel mit dem Paradoxen. Nun sind die Paradoxien dabei, sie beherrschen zu wollen. Etwa sehr Egenartiges haben solche Menschen, die zum Teil in der normalen und zum Teil in einer “verrückten” Welt leben.
Individuen, die aus dem Realen flüchten, nicht die Kraft haben, sich darin zu halten, die dafür keine Antriebe haben. Woher kommen die Antriebe?

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21. Juni 1982 - immer noch, immer wieder - Trennung

Mittwoch, Januar 16th, 2008



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Zu den Beziehungen zwischen Fotograf und Modell drückt sich der sittsame Burkhardt # Vergleiche: # zurückhaltend aus. Aus der Versicherung, dass sie keineswegs immer eine erotische Beziehung haben müssen (sinngemäß) schließe ich eher, dass es recht häufig ist, vielleicht sogar die Regel, dass sie miteinander schlafen. (Zumindest bei etwas ausgedehnterer Zusammenarbeit.) Aber ich bin wirklich gespannt auf die eigenen Empfindungen in diesem Studienprozess. Wenn man gelöst ist, kann man wohl nicht anders als auch begehrlich ein. […]
L. erzählt, dass Burgholder, wie nun erwiesen sei, ihren Ausweis geklaut hatte. Ich bin wenig interessiert, was sie auch feststellt, beziehungsweise mir vorwirft. Ich hätte ja noch nie Interesse für ihre Dinge gehabt. Vorwürfe, Angriffe zu machen, das ist ihre Art, sich nähern zu wollen. Ich verstehe es, doch all das haben wir hinter uns. Es kommt nichts dabei heraus, wenn ich einlenke. Sie kann nicht bitten, wie sie sagt. Ich kann bitten aber wofür?
Ob mein forciertes Akt - Interesse nicht eine Art Betäubung ist? (An die Stelle des verlorenen Interesses setze ich etwas anderes, was mich wirklich (was ist wirklich?) zumindest aber stark fesselt.)
Das Trennen der Küchen (Ich kaufte dafür die ersten Utensilien.) trennt mehr als ich vermutete.
Abends sitze ich allein im Garten und beginne auch hier, Abschied zu nehmen - Abschied, abscheiden, mein Inneres scheidet sich ab von dem, was mir bisher das Herz erfreute. Die mit Liebe und Hoffnung gesetzten und gepflegten Bäumchen entlasse ich ins Fremdsein. Sie werden Gehölze wie andere auch, wir trennen uns. - Dieser Prozess ist noch nicht vollzogen. Aber zum ersten Mal sein Anfang konkret gedacht, erlebt.
(Ich erinnere mich meiner nächtlichen Flucht im August vorigen Jahres in den Garten. […]
Das war damals auch noch nicht soweit, es war “nur” der konkrete Anfang dieses Prozesses beziehungsweise seiner dramatischen Phase.) Schlimmstenfalls endet dieser Prozess mit der Entfremdung von F. Doch vielleicht ist das nicht unausweichlich. Gebs Gott! […]
Dass man doch in solchen verworrenen Situationen die Zuspitzung als eine Erleichterung empfinden kann (Flucht nach vorn). Das eindeutig Negative ist leichter zu ertragen als endloser Zweifel, enttäuschtes Hoffen. Nun, das Hoffen ist lange aufgegeben. […]

18. Juni 1982 – Nacktfotos

Samstag, Januar 12th, 2008



[…]

interessanter Tag, die Gespräche in Halle sind fruchtbar, wenn auch noch nicht unmittelbar für den 31. Lehrgang. Ich gehe mit der erneuerten Sicherheit: Das (Kaderdirektor) kannst du auch.

# Gespräche in der Kaderdirektion des Kombinates KPV, „Pumpen und Verdichter“, zur Verbesserung der Delegierung von Nachwuchskadern an unsere Weiterbildungseinrichtung #

In der Mitropa eine Kellnerin, ganz flink in der Bedienung und mit dem Mundwerk, blond, mit hellen grauen Augen; direkt, fröhlich, kräftig. Sie erinnerte mich an Annemarie ebenso wie an Margot. Sie war vielleicht 35-40, mit nicht besonders guter Figur, aber da war Sympathie. Wir wären bestimmt ein Paar geworden. Ich hab’ keine Zeit. Noch beim Bezahlen spendiere ich ihr einen Klaren (was sie zuerst mißversteht). Als ich aufstehe, begreift sie erst: „Ach, das ist aber lieb… Sie kennen wohl meinen Geschmack?“ Ich: „Na, klar!“ […]

Auf der ganzen Rückfahrt bin ich gefesselt von K. Moczarski, „Gespräche mit dem Henker“. S92:“… der rasche Deformierungsprozeß, überall dort, wo Menschen wenig festen Charakters plötzlich in den Genuß besserer Existenzbedingungen kommen, wo eine Privilegierung und Separierung von der bisherigen Umwelt eintritt.“ - eine wichtige Beobachtung.

Als ich zu Hause ankomme, finde ich im Briefkasten einen Einschreibebrief von H. Gross. Darin befinden sich […] 10 Aktfotos, […] sowie ein zweiter Umschlag, in dem Gross sein Angebot an Aktfotos unterbreitet. […]

Sie haben mich also finanziell korrekt und mit richtig gewählten Bildern (nicht allzu gewagt und doch einiges versprechend), sowie mit dem weiteren Angebot erstmal in den Kundenkreis aufgenommen, und davon bin ich sehr angetan. […]

 

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Aktfotografie1 von H. Gross

Übrigens werde ich hier ins Protokollbuch nur wenige (und nicht die besten) dieser Originalfotos einkleben, denn, wenn das mal eine reizvolle Sammlung werden soll, darf ich die Bilder nicht zerstreuen.

Es sind keine künstlerischen Aktfotos, sondern erotisch reizende Bilder von nackten Frauen, und genau das ist es, was ich wünsche bzw. wo meine Wünsche ansetzen und weitergehen, einmal in Richtung des erotisch bzw. sexuell gewagten Fotos und zum anderen in die Richtung des künstlerischen Akts. Beide Richtungen werde ich verfolgen.

Erfreut bin ich übrigens auch über die erschwinglichen Preise, über die korrekte Verhaltensweise mit den 20,- M und überhaupt darüber, daß es – bei aller beachteten Diskretion – geklappt hat.

Interessant übrigens, wie ich mich doch nur langsam von meinen Hemmungen frei mache. L. hat längst von sich Aktfotos machen lassen, in recht krassen Stellungen. Wie ich doch bei jedem Schritt Skrupel zu überwinden habe!

 

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Aktfotografie 2 von H. Gross

Erfreulich ist die Gelöstheit der Modelle. Die Szenen sind nicht peinlich. Das Modell mit den langen Haaren ist sogar sehr sympathisch, die von ihm aufgenommenen Bilder sind sehr zurückhaltend. Die andere […] posiert erotisch wesentlich „schärfer“, aber nichts von unangenehm. Es ist halt eine junge, schöne, sehr selbstbewußte Frau. […] Sie erinnert mich übrigens an Hegrü, mit deren Brüsten sie aber (obwohl Helga doch viel älter ist) keinesfalls konkurrieren kann.

Klar – das sind Bilder zum „Anfüttern“ (zugleich sich Absichern). Gespannt bin ich auf die Steigerungen. Antwortbrief an Gross. […]

# Der Kontakt zu Gross hatte sich dadurch ergeben, daß ich auf die Zeitungsannonce eines Fotomodells geantwortet hatte. Durch dessen Absage und Weitervermittlung war ich vorerst nicht bei einem Aktmodell, sondern bei einem Kleinhändler für Nacktfotos gelandet. Aus heutiger Sicht eine völlige Harmlosigkeit. Für mich damals ein aufregendes, halblegales Unterfangen, auf das ich mich vorsichtig einließ, zumal ich nicht abschätzen konnte, ob ich in eine Grauzone von käuflichem Sex geraten würde. #

 

10. Juni 1982 – Akt fotografieren

Mittwoch, Januar 2nd, 2008



[…] interessante Annoncen!

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Wieder so ein Pärchen?

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Egal: Ich schreibe auf jede derartige Annonce. Jetzt will ich wissen, was sich tut.[…]

 

Interessante Meinungsäußerungen übrigens im Gästebuch der Purrmann-Ausstellung. Für viele, die da schreiben, ist es Selbstdarstellung, wie überhaupt solche Notizen immer wie Rufe in die Leere wirken. Viel Begeisterung (z. B. Inge Keller), Genörgel, daß man diese Landschaften erst als Rentner sehen wird, P. wird der Nichtskönner und Schmierfink Womacka gegenübergestellt (dabei haben sie einen Berührungspunkt: die Dekorativität). Bevor man Purrmann glorifiziert - gegenüber Cezanne ist er nichts. Hofer, der natürlich ganz anders ist (spezifische Vorzüge Purrmanns nicht hat), ist natürlich viel wichtiger.

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Die Bemühungen derer, die über Aktfotografie schreiben, kontrastieren mit der Gier, mit der derartige Bücher (z. B. Burkhardt: “Aktfotografie”) gelesen und behandelt werden (viele Seiten rausgerissen) und sie demzufolge von den Bibliotheken weggeschlossen werden.

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Burkhardt enttäuscht. Natürlich gibt es immer Bedenkenswertes, mein Zugang jedoch ist das erotische Interesse. (Übrigens bin ich immer mehr von den Akten Günter Rösslers angetan.) Mein Interesse ist erotisch, ja z. T. von sexueller Nichtbefriedigung geprägt. Aus diesen Wurzeln allein werd ich keine guten Aktfotos machen. Jedoch gibt es eine starke Komponente des Erkennenwollens des Menschen dabei, in seiner Intimität, in seinem Geheimnis (nicht aus Lust an der Zerstörung des Geheimnisses oder gar des Menschen), und das ist die tragfähige Seite. Ich hoffe, daß in der Praxis dann das Ungesunde ausgärt.

 

Erstaunlich, welche Kontraste die Menschen selbst darstellen und ausdrücken können.

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Die Arbeit mit den Kandidaten des 31. Lehrgangs macht mir Spaß, auch die Zusammenarbeit mit Goli. Jetzt würde ich es bedauern, wenn es mit dem Kaderdirektor nicht klappte. Werde im Ergebnis unserer Gespräche einen Ministerbrief aufsetzen.

Ich schätze neu die einfache, nützliche (Leninsche) Arbeit und bin von erneutem, vertieftem Mißtrauen gegen die Selbstzwecklichkeit der Kunst erfüllt. (Das vertieft den Graben zu L.)

[…]

Widerliche Fernsehschauspiele des Westens in diesen Tagen. Reagan, Thatcher präsentieren sich, zugleich werden die Bilder von ihren Kriegen gesendet und Haß auf die Sowjetunion geschürt. Dieser Auswurf der Menschheit! Will es das Schicksal, daß die Welt noch einmal, ein letztes Mal, ihre Eiterbeulen auf den Rücken der Russkis gesundet?

Die Wachen sind wach. Die schlafen, schlafen tief.

 

Faßbinder gestorben, mit 36 Jahren, auch so ein Einschläferer, Boys und viel zu viele andere Clowns in der großen Bonner Friedensdemonstration.

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[…] Burkhardt „Aktfotografie“ Halle 1958:

B. ist halt schon sehr alt. Jedoch:

S. 61: „Die pornographische Darstellung ist lebenszerstörend, lebensverneinend.x Die edle Aktdarstellung ist lebensfördernd, lebensbejahend.“

S. 57: Die künstlerische Erhöhung der Nacktheit zum Akt.

S. 64: Aktaufnahmen aus erotischen Interessen, aus erotischem Interesse Modellstehen für Aktaufnahmen.

S. 67: Der Fotograf als Psychologe gegenüber dem Modell, Einfühlung, der sinnliche Aktfotograf!

S. 69: Auch das „an sich nicht Schöne“ kann gut gestaltet werden

S. 70: Aktfilm

S. 70f: gute weite Auffassung davon, was alles Akt sein kann (eigentlich alles)

X Damit ist sie nicht nur ästhetisch, sondern sittlich verurteilt.

 

 

08. Juni 1982 – F. Bacon über Garten

Samstag, Dezember 22nd, 2007


 

 

[…]

Bacon Essays S. 191: „Gott der Allmächtige pflanzte zuerst einen Garten.“ (Moses II Seite acht) „… und in der Tat ist dies die reinste aller menschlichen Freuden.: es ist die größte Erfrischung für den Geist des Menschen, ohne welchem alle Gebäude und Paläste nur rohe Machwerke sind; und man wird stets finden, dass die Menschen mit dem Fortschritt der Jahrhunderte zur Bildung und Verfeinerung zuvor prachtvolle Bauten aufführen, ehe sie schöne Gärten anlegen als ob der Gartenbau eine höhere Entwicklungsstufe wäre.“

Ein Garten, der in jedem Monat höchste Schönheit entfaltet. Man kann sich tatsächlich einen „ewigen Frühling“ verschaffen (Vergil, Gedicht vom Landbau), wenn man sich nach dem richtet, was der Boden jeweils bringt…“

Interessant ist die Arbeit mit den Kaderakten. Mit nicht zu überbietender Ignoranz werden alle Genossen entgegen der Weisung des Ministers delegiert. Und die Verantwortlichen der Kaderabteilungen lassen sich das ohne ein Zucken bieten. Es ist eine unglaubliche Schlamperei. Erstes Gespräch mit einem der Neuen. Er ist F- und E-Ingenieur und hat schon 1625,-M. Natürlich ist der an einer Arbeit im MSAB, überhaupt an echter Leitungstätigkeit (wenn sie über den Gruppenleiter hinausgeht) nicht im geringsten interessiert. In Leitungstätigkeit freilich könnte er noch reinschlittern, aber für das MSAB besteht keine Chance.

Neuer Krieg Israels. Es klappt wieder anscheinend alles.

Reagan reißt in London das Maul auf, speziell gegen die Mauer in Berlin, für einen („friedlichen“) Kreuzzug gegen den Bolschewismus, für ein Fernsehduell (!!!) mit Breshnew. Er ist doch wirklich ein Superarsch. Bilder: R. zu Pferde, in Westminster, er platzte schier, der Frosch.

Und doch bleibt für die Menschen nur das maßgebend, was sie eingedroschen kriegen, zumindest, was sie im Bauch, im Schwanz usw. verspüren.

Das Gegeneinanderleben gegen L. ist belastend, dies besonders heute zu spüren, wo sie eine Art Zeichenfete im Garten machen; ihr verkniffener Mund, aus dem jede Wärme getilgt ist (ich zu ihr genauso). Nicht nur, dass nun wohl schon seit Monaten Sex überhaupt nicht mehr stattfindet. Darüber hinaus gibt es keine emotionale Gelöstheit, kein zu Hause mehr. Der Mensch braucht aber Momente mit einem anderen Menschen, in denen er ganz ohne rationale Steuerung sich geben kann. Vielleicht kann mancher dies in die Arbeit, in ein Werk packen, das sich vielleicht sogar aus dieser ungestillten Sehnsucht speist. Meine Lösung ist das letztlich nicht. (Auch um den Preis, dass mir letztlich F. entzogen wird, denn das wird die letzte Rache sein.) F. ist ganz besonders erfreut und lieb zu mir, als ahnte er, dass ein Ende mit dem Papa kommen wird.

Frühmorgens, auf Arbeit, R. kommt gerade zur Tür herein, erzählt sie gleich einen Sextraum, den sie mit mir hatte. Es ging Vieles durcheinander. A. schwirrte herum. Neger schwirrten herum, dann wieder in meinem Bürozimmer. Ich massiere ihr von hinten die Brüste, und wir sind darüber hinaus (besser: darunter hinaus) im schönsten Vollzuge als in der Wand eine Luke aufgeht und die Küchenhilfe der “Mutter“ hereinschaut, was uns aber nicht stört, fortzubumsen. Ja, nicht nur mir ist heiß.

# „Mutter“ war die Betreiberin der Imbissstube in unserem Bürogebäudet. #

 

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Nebenstehender Akt übrigens gefällt mir nicht so sehr. Natürlich ist er ganz schön aggressiv. Aber die betonte Handsprache ist mir zu geziert. Das Drumherum zeigt mir, in welch eigentlich „schwüler„ Atmosphäre auch fotografiert werden kann. Man muß (und kann) sich wirklich alles erlauben (wenn man bedenkt, dass dies ohne weiteres veröffentlicht wird.) Ich muß mich hüten, dass mein Aktinteresse nicht eine neue Art von Ersatzbefriedigung wird.

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07. Juni 1982 -„Vererbung“ erworbenen Verhaltens

Samstag, Dezember 22nd, 2007



[…]

Beim Zurückblättern: Jeden Tag gehe es angeblich besser. Doch zur Arbeit schleiche ich noch genau so, wie vor 6 Tagen. Brummschädliger Kopf >> Tablettenwirkung.

Ob man sich, nachdem man akzeptiert hat, krank zu sein anders auf seine Schmerzen einstellt, sie wichtiger nimmt? Weiß tatsächlich nicht, ob meine Schmerzen der Anfangszeit ebenso oder kleiner oder größer waren als jetzt.

Eins aber deutet doch auf Besserung: Ich sehe wieder eine Menge erotisch reizender Frauen.

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[…] In einer Berliner Zeitung las ich Forschungsergebnisse über den Zusammenhang zwischen psychosozialer Umwelt, Hormonkonzentration, Gehirnentwicklung und späterem Sozialverhalten. Der Bericht scheint mir seriös zu sein (BZ vom 8./9. 5. 82). Er ist so ungemein wichtig, weil er die Vererbung (zumindest auf die folgende Generation) erworbenen Verhaltens bestätigt und damit die starre Vererbungsvorstellung ausschließlich über Gene außer Kraft setzt. Ich habe immer geglaubt, dass bestimmte Verhaltensweisen vererbt werden können, also körperlich-organisch fixiert werden.

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[…]

Wann reizt eine nackte Frau, und wann nicht? Das Nackte darf nicht Selbstverständlichkeit sein. Dann reizt es ebenso sehr, wie eine Nasenspitze oder ein Handrücken. Es muß eine Beziehung zu einer intimen Berührung behalten. (Dann kann selbst der Handrücken reizen, wenn er mich an die Haut der Lenden erinnert.) Das Nackte sollte nicht einfach öffentlich sein. Es sollte eine Bevorzugung ausdrücken.Dabei ist nicht der Grad der tatsächlichen Nacktheit maßgebend, sondern das Maß der für mich (für meine Wünsche) erlaubten Entblößung, d.i. aber eine psychologische Größe. Mein Lustgewinn resultiert nicht so sehr aus der Fläche entblößter Haut, als viel mehr aus einer ganzen Kombination sinnlicher und rationaler Faktoren (Bedeutungen von Sinneseindrücken). Dabei spielt das Eindringen ins gehütete Geheimnis, also Erringen dieser elementaren Freiheit, eine wichtige Rolle.

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Ein Foto, bei dem mir der nette Ausdruck des Gesichts gefällt, doch dafür brauchte es kein Akt zu sein. Nicht schlecht die Bescheidenheit, Unaufwendigkeit dieses Akts. Die Bilder an der Wand vermitteln eine Werkstattatmosphäre. Sie regen an, selbst zu probieren, deuten an, was alles sexy sein kann (und sei es der gut entblößte Bauchnabel).

Heute war ein Tag, an dem Hinkebein viele schöne Frauen gesehen hat. Wichtig dabei eine mit roter Bluse und weitem Rock, die in der U-Bahn eine Fingerberührung herbeiführte. Sie hatte etwas anziehend Gewöhnliches. Sie als Aktmodell hätte ich nur in einer Arsch- und Hüftpose „adäquat“ packen können.

Vor dem Garten eine große, festfleischige Schönheit.

 

Goli erzählt vom Disziplinarverfahren gegen Volker Dümke, der Bagger, für den NSW-Export gedacht aber dort nicht absetzbar, auf eigene Faust im Inland verteilte.

# Goli und Volker Dümke – Mitarbeiter im MSAB. NSW – NichtSozialistisches Wirtschaftsgebiet = Handel in konvertierbarer Währung #

Die Sichtung der Delegierungen für den 31. Lehrgang erbringt ein erstaunliches Bild: Eine verblüffende Ignoranz der staatlichen Weisung (die bereits wiederholt wurde). Das ist ein hoher Grad von Autoritätsverlust des Staates. Liberalismus. Freitag will ich in dieser Sache nach Halle zu KPV fahren.

 

# KPV- Kombinat Pumpen und Verdichter. Zu Kombinaten vergl Anmerkung vom 3.6.1982

Zum Thema Autoritätsverlust: Jetzt, da ich längerfristig meinen Chef vertrete, werde ich erstmals direkter mit solchen Momenten der sozialistischen Leitung konfrontiert. Dem über weite Strecken administativen, also nicht ökonomischen Charakter der Leitung entsprach ihre partielle Ohnmacht. Gegenüber der elementaren Gewalt ökonomischer Prozesse wurden im Alltag ständig die Grenzen der beanspruchten Macht der zentralen staatlichen Leitung aufgedeckt, was in der Praxis oftmals Korrektueren erzwang. #

 

Ich dackele vom Garten nach Hause zurück, in die Wärme – die aber nur die physische Wärme des Duschbades ist. Wird es denn nie mehr menschliche Wärme geben? Ich will mich deshalb nicht in eine andere Frau verlieben, weil es das endgültige, unwiderrufliche Nichtlieben L.s wäre. Davor schrecke ich im Innersten zurück.

 

Mein beschissener körperlicher Zustand rührt zweifellos her von der verdammten Spritze, die in den Nerv ging. Jedoch die Entzündung ist im wesentlichen jetzt aus dem Körper raus. Es ist nur noch das Bein knieabwärts, das wehtut. Die anderen Funktionen haben sich wieder normalisiert.

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04. Juni 1982 - Nach der Exkursion

Freitag, Dezember 7th, 2007

[…]

20.30 Uhr. Nach dem Tag, anstrengendem Rheuma-Bad, 1 Std. Schlaf fühle ich mich jetzt ganz zerschlagen. Aber jetzt beschäftige ich mich, denn jetzt zu schlafen wäre Garantie für eine unerträgliche Nacht, und die fürchte ich sowieso.

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Schmerzen, Anstrengungen, Hitze, Medikamente haben mich in einen kollapsähnlichen Zustand versetzt. In den letzten 10 Minuten sind mir mindestens 1 Dutzend Gegenstände aus der Hand gefallen, darunter eine volle Tasse Kaffee. Mein Phlegma reicht aus, nichts an die Wand zu schmeißen. Ich sehe verschwommen, und die Augen brennen. Doch jetzt höre ich Musik und schreibe, denn ich muß wieder Fuß fassen. Jetzt zu schlafen wäre Wahnsinn. Das Telefon strafe ich wutentbrannt mit Nichtachtung.

Seit einer Woche haben wir Temperaturen von 30°, jetzt zeigt das Thermometer 34°! Und ich konnte noch nicht einmal ins Wasser.

Orchestersuite Nr. 2 von Bach, die immer wieder geeignet ist, einen Menschen wieder aus mir zu machen.

Rothensee: Habe noch nie eine so gewaltige, so technisierte Gießerei gesehen. Da ist die Kraft der Arbeiterklasse materielle Gewalt geworden. (Auch in WD # Westdeutschland # gäbe es eine solche Gießerei nicht.) Die Redensarten mancher Künstler, L.s, („Dann sollen sie es doch nicht machen.“) können einem da nur ein müdes Lächeln entlocken.

Wirklichkeit einer solchen Industrieanlage,

Wirklichkeit einer Aktstudie (meiner Intension) oder Wirklichkeit eines Orgasmus mit HeGrü!

Wirklichkeit der Orchestersuite Nr. 2 von Bach!

Oh Wirklichkeit, Du Donnerwort!!

Und weiter: Wirklichkeit einer Rhönwiese im Mai, Wirklichkeit der neu gepflanzten Stachelbeere, die wir Blatt um Blatt durchbringen werden.

Ich bleibe weiter der ganzen Wirklichkeit verschrieben, zugetan, offen; auch um den Preis, daß ich es auf keinem Gebiet zu einer großen Leistung bringe. […]

Jetzt geht es auf 22 Uhr. Das Thermometer zeigt weiter 28 oder 29°. Doch mir geht es besser. (Bin wieder im Geschirr des Geistes. Dieses Geschirr ist nachts, im Schlaf, abgelegt. Darum herrscht dann der Schmerz so unumschränkt. Heute will ich ihn überlisten: Ich bleibe lange auf, schreibe noch Briefe, wenn ich dann sehr müde bin noch ein Rheuma-Bad, 2 Zäpfchen und dann wird wohl der Schlaf herrschen.)

Die Platte bringt gerade aus der 3 Orchestersuite ein Stück… - Ich denke an den toten Helmut.

# Helmut war der erste Mensch, der mir vor Jahren Bach nahegebracht hatte. #

Er bleibt einer der Menschen, dessen Tod für mich immer etwas Unwirkliches, nicht ganz Ernstzunehmendes hat. Irgendwie bleibt er gegenwärtig als das Leben selbst. Seinen Freund Hans Dy werd’ ich mal besuchen.

Eindrücke in Rothensee:

Politische Losungen, mit Kreide an die Wand gemalt: „Laß das Atom zu friedlichen Zwecken!“

„Gegen NATO-Raketen“

In einer anderen Abteilung kriege ich (zum ersten Mal in meinem Exkursionsleben?) Dreck in den Rücken geschmissen.

Ein flott und sinnvoll arbeitender Roboter! […]

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# Aus einem Brief an U., Witwe des erwähnten Helmut. #

„… Ich schreibe, höre dabei Bach, und auf einmal ist mir (das geschieht nicht zum ersten Mal) der tote Helmut ganz und gar gegenwärtig. Ich empfinde wieder, wie von der ersten Stunde an, daß dieser Tod etwas Unwirkliches, nicht ganz Ernstzunehmendes hat. Nach so langer Zeit schreibe ich das natürlich nicht als billigen Trost (zudem sinnlosen), als Versicherung. („Er lebt in uns fort.“) Nein, es ist einfach eine erstaunliche und höchst freudige Feststellung: Beweglichkeit dieses Kerls, einschließlich gewisser Moralitäten und Amoralitäten, sind einfach nicht totzukriegen. Da ist er wie das Leben selbst. („Tod, wo ist Dein Stachel, Hölle, wo ist Dein Sieg?“)

All das soll nicht billige Verklärung sein. Zum Schluß hätte er wohl gern all das hingegeben, wenn er noch hätte einen Monat leben dürfen. Er hat von solcher Wirkung nichts, ja, keiner wußte, keiner weiß, ob er solche Wirkung auslöst.

Nein, ich will den Toten ihre Ruhe lassen, will nicht so tun, als könnt ich die Tragik versüßen. Doch es ist eine Tatsache, daß doch etwas von dem Schönstmöglichen eingetreten ist - sich ein bißchen in seiner Pflicht zu fühlen, ein Winziges für sein Hoffen zu tun.

Eine Tatsache ist es: Wenn eine Karriere für mich völlig reizlos ist, und wenn ich manchmal die Kraft habe, etwas nur aus Gewissen zu tun, selbst für Nachteile ( - und das ist ja eine ziemliche Freiheit, die man sich da schafft - ), so ist es ebenso wohl Leben, wie Sterben von Helmut, das mit dabei wirklich nachdrücklich hilft.

Leicht wäre es mir jetzt, gewisse gemeinsame Erlebnisse, Szenen heraufzubeschwören, die sehr erfüllt waren, die in mir bis an Ende meiner Tage leben werden, ganz Alltägliches, warum nur? Wahrscheinlich sind es oft solche Winzigkeiten, wie die Sandkörnchen am FKK-Strand von Rosenort, die zu den Sternstunden eines Lebens gehören und irgendwann auf unerforschlichen Wegen in’s Bewußtsein treten…“

# Aus einem Brief an die Eltern von L. #

„Wenn ich Euch schreibe, möchte ich mich auch ablenken. Mein Ischias/Nervenentzündung macht mir doch ziemlich zu schaffen, da ich den letzten Tage auch tatsächlich nicht die Zeit hatte, […] ihn mit Ruhe und Wärme zu kurieren. So fresse ich z. Z. ´Tabletten, doppelte Portion und nachts Zäpfchen, vierfach, und komme dann in den letzten Nächten doch immer nur zweistundenweise zum Schlafen. Jetzt am Wochenende schone ich mich aber und hoffe nun endlich über den Berg zu kommen. […]

Gerade höre ich von draußen ein klatschendes Geräusch, während vom Plattenspieler die Matthäuspassion erklingt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht ein junge Frau, die sich das Gesicht hält und schluchzt. Auf unserer Seite steht ein angetrunkener Kerl. Er ruft rau:“Komm her!“ Sie antwortet etwas und geht weiter. Er nochmal: „Komm her!“ Dann sucht er irgend etwas, wie eine Scheibe, sucht aber noch weiter. Dann pißt er umständlich mit starkem Strahl an den Baum vor unserer Haustür. Dann geht er umständlich schwankend ihr nach. Viele Fenster sind geöffnet. Aus meinem klingt kulturvoll Bach, wie gesagt, aus den anderen verschiedene Fernseh-Krimis - Berliner Szene! […]

Mein herzliches Dankeschön für das Hemd und die Socken im West-Paket! Alles paßt wie angegossen, steht mir und kann ich gut gebrauchen, wenn ich zu L.s Verdruß z. B. festlich in’s Theater gehe. […]

Im übrigen bin ich gespannt, wie es im Garten weiter gegangen ist (Dienstag war ich zum letzten mal da.) Bei dieser Wärme, und L. hat sicher viel gegossen! (Das ist bei uns ja das A und O.) Es ist ungeheuer, welche Produktivität aus jedem Winkel hervorbricht. Am meisten ans Herz gewachsen ist mir aber ein scheinbar völlig verdorrtes Stachelbeerhochstämmchen, das ich trotzdem nach Ostern und ohne rechte Hoffnung pflanzte. Es hat ganz zögernd Knospen schwellen lassen, schließlich einige Blätter getrieben, so daß es erstmal zum Überleben reicht. Jetzt scheint gar ein neuer Trieb hervorbrechen zu wollen. (Ich hatte extrem kurz geschnitten.) Damit wäre es ja über den Berg für die Zukunft! Alles übrige aber steht kraftvoll, auch z. B. „Jonathan“ und „Ostheimer Weichsel“ (die auch geblüht, aber nichts angesetzt hatte). Naja, Garten ist ein unerschöpfliches aber für Euch nicht gerade neuartiges Thema.

Ich war jetzt zwei Tage zu Besuch in der Stahlgießerei Magdeburg-Rothensee. Das waren imposante Eindrücke (und auch einfach gute Eindrücke) in dieser wohl größten Stahlgießerei Europas. Wenn man solche Produktionsstätten sieht und was die „hinten rausschmeißen“ begreift man gegenständlich, warum unsere Wirtschaft/Staat trotz der vielen Lücken einfach nicht totzukriegen ist. Riesige Hallen, in denen die Technik und wenige Menschen arbeiten. Leicht war es nicht, 40° die Sonne + 8 Elektroschmelzöfen.

Und erst die Schicksale, die an solchem Betrieb hängen, einige kenne ich zufällig näher: Der Betrieb produziert seit 10 Jahren. Vor 15 oder 17 Jahren war Grundsteinlegung. Erinnerungsfoto: Der Minister - ist inzwischen mit Herzinfarkt Rentner, der damalige Generaldirektor, zwischendurch Herzinfarkt, abgelöst, wieder eingesetzt, heute Invalidenrentner mit freier Arbeitszeit, sozusagen z.b.V. beim Betriebsdirektor. Ich kannte ihn noch unmittelbar als „General“, heute führte es unseren Lehrgang, vermittelte Erfahrungen, auch welche, die man nirgends lesen kann.

Schade, all das kein Gegenstand für Künstler! Weil 95% von ihnen (oder 99%?) von diesem menschlichen Leben so viel verstehen, wie der Esel vom Integral. Aber was hilft das Klagen. Materielle und künstlerische Produktion gehen weiter ihre getrennten Wege, und irgendwann haben beide eine Reife, die eine Art Verschmelzung ermöglicht (in fernen Zeiten, die dann das Ende mancher Borniertheit bringen).

Ich grüße Euch alle herzlich.“