Archive for the ‘Lenin’ Category

10. Juli 1982 - Spannungen mit dem Chef; sozialistische Funktionäre

Donnerstag, Januar 24th, 2008


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Lesen: Musil, “Mann ohne Eigenschaften”

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10. Juli 1982 - Spannungen mit dem Chef - sozialistische Leiter
RIAS-Gespräch über Träume. Schizophren sein - keine Wege sehen! Das ist entscheidend: Wege sehen! Sich Wege schaffen! Wer Wege geht, findet auch Weggefährten. Er hat auch Grund, sich mit Gefährten zu verbinden (doch auch Grund sich zu trennen!). Wer nur wartet (viele Frauen), hofft nur darauf, entdeckt zu werden (wie ein Schatz). Doch der Mensch, der nur wartet, ist kein Schatz, sondern taubes Gestein. Es könnte sein, dass das, was in Träumen passiert zum Teil auch im Wachen passiert - die unerwarteten, unerklärlichen, völlig unmotivierten Einsprengsel von früheren Erlebnissen während bewusster, mehr oder weniger konzentrierter Gedankengänge.

G. # mein Chef # Hat es abgelehnt, mich am Montag, Dienstag, Donnerstag zum Arzt fahren zu lassen.”Das wollen wir gar nicht erst einreißen lassen. Er soll selber sehen, wie er hinkommt.” (so vom Kraftfahrer übermittelt.) Ich bin darüber sehr verärgert. Einen Tag später lässt er mir mitteilen, dass es am Montag nochmal geht. (Ich bin nicht so stolz, dies nun von mir aus abzulehnen.) Wie ist so etwas möglich? Natürlich sind da unterschwellige, angewachsene Antipathien, da er sieht, dass ich “ihn” (in Wirklichkeit die ZF) verlasse. Trotzdem passt hier manches gar nicht zusammen: Ein überzeugter Genosse, Gemeinheit gegenüber dieser kleinen Bitte eines anderen Genossen, mit dem er seit Jahrzehnten zusammenarbeitet, zugleich hemmungslose Ausnutzung des Wagens und Fahrers zu persönlichen Zwecken (Eigenheimbau).

Lunatscharski hebt zu Recht hervor, dass Lenins Persönlichkeit völlig deckungsgleich mit dem Wesen der Arbeiterklasse war. Das ist wahrscheinlich das Besondere, vielleicht gar ein einmaliger Fall (in einmaliger Situation). Wir alle anderen haben unser “Ich” nicht bis zur völligen Identität mit dem Wesen der Arbeiterklasse erhoben. Jeder, auch jeder unserer Führer, hat einen Teil seines “Ich”, das vorproletarischen Charakters ist. (Schon Lenin sagte: “Kratze den Bolschewiken und der Spießer kommt zum Vorschein.”) Wenn ich jemandes Verhalten als parteimäßig bezeichne, so spreche ich in Wirklichkeit meist nur von ganz bestimmten Aspekten seines Verhaltens.
(In der differenzierten Gestaltung der Individualitäten liegt einer der Vorzüge von Robert Musils “Der Mann ohne Eigenschaften”.)

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05. Juli 1982 - Fußball-WM

Dienstag, Januar 22nd, 2008


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Fernsehen: Fußball WM
die Fußballenttäuschungen: Italien - Brasilien 2:3, Spanien - England 0:0
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Heute vor einem Vierteljahrhundert hab ich Christel # meine Ehefrau # kennen gelernt. Rechtzeitig trennen!

Etwas Gemeines, Mieses, dass die Frauen an mir feststellen (Heidi, L., Christel, Helga Gründer, Rosi v.d.B., Vroni), dass sie abstößt und zugleich fesselt. Wie ist das genau zu fassen? Eigentlich ist Heidi der Auslöser für diese Frage, und ich werde daran bleiben
Ein gravierender Unterschied zwischen Lenin und mir: Meine Ichbezogenheit, Beschäftigung mit mir selbst.

04. Juli 1982 - zu Lenin

Dienstag, Januar 22nd, 2008

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Lesen: Lunatscharki, “Lenin”
Fernsehen: Fußball WM und rumänischer Film “Zärtlich ging Anastasia vorüber”
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Genosse Liebau, Ministerium für Materialwirtschaft # MfM #, teilte mir, nach Rücksprache mit dem Generaldirektor des Kombinates Sero

# Sekundärrohstoffe= wiederverwertbare Altstoffe aller Art; in diesem Kombinat hatte ich mich als Kaderdirektor beworben #

mit, dass ich zu meiner Lebensgefährtin noch etwas schreiben solle. […]

Zum Ferienbeginn in der Schule hinterm Haus Appelltöne, Kommandos, Marschklänge, offizielle “frische” Lieder - welch ein Gegensatz zur Musik bei den Schülerdiscos.

Was Lunatscharki über Lenin schreibt, ist nicht nur gut beobachtet, sondern oft auch klug.
Wie Sie zu Lenin stehen:
Marita mag ihn sehr und am meisten, dass er zusammengebrochen sei (physisch) als Ines Armand starb (was wohl nicht ganz richtig ist, vergleiche die Reclam-Biografie).
Evelyn kann ihn nicht leiden, weil er nichts von Kunst verstanden habe, keine Beziehung zu ihr hatte.
Heidi hat überhaupt keine Beziehung dazu.
L. schätzt Lenins menschliche Größe, hat einiges aus seiner Biografie gelesen. Sie erspürt unweigerlich diese humane Qualität. Die politische Qualität bleibt ihr fremd und gleichgültig.
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28. Juni 1982 - Moczarski “Gespräche mit dem Henker”. Die Mauern von Chikago.

Sonntag, Januar 20th, 2008

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Hauptetappen meines Lebens lassen sich durch Frauen markieren:
Christel (16 bis 35 Jahre), eine Zeit des Pflichtbewusstseins, der Ernsthaftigkeit in der Anwendung des Gelernten, der strengen Familienorientierung, beginnender Zweifel und Einsichten.
L. (36 bis 42 Jahre), Traum meines Lebens.
Interregnum (42 bis 50/55) Kennenlernen, Studieren der Besonderheiten, Nischen, Abwege. Entdecken ausgefallener Lust, Schwäche zu großer Bindung, intensivste Arbeit, die mich auch verändert.
Abendliebe (50/55 bis Schluss) schöne begrenzte Liebe, sich Bescheiden mit dem Möglichen, das zum Wirklichen wird. Abschied vom unendlichen Glück, Frieden im bescheidenen Glück.

Beim Psychologen-Treff spreche ich mit Inge über Angelika. Nach dem was ich schildere (Badeszene), meinte sie, dass es doch ziemlich ernst sei und sie in ärztliche Behandlung müsse. Man solle solche Leute straff, energisch, ernsthaft, aber nicht kränkend anfassen.

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Im Westfernsehen zum ersten Mal eine Hitler Wochenschau ganz gesehen. 30 Minuten das Gloria der deutschen Heere, danach schwätzen 1, 2 Engländer über die damaligen Kämpfe um Tobruk (1, 2 Russen über die Kämpfe um Sewastopol lassen sie nicht auftreten), wegen der Objektivität! Seit Jahren sind diese Sendungen alltäglich. Seit Jahren also ungebrochene Tradition zur deutschen faschistischen Wehrmacht selbstverständlich. Konsequentes Verdecken von Zusammenhängen und Ursachen, wie auch in der nachfolgenden Sendung “Hedonismus”.
Imperialistische Ideologie: das (dosierte) Darstellen von Erscheinungen kann sehr weit gehen, wenn zugleich gesichert wird, dass das Wesen unerkannt bleibt!
Das Verdecken von Zusammenhängen und Ursachen ist auch bei Fassbinder typisch, für den wieder Gedenksendung. Mit ihm ist Ihnen wirklich ein ideologisches Zugpferd ausgefallen.

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Immer wieder fällt auf bei Leuten, die nicht aus L.s Umgebung kommen, sondern meiner die Unsinnlichkeit, Blindheit beziehungsweise allenfalls schematisierte Sinnlichkeit (zuletzt beim Psychologen-Treff, z. B. Nichtbeachtung der Blumen).

Zu “Gespräche mit dem Henker” von K. Moczarski: Frau Käthe Stroop kommt aus der Kulturintelligenz. Wahrscheinlich auch eine Bestätigung dafür, wie die ästhetische ohne entsprechende politisch - ethische Bildung zum Schlimmsten passt.
“Ein Leiter ist auch dafür verantwortlich, was die von ihm Geleiteten tun.” Die Tiefe dieses Leninsche Satzes ist mir jetzt nach der “Stroop-Lektüre” erst richtig aufgegangen. Bei der Darstellung durch Mocz. stehen Momente der Führungstätigkeit im Vordergrund. Das bedingt eine gewisse Abstraktheit und drängt die wirklichen Folgen der Handlungen der Befehlenden (und erst von Schreibtischtätern!) in den Hintergrund, macht sie unwirklich. Um das Handeln solcher Leute auch emotional richtig zu werten, müssen neben dem Wesen ihrer Führungs- und Leitungstätigkeit auch immer typische Erscheinungen, Einzelheiten dessen dargestellt werden. Typische Erscheinungen, denn nicht für alle Erscheinungen ist der Leiter verantwortlich.

Gute Stimmung beim Psychologentreff. Heidi freut sich über ein kleines Kompliment, dass ich ihr mache. Sie scheint und wirkt so herb. Und das täuscht. Wie ein Schwamm saugt sie Lob, Dank, Aufmerksamkeit auf. Sie will gewärmt werden.
[…]

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17. Juni 1982 – Brief nach Maputo

Mittwoch, Januar 9th, 2008



[…] von R. Gehaltsstreifen, Vertretung des Chefs seit 18.3.82, + 2327,-M, […]
in Schmachte graben für E-Leitung, […]

17. Juni – einst ein brisanter Tag - - -

etymologisch:”Bastard” - der auf dem Sattel gezeugte! (”horizont” 25/82)

Aus einem alten Magazin entnahm ich diese interessanten Informationen.

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Interessant diese Rhythmik. Sie zeigt, dass hier Arbeit stattfindet; die Ströme sind natürlich nur eine Erscheinung. Welche Arbeit hier geleistet wird, was da rhytmisch korrespondiert, das ist natürlich noch sehr unklar. Zu denken ist aber, dass noch viel mehr als die beiden hier aufgedeckten Rhytmen sich überlagern und zu verschiedener Zeit verschieden überlagern.

Welche Rhytmik der Geschlechtsorgane? Das ist kein einfaches Triebanschwellen, etwa nach dem Schema:

1. - Befriedigung, Triebruhe,

2. - abstraktes erotisches Interesse,

3. - konkretes sexuelles Interesse.

Es gibt auch das Zurückspringen von der dritten Stufe auf die zweite. Ganz abgesehen davon, dass es zwischen Befriedigung und Triebruhe (Stufe 1) auch deutliche Unterschiede gibt. Die Befriedigung ist eigentlich nur eine kurze Ruhe, Erschöpfung eines gerade abgearbeiteten, im Ganzen aber höchst aktiven Organs (in dem recht bald auch wieder das Blut wärmt, bald vibriert, selbst wenn nicht wieder ein starker sexueller Motoren arbeitet), während Triebruhe langdauernd Untätigkeit ist, wie ein Winterschlaf, fast wie ein Absterben.

Eine interessante Formulierung für eine andere Seite dieser Antriebsproblematik fand ich im “Filmspiegel”:

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Während man dieser Mosambiqueanischen Tänzerinn kaum Antriebsprobleme zutraut.

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Da ich den Brief an Karl-Heinz L. ohne Durchschlag geschrieben habe, hier eine verknappte Wiedergabe:

# Karl-Heinz L war ein früherer Lehrgangsteilnehmer, der eine enge Bindung an unsere Dienststelle bewahrt hatte. Da er als Exportkaufmann viel im Ausland tätig war, pflegten wir unsere Verbindung durch mehr oder weniger humorvolle oder auch anzügliche Briefe. #

Lieber Karl-Heinz!

Als viel beschäftigter Chef “auf allen Strecken” möchte ich mich auch am “Nord-Süd Dialog” beteiligen.

Du wirst sicher denken: “viel beschäftigt “- der soll erst mal Arbeit kennenlernen. Dazu muss ich erklären, dass die meiste Beschäftigung mir zur Zeit meine “kernige Gesundheit” macht. Seit nun schon vielen Wochen schleppe ich einen steifen Rücken herum, und als ich mich endlich entschlossen habe, zum Arzt zu gehen und mir eine Spritze verpassen ließ, bekam ich postwendend einen Nervenentzündung/Ischias im ganzen linken Bein, die mich nun wirklich ernsthaft ärgert. Seit einigen Tagen scheint nun endlich, wenn auch langsam, eine wirkliche Besserung einzutreten. Jedenfalls habe ich die Schlussfolgerung gezogen, bei solchen Leiden künftig nicht auf Selbstheilung zu warten, sondern frühzeitig und massiv die - geringen - Mittel des ärztlichen Handwerks zu nutzen.

Im übrigen habe ich mich in letzter Zeit darauf konzentriert, den kommenden Lehrgang besser vorzubereiten, viele Gespräche zu führen (fahre deshalb morgen auch nach Halle), denn schließlich brauchen wir im Ministerium Strategen, die den NSW-Export zu ungeahnten Höhen führen und nicht Globetrotter, die den gewalttätigen Eingriffen des Klassenfeindes in die unberührte Natur von Cabora Bassa zujubeln.

Du siehst, es gibt schon Einiges, womit man sich die Zeit vertreiben kann. Daß damit ein Nachlassen der Wachsamkeit verbunden ist, kann gut sein, daß freilich diese Entwicklung schon im fernen Maputo die Klapperschlangen rasseln lässt, ist höchst beunruhigend. Daher werde ich Deine Hinweise aus dem letzten Brief sehr ernst nehmen und danke Dir dafür. Die Frage bleibt aber:”wie”? Da ich im ganzen vier Söhne habe, weiß ich zwar mit einem Sack voll Flöhe umzugehen, wie man aber einen Kugelblitz zusammen mit einem […] Junigewitter unter Kontrolle hält, dazu müsstest du mir vielleicht noch ein paar heiße Tipps vermitteln. Vielleicht gibt dazu die ins Auge gefasste Feier Gelegenheit.

Deutlicher möchte ich mich nicht ausdrücken, denn zu bedenken ist, dass meine Post an Dich zweifellos mehrere Kontrollen im Vorzimmer durchläuft, und wenn es auch Tatsache ist, daß das Interesse der Kolleginnen für alle so ernsthaften Fragen der Arbeit mit den Lehrgängen konsequent unter einem unteren Grenzpunkt verharrt, ist es doch nicht auszuschließen, dass die Eine oder die Andere zwischen zwei Telefonaten (Manche Telefonanrufe kommen bei uns an, trotz unzuverlässiger Technik.) stutzig wird, wenn dieser Brief nicht meine in letzter Zeit typisch griesgrämige Laune zum Ausdruck bringt.

Damit aber genug von unseren mehr oder weniger kleinen und alltäglichen Sorgen beim Kampf im entwickelten Sozialismus. Deine Erlebnisschilderungen sind immer sehr interessant für uns alle, und nicht nur R. möchte manchmal so richtig mitgehen. Das allerdings der Karate-Hit:”Über 1000 Brücken musst du gehen” sich auch in Maputo durchgesetzt hat, hat mich doch überrascht. Vielleicht kannst du den Jungs noch paar andere exotische Tipps geben, zum Beispiel:

“Komm, oh komm, du kleine Schnalle,

greifen wir uns ‘ne Koralle.”

Oder etwas gehobener als Walzerlied:

“Lass uns im Ozean schäumen,

wieg uns in südlichen Träumen… “

Aber vergiss nicht, Dich anständig an den Tantiemen beteiligen zu lassen, sonst musst du weiterhin Jahr für Jahr zwischen Mexiko und Mosambik pendeln.

Nun aber genug, sonst muss ich noch Überstunden machen. Also weiter:

“Meistre Brücken,

ohne Krücken,

sollst durch Briefe uns entzücken (alle)

und ab Juli sogar drücken (nicht alle)!”

 

In der Mittagspause wackle ich mal zur” Galerie unter den Linden” und sehe - einer Womacka - Ausstellung. Es bleibt einem nichts erspart. Vor manchen der Aquarelle fuhr es direkt aus mir heraus:”So ein Blödian”. Der öffentlich anerkannte W. bezeichnet einen Tiefpunkt, den die Malerei in der Öffentlichkeit erreichen kann, bzw. Tiefpunkt des Bewusstseins der Öffentlichkeit (bzw. Herrschender) von Malerei.

 

Die Frauen # A. und R., Sekretärin und Haushaltssachbearbeiterin # loben mich wegen meiner Briefe (der Brief an Karl-Heinz ist der Anlass). Wir “hecheln” Vieles durch. Sie sind, wie immer und wie immer nicht ohne Grund, empört über Privilegien, die es in unserer Gesellschaft für die herrschenden Funktionäre gibt. Anlass für manches gibt hier immer wieder auch Günthers Verhalten.

Mich beeindruckte L.s Erzählen von Lenins Leben im ihm fremden und von ihm unberührten Schloss in Gorki. Und dagegen das, was mir Jörg Heiko Bruns von den Festen mancher Kreisfunktionäre im Schloss Molsdorf erzählte.

 

R. erzählt, dass die neuen Kartoffeln zwar unverändert 4,05 M kosten, das in einem von ihr ausgewogenen Beutel aber nur acht Pfund waren (gegenüber 10 Pfund früher).

 

10. Juni 1982 – Akt fotografieren

Mittwoch, Januar 2nd, 2008



[…] interessante Annoncen!

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Wieder so ein Pärchen?

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Egal: Ich schreibe auf jede derartige Annonce. Jetzt will ich wissen, was sich tut.[…]

 

Interessante Meinungsäußerungen übrigens im Gästebuch der Purrmann-Ausstellung. Für viele, die da schreiben, ist es Selbstdarstellung, wie überhaupt solche Notizen immer wie Rufe in die Leere wirken. Viel Begeisterung (z. B. Inge Keller), Genörgel, daß man diese Landschaften erst als Rentner sehen wird, P. wird der Nichtskönner und Schmierfink Womacka gegenübergestellt (dabei haben sie einen Berührungspunkt: die Dekorativität). Bevor man Purrmann glorifiziert - gegenüber Cezanne ist er nichts. Hofer, der natürlich ganz anders ist (spezifische Vorzüge Purrmanns nicht hat), ist natürlich viel wichtiger.

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Die Bemühungen derer, die über Aktfotografie schreiben, kontrastieren mit der Gier, mit der derartige Bücher (z. B. Burkhardt: “Aktfotografie”) gelesen und behandelt werden (viele Seiten rausgerissen) und sie demzufolge von den Bibliotheken weggeschlossen werden.

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Burkhardt enttäuscht. Natürlich gibt es immer Bedenkenswertes, mein Zugang jedoch ist das erotische Interesse. (Übrigens bin ich immer mehr von den Akten Günter Rösslers angetan.) Mein Interesse ist erotisch, ja z. T. von sexueller Nichtbefriedigung geprägt. Aus diesen Wurzeln allein werd ich keine guten Aktfotos machen. Jedoch gibt es eine starke Komponente des Erkennenwollens des Menschen dabei, in seiner Intimität, in seinem Geheimnis (nicht aus Lust an der Zerstörung des Geheimnisses oder gar des Menschen), und das ist die tragfähige Seite. Ich hoffe, daß in der Praxis dann das Ungesunde ausgärt.

 

Erstaunlich, welche Kontraste die Menschen selbst darstellen und ausdrücken können.

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Die Arbeit mit den Kandidaten des 31. Lehrgangs macht mir Spaß, auch die Zusammenarbeit mit Goli. Jetzt würde ich es bedauern, wenn es mit dem Kaderdirektor nicht klappte. Werde im Ergebnis unserer Gespräche einen Ministerbrief aufsetzen.

Ich schätze neu die einfache, nützliche (Leninsche) Arbeit und bin von erneutem, vertieftem Mißtrauen gegen die Selbstzwecklichkeit der Kunst erfüllt. (Das vertieft den Graben zu L.)

[…]

Widerliche Fernsehschauspiele des Westens in diesen Tagen. Reagan, Thatcher präsentieren sich, zugleich werden die Bilder von ihren Kriegen gesendet und Haß auf die Sowjetunion geschürt. Dieser Auswurf der Menschheit! Will es das Schicksal, daß die Welt noch einmal, ein letztes Mal, ihre Eiterbeulen auf den Rücken der Russkis gesundet?

Die Wachen sind wach. Die schlafen, schlafen tief.

 

Faßbinder gestorben, mit 36 Jahren, auch so ein Einschläferer, Boys und viel zu viele andere Clowns in der großen Bonner Friedensdemonstration.

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[…] Burkhardt „Aktfotografie“ Halle 1958:

B. ist halt schon sehr alt. Jedoch:

S. 61: „Die pornographische Darstellung ist lebenszerstörend, lebensverneinend.x Die edle Aktdarstellung ist lebensfördernd, lebensbejahend.“

S. 57: Die künstlerische Erhöhung der Nacktheit zum Akt.

S. 64: Aktaufnahmen aus erotischen Interessen, aus erotischem Interesse Modellstehen für Aktaufnahmen.

S. 67: Der Fotograf als Psychologe gegenüber dem Modell, Einfühlung, der sinnliche Aktfotograf!

S. 69: Auch das „an sich nicht Schöne“ kann gut gestaltet werden

S. 70: Aktfilm

S. 70f: gute weite Auffassung davon, was alles Akt sein kann (eigentlich alles)

X Damit ist sie nicht nur ästhetisch, sondern sittlich verurteilt.

 

 

29. Mai 1982 - erotische Fotografie

Sonntag, Dezember 2nd, 2007

[…] acht Stunden im Garten,

abends Lektüre Lenin-Briefe und -Biografie (> Ines Armand) […]

 

Heute hab’ ich die letzten 4 Tabletten Phenylbutazon weggeschmissen, nachdem ich deutlich den Eindruck habe, daß sie, ohne viel zu helfen, eklige Schmerzen verursachen. Vor allem nach dem Mähen merke ich das Bein sehr. Im übrigen ein sehr tätiger Tag, der mich jetzt kaputt sieht.

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Aktfotos älterer Menschen, Akte von Männern, von Paaren. Rühren die Schwierigkeiten nicht daher, daß unsere Aktphotografie nach wie vor viel zu unerotisch ist? Ein bestimmtes Körperideal find’ ich nun mal nur bei der jungen Frau. „Ideale Akte“ also nur mit ihr. Erotik dagegen finde ich bei allen, auch bei den Alten, bei den „Häßlichen“. Und menschliche Erotik, denke ich, sollte etwas Schönes haben. Dies also sollte fotografiert werden. Also paradox: Gerade der erotische Akt führt mich zur Aktfotografie für alle Menschen.

Die Frage wäre es nun, die spezifische Schönheit der Erotik anderer Menschen zu entdecken, z. B. von Margot, z. B. von Hegrü. Der Pfad, um diese Problematik zu meistern, wird, glaub ich, immer schmaler, je älter die Leute. Aber es gibt ihn! Wahrscheinlich darf das Körperliche, so wie es in ihrer Erotik wohl kaum dominiert (ohne daß es fehlt) auch im Aktfoto nicht dominieren (jedoch auch nicht fehlen).

Die konsequente Orientierung auf den erotischen Akt, öffnet aber auch der üblichen Aktfotografie (schöner Frauen) neue Räume. Das heißt auch, einen menschlichen Sinn freimütig ausbilden!

Ich hab’ jedenfalls nicht die Absicht, Achsel- oder Schamhaar kürzen zu lassen.

 

Übrigens sind fast 50,-M/Std ein Professorenhonorar, dafür dürfte es wirklich nichts (Fotografisches) geben, was sie nicht bereit ist zu bieten.

 

24. Mai 1982 - Kaderarbeit im Realsozialismus

Mittwoch, November 21st, 2007


eklige Kreuzschmerzen,

die Vorbeugeuntersuchung ergibt Blutdruck 145/90. Ich kriege Reizstrom.

[…]

Gestern sogar im Fernsehen, in der „Aktuellen“, großer Bericht von der Eröffnung der Ausstellung Womacka!!

# Meine Abneigung gegen die platte Kunst Womackas war von jeher enorm. Womacka, zugleich Mitglied des ZK der SED, malte starkfarbige, einfach zu rezipierende Bilder, voller süßer sozialistischer Harmonie und bestellter Parteilichkeit. Sein „Paar am Strand“ oder „Peter im Tierpark“ schmückte jeden Kindergarten. Bekannt noch heute ist die „Bauchbinde“ am Haus des Lehrers am Alex in Berlin, auch der Springbrunnen auf dem Alex, „Nuttenbrosche“ genannt. L., die in Weißensee studiert hatte, während Womacka dort Rektor war, teilte die Heftigkeit meiner Abneigung nicht. Künstlerisch konnte sie natürlich nichts anfangen mit ihm, schätzte aber seine persönliche Einfachheit und Natürlichkeit. Während des Faschings ließ sie es sich nicht nehmen, einen Kuß auf seine Glatze zu drücken. #

Im „BE“ das Lenin-Stück: Die Szene des „Abtretens der Komsomolzen“ hat mich erschüttert. War so Lenin? Sicher eine mögliche Lesart… (der lernende und fast schon hilflos werdende Lenin). Das große Kunstwerk über Lenin, das totale Kunstwerk über ihn haben wir nicht, ja überhaupt haben wir erstaunlich wenig Tieferes über ihn.

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Jugendschönheit!

Ein Körper, der auch schon für sich genommen zu ahnen ist, doch noch die Einheit von Körper und Mensch (Person).

# Zum Folgenden vergleiche auch hier. #

 

 

 

Der „politische Kampf“, bescheidener: Die politische Arbeit der Genossen im MSAB; bestimmter Genossen. Ich denke an die Auseinandersetzung Horst L./Gerhard Kleeblatt, ich denke an Golis Erzählen über seine Arbeit.

 

Hier habe ich tatsächlich das Gefühl, daß politische Ideale im Spiel sind. Diese politischen Ideale bestimmen die Handlungen mit, obwohl es zweifellos kein Handeln allein aus moralischen Werten heraus ist; es ist ein Handeln, das sich voll ins Übliche eintaktet aber doch noch eine andere Quelle hat.

Mit Goli wäre mir Zusammenarbeit möglich, wie sie zwischen Sch./G. nie denkbar ist. Zusammenarbeit des Prozesses, nicht des Prestiges wegen. Laßt die Jungen Verantwortung tragen!

Beschlüsse durchsetzen, indem Verletzer zur Verantwortung gezogen werden. Aber wie? Was passiert, wenn dazu die Kraft nicht reicht? Wenn der Minister Kaderdirektoren oder Generaldirektoren wegen Kaderfragen nicht zur Verantwortung zieht oder wenn diese sich nichts daraus machen, weil sie es sich aussuchen können, für die Nichterfüllung welcher Beschlüsse sie sich prügeln lassen?

Die Leiter, der Leitungsapparat - der goldene Fonds, der gehegt werden muß (gerade , weil er auch unerhört belastet werden muß).

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15. Mai 1982 - Marita

Mittwoch, November 14th, 2007



Samstag, 5.00 Uhr aufgewacht, weiter geduselt,
7.45 zur Krippe von F., Subbotnik

# Subbotniks waren freiwillige, unbezahlte Arbeitseinsätze. Sie gehen auf ein Ereignis im frühen Sowjetrußland zurück, das Lenin in seiner Schrift “Die große Initiative” (1919) zu weitreichenden (auch heute noch interessanten) Verallgemeinerungen bezüglich der kommunistischen Arbeit anregte. In der Praxis des Realsozialismus gab es durchaus noch “echte Subbotniks”, meist waren es aber zusätzliche (bezahlte) Arbeitseinsätze, um irgendwelche Löcher zu stopfen, Mißstände auszugleichen. Dementsprechend schlecht, zumindest zwiespältig, war ihr Ruf.
Bei einem Subbotnik in der Kinderkrippe ging es etwa um Verschönerungs- und Aufräumarbeiten, auch Reparaturarbeiten. Es ergaben sich Kontakte zwischen den Eltern und auch mal Kontakte etwas anderer Art zu den Krippenkräften. #

11.00 Uhr vom Subbotnik nach Hause, ca. 15 Teilnehmer,
12.30 in den Garten, 3 Hänger Mist, gemäht,
[…]
Die Zwänge, unter denen Marita handelt, wurden deutlich sichtbar. Das arme Kind sehnte sich (”verzweifelt”) nach Liebe. Doch zugleich sagt sie: “Ich kann mich nicht verlieben.” Sie hat sich in ein Geflecht von Illusionen und Erfolgszwängen gespannt, die ihr einen Ausweg aus ihrer Situation verbauen (auch die Erkenntnis ihrer Situation verbauen). Sie kann ihre “schlechten Seiten” nicht annehmen (we ich das kann), verdrängt sie, möchte sie abhacken und bleibt somit undialektisch (hilflos). Ihr Kummer, auch angesichts der Aussichtslosigkeit unserer Beziehung, für die sie sich aber noch engagiert, wurde deutlich sichtbar.
Im Laufe des Abends begehrte ich sie zum ersten Mal etwas aktiver, verhielt mich ganz richtig, was ihr gut tat, dann aber erfolgte ziemlich abrupt die Trennung, von mir war es eine Art Flucht, für sie eine weitere Niederlage. Das dürfte das Ende sein. (Von mir aus würde ich an einer freundlich-kameradschaftlichen Beziehung interessiert sein, doch dies wohl kaum möglich.)

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Gewiß kein aufregendes Aktphoto, mehr eine Unterwäschereklame. Doch es bringt mich auf die Idee: Ich müßte mal einen Akt versuchen, bei dem der Körper durch einen Blumenfülle hindurchschimmert, eine Situaion also, in der der Körper zugleich verdeckt, enthüllt und geschmückt ist.

Und so stehts ums Geld:

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03. März 1982

Mittwoch, August 29th, 2007

Die Straßenbahnzählung steht 13:36. Auf 13 Fahrer, die die Stationen ansagen, kommen 36, die sie nicht ansagen. Einen besonderen Spaßvogel hatten wir heute früh. Stationen sagte er nicht an, aber bei der Endstation: „Endstation! Alle aussteigen! Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Arbeitstag!“

Zivilschutzbelehrung - die Jüngeren sind beim Erklingen der Sirenentöne z. T. unaufmerksam, machen Scherze. Die Alten sind ganz ernst. […]

F., wenn er aus der Krippe kommt, ist oft voller Widerstandswillen. Gegen alles lehnt er sich dann auf, geradezu zwanghaft. Man darf ihn dann nicht brechen wollen. Auch resignieren darf man nicht. Man muß ihn gewinnen durch große Einfühlung, Zeit für ihn, Phantasie.

Marikas Ausstellung,

(Marika Voß, Malerin und Grafikerin in Berlin, http://www.neuhauser-kunstmuehle.at/voss.htm)

ihre Arbeiten sind freundlich, dem Leben zugewandt.Sie hat Talent und ist freier geworden.Für meine Begriffe wird für sie die Arbeit an ihrer „Idee“ zunehmend wichtiger. Der Leiter der Werkstattgalerie erzählt von seiner Arbeit (ca. 1100,-Mark brutto), ist Soziologe, hat schlechte Beziehungen zum Wohngebiet („Kommißköppe“). Ordnung und Sicherheit - für die Autos. (Wie ist ein schwelender Müllcontainer zu löschen? Indem man ihn neben die parkenden Autos stellt.)

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Heute in den Zeitungen der Entwurf des Thälmann-Denkmals von Lew Kerbel für den neuen Thälmann-Park - widerwärtig. Eine solche Entscheidung in ihrer Geistlosigkeit, Kunstlosigkeit, Instinktlosigkeit, Leblosigkeit - ein neues Gerümpel-Denkmal!

Lenin: Elemente der Dialektik Nr. 12: „Vom Nebeneinander zur Kausalität und von der einen Form des Zusammenhangs und der wechselseitigen Abhängigkeit zu einer anderen, tieferen, allgemeineren.“ Das ist die allgemeinste Formulierung wichtiger gegenwärtiger Erfahrungen von mir.

Heidi Damaschun erzählt (mit ziemlichem Engagement) von ihrer Arbeit an der Sektion Marxismus-Leninismus.

Meine altbekannte Physiotherapeutin mit dem schwarzen Wuschelhaar und den aufgeworfenen Lippen heute getroffen und von fern wechselseitig gegrüßt. Ist sie die Frau, auf die ich mich freue, sie etwas näher kennenzulernen?

Ein Tag voller Routinegedanken und Nacherleben von früher Gewesenem. Keine „Sternstunden“ des Schöpferischen., aber Eindrücke gespeichert, mit denen der Geist weiterarbeiten wird.