Archive for the ‘Literatur’ Category

23. Februar 1990 – Streit um Weiterbildung. Wer ist der beste Kapitalist?

Dienstag, Januar 10th, 2012

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Nun, 16 Uhr, nach der Beratung bei Dr. W., ist wohl entschieden, daß meines Bleibens hier nicht länger ist.

# Im Tagebuch steht nur dieser Satz. Dahinter verbirgt sich aber eine Erfahrung von Gewicht. Dr. W., vormals Kaderchef des Ministeriums für Elektroindustrie, war nun Kader- und Bildungschef des neuen Wirtschaftsministeriums. Er war ein äußerst flexibler Mensch und konzentrierte sich zu diesem Zeitpunkt bereits (wie ich später erfuhr) voll und ganz auf die Bildungszusammenarbeit mit der Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein in Kiel. (Später sollte aus dieser Zusammenarbeit seine eigene private Weiterbildungsakademie hervorgehen; doch ich greife vor.) In irgendeiner Form die Zusammenarbeit mit Dozenten aus der DDR fortzusetzen, diesen allesamt belasteten Kadern, kam ihm nicht in den Sinn. Folgerichtig hatten wir in dieser Beratung sofort einen Frontalzusammenstoß. Ich war sofort und komplett abgemeldet.

Zwei Tage später wurde das von mir vorgeschlagene Sofortprogramm der Weiterbildung von Dr. W. voll und ganz akzeptiert und in Kraft gesetzt. Was war geschehen? Eine Gewerkschaftsberatung hatte stattgefunden und Dr. W. war auf das Heftigste kritisiert worden, daß er nichts für die Weiterbildung der Mitarbeiter tue. Da holte er mein Konzept aus der Tasche, es war genau das Richtige. Er war gerettet. Ich war gerettet. Und die Mitarbeiter hatten ihren Rettungsstrohhalm Bildung. #

 Auf der Suche nach Schreibpapier für den folgenden Brief habe ich diese Zeitungsauschnitte gefunden („Sonntag“ Nr. 45 von 1982).

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# Im Tagebuch folgt hier ein Brief an meinen Freund Kurt. Ausnahmsweise habe ich dessen vollen Wortlaut nicht hier, sondern ins opablog eingestellt. #

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24.Januar 1990 – Besuch beim DGB Westberlin

Mittwoch, Dezember 7th, 2011

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Ab Mittag nach WB zum DGB-Landesverband. Dort lerne ich Herrn Rainer Heinrich kennen. Ich frage nach den Mitbestimmungsrechten der Gewerkschaften in der Marktwirtschaft, und er überrascht mich mit der Mitteilung, daß sie keine Mitbestimmung haben. Dafür hätten wir in unserem Arbeitsgesetzbuch viel bessere Voraussetzungen, die bloß nicht zum Tragen gekommen seien. Wir seien, statt eine sozialistische Marktwirtschaft aufzubauen, auf dem besten Weg, die kapitalistische Marktwirtschaft zu übernehmen. Wir seien konzeptionslos, die BRD habe schon seit 60er Jahren eine detaillierte Konzeption für diesen Weg (an der übrigens auch der DGB mitgearbeitet habe). Wir einigen uns schnell darauf, dass er bei uns im Lehrgang dazu spricht. Er beansprucht keinerlei Honorar.

Es ist eine Schande, dass wir auch solche Beziehungen in der Vergangenheit nicht gepflegt haben. Wir durften es nicht aber es ist mir auch gar nicht in den Sinn gekommen.

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Danach bummel ich noch längere Zeit in der Stadt herum. Da keine Schlange davor ist, momentan, „besteige“ ich auch erstmals den Beate Uhse Laden am Bahnhof Zoo und ergötze mich lange an den dort zugänglichen pornographischen Magazinen und Büchern. Besuch im Sexkino um die Ecke, wo ich mir eine Stunde lang wechselnde Geschlechtsakt anschaue, zeitweilig angeregt, später abschweifend ernüchtert.

 Zu Hause ist C. Wir besuchen abends noch „Hundeherz“ in der Volksbühne.

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Auf die heutige Versammlung zum Bürgerkomitee Arkonaplatz bezogen sagte sie, ich könne ihr ja erzählen, was dort war. Ich lehnen das brüsk ab. Wenn es sie interessiere, könne sie selber hingehen, sage ich. Informationsübermittler zu spielen, habe ich keine Lust. Sie erzählt noch paar Einzelheiten aus dem Gespräch mit Rolf L. – weinerliche Tatsachenbeschreibung, wie das Leben immer schlechter wird.  

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17. Januar 1990 – „Juvenilmeer“

Donnerstag, Dezember 1st, 2011

Umfragetag bei Mitarbeitern des Ministeriums. Die Informationsflut bringt nur Deprimierendes.

„Juvenilmeer“ ausgelesen.

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13. Januar 1990 - Ein Versuch der Besinnung im Handgemenge – Vorschläge lokale Selbtverwaltung

Montag, November 28th, 2011

# Ich greife zur Orientierung beim Lesen noch einmal auf die kommentierende Bemerkung zurück, die ich bereits zum 8.12 1989 gepostet habe:

Die letzten Wochen des Jahres 1989 und die ersten des Jahres 1990 waren voller politischer (und auch menschlicher) Dramatik. Für mich persönlich war es die Zeit, in der mir klar wurde, daß die DDR untergehen würde. Mein Tagebuch zeugt von intensiver Informationsaufnahme. Es enthält besonders viele Zeitungsausschnitte (die ich hier nur in Auswahl posten konnte) und andere Dokumente. Eigene Notizen sind dagegen fast immer kurz und bruchstückhaft. Es war einfach nicht die Zeit für lange Betrachtungen. Die Ereignisse ermöglichten blitzartige, klare Einsichten. Aber auch verzerrte Wahrnehmungen und extreme Wertungen passierten mit mehrfach. Am 13. und 14. Januar fand ich erstmals ein wenig Zeit zur Reflexion was sich in einem längeren Text niederschlägt. #

Gestern Abschiedsbegegnung mit Dieter Papsch. Er hat einen Brief an Gysi geschrieben (Anlage dazu von Dr. Exner). Wider die Kadermafia des ZK. Papsch sympathisiert mit der Plattform Michael Brie. Er geht jetzt zum KAB # „Kraftwerksanlagenbau“#  -Beimlerstr.

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Mit C. „Juvenilmeer“ # Platonow # weiter gelesen.

Nach WB, Ausstellung der Russin Werefkin (Jawlenski) im Haus am Waldsee (Empfehlung von L.) Es war nichts Besonderes. Danach sind wir um den Schlachtensee spaziert.

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Flugblatt des NF hier im Wohngebiet, Leerstandswohnungen betreffend. Ich bin unheimlich ärgerlich auf mich – da haben sie uns mit unseren eigenen Waffen mich auf meinem ureigensten Gebiet geschlagen. – (Daraus muß gelernt werden!) 

„ND“ meldete am 11.1.90 den Zusammenschluß von Bürgerinitiativen zur Stadterneuerung. Das berührt sich direkt mit meinen Vorstellungen vom Bürgerrat. Auf diesen – jetzt in Bewegung kommenden Zug – werden wir WBA 12 (und wenn er mitmacht der WBA14) aufspringen zur Frage: Endgültige Gestaltung des Wohngebietes Arkonaplatz. Eine große Einwohnerversammlung vorbereiten.

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 Und das gehört noch zur Informationsflut des Tages:

-                      die Neugründung der SPD aus der SDP

-                      die Gründung einer Deutschen Gesellschaft (für die Helga Schubert erklärt, dass sie nicht noch einmal ein Sozialismusexperiment erleben möchte)

-                      die offene Situation nach Gorbatschows Besuch in Litauen.

-                      der beginnende Krieg zwischen Armenien und Aserbaidshan. Der Zerfall (zumindest der bisherigen) Sowjetunion wird Realität.

-                      unser Spaziergang durch das Nobelwohngebiet Zehlendorf (Haß und zunehmendes Gefühl d Ohnmacht gegenüber dieser Ausbeuterwelt)

-                      die Erfahrung der „Baugrube“

-                      die bundesdeutschen Politiker und Industrieherren, die sich in unserem Fernsehen wie die Herren aufführen, die sich mit gerade noch geduldeten Statthaltern abgeben.

 

Meine Urlaubswünsche: 2.- 4.5. – 3 Tage, 28.4. – 6.5. – Rügen, 15.8. -7.9. – 18 Tg. Bulgarien, 27. u 28.12.  – 2 Tg Skaby

 

Wo hat unsere Niederlage angefangen?

Vielleicht mit dem Einsatz von Gewalt gegen persönliche Arbeit (vgl. „Baugrube“)?

Mit der Abkehr von Lenins „festen Stegen der materiellen Interessiertheit“ (Okt. 21) und der Ersetzung durch Stalins Marsch der Gewalt?

 

Für mich ist dies eine durchaus schwere, persönlich tiefgreifend krisenhafte Situation.

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Auf der ganz allgemeinen Ebene meiner Ideale wird es anscheinend Verschiebungen geben (ich möchte ja im Sinne Tucholskis sehr radikal prüfen). Es geht um die Bedeutung dieses Gefühls „der Freiheit im Blut“ # Siehe Artikel Weltbühne 2/90 #.

Es geht um die „Souveränität des Individuums“ als dem Grundwert.

Ist es nicht erst dieser Ansatz, der es dem Marxismus erlaubt, auch eine vollgültige Theorie des Überbaus zu entwickeln? Es kann doch kein Zufall sein, daß es der Marxismus zu einer solchen Theorie nicht gebracht hat.

Nach der Anerkennung der Souveränität des Individuums (die aber absolut notwendig ist) folgt dann gleich die Krux:

Souveränität des ausbeutenden Individuums versus

Souveränität des ausgebeuteten Individuums. 

Ich spreche nur von einer Verschiebung des Ideals, denn angenähert an diesen Standpunkt bin ich schon lange.

Die großen Veränderungen, keine Verschiebungen, sondern wahrhaft einen Zusammenbruch, gibt es hinsichtlich der REALITÄT meiner Ideale. 

Der Glaube, wir würden uns auf dem Weg der Verwirklichung dieser Ideale befinden, d.h. wir hätten bestimmte Grundwerte (Enteignung des Privateigentums an den Pm als Grundlage der Gesellschaft) unumkehrbar gesichert, dieser Glaube ist im Begriff völlig zusammenzubrechen. Zumindest die reale Möglichkeit, dass wir alles Erreichte, die doch wichtigen Grundlagen des Sozialismus verlieren (nämlich die Entmachtung des Privateigentums), diese reale Möglichkeit muß ich anerkennen.

Für mich persönlich kann das bedeuten, mich in der Position eines deutschen Kommunisten der 20er Jahre wieder zu finden. 

Da ist es schade, dass ich schon 50 Jahre alt bin. Meine 20, 25 besten Jahre sind verschlissen. Ich glaube, weder die geistige Frische noch die physische und nervliche Kraft für einen großen Aufbruch zu haben. Da ist Müdigkeit. Da fehlt der Tatenmut, einfach frei ins Ungewisse zu handeln. Jetzt sich an den Anfang eines Handlungsbogens stellen, der erst jenseits meines 80. Jahres wieder den Boden berühren würde? Nein, das wäre töricht.

Nein, ich kann nur – ohne jede Illusion über meine realen Wirkungsmöglichkeiten – das mir Mögliche beitragen:

-                      indem ich für eine wahre Erneuerung meiner Partei eintrete

-                      indem ich versuche, meine Stimme in meiner Partei hörbar zu machen (im Rahmen der Plattform 3. Weg)

-                      indem ich in neuer, viel kühnerer Weise versuche Bürgerinteressen zu kennen, zu formulieren, zu organisieren.

 

Es geht um den Bürgerrat „Arkonaplatz“ und um eine Konzeption zur Selbstverwaltung des Wohngebietes Arkonaplatz.

Was gehört dazu?

-                      Abriß des Holzteils der Baubaracke

-                      Umwandlung des massiven Teils der Baubaracke in ein Wohngebietszentrum mit guter Speisegaststätte

-                      gärtnerisch-kulturelle Ausgestaltung des Platzes (Pergola, Sitz- und Spielmöglichkeiten, Konzerte)

-                      Eröffnung von Läden in unmittelbarer Nähe des Arkonaplatzes

-                      Fortführung der Buslinie bis zum Grenzübergang Eberswalder Str.

-                      großzügiger Ausbau einer verkehrsberuhigten Zone vom A. bis zur Mauer bei gleichzeitiger Entwicklung eines Gestaltungskonzepts für das Grenzgelände/Mauerstreifen. (Diese Gestaltung sollte Park- und Kinderspielzonen vorrangig berücksichtigen daneben aber auch Raum für kommunale Dienste, Handwerker, Gewerbe schaffen.

-                      Erarbeitung eines entsprechenden Gesamtkonzepts Arkonaplatz als Bestandteil eines Projektes „Stadterneuerung“.

-                      Konstituierung eines (ehrenamtlichen) Bürgerrates „Arkonaplatz“, (der in sich wesentliche Teile der Wahlkreise 3 und 4 vertritt) und ein Mitspracherecht bei der bei der Planung und Durchführung des o.g. Konzepts hat (und überhaupt bei allen kommunalpolitischen Fragen im allgemeinen und das eigenen Gebiet betreffend)

-                      Sicherung der materiellen und finanziellen Bedingungen des Bürgerrates, hauptamtlich ist der Sekretär des Bürgerrates (der bisherige staatliche Beauftragte)

-                      Fixierung der Stellung und Kompetenz gewählter (im wesentlichen auf Wahlkreisebene) Bürgerräte in einer neuen Kommunalverfassung („Legislative zum Anfassen“). (Die gewählten Mitglieder der Bürgerräte sind zugleich Abgeordnete der Stadtbezirksversammlung (Personenwahl) und beanspruchen 50% der Mandate. Die andere Hälfte der Mandate wird von den Parteien nach der Verhältniswahl belegt.

-                      Die Bürgerräte entscheiden selbständig über den lokalen Haushalt und setzen lokale materielle und finanzielle Kapazitäten selbständig ein. Sie verfügen (u.a.) auch über eigene lokale Einnahmequellen.

-                      Vergesellschaftung (Vergenossenschaftlichung) der KWV in Korrespondenz mit der Entwicklung eines Hof- und Hausmeistersystems.

 

10. Januar 1990 - Der Untergang und Versuche etwas dagegen zu tun

Sonntag, November 27th, 2011

Gestern „Out of Rosenheim“ mit C. Schöne Einfälle in diesem Film – die gute Idee nicht durchgestanden. Auf dem Rückweg treffen wir Schillack vom WBA, der (leicht angetrunken?) mitteilt, dass seine Ortsparteiorganisation (LDPD) sich jetzt voll auf die Entmachtung der SED-PDS konzentrieren werde. C. spricht mit ihm. Ich bin von dem Blödmann momentan zu verletzt als dass ich klug reagieren könnte.

Gysi sagte heute im ND, dass unser Wahlkampf allein von Sachkunde und Kompetenz getragen sein dürfte. „Andere versuchen, uns nicht im Wahlkampf zu schlagen, sondern uns zu vernichten:“ 

In einem Fernsehgespräch letzten Sonntag überlegte ein Kirchenvertreter (Leich oder Lotz?), dass die Schmierereien am Treptower Ehrenmal auch von der Stasi angestellt sein könnten. Am Montag im Porträt per Telefon darauf angesprochen, distanzierte sich Krusche nicht von dieser Vermutung! Dies gut merken zum Thema Seriosität solcher Kirchenvertreter. (Wobei ich mir wohl bewusst bin, dass auch solche Handlungsweise von Stasikräften nicht unmöglich ist. Aber von da bis zur Äußerung eines solchen konkreten und konkret völlig unbegründeten Verdachts in der Öffentlichkeit sollte eigentlich ein politisch weiter Weg sein.)

Ist das eigentliche Verbrechen der Honecker und Co. nicht Hochverrat?

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Goldmünzen – welchen Abgrund solche Details offenbaren! 

Heute Abend ist WPO – vorbereitende Versammlung. Auf in den Kampf für eine neue SED-PDS!

„Juvenilmeer„ von Platonow. 

Hab mich bei der Plattform „3. Weg“ angemeldet.

Erste Gedanken, allererste, zur Installierung (Wahl) eines Bürgerrates auf Wahlkreisebene (die Gemeindevertretung in der Stadt).

07. Januar 1990 - Platonow “Baugrube”

Sonntag, November 27th, 2011

Interessantes Gespräch: Bahr, Heym, Janka, Warzecha, Fork, Lotz im Fernsehen. 

„Die Baugrube“ von Andrej Platonow ausgelesen – erschreckend, erschütternd.

 

01. Januar 1990 - Anschlag sowjetisches Ehrenmal

Sonntag, November 27th, 2011

Sonntag 53/89 W. Kil u.a. „Der Fall Ralf Oswald“, Platonow: „Baugrube“

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31. Dezember 1989 - Zeitungskehraus

Sonntag, November 27th, 2011

Zeitungskehraus.

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 # Daß die Türken slawische Namen annehmen mußten, hatte ich vor Jahren in Bulgarien hautnah erlebt. Ich fand es nicht nur empörend, weil sowas mit Leninscher Nationalitätenpolitik völlig unvereinbar war, sondern auch, weil ich die Namen meiner türkischen Freunde besonders schön fand. Nun mußte sich plötzlich Ismet „Ignaz“ nennen. #

 

Mit C.s Verwandten aus Westberlin zu Silvester in Skaby.

 

26. Dezember 1989 - Programmerklärung “Neues Forum”

Freitag, November 25th, 2011

Entwurf Programmerklärung und Statut des NF # „Neues Forum“ # , von Gilbert; mit C., Gilbert und Klaus Freymuth besprochen; eine linke, der SED-PDS nahe stehende Organisation.

# Gilbert Furian, vergl. mein Posting vom 14. Oktober 1989.  Er ist heute eine “Person der Zeitgeschichte” und “Zeitzeuge” im Umfeld der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Klaus Freymuth, ebenfalls ein Aktivist des NF. Er war Videokünstler und -unternehmer in der DDR, im Konflikt mit der Staatsmacht. Man kann Näheres dazu im Internet finden, jedoch ist mir selbst Näheres nicht bekannt. Er starb wenige Monate später durch einen Fahrradunfall. Meine hier zum Ausdruck kommende Meinung zum NF hatte keinen Bestand. Wo bin ich später ausführlich auf die “Bürgerbewegten” zurück gekommen?  #

Ich sollte eigentlich meine tägliche wichtigste Lektüre notieren, z. B. in den letzten Tagen:

„Neue Zeit“ Nr. 50 und 51/89,

Biermann, (taz“ 12.3.88 zu Vogel und dem DDR-Häftlingsverkauf),

Tschechow, „Krankenzimmer Nr.6“,

C. Fr. v. Weizsäcker, „Wege in der Gefahr“,

Programmerklärung NF,

A. Patonow, „Die Baugrube“,

Medienpapier des NF.

Ich denke, dass Zeitungen finanziert werden sollten – in angemessenen  Anteilen (vielleicht 50:25:25) – durch die Käufer: den Staat : die Werbung.

 

16.November 1989 - Sonderjagdgebiete werden aufgelöst

Montag, November 16th, 2009

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# Sonderjagdgbiete sind ein Beispiel für Erscheinungen, die es in der DDR gab, die auch keineswegs streng geheim waren, und deren prinzipielle Bedeutung ich mir dennoch nie wirklich klar gemacht habe. Allgemeiner gilt: Man wußte von Privilegien bestimmter Personenkreise, man ärgerte sich darüber als braver (davon ausgeschlossener) Genosse, aber ich scheute mich durchaus, daraus Prinzipielles zu schließen, zu schließen, daß eine neue, sich partiell feudalistisch gebende Klasse entstanden sei (wie es Milovan Djilas vertrat und uns die Westmedien unter die Nase rieben). Diese Unentschiedenheit im Denken (und Handeln) meinte später Volker Braun, als er bezweifelte, daß das, was wir zu wollen glaubten unser WIRKLICHGEWOLLTES war.

Von der üblichen Situation des Unprivilegiertseins gab es oft einen fließenden Übergang zum nächsten Schritt: Der Möglichkeit, unter bestimmten Bedingungen einen Zipfel von den Privilegien der “Großen” zu erhaschen. Kleine (oder größere) Bröckchen wurden zur Belohnung für “Zuverläßigkeit”, Linientreue, kurz, Wohlverhalten absichtsvoll verteilt - eine sich immer weiter fressende Korrumpierung der Beziehungen, die die Realitätsmächtigkeit des Sozialismus im allgemeinen und die seiner führenden Szenerie im besonderen immer stärker schädigte, bis zum endgültigen Kollaps.

Dabei war es für das Schicksal des Sozialismus unerheblich, daß das Ausmaß, das materielle Niveau der Bevorzugungen verglichen mit privatem Reichtum und privater Macht im Realkapitalismus meist lächerlich gering waren. Das “Argument”, verglichen mit westlichen Eliteverhältnissen sei Wandlitz bescheiden, ja piefig gewesen, geht daran vorbei, daß der Sozialismus ganz Neues wollte (und der Realsozialismus es in Elementen tatsächlich lebte!) und gerecht nur an seinen eigenen Ansprüchen, Möglichkeiten und Schon-Wirklichkeiten gemessen werden konnte. #

Gestern Abend den Text von unserer HGL-Beratung zur Versorgung (vom 9.11.) formuliert. Ich hatte mir gestern Nachmittag Gedanken zum weiteren Schicksal des WBA gemacht und war davon ausgehend zu der Idee gekommen, im Wohnbezirk die Arbeit von Bürgerinitiativen, und überhaupt die demokratische Bewegung unterhalb und in Zusammehang mit den Abgeordneten kennenlernen zu wollen. ..

Gespräch mit C. zur Klärung unserer wechselseitigen Positionen. Das Gespräch zeigte uns beide unnachgiebig, und so legte sie (legten wir) fest, daß sie im Laufe der nächsten Tage auszieht.

Gelegentlich nochmal genauer unsere jeweilige Poition fixieren.

Mich schreckt schon, daß das, was bisher nur in Aussicht stand, wahr werden soll. Zugleich habe ich nicht das Gefühl, einen Fehler zu machen.

Übrigens heute Telefonat mit Nasdala: Wir bestätigen uns eilfertig (ich wohl doch nicht eilfertig), daß wir beide für ganz weitreichende Veränderungen seien. Der Kerl ist der absolute Anpasser. Auf die neue Bewegung, wenn sie siegt, schmeißen sich alle Anpasser.

Unsere Volksbewegung? Nicht so sehr Heroismus hat sie groß gemacht, sondern die Erfahrung der Hilflosigkeit der Macht und der (relativen) Straflosigkeit des Protests.