Archive for the ‘L.’ Category

23. Mai 1982 - Gartenträume

Dienstag, November 20th, 2007



[…] gestern in Schmaha,

# L. und ich hatten zunächst über keinen Garten verfügt. Seit langen hatten wir einen Antrag auf ein Gartengrundstück in der Gemeinde Schmachtenhagen bei Oranienburg laufen. Durch einen Riesenzufall erwarb L. ein großes Gartengrundstück in Pankow, unweit ihrer Wohnung. Der Antrag in Schmachtenhagen schien mehr oder weniger aussichtslos, wir ließen ihn weiterlaufen. Genau zu dem Zeitpunkt unserer Trennung wurde uns plötzlich ein verwildertes Grundstück in Schm. angeboten, ein Glücksfall, den wir natürlich ergriffen. So ergab sich für mich zwar die allmähliche Trennung von dem Garten in Pankow, zugleich aber die Übernahme des Grundstücks in Schm. #

in Schm. alle Nachbarn am Werkeln, Heimfahrt bei Regen, will zwischendurch nach Hohen Neuendorf, D. und Frauke Gerhard besuchen. Der Regen und der Mißmut zwingen mich zur Umkehr. Ich bin widerwärtig depressiv in dieser Zeit, und die Schm.-Erinnerungen haben das nicht verbessert.

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[…] im Garten fleißig, Kürbissamen gelegt, Melone und Broccoli gepflanzt, Kartoffeln nachgelegt bzw. gepflanzt, Tomaten gepflegt, (drei Mistfuhren), Wein angebunden, etwas gemäht. […]

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Es ist wunderbar zu beobachten, wie glücklich F. lebt, wie aktiv und intensiv er „Seins“ macht. Wenn er über Mittag im Garten bleibt (dort schläft), dann ist er abends ganz erschöpft aber zufrieden, dann ist er lieb und läßt sich leicht lenken. Wahrscheinlich ist er (psychisch) befriedigt von den vielen Eindrücken und zugleich ermüdet (physisch) von den vielen Anstrengungen. Das ist offensichtlich ein guter Zustand.

Schön, seine Begeisterung, als er - zusammen mit Lies - auf Entdeckung (Mistholen beim Nachbarn) mitkommen durfte. Schön, wie er oft mitdenkt und mitarbeitet (z. B., wie er seinen Topf auf dem Kompost entleert); das Vorbild der Eltern führt ihn zur Achtung vor der Arbeit.

Der Garten ist ein Segen, für alle, aber dreimal für Kinder.

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Dagegen das Bemühen vieler Leute, in Schmaha wieder sichtbar, die Natur sofort zurechtzustutzen, gefühllos in Schemata einzuordnen, zu verkrüppeln.

Ich werde es anders machen. Ja, ich habe Lust gekriegt, mir dort ein bescheidenes Refugium zu schaffen, keinen Garten, sondern einen Stützpunkt, für

- das Ausschweifen in die Natur (auch mit Boot)

- das Sichzurückziehen

- vielleicht auch mal ein Liebesnest

- sich ein Ziel zu setzen. (Das habe ich wohl zur Zeit besonders nötig.)

So würde es geldlich aussehen: Eine winzige Laube (10m2): 2000,-M; Wasser (Brunnen): 1000,-M; Strom: 1000,-M. Wenn ich will, habe ich das sehr bald zusammen. Die Laube bietet Platz für 2+1 Personen, (Doppelstockbett + Campingliege, ein Zelt dazu erlaubt auch einer ganzen Familie, dort zu leben), Glasdach nach Süden mit Wein (Pergola), die die Wohnfläche etwa verdoppelt. Auf dem Grundstück: geschickt (und wenig) korrigierter Wildwuchs (Laube vom Weg nicht sichtbar, nach hinten freier Blick), Fischtümpel.

Heute hab ich nun (von 11/2 Std. Mittagsruhe abgesehen) den ganzen Tag gerackert und war froh dabei. Wie ich mich doch dazu zwingen muß, am Motorrad etwas zu machen, obwohl das doch auch nur wenige Handgriffe sind. Es ist keineswegs Bequemlichkeit, Faulheit - nein, die Interessenlage.

 

Mein Rücken schmerzt mir so, daß ich es manchmal kaum aushalten kann. In dieser Woche (morgen schon?) geht’s bestimmt zum Arzt.

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L. erzählte mir, F. habe, als sie ihn heute früh zu mir herunter brachte auf jeder Treppenstufe skandiert: „Lieber Papa, lieber Papa“.

Heute Abend natürlich wieder seine Frage: „Ein Liedchen….?“ Ich singe. (Wie immer kommt eine Art Resümee des Tages dabei heraus; wenn ich den ganzen Tag mit ihm zusammen war, fällt mir das natürlich leichter.) So wird das Liedchen heute lang und auch interessanter, da jede Strophe aus einer Frage- und einer Antwortzeile besteht. Er bedankt sich mit den Worten: „Ein großes Liedchen.“ […]

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Wie einen doch „das Schicksal“ beutelt! Wahrscheinlich verstehe ich meine Situation halbwegs klar. Doch es kann keine Rede sein, sie schnell zu ändern. Den Kelch muß ich leeren, „die Straße muß ich gehen“, # Winterreise # ohne zu wissen, was meiner harrt; ja, selbst, wenn ich es wüßte, ich müßte es trotzdem tun.

 

Im Fernsehen „Ein langes Wochenende“ von J. A. Bardem. Trotz Fernsehformat bin ich beeindruckt. Im Rahmen seiner etwas simplen Struktur starke Szenen: Juan in Badehose sieht der Beerdigung zu, Juan und der angstvolle Stierkämpfer, Juan im Kreis der „Blumenkinder“, Juan der „Don Quichote“, Juan und der „Erfinder“ im Rhönrad.

„Mensch, hab doch endlich mit Dir selbst Erbarmen.“

 

Warum fühlt sich der Mensch so einsam, wo doch landauf, landab (wie solche Kunstwerke zeigen) dieselben Sorgen leben? (Das Problem liegt in der Schwierigkeit, eine Konstellation zu finden, wo sich dieselben Sorgen aufheben.)

Frauen, die L. im Ernst übertreffen, kann ich kaum finden. Morgen früh versuche ich die „Morgenpuppe“ anzureden!

Gute Nacht!

 

21. Mai 1982 - sexsüchtig

Dienstag, November 20th, 2007



[…] Gestern, beim Versuch, die „grandiose Schwarze“ wieder zu finden, stehe ich eine Weile am Bahnhof Baumschulenweg. Es wird eine richtige Schau üppiger Busen, meist reifer Frauen, nur mein Traum ist nicht dabei.

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Abends, im Berliner Ensemble, habe ich (leider durch die Arbeitskollegen gehemmt) nachhaltigen Blickkontakt mit einer schwarzen Schönheit in der Seitenloge, reife Frau, die ein wenig an Quevedo erinnert, aber ohne deren Herbheit und Adel.

Nach dem Theater sitzen wir im „Adria“. Das ist z. B. solch ein Schuppen, wo Kontaktweiber herumlaufen.

Auf dem Heimweg gable ich eine angetrunkene, mindestens 55-Jährige auf (extrem kurzer Rock, fester Busen), aber schließlich weist sie mich doch ab.

Es ist der Zustand der Haltlosigkeit erreicht.

[…]

Die Analyse meines Tagebuchs wird mir zum Bedürfnis. In der nächsten Woche werde ich das tun. Das Übergewicht des Sexuellen, das sich hier wiederspiegelt, zeigt, wie sehr ich gefangen, unfrei bin. Es wird Zeit, daß ich zur Tat komme. Das Onanieren hatte gestern und vorgestern wieder stärker zwanghaften Charakter.

L. ging heute gegen 21 Uhr weg, „schwofen“. Nun ja, das Unglück wird wachsen. (Wichtig ist aber auch, zu Schlafen, wieder zu Kraft zu kommen. Ich zerstöre mich selbst.) In Ermanglung von Taten, ist der Umgang mit Aktphotos zur Manie geworden.

Und was das ganze Leben ausmacht, beginne ich zu vergessen.

Das Leben ohne Liebe entmenscht mich. Ich glaubte, daß ich nicht lieben solle, daß ich es nicht will. Doch fürchte ich, daß ich es gegenwärtig gar nicht kann. - Vom Schicksal verurteilt!

[…]

Der Theaterbesuch hat mich empfinden lassen, wie entfernt von der Welt des Geistes und der menschlichen Ideale (Werte) ich inzwischen bin.

[…]

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# Das Bild aus der Zeitschrift „Fotografie“ habe ich ohne Unterschrift herausgeschnitten. Ich glaube, es zeigt, wie in Frankreich nach der Befreiung vom Faschismus eine „Deutschenhure“ geschmäht wird. #

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24. April 1982 - englischer Humor

Montag, Oktober 29th, 2007



[…]

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Der englische Karikaturist Pont in der von Herbert Sandberg im „Magazin“ betreuten Reihe „Der freche Zeichenstift“.

 

 

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Viel Besuch zu L.s Geburtstag, u.a. Vent, Bondzio, Schwarzbach, Fränze, Tannert, Bernd und Veronika Wagner, Fretwurst, Colberg. […] Tannert und Schwarzbach wollen philosophieren, z. B. über den Tod. Tannert ist von „Stalker“ beeindruckt, will mir Buch über Piaget geben und lädt mich zu entsprechender Diskussion ein.

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23. April 1982

Samstag, Oktober 27th, 2007



[…] gestern übrigens mit Marita zum Vortrag von Hilmar Frank in der Akademie der Künste; sehr interessant aber anstrengend, M. schläft ein.

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[…]

Eigentümlich, wie wir, Mar. und ich, uns nach anstrengendem Tag und langen, langen Gesprächen erschöpfen und dann nur zu einem freundlichen erotischen Spiel, nicht aber zu GV wirkliche Lust haben. Als ich ihr dies diesmal sagte - in Erwartung erneuten „Zorns“ - war ich nicht wenig erstaunt, sie sagen zu hören: „Da werde ich gleich froh.“ Sie genoß es, sich zärtlich an mich zu kuscheln, dies und das zu tun und zu sagen aber befreit von dem Druck, „beischlafen“ zu müssen. (Sie hätte es aber ertragen, um mich nicht zu enttäuschen.) So ist rührende Gehemmtheit mit sexueller Freiheit verquickt. Sie versteht etwas von der Welt der Zärtlichkeiten, wohl bis zur Raffinesse. Darauf bin ich wirklich gespannt - doch ohne es irgendwie eilig zu haben. Es stimmt, was ich schrieb: Wir kommen von weit her. Wir brauchen Zeit, wahrscheinlich mehrere Stunden für ein Spiel, das uns wirklich zu einem Glückserlebnis führt.

Viel Zwiespältiges in dieser Frau - doch viel, viel verborgene, versteckte Wärme und Wärmebedürftigkeit.

Der Streit mit ihrer Tochter, und wie sie ihn sogleich aus der Welt schaffte (ohne zu Zögern). („Wirklich ganz mein Herz gehängt, ganz hingegeben hab’ ich mich an meine Tochter.“)

Sie wollte wissen, ob ich sie „betrüge“ (!)

Während sie mit ihrer Tochter sprach, saß ich allein in der Küche und stellte mir F. vor, der aufjauchzt, wenn er mich sieht, und ich dachte an L. (Wir quälen uns beide aussichtslos, wenn wir glauben, diese Liebe wieder herbeizwingen zu können.)

 

09. April 1982 - Liebe und Sex

Donnerstag, Oktober 18th, 2007



[…] Warum hab ich die Zeichen bröckelnder Liebe nicht begriffen? Wie hab’ ich L. überschätzt? […] Was hat mich ihre menschlichen Schwächen immer so verkleinern lassen? Im Grunde kommt das aus der Sehnsucht, bei einem Menschen ganz und gar geborgen zu sein. Meine Schwäche, meine Angst vor der Einsamkeit, habe ich ihr aufgeladen. Ich wollte mich ihrer Vollkommenheit anheimgeben und hab sie so zum Götzen erhoben. Alleinseinkönnen, damit fängt (wie L. so oft betonte) das wirklich freie Verhältnis zum Adern an. Hoffentlich bin ich jetzt soweit.

Der Mensch kann nie bloßer Punkt sein, solang er lebt. Er muß sich immer beziehen. Aber der freie Mensch bezieht sich primär auf selbst gesetzte, objektive Ziele und erst über diese auf andere Menschen. Der Massenmensch bezieht sich primär auf Menschen, zwecks Produktion seines Glücks.

Marita ist von „Lady Chatterly“ beeindruckt. Als sie nach meinem Orgasmus weiter erregt bleibt, kommt sie auf die Stelle zu sprechen, wo der Schoß der Frau mit einem gierigen Schnabel verglichen wird. Ihre Äußerungen sind schwer zu werten. Sie scheint diesen Vergleich absurd zu finden, amüsiert sich darüber, zugleich glaube ich, daß sie doch irgendwie betroffen ist von diesem Gedanken. Wie ich ihre andauernde Aktivität erlebte? Nicht unangenehm. Sie hatte mich mehr oder weniger genotzüchtigt, ich fühlte kaum Verantwortung für ihr Lusterlebnis und keine Schuld, als es nicht eintrat. (Was aber trat bei ihr ein?) Diese Gefühle (des Verpflichtetseins) sind eigentlich das Belastende in solchen Situationen, zu Sollen, zu Müssen und nicht zu Können. Ihr Mühen an mir war daher eher angenehm. Wohin kommen wir, wenn ich sie mit Kraft und Begierde (aber mit Beherrschung) nehme? Wie war ihr Ablehnen meines starken Bewegens zu verstehen? Woran stellte sie das „Animalische“, das Freisein von Tabus und Hemmungen fest? Was bedeutet es ihr? Warum wollte sie mich unbedingt? Sie sagte Koketterie. Das hat sie doch nicht nötig. Wohl aber wollte sie die Frau auslöschen, von der ich kam…[…] Will sie noch mehr von mir? Ich glaube sicher. L. wird sie auch in mir „besiegen“ wollen. Aber außer diesen Motiven. Was erstrebt sie eigentlich? Lust? Glück? Wärme? Ich weiß es nicht. Weiß sie es? Frauen bzw. Situationen mit Frauen (nämlich ohne Liebe), bei denen Du Dir vorkommst, wie auf dem Prüfstand (bei L., bei Marita), nicht so bei Helga, nicht so bei Margot, die, ganz unerwartet, meine schönste, menschlichste Beziehung in dieser Zeit ist. Ist Marita schon mal Gewalt angetan worden? Wie frühzeitig fing sie mit dem geschlechtlichen Verkehr an? Leidet sie? Ich weiß nichts.

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08. April 1982 - bei Jörg-Heiko Bruns in Molsdorf

Dienstag, Oktober 16th, 2007



[…] W. Shakepeare (in „Magazin“ 1/81, S.12):

„Wir sind aus dem gleichen Stoff,

aus dem ein Traum besteht,

und unser kurzes Leben ist eingebettet

in einen langen Schlaf.“

G. B. Shaw, „Magazin“ 7/81, S. 21

„Menschen sind weise nicht proportional zu

ihrer Erfahrung, sondern zu ihrer Fähigkeit,

Erfahrungen zu machen.“

„Den Abstand wahren ist das Geheimnis der Kultur.“ […]

Schöne Stunden in Molsdorf bei den Bruns’

Jörg-Heiko Bruns hatte ich anläßlich einer Ausstellung von L. in Magdeburg kennen gelernt. Er war damals in der 70-er Jahren einer der Ersten in der DDR, die eine kleine Kunstgalerie (unter der Schirmherrschaft des Kulturbundes in Magdeburg) eingerichtet hatten und erfolgreich betrieben. In der Zwischenzeit hatte er die Leitung des Barockschlosses Molsdorf bei Erfurt übernommen.

Beide sehr aufgeschlossen und kameradschaftlich. Er erzählt mir von den Empfängen der Parteibonzen (13 Teilnehmer) im Schloß, Axen und die „pazifistischen Jagdteilnehmer“, der lebenslustige Schloßherr Gotter, das Erlebnis eines solchen Baus (von ihm geführt), z. B. auch der „Tränensalon“, auch schöne Malereien, das Deckengemälde als Tisch oder Tanzfläche nutzbar, Gipsmotive (mit Anzüglichkeiten) im Damensalon. Die Sammlung Erotica - was eigentlich zur Allgemeinbildung gehören sollte. Die kanadische Schreigans, die den Pfau liebt, der Kirchenbau, die ganze schöne Anlage, des Bild „alte Zigeunerin“, Frau mit geöffnetem Vogelbauer (das bedeutet, wie da sein Vogel einfliegen kann), das Bidet im Eckschrank.

Einige hübsche Erfurterinnen machen mir wieder Lust auf Frauen. Bin gespannt, wie mich Marita nächstens empfängt (Sie hatte es einmal fast haßerfüllt abgewiesen, Ansprüche aus einem Beischlaf abzuleiten.) Ihre eifersüchtige Abneigung, wenn sie sich nach L. erkundigt. Sie könnte Lust haben, mich „um den Finger zu wickeln“. Eine Beziehung voll der „gewöhnlichen“, lebendigen Kompliziertheit, die mich interessiert. Ihr späteres Eingeständnis, wie dringlich sie einen Mann sucht (für dauernd, für’s Heiraten). Ihre Reaktion, als ich ihren Wolfgang, ihren langjährigen Liebhaber, nach dem Bild, als dumm bezeichne (der doch so clever ist). Möchte mehr wissen, was sie beim Akt erlebt. Ihre Falten, ihre nicht erreichten Orgasmen.

Ich bin begierig darauf, mehr Mensch zu erfahren. Viel genauer möchte ich wissen, wie das Liebesleben verschiedener Menschen verläuft. Das macht Marita so interessant. Bei mir handelt es sich hierbei wohl kaum um Flucht oder Betäubung. Diese Studien werden bereichern aber nicht im tiefen Sinne glücklich machen. Das erwarte ich nicht. Nach den (partiellen) Befriedigungen wird es notwendigerweise auch Krisen geben. Darüber muß mich der Gewinn an Leben, an Einsicht hinwegbringen. […]

Margot ist fähig, sehr innig, zart und tief zu empfinden. „Immer, wenn ich aufwachte, spürte ich Deine Hände.“ Als sie spätnachts ins Nachbarbett sprang (weil sie neben mir nicht schlafen konnte) und ich mich dann besorgt daneben kniete, weil ich dachte, ihr sei übel - dies hat sie bemerkt und sagte, wie froh es sie machte. Die Sensibilität ihrer Hände. Wie schön sie von ihrer Arbeit sprechen kann. Unsere innige Harmonie beim Tanzen, ihre Spontaneität dabei. Der Abschied mit lachendem Gesicht. Wie fest sie mich umfaßte bei der Begrüßung.

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27. März 1982

Donnerstag, Oktober 4th, 2007


[…]

In diesen Stürmen: L. hält sich an die Kunst. Ich halte mich an Politik>Philosophie>Weisheit.

So ist jeder von uns schließlich standfest.

Aber daß Kunst und „Weisheit“ in uns sich nicht wirklich verbinden konnten!

[…]

Verantwortung für den Andern!

Das Individuum ist der Drehzapfen aller Kunst. Das verantwortungslose Individuum ist bestialisch.

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26. März 1982

Donnerstag, Oktober 4th, 2007


[…]

L. Mit der Mühe, die ich mir gebe, kann ich begreifen, daß dieser Abschnitt zu Ende gegangen ist. Warum er notwendig zu Ende gehen mußte, das kann ich noch nicht begreifen.

Hab’ ich in einer Phantasie, selbst erschaffen, gelebt?

Das Schicksal hat gesprochen - und ich danke für alles.

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09. März 1982 - Beziehungsgrübeln

Sonntag, September 9th, 2007

[…]

Ich bin dem „Logikprinzip“ unterworfen („Faust“ oder „Wagner“).

Sie ist dem „Phantasieprinzip“ unterworfen („Mephisto“).

Für sie hat es keinen Wert, etwas mit „letzter Klarheit“ gesagt zu haben. „Wahrheit um jeden Preis“ - was für mich wie der letzte Anker, der absolute Anker, erscheint (und unsereins hat nur nicht die Kraft, sich fest daran zu halten - da beginnt der subjektive Selbstbetrug), ist für sie kein Wert. Ihr „letzter Wert“ ist „das Leben“, „die Spontaneität“, die kein Letztes kennt, die das Erreichte sofort in Frage stellt, die absolute Bewegung. Daher muß sie da, wo ich „absolute Wahrhaftigkeit“ fordere, irrlichtern, ausweichen, feige erscheinen dem tumben Geist. Ja, wenn ich allzu nachdrücklich bin, dann regt sich ihr Widerstand, je mehr ich versuche durch Systematik, durch scharfsinnige Analyse das Unfaßbare zu fassen, umso mehr ist sie versucht, sich nun gerade nicht fassen zu lassen und mich auch bewußt und absichtlich an der Nase herumzuführen, auszutrixen, den Selbstgerechten für dumm zu verkaufen, zu beobachten, wie der ach so Logische sich an den unwahrscheinlichsten Strohhalm klammert, letzten Endes zu erleben und zu genießen, wie der verhaßte „Wagner“ untergeht.

Mit L. nach meiner Fasson leben zu wollen, heißt den Wind in meine Kammer einzusperren. - Entweder die Kammer wird gesprengt oder der Wind entartet zum Furz und stirbt.

[…]

Daß L. letztlich Widersprüche nicht auflöst, sondern lebt, hat auch mit ihrer Kunst zu tun und ist ein Urquell dieser Kunst.(Daher weiß ich, daß ich im Tiefsten unfähig bin, Kunst zu schaffen.) Die künstlerische Gestalt muß diesen Widerspruch tragen, darf ihn nicht aus sich herausgereinigt haben. Freilich gibt es oberflächliche und tiefere Widersprüche - hier muß wieder die Logik des Lebens zu ihrem Recht kommen. […]

Ohne Abstraktion keine Tiefe! Freilich geht es um spezifisch künstlerische Abstraktion.

[…]

Heute morgen am Bahnhof Friedrichstraße ein Mann und eine Frau - es sah wie eine Dienstreisebekanntschaft aus - deren Münder buchstäblich ineinander verbissen waren. (Bildmotiv: Das sich verschlingende Paar.)

Eindruck vorige Woche: Mann und Frau (Mitte/Ende 60J.) steigen aus dem Bus. Sie, ungeschickt, behindert ihn. Er, mit großem Gesicht, riesigem Mund, mächtiger, hängender Unterlippe (ein altes Schwein-Ungeheuer) brummt irgend etwas. Sie (während des Aussteigens, kläglich):“Du hast mir doch gesagt, daß ich das so machen soll.“ Ich sehe sie draußen stehen. Er, über sie gebeugt, redet scheltend auf sie ein. Sie (kleiner), weggebeugt, den Unterarm wie zum Schutz vor einem Schlag erhoben, vor ihrem Gesicht, lamentiert weinerlich. (Das war am 4.3., vergl. dort letzten Absatz) Danach hatte ich keine Freude mehr, mit der schönen Frau zu äugeln. (Sie hatte die Szene übrigens übersehen.)

[…]

Je mehr sich eine Frau schön macht, umso mehr macht sie es für sich selbst.

Überhaupt Menschen, die vor allem sich selbst erleben.

Während der Mittagspause blicke ich krampfhaft nach Frauen, die mir gefallen könnten.

Der Mann kann nicht wissen, was es heißt, die Frau zum Lustobjekt zu machen, solange er nicht selbst als Begattungswerkzeug benutzt wurde.

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Zwei Äußerungen bedeutender Künstler der DDR zum Tode von Konrad Wolf.

Dieses Bild hätte ich ohne Hebbel nicht richtig verstanden:

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„Die Klage ohne Trauer ist mehr noch als die Trauer ohne Klage, dasjenige, was die Menschenseele, wo sie auch sehen oder hören mag, erdrückt. Es ist das Leben selbst, hingestellt in seiner vollen Bedürftigkeit.“ (6.8.1836)

weiter Hebbel: (18.7.36) „Unendlich viele Menschen haben nie einen Gedanken gehabt und sehen doch wie Denker aus; sie sind wie Kartenspieler: unendliche Kombinationen durch wenige, gegebene Blätter. Solchen Menschen ist nichts begreiflich zu machen.“

„Mensch mit Mensch im Verhältnis will immer Steigerung dieses Verhältnisses, wenigstens die Möglichkeit derselben. Darum ist der Kulminationspunkt solch eines Verhältnisses oft zugleich der Gefrierpunkt…“(2.9.36)

„Ach, die leidige Halbheit, die Mutter innerer Verzweiflung und jedes äußeren Konflikts.“

„Es wäre ein geistiger Zustand denkbar, wo der Mensch, indem er sich ganz und gar an den irdischen Kreis gewöhnt hätte, in einen anderen nicht mehr eintreten könnte; und die wäre, was Verdammnis heißen sollte.“ (S. 42)

„Töten, das Aufheben einer eigentümlichen Lebensrichtung.“(S. 43);

[…]

 

01. März 1982 - „sich objektivieren“

Sonntag, August 26th, 2007

Als ich morgens das Radio aus L.s Arbeitszimmer hole, sehe ich die Skizzen, die sie gestern Abend noch gemacht hat. Ich bin begeistert darüber, daß sie gleich gearbeitet hat, wie sie die Anregungen des Tierparks und ihr eigenes Erleben verarbeitet hat. […] In dieser Situation wird meine Schwäche gegenüber ihrer Stärke deutlich. Sie hat gearbeitet, sich objektiviert, ich hab’ gegrübelt. Sie hat eine winzige Anregung des Lebens zu einem Sinnbild erhoben. Ich konnte aus derselben Anregung nichts machen. Ob hier außer der Verschiedenheit unserer Talente auch die Verschiedenheit von Wissenschaft und Kunst hineinkommt?

Kunst als die Form das „Unbeschreibliche“, „Unaussprechliche“ darzustellen, kommunizierbar zu machen? Ja und nein. Gestern Abend hatte ich das deutliche Gefühl, daß es demgegenüber ein Erleben gibt, daß überhaupt nicht objektivierbar ist, daß jede Objektivierung ein Schemen bleibt. So muß der Regenwurm erleben, der sich stumm krümmt, der Wolf, der einsam heult. Ich glaube, daß wir - bei Strafe unseres Tierwerdens - objektivieren müssen, mit all unseren menschlichen Möglichkeiten ganz umfassend objektivieren müssen.

Vorsicht, daß diese Protokolle nicht eine Scheinobjektivität bleiben. Ich muß die Wege zu ihrer weiteren Objektivierung, Verallgemeinerung finden.

Dialektik. Die Bewegung ist absolut. Darauf ist das Leben zu bauen. Wir wollen immer irgendwo den Hafen des ruhigen Glücks.

Das Leben als ewige Reise durch die Welt, um nicht zu sagen als Flucht: Parsifal, der fliegende Holländer, der ewige Jude, Herkules, Jesus, Gorki, Bernd Wagner usw. usw.

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Ein Witz, den wohl nur versteht, wer die Fenster der DR- Deutschen Reichsbahn - kennengelernt hat.

Sich die ganze Welt, der Menschen Fülle aneignen. Das muß ich auch, wenn ich über das einzelne Protokoll hinaus zur Verallgemeinerung gelangen will. (Die Lebenslaufanalyse scheint mir hier unersetzlich, an ihr, am einzelnen Menschen werden alle Teilungen (der Arbeit) wieder zusammengeführt.) Das setzt detaillierte Kenntnis vieler Lebensläufe voraus, um sinnvoll „Erlebenstypen“ der Menschen unterscheiden zu können. Intimkenntnis dieser Art ist rel. schnell über erotische Beziehungen zu erreichen, also für mich nur über Frauen. Trotzdem den erotischen Weg nicht überschätzen. Wirklich allseitige Kenntnis ist auch nur über allseitige Beziehungen erreichbar, praktische und geistige Beziehungen.

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Das soziale Gebäude ist selbst in der Dialektik von Bewegung und Ruhe (wie der Baum gleichzeitig abgestorbene Rinde und und junge Triebe trägt). Oft erscheint der Versuch, sich von gefestigten sozialen Beziehungen, Werten zu lösen als asozial. Aber welch nichtssagendes Wort ist „asozial“. Es bezieht sich sowohl auf den, der ins Vorsoziale absinkt, wie auch auf den, der scheinbar ähnliche Verhaltensweisen annimmt, weil er ein Soziales viel höherer Art hervorbringt (L., Bernd Wagner, ich?).

Der verderbliche Wunsch, einen anderen Menschen als Schutzschild gegen Veränderungen einzufangen! (Frauen, die mit diesem Ziel Männer kennenlernen), lebensdumm bis dorthinaus. (Das Paradies, die Tröstungen der Religion haben auch viel davon.) Daß heute die Menschen so „atomisiert“ sind in der Gesellschaft (und es noch weiter werden, wie man an der Jugend z. B. sieht), ist eine Hoffnung (obwohl diese Entwicklung so viel Leid mit sich bringt).
Warum? Nur aus sich selbst kann der Mensch die Kraft finden zur Freiheit im oben gemeinten Sinne: Freiheit zur allseitigen sozialen Bindung setzt Unabhängigkeit, Freiheit von jeder Einseitigkeit der sozialen Bindung voraus. Nur auf dem Atom kann sich die Welt drehen.

[…]

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Bei Bernd (Wagner) endlich mal ein Gespräch ohne die sonst aufkommende Gehemmtheit.

Über dieses Gespräch habe ich übrigens hier berichtet.

Um das Arbeiten gings und um das Tagebuchführen. Canetti und Hebbel ausgeborgt. Canetti unterscheidet Aufzeichnungen (von spontanen Einfällen), Merkbücher (für Ereignisse im Zeitablauf) und Tagebücher der Zwiesprache. Für ihn sind diese Formen immer Bestandteil des Ringens des Schriftstellers um sein Werk, d.i.also gerade nicht mein Gesichtspunkt. Trotzdem werd ich diesen kleinen Aufsatz noch einmal zur Hand nehmen und für meine Methodik auswerten.

Schönes Bild heute: Eine Kindergärtnerin sperrt die Straße, die Autos warten und wie bunte Kartoffeln kullern die Kinder über die Straße. Des Lebens Ernst war für einen Augenblick lustigem, sicherem Spiel gewichen.

[…]

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Vom Eulenspiegel aufgespießt. Heute glaubt man sowas kaum.