Archive for the ‘Literatur’ Category

16.November 1989 - Sonderjagdgebiete werden aufgelöst

Montag, November 16th, 2009

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# Sonderjagdgbiete sind ein Beispiel für Erscheinungen, die es in der DDR gab, die auch keineswegs streng geheim waren, und deren prinzipielle Bedeutung ich mir dennoch nie wirklich klar gemacht habe. Allgemeiner gilt: Man wußte von Privilegien bestimmter Personenkreise, man ärgerte sich darüber als braver (davon ausgeschlossener) Genosse, aber ich scheute mich durchaus, daraus Prinzipielles zu schließen, zu schließen, daß eine neue, sich partiell feudalistisch gebende Klasse entstanden sei (wie es Milovan Djilas vertrat und uns die Westmedien unter die Nase rieben). Diese Unentschiedenheit im Denken (und Handeln) meinte später Volker Braun, als er bezweifelte, daß das, was wir zu wollen glaubten unser WIRKLICHGEWOLLTES war.

Von der üblichen Situation des Unprivilegiertseins gab es oft einen fließenden Übergang zum nächsten Schritt: Der Möglichkeit, unter bestimmten Bedingungen einen Zipfel von den Privilegien der “Großen” zu erhaschen. Kleine (oder größere) Bröckchen wurden zur Belohnung für “Zuverläßigkeit”, Linientreue, kurz, Wohlverhalten absichtsvoll verteilt - eine sich immer weiter fressende Korrumpierung der Beziehungen, die die Realitätsmächtigkeit des Sozialismus im allgemeinen und die seiner führenden Szenerie im besonderen immer stärker schädigte, bis zum endgültigen Kollaps.

Dabei war es für das Schicksal des Sozialismus unerheblich, daß das Ausmaß, das materielle Niveau der Bevorzugungen verglichen mit privatem Reichtum und privater Macht im Realkapitalismus meist lächerlich gering waren. Das “Argument”, verglichen mit westlichen Eliteverhältnissen sei Wandlitz bescheiden, ja piefig gewesen, geht daran vorbei, daß der Sozialismus ganz Neues wollte (und der Realsozialismus es in Elementen tatsächlich lebte!) und gerecht nur an seinen eigenen Ansprüchen, Möglichkeiten und Schon-Wirklichkeiten gemessen werden konnte. #

Gestern Abend den Text von unserer HGL-Beratung zur Versorgung (vom 9.11.) formuliert. Ich hatte mir gestern Nachmittag Gedanken zum weiteren Schicksal des WBA gemacht und war davon ausgehend zu der Idee gekommen, im Wohnbezirk die Arbeit von Bürgerinitiativen, und überhaupt die demokratische Bewegung unterhalb und in Zusammehang mit den Abgeordneten kennenlernen zu wollen. ..

Gespräch mit C. zur Klärung unserer wechselseitigen Positionen. Das Gespräch zeigte uns beide unnachgiebig, und so legte sie (legten wir) fest, daß sie im Laufe der nächsten Tage auszieht.

Gelegentlich nochmal genauer unsere jeweilige Poition fixieren.

Mich schreckt schon, daß das, was bisher nur in Aussicht stand, wahr werden soll. Zugleich habe ich nicht das Gefühl, einen Fehler zu machen.

Übrigens heute Telefonat mit Nasdala: Wir bestätigen uns eilfertig (ich wohl doch nicht eilfertig), daß wir beide für ganz weitreichende Veränderungen seien. Der Kerl ist der absolute Anpasser. Auf die neue Bewegung, wenn sie siegt, schmeißen sich alle Anpasser.

Unsere Volksbewegung? Nicht so sehr Heroismus hat sie groß gemacht, sondern die Erfahrung der Hilflosigkeit der Macht und der (relativen) Straflosigkeit des Protests.

 

02. Oktober 1989 – ein Sohn-Vater-Briefwechsel in unruhiger Zeit

Samstag, Oktober 17th, 2009

Hallo Vater!

… Zwei Wochen Studium liegen nun schon hinter mir, und es läßt sich alles ganz gut an….Ich habe ja immerhin die Armee hinter mich gebracht. Man ist froh, wenn es vorbei ist, obwohl es mir wirklich nicht schlecht ging. Ich war in Seddin, Nähe Potsdam, und hauptsächlich waren wir bei der Deutschen Reichsbahn im Gleisbau, sind also im Prinzip arbeiten gegangen. Natürlich formt die Armee aber auch, und der Kontakt mit den meist um 3-5 Jahre älteren Kollegen hat mir doch eine Menge gegeben. Bestes Zeichen ist, daß trotz negativer Erfahrungen und Erlebnisse die Zeit doch recht schnell verging. Und nicht zuletzt hatte ich natürlich äußerst günstige Bedingungen für die Heimfahrt. Danach war ich noch 2 ½ Monate arbeiten. Über einen Freund habe ich bei den Theaterwerkstätten der Deutschen Staatsoper begonnen. Ich hatte zwar nur Kulissen zu schieben und sonstige Transportaufgaben zu erledigen, aber es war natürlich ganz interessant.

Und in der letzten Augustwoche bin ich noch nach Ungarn gefahren (und zurückgekommen). 4 Tage Budapest, 3 Tage Balaton, geschlafen auf dem Bahnhof. Budapest war für mich nach 3 Tagen schon so belastend, daß ich merkte, was man an unserem Berlin hat. Laut, voll Verkehr und Hektik und mit wenig Grün. Teuer ist Ungarn für uns ja nun sowieso, mich interessierten nur die Plattenläden. Balaton war dagegen paradiesisch, wenn auch das Wetter schlechter wurde. Vom ganzen Ausreiserrummel hat man dort am allerwenigsten mitbekommen, DDR-Bürger traf man sowieso auf Schritt und Tritt.

Ja und nun hat für mich also das (hoffentlich lustige) Studentenleben begonnen. Deutsch/Englisch-Lehrer in Rostock. 17 Mädchen, 3 Jungen, aber man kann damit leben. Nach zwei Wochen Vorbereitung und Wiederholung unterstützen wir jetzt unsere Landwirtschaft in Form von Kartoffelsortieren. Heute sind wir angekommen in einem Dorf bei Hagenow. Wenn aber die Arbeit so gut ist, wie das Quartier, ist uns nicht bange. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen. Ich mache mir aber keine großen Sorgen. Es ist ja noch der Anfang….”

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Lieber Cl.!

Über Deinen Brief, mit dem Du eine Menge erzählt hast, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe den Eindruck bekommen, daß Du mit einem freundlichen Realismus an die Dinge herangehst, gleichmütig, ohne gleichgültig zu sein. Was es wohl heißen mag, daß Du Dich so sehr für Platten interessierst? Also nicht für Literatur, gar Lyrik?

Als ich von Deiner Gleisbauarbeit las, fiel mir ein Gedicht von Harald Gerlach ein: “Die Rotte”

Sperrgleis, für die Ramme frei – Leben

geht an uns vorbei: Züge halten, Züge

fahren. Wir sind, wo wir immer waren; ewig

steht für uns auf Halt das Signal. Wir bleiben

alt, eingeschlossenzwischen Schwellen. Schienen

singen. Pfiffe gellen, Warnlaut, gelb

die Flagge winkt. Hüfttief in den Schotter

sinkt, wer es wagt, sich loszureißen von den

ausgefahrnen Gleisen. Endstation. Mit unserm

Schweiß koffern wir das tote Gleis.”

Wüstungen” heißt der Gedichtband von Harald Gerlach, in dem ich etliche Gedichte gefunden habe, die mich berührt haben.

Ich habe von Jugend an bis heute immer Gedichte gelesen. Fast alle lesen in ihrer Jugend Gedichte (oder schreiben gar welche) und hören dann auf, wenn sie erwachsen werden.

In Ungarn war ich noch nie (von einem halben Tag Budapest vor Jahren auf der Durchreise abgesehen).

In Bulgarien war ich übrigens oft und könnte Euch verschiedene Privatadressen vermitteln, wenn Ihr daran interessiert wäret.

In den bulgarischen Boden habe ich sozusagen kleine Wurzeln gesenkt. Das hat sich über etwa 10 Jahre hingezogen. Dieses Reisen hat mich eigentümlich untauglich gemacht für Auslandsreisen. In den letzten Jahren bin ich nur in der eigenen DDR-Heimat herumgekommen (auch nicht mehr Bulgarien). Ich finde es sehr schön hier, wenn auch Vieles schmerzlich ist, aber es ist mein Eigentum. Auch dazu fällt mir ein Gedicht ein. Das schreibe ich Dir aber nicht ab. Es wäre zu lang. Außerdem: Was würdest Du von Deinem Vater denken? (Es ist “Mein Eigentum” von Hölderlin, ein Wegbegleiter.)

Reisen ins Ausland, nur um irgendwelche äußeren Schalen zu sehen, erscheint mir sinnlos. Und um die Schalen zu durchstoßen und ins Innere vorzudringen, fehlen Kraft und Zeit. Das soll aber nur realistisch, nicht resigniert klingen. In die UdSSR, das Land der Erneuerung des Sozialismus, zu fahren, habe ich mir fest vorgenommen.

Ich informiere mich intensiv über die Sowjetunion. Mein rusisch habe ich über Jahre vernachlässigt, so daß es mit Originalliteratur nichts ist. Aber die Moskauer “Neue Zeit” habe ich noch in letzter Minute, gleich nachdem die Perestroika begann, abonniert. Nun ist diese Zeitschrift wohl die wichtigste geistig-politische Quelle für mich geworden (zur Zeit).

Um das Studentenleben 17+3 beneide ich Dich ein wenig. Ich bin Zeit meines Lebens in Schulen, Universitäten und Arbeitsstellen gegangen, wo die Männer eindeutig in der Überzahl waren. Nun seid iIhr also die Hähne im Korb? Ob Dein großer Bruder Cr. – er sagte mir, daß er in Rostock arbeitet – ein Auge auf Dich hat? Daß Du das Studentenleben nicht gar zu lustig nimmst? Ich hatte immer den Eindruck, daß er sich sehr für Dich verantortlich fühlt…”

31. Juli 1989 – “Pavlos Papierbuch”

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


Im Colosseum “Ich und Er” (D. Dörrie) - nicht soo! schlecht.

Abends von Platte: “Pavlos Papierbuch”, gelesen von Franz Fühmann.

# Ich liebe diese Geschichte und wie er sie liest. #

27. Juli 1989 – Lehrgangsabschluß

Donnerstag, Oktober 15th, 2009

Abschlußexkursion des 44. Lehrgangs nach Meißen, gestern RLK, heute Turbo. Starke Zuspitzung nach Abschlußabend in Meißen.

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Rückfahrt mit Aitmatows “Richtstatt” – enttäuschend.

Lesen: Ch. Hein, “König Artus Tafelrunde”, sowie “Kohlenkutte”. Ausgezeichnet!

24. Juli 1989 – “Kohlenkutte”

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


Abends “Kohlenkutte”. Drastische Szenen (Selbstbefiedigung). Danach und nach schwarzem Tee kann ich abends nicht einschlafen.

# Ganz interessant damals (finde ich aber erst heute) Rolf Schneider im “Spiegel” zu “Kohlenkutte”.#

polnisches Requiem” von Penderezki,

Verteidigung der Kollektivarbeit des 44. Lehrgangs, erfolgreich.

Morgen langer Tag mit Vorlesung Graichen (“Materialökonomie”).

19. Juli 1989 – Brief von Bischof Gienke

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


Erlkönig” von M. Tournier!

Dörfchen, mein Dörfchen” von Jiri Menzel, schön.

ND von heute! 890719-2.jpg

# Der demonstrative Schulterschluß des Greifswalder Bischofs Gienke mit Honecker war ein merkwürdiges Zeichen.#

Interessante Besprechung von Stefan Heyms “Ahasver” im “Sonntag.

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17. Juli 1989 – “Mirabeau”, Garten

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


Freitagabend nun also “Mirabeau”. Wir sind nach der Pause gegangen. Keine Steigerung gegenüber “Judith”, viele Zitate und Selbstzitate, Routine!

# “Mirabeau” ist eine Oper von Siegfried Matthus…. Als ich das schrieb, hatte ich keine Ahnung, daß mein nächster Staatsopernbesuch erst 20 Jahre später folgen würde! #

Wir lesen an den Abenden im Nibelungenlied in der Nacherzählung von Franz Fühmann. Das ist fesselnd. Frühs am Samstag nach Schmachte. Es ist windig und kühl aber fast immer trocken. In Schmachte große Sensaktion. Kieslage für Badebecken, Weinpflege, Bau des ersten Anfangs vom Spalier. C. erntet von unseren jungen Beerensträuchern schöne wenige Beeren. Dill und auch Petersilie sind gut gekommen. Absprache mit Nachbar W. zwecks Fällung dreier Bäume. Einigkeit mit C. über Anpflanzung zweier Haselnüsse, einer Reneklode, weiterer Himbeeren und zweier Beerensträucher.

28. Juni 1989 – politischer Pluralismus

Samstag, Juni 27th, 2009

890628.jpg # Die sowjetische Dichterin Anna Achmatowa #

A. erzählte, daß Henrik und Harald eine recht negative Meinung über N., # N. ist mein zukünftiger Chef. # den sie seit langem kennen, geäußert hätten. Er sei lahm, lasse sich am liebsten bewundern und andere arbeiten.

In der “NZ” hochinteressanter Artikel über den “Fall” Gdljan/Iwanow. Alles in allem verweist er auf die Verfilzung von “Mafia” und “Bürokratie”. - Das ist Macht, die sich verselbständigt, die Wurzel aller Übel.

Das hat der Kongreß # der Sowjetkongreß in der Sowjetunion # deutlich gemacht. Auf ihm kamen erstmals direkt Volksinteressen zur Sprache. all das geht nicht ohne Meinungspluralismus, der (über geheime und alternative Wahlen) zu erforderlichen Formen des politischen Pluralismus führt.

In “Weltbühne” 26/89 ein typischer Leitartikel von Sus. Schäfer - u.a. Bemerkung über “Personenkult” - das Halblügen der SED!

17. Juni 1989 – in Skaby

Mittwoch, Juni 24th, 2009

Wochenende schön in Skaby mit C. Tote Kuh dort.

Viel gelesen (Simonow erinnert sich an Stalin), nichts Beeindruckendes.

# Wenn ich die Einträge dieser Tage und Wochen überblicke, fällt mir auf, welche Unmengen von Literatur wir in dieser ganzen Zeit der Krise gelesen haben; viel schöngeistige Literatur aber auch gesellschafts-/kulturpolitische und historische. Es war überhaupt eine Zeit vieler geistiger Äußerungen und des regen Austauschs (in gewissen Kreisen). Es wäre interessant, das mal mit unserem heutigen Verhalten in der Krise zu vergleichen. #

Ich fühle mich ständig nicht wenig politisch-gesellschaftlich belastet (depressiv).

 

15. Juni 1989 – erster Arbeitstag

Mittwoch, Juni 24th, 2009

Erster Arbeitstag, ohne sensationelle Überraschung aber mit Terminstreß -

Abschlußbericht Kreisschule ML,

WBA-Fete heute Abend. Das sind 4 Stunden Lebenszeit, die wie Wasser durch ein Sieb rinnt.

Im ND erblicke ich das endlose Referat der Ministerin Honecker.

Letztes Kapitel in Trifonows Buch “Zeit und Ort”: “Den Winter überleben”! Gestern im Zug: Dimiter Kordshnew, in der Spektrumreihe, “Der Garten mit den Amseln”, sympathisch, streckenweise recht gut.