Archive for the ‘Literatur’ Category

14. Oktober 1982 – noch einmal Tätigkeitsanalyse. Und Hebbel

Montag, Dezember 8th, 2008

L. erzählt vom gestrigen Film “Spitzenklöpplerin”, der ganz und gar der Film ihrer ersten Liebe gewesen sei.

# Hier eine Beispielseite der täglichen Aktivitätenlisten aus dem Tagebuch. #

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Ein Tag, der mich nach schwerer Nacht müde gemacht hat. Zwar allein aber ganz zufrieden. Der – unerwartet - gute Verlauf des Gesprächs mit Jeanette trägt mich heute. Diese Belastung war doch wohl größer in der Nacht als mir bewußt war.

# Erläuterung: Möglicherweise vermissen aufmerksame LeserInnen auf der abgebildeten Aktivitätenliste den expliziten Ausweis von Tätigkeiten für das MfS. In der Tat hielt ich mich auch bei diesen Aufzeichnungen an die Regeln der Geheimhaltung. In der hier abgebildeten Aktivitätenübersicht vom 14.10. sind solche MfS-Aktivitäten unter 5.15.2 = “Kommunikation, Gespräche, Geselligkeit mit mehreren Partnern” klassifiziert, und nur mir ist aus den mitgeteilten Namen der Partner, in diesem Falle Jeanette und Sean, die spezielle Art der Tätigkeit erkennbar. #

Nun freue ich mich auf den Sonntag mit Heidrun, die ich morgen vielleicht mal anrufe.

Im Kopf bildet sich schon der Brief der nächsten Woche an Evi.

Netter Schwatz mit A. und R; wenn diese Runde doch nun hoffentlich wirklich meine Ausstandsrunde gewesen ist!

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Hebbel: “Ich bleibe dabei: die Sonne scheint dem Menschen nur einmal, in der Kindheit und der frühen Jugend…”

Tieck: “Nur wer Kind war, wird Mann.”

Hebbel ebd. über seinen Vater: Er war herzensgut “aber die Armut hatte die Stelle seiner Seele eingenommen. Ohne Glück keine Gesundheit, ohne Gesundheit kein Mensch!” (S. 177)

Hier ist Hebbel Materialist. (Vergl. S. 185, wo H. schreibt, daß ihm pekuniäre Rücksichten das zu häufige Briefeschreiben verbieten oder S. 186: Er habe “seit 21/2 Jahren, einen Sommer ausgenommen, nicht mehr warm gegessen…”

Diese ungeistigen Nebensächlichkeiten sind unerhört wichtig!

der größte Fortschritt der neueren Zeit, daß der Mensch sich jetzt nicht bloß wohl befinden, sondern auch gelten will…” (178)

(Etappen der Persönlichkeitsentwicklung in der Geschichte! Und heute?)

Die Menschheit läßt sich keinen Irrtum nehmen, der ihr nützt.” (181)

Auch das ist knurrig materialistisch.

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10. Oktober 1982 – Heidrun und Evi

Dienstag, Dezember 2nd, 2008

Lesen: Mandelstam “Hufeisenfinder”.

Gymnastik

Finde keinen Schlaf, von Begierde auf Heidrun gepackt. Mitternacht Brief an Heidrun:

Liebe Heidrun! 11.10.82

Enthülle den Bildsäulenleib, den furchtsamen… Mein ungeschlachter Bauernleib höhlt Dich aus…”, möchte ich mit den Worten des Dichters Neruda zu Dir sagen. Es ist schon Montag, geht auf 1 Uhr, doch an Schlaf ist nicht zu denken. Deine Küsse sind in mich eingedrungen, wühlen mich rum und dumm. Sie wollen wohl Wurzeln schlagen. Ich freue mich auf unser Wiedersehen am Sonntag und erschrecke zugleich darüber, wie lange es noch bis dahin ist. Ich träume davon, Dein liebes Gesicht zu liebkosen und denke immer, daß ich das viel zärtlicher und schöner machen werde, als ich es jemals tat. Trotzdem, bitte, laß mich auch Schlaf finden, mein Tigernäschen.

Du ruhe sanft auf Deinem Kissen und nimm mich in einen schönen Traum auf.

 Dein Peter

Uneingestanden, kaum bewußt: Am meisten lebt seit meiner Entlassung aus Buch Evi im Hintergrund meiner Gedanken. Legierung von Freude und leiser Wehmut…

02. Oktober 1982 – „Kleines Testament“

Donnerstag, Mai 22nd, 2008

[…] 5 Zimmerkumpel,

[…] Hören: (Kopfhörer): Haydn, Oratorium

Behandlungen: 3/4 Bad, Wickel, Gymnastik,

[…] Mit Schwester Evi im Alten Museum, Orgelvesper in der Marienkirche, Grillrestaurant im Palasthotel. Ein schöner Nachmittag, nicht enttäuschend aber anstrengend. Wir sind beide geschafft. Natürlich ist sie 2 Stufen „einfacher“ als ich, doch ein „kompletter Mensch“. Sie ist keine Intellektuelle („von Natur aus“).

Gefährliche Gedankenspiele: Wenn es Intellektuelle und Nichtintellektuelle sui generis gibt, so käme es darauf an, die Nichtintellektuellen in solche Verhältnisse zu versetzen, daß sie zu Fortschritt und Wohlfahrt der Menschen maximal beitragen, während Intellektuelle sich über die gegebenen Verhältnisse erheben können (oder darunter bleiben).

# Mein Abschieds- und Dankgedicht an die Mitarbeiter des Krankenhauses #

Allen, die ihre Kunst an mich gewendt

vermache ich mein kleines Testament:

 

Ich bitte sehr, mir zu verzeihn,

besonders bitte ich den alten Franz.

Mit Mühe find’ ich hin und wieder einen Reim,

jedoch die Melodie gehört ihm ganz.

 

Verzeih er mir, Herr Chefarzt Dr. Steg

(„lich“ passte in die Zeile nicht mehr rein).

Gekrümmt, gebeugt, so eilt er seinen Weg.

Wer weist ihn mal in eine Klinik ein?

 

Mit Dr. Krause bin ich quitt.

Anfangs er schweigend nur Visite schritt.

Mich tröstete manch mitternächtlich Plausch,

doch den durchkreuzt’ er – schweigend – auch.

Nun köpf’ er Sekt, die Flaschen gleich zu drein.

Die Rache mag er mir verzeihn.

 

Reich an Erfahrungen im Schwesternstand

hält Christa fest die Zügel in der Hand,

packt selber jugendfrisch mit zu,

sorgt da für Tempo, dort für Ruh!

Für Ilse, Karin, Monika,

Petra, Martina, Barbara,

für jede ein Poem (und sei’s auch klein)

blieb ungereimt. - Das ist nicht zu verzeihn.

 

 

Frau Piotrowski möcht verzeihn,

die jeden Krankentag wie eignen Kummer spürt.

Man richtet gern sich auf neun Wochen ein,

wird man so kenntnisreich mit soviel Ernst geführt.

(Doch nur für mich gesagt und im Vertraun:

Mit ihrer Folgefrau tät ich ‘ne 10. Woche baun.)

 

Mit kluger Hand, handfestem Geist

Frau Rudolph manchen noch vom Messer reißt,

und fällt ‘ne Therapie ihr vor den Ärzten ein,

wenn ihr mich fragt, ich täts verzeihn.

 

Frau Beyer mit dem Lakenbad

vollbracht’ an mir manch gute Tat.

Sie riss mich in den starken Arm,

da wurd’ mir schwarz (kurz vorher warm)

und sich drückt sie ‘ne Rippe ein.

War’s Leidenschaft? - Wir wolln verzeihn.

 

Doch nun sei alle Witzelei vergessen.

Gesund und schmackhaft war das Essen.

Nur einmal quält ich mir’s mit Mühe rein.

Daß ich den Kürbis beigeschafft, sollt ihr verzeihn.

 

Besingen würd’ ich gern ihr weiches Haar,

jedoch sie quasselt, redet immerdar.

Ich sags wie’s ist, wenn auch nicht fein.

Ach“, Schwester Heidi, „Können Sie verzeihn?“

 

Gleich alle Kranken lächeln mit,

wenn freundlich auftaucht Schwester Grit.

Sie wird ‘ne Kleinigkeit verzeihn.

Welche genau? Das bleibt geheim.

 

Lieb’ Schwester Anmut hat nichts zu verzeihn.

Ihr bin ich einfach gut.

Dem brech’ ich alle Knochen kurz und klein,

der ihr was tut.

Doch dieses Prahlen lauthals in die Luft hinein,

wird sie’s verzeihn?

 

Annettchen in der Küche schafft,

arbeitet und schimpft mit gleicher Kraft.

Ich überhörte manchmal ihren Reim.

Das bitte ich sie zu verzeihn.

 

Daß Schwestern, Ärzte, Physios, Küche, Bad

ich hab’ gepresst in einen Raum hinein,

das ist vielleicht die allerschlimmste Tat.

Auch diese solltet ihr verzeihn.

 

Wer unerwähnt blieb, bitte, muss verzeihn!

Der Dichtergeist war allzu träg und dumpf.

Wen freut ein schlecht gefügter Reim?

Doch alle hebt das Glas auf Eure Zunft!

 

 

 

 

01. Oktober 1982 – mißglücktes Gedicht „Schwestern“

Mittwoch, Mai 21st, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel, 2 Neue.

Walter Sickfeld - 36 J., Chemie-Ing., Ökonom, Außenhandelsbetrieb Chemieanlagenimport, bereiste die ganze Welt, orientiert sich jetzt, eine Kneipe zu übernehmen, früher Turniertänzer;

Arno Spielberg - arbeitet in Abdeckerei, ramscht dabei viel noch unverdorbenes Fleisch.

[…]

Lesen: Wochenpost

Hören: (Kopfhörer): Beethoven, Streichquartett a-moll, op. 132

Behandlungen: Sauna, Wickel, Periost-Massage, Gymnastik, Perl

Nachlese vom Europapokal-Mittwoch. Alle DDR-Mannschaften schieden aus. Erschreckend, wieweit schon die Disziplinierung und Entmündigung geht: Besonders im ND. Das Debakel wird beschönigt, ist kein Anlass zu ernsthafter Kritik. Schmale Spalte Kritik in der BZ (von W. Hartwig) aber sachlich und klar.

Wenn über solche Scheiße wie Fußball schon kein offenes Wort mehr gesprochen wird! Was ist dann faul an unseren Medien, an unserem Staat?

Gestern Blick in die Zeitung der LDPD. Da wird deutlich, was „gleichgeschaltet“ heißt.

 

Trotz großer Bemühungen und guter Absicht bewältige ich das Gedicht „Schwestern“ nicht. Ich kenne meinen Gegenstand ungenügend, habe nur einzelne, zufällige Eindrücke, kann seine Spezifik kaum benennen und daher schon gar nicht bildkräftig darstellen. Die Unterscheidung der Schwestern gegenüber anderen (Ärzten, Physiotherapeuten), die auch helfen, gelingt daher nicht. Der Gegenstand selbst ist allgemein, höchst komplex, vielfältig, widersprüchlich, also an sich schwer zu fassen. Der Antrieb zum Dichten war mehr als ich es mir eingestehe der freundlich-erotische Reiz einiger Schwestern. Das unterschlage ich im Gedicht. Ein Nebenmotiv ist der Wunsch, glänzen zu wollen. Das unterschlage ich auch. Das angestrebte Preisgedicht verführt zusätzlich zu Abstraktionen, zum „Ein-Fußhoch-Schweben“ über dem Erdboden, er erhebt sich ja bewußt über einzelne Seiten des Gegenstandes und will ihm ganz gerecht werden.

Soviel Punkte, soviel Mißlingen. Ein Pluspunkt: Dies selbst erkannt zu haben. Vielleicht kann etwas Scherzhaftes, Ironisches, erklärt Anspruchsloses gelingen.[…]

Und ich glaube es gelingt sofort etwas – mein kleines Testament.

26. September 1982 – unnütze Klarsicht

Dienstag, Mai 6th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel, Männix, Mischa und Reiner erzählen Armeestories:

“Schildkröte”, “Musikbox”, “Cremen und Löffeln”, “Schwarze Kuh”, “Schmeicheln”.

[…] Lesen: „Wissenschaft und Fortschritt“ 9/82. (Ökosystem Müggelsee), Goethe: „In meinem Beruf als Schriftsteller

Hören: (Kopfhörer): Schostakowitsch, Sinf. Nr. 5 Op.47, Lieder mit Ernst Busch, Robert Schumann, Messe op. 147 (nicht hinreißend)

Hebbel:

Kriege zu führen, ist die menschlichste Versuchung eines Fürsten“ (S.151) Und wenn er Recht hätte? Auch für unsere sozialistischen Fürsten? Gibt es Machtmißbrauch, so gibt es jeden Machtmißbrauch (zumindest der Möglichkeit nach). (Ist es ein Vorteil, wenn wir eine Art menschliche Automaten (anscheinend) an der Spitze haben? Sie kommen nicht in menschliche Versuchung? Aber als Automaten der Macht?)

 

# Eine charakteristische Eintragung: Hebbel regt mich zu einem sehr „bösen“, sehr „schlimmen“ Gedanken über unsere realsozialistischen Führer an. Mehr nicht. Ich bildete mir etwas auf mein „illusionsloses Denken“ ein, zog aber weder praktische (Zur gleichen Zeit war die Afghanistaninvasion der Sowjetunion.) noch ernsthafte theoretische Schlüsse. Ich erlaubte mir, vor mich hin zu „denkeln“. Weder von einem „eingreifendem Denken“, noch überhaupt von einem klaren, folgerichtigen und auf denkerische Konsequenz zielendem Denken kann die Rede sein. Ich „Kämpfer für eine bessere Welt“ hatte meine (selbst gestellte) Aufgabe längst verraten und mich, kritische Nörgelei pflegend, in den Verhältnissen eingerichtet.
In den Verhältnissen eingerichtet, meine kritisch nörgelnde Stimme via Blogs pflegend, bin ich auch heute. #

Nicht nach der Länge seines Armes, nach der Länge seines Auges muß der Mensch sein Glück messen.“ (154) Ja, aber… Ja, bin für Bewußtheit. Aber sollte es nicht Glück für Arm und Auge und Sexus und Gaumen und … also ein allseitiges menschliches Glück geben? Wobei jeder dieser Glücksmomente seinen Mangel an sich selbst haben müßte. Und vielfältige Spannungen zwischen diesen verschiedenen Glücksmomenten.

Emanzipation des Gassenkots muß man nicht verlangen.“ (154)

Daß so wenig Schriftsteller Stil haben, liegt in ihrer Unfähigkeit, dem letzten hohen Zweck die nebenbei erreichbaren näheren und kleineren zu opfern, überhaupt in der menschlichen Unart, mit jeglichem Schritt eine Art von Ziel erreichen zu wollen.“ (155)

Das ist eine grobe Wahrheit oder eine wahre Grobheit, keine Dialektik. Nimm „Klim Samgin“. Hier ist Stil und hoher Zweck, jedoch die Kleinigkeiten werden nicht geopfert, sondern für diesen hohen Zweck zum Leben, zum Tanzen gebracht.

Ist manches, was bei Hebbel als Geist erscheint, nur Extremismus? Ist kluger Extremismus nicht in Wahrheit eine wichtige Art von Geist? Ist wahrer Geist nicht immer auch extremistisch?

Niemand umfaßt das Element, worin er lebt, sondern das Element umfaßt ihn.“ (156) Solche Erkenntnisse sind ein Damm gegen den Brechstangenoptimismus mancher, die sich Marxisten-Leninisten nennen.

… wenn du wahrhaft liebst, mußt du wieder geliebt werden, denn die Natur berechnet immer eine Kraft auf die andere.“ (159)

Die Natur zerstört ruhig und gleichgültig das Schönste, was sie hervorgebracht. Das „erregt die Empfindung ihres unvergleichlichen Reichtums, ihrer unerschütterlichen Sicherheit, ihres unverrückbaren Ziels.“ (160)

[…]Dichten: Der gemeine Stoff muß sich in die Idee auflösen und diese sich wieder zur Gestalt verdichten (164). Statt das Geistige zu verkörpern, vergeistigen sie gern das Körperliche. (169).

Das Kunstwerk: Grenzenlos in Bezug auf den Inhalt, begrenzt in Bezug auf die Form. (166).

Das Denken erscheint als bewußtes Gefäß des Unbeschränkten und ist daher beschränkt. Das Darstellen wirkt im Beschränkten ein Unbeschränktes. (Daher sind alle philosophischen Systeme abgetan worden mit der Zeit, aber kein einziges Kunstwerk.) (168)

 

 

25. September 1982 – „Klim Samgin“

Donnerstag, Mai 1st, 2008


[…]
7 Zimmerkumpel
Behandlungen:Lakenbad, Wickel
[…]
Lesen: „Neues Leben“ (Jugendmagazin), Gorki „Klim Samgin“ (127-131, begeisternd), Hebbel Tagebuch (Einleitung)
Hören: (Kopfhörer): Schostakowitsch, Sinf. Nr. 5 Op.47, (schönes Scherzo), Oratorium „Savonarola“ eines modernen Ungarn.
Im Garten: Weinstock, Apfel „Auralia“, Schattenmorelle, „Ostheimer Weichsel“, alle geschnitten.

Hebbel:
„Die Masse macht keine Fortschritte“ (S.162)

„Die meisten Menschen haben gar nicht das Bedürfnis, klar über ihre Zustände zu werden; sie wollen nur hindurch, wie etwa durch eine Krankheit. Diese gewinnen im Leben keine Resultate, sie machen nicht einmal Erfahrungen; ihr ganzes Leben ist vielmehr eine immer währende Flucht durch Gefängnisse, und sie täten wahrlich wohl, sich an das erste beste zu gewöhnen, weil sie dann doch einen Standpunkt hätten, von dem aus sie die Welt, gut oder schlecht, betrachten könnten.“ (!48f)
Hebbels Gedanken über den Massenmenschen sind für mich immer etwas wert, Nachholeerkenntnisse, auch wenn sie das geschichtliche Schöpfertum der Massen nicht abbilden. Heute wollen die o.g. Menschen ebenso unbewußt wie früher durch ihre Zustände hindurch, aber weniger wie durch Krankheiten als vielmehr wie auf einer Lustreise, weniger Flucht als Wettlauf. Doch letztlich ist das kaum ein Unterschied.

„Oft ist es, als ob im Menschen ein hohes geistiges Bedürfnis erwachte, in dem er ein körperliches befriedigt. Gewiß ist die Sinnlichkeit die Klaviatur des Geistes.“ (S.150)

Fastertypen:
Peter Ripke, der Bahnpostbeamte, Trinker, 4 Kinder, er kam mit ins Orgelkonzert, ein krankhafter Angeber, Wichtigtuer, nicht besonders intelligent dabei.
Männe (Manfred Krüger), er ist im Käfig seiner Roheit gefangen (Neger = „Preßkohle“, magerer Mensch = „Buchenwaldprothese“), die sich unversehens mit Sensibilität beißt.
Dr. Ingo Heda, der feige Schwadroneur, Frauentyp, Zuhältertyp, ob er zu Hause was zu melden hat?

[…]

# Aus einem Brief an die Eltern. #

„… Nachdem ich nun 12 Wochen Krankenlager hinter mir habe, ist wohl doch ein Ende abzusehen. Seit einer Woche gehe ich täglich etwa zwei Stunden spazieren, fahre Hometrainer und tue einiges mehr, um wieder ganz ins Lot zu kommen. Eine Ursache für diese ganze Entwicklung scheint darin zu liegen, daß mein rechtes Bein 1-2 cm kürzer ist als das linke. Das hat, zusammen mit Abnutzungs- und Belastungserscheinungen zu der seitlichen Verkrümmung der Wirbelsäule geführt. Diese ist nun schon weit zurück gegangen aber halt immer noch nicht ganz verschwunden. Krankenhausmühlen mahlen langsam (zumindest bei mir wohl zu Recht) und so muß ich immer noch nach Wochen und kann noch nicht nach Tagen rechnen. Das Spazierengehen, In-den-Garten-Fahren, sogar mal nach Hause oder in die Stadt zu fahren, genieße ich aber sehr…“
[…]

# Aus einem Brief an einen Freund. #

„… Was die Klinik hier angeht, so bin ich, ohne zu idealisieren, des Lobes voll. Es wird intensiv gearbeitet in einer ruhigen, ja fröhlichen Atmosphäre. Viel könnte man dazu im Einzelnen sagen aber wichtig ist das Summa Summarum, ein - ich nehme ein sehr großes Wort – gelebter Humanismus, ein alltäglich spürbarer. Beeindruckt hat mich das Ethos einiger Mitarbeiter hier (Schwestern, Physiotherapeuten, Küchenkräfte, Ärzte). Daß für relativ wenig Geld so hart so gerne gearbeitet wird!…“
[…]
Beim Kranksein ist mehr als nur geduldiges Ertragen möglich. Man kann sich Mühe geben, Anderen Freude zu machen, gut zu sein, kann sich für die anderen zusammennehmen. Wenn ich’s recht bedenke ist das für mich ein starker Antrieb und ein möglicher Sinn des Krankseins. (Dies ist kein eingebildeter Sinn! Einstmals Marita und vor kurzem Schwester Grit erzählten mir, wie besonders sympathische Kranke, die dann starben, sie beeindruckt haben. So kann man (als Kranker) dann doch über seinen Tod hinaus leben.) Also auch hier: Aus dem Käfig heraus!

„Klim Samgin“ I, S. 127-130
Auf drei Seiten hintereinander kann ich nur sagen: Genial! Wunderbar! Ein Empfinden hab ich, wie bei den allergrößten Kunstwerken (aber wohl noch nie bei einem Roman): Atemberaubend; die Schönheit, Bewußtheit, Menschlichkeit, die ich hier spüre, ahne und nicht erklären kann, verschlägt mir einfach den Atem.

Die Eisenringe ums Herz:
Als ich L. kennen- und lieben lernte, spürte ich diese Ringe springen, die sich während der Ehe um’s Herz gelegt hatten; Ringe der Traurigkeit, des Deprimiertseins. Nach L. trage ich keinen neuen Ringe. Ich halte das Herz ohne sie im Gleichgewicht, ertrage das zitternde, bloße Herz. (Stimmt, was ich schreibe?)
In meiner Ehe gab es eine lange, lange Agonie.
Mit L. gab es eine solche Agonie nicht. Es war ein bewußter herbeigeführtes Ende.

20. September 1982 – Durcheinander in meinem Kopf

Dienstag, April 8th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Perl, Periostmassage, Lakenbad, Wickel […]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – Magazin 8/82;

Dante, “Göttliche Komödie” III – 9. Gesang (Ich verstehe nichts mehr.) Hebbel, Tagebücher ! -129

[…] Hören: (Kopfhörer): Verschiedenes, Prof. L. Bisky über Kultur

Kleiner Schwatz mit Schwester Martina, arbeitet seit 1 Jahr, lernt noch, hat knapp 500,-M. Ist begeistert von ihrem Beruf (immer neuen Menschen helfen). Unangenehm ist die Arbeit mit dem Schieber, Ente usw.

Was Schwester Evi zu ihrem Beruf sagte (sinngemäß): Ich: “Kann man ein Leben lang Schwester sein?“ Sie: “Manche machen es ein Leben lag, also kann man…. Man darf sich erstens nicht übernehmen, überverausgaben. (Ich frage mich: Ist das die Jugend von heute? Woher diese Abgeklärtheit? (Selbstgenügsamkeit?)? Was bedeutet sie?) und zweitens muß man mit Freude darangehen. Es ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf.“

Das Wort, das irgendjemand zu den Arbeiten der Kollwitz sagte – ein „Arme-Leute-Edel-Ballett“ - ist sicher nicht ganz wahr, aber es trifft mit hinterhältiger Genauigkeit ihre schwächste Stelle. Wie viel bedeutender ist Barlach! Kann es jedoch sein, daß für die Entwicklung des Kunstverstandes (meine Kindheit) Kollwitz eine hervorragende Rolle spielen kann? Überhaupt Entwicklungsstufen des Kunstverstandes.

Ein anderes Beispiel dazu: A. Bostroem. Einst (noch in der Armeezeit) schrieb mir Christel, meine Geliebte, viele „Terzinen des Herzens“, gewidmet Friedrich Eisenlohr (!) von Bostroem ab. Und auch ich schmolz dahin in diesem Sang. Später – ich kannte schon manches von Nazim Hikmet – kaufte ich erwartungsvoll einen Band Gedichte von ihm und war enttäuscht. Übersetzungen von A. Bostroem. Gestern im Rundfunk: Armenische Lyrik. Etwas Fernes, das als nahe begriffen wird – schön, aber störend das Tönen der Bostroem.

# Erst heute, da ich dieses Tagebuch abschreibe, informiere ich mich kurz über Annemarie Bostroem und stelle mit Erstaunen fest, daß sie Jahrgang 1922 ist. Sie war also damals zur Zeit ihrer „Terzinen“ nur wenig über 30 Jahre alt.#

Die Diskussionen in unserem Zimmer – vieles deprimierend an dieser Lebensweise. Die Berufe meiner Zimmerkumpel sind gefragt. Käuflichkeit! Sozialistische Verkommenheit! Aber wie normal ist dies?

[…] Doris erwähnt die in ihren Augen sehr egoistische Art der Selbstverwirklichung z. B. bei L. Ich erwähne dazu Dante, Homer… Sie wehrt ab, in der Art „Das kann doch keiner praktisch gebrauchen.“ Die höchsten (aber unpraktischen) Ideale (auch hier Selbstgenügsamkeit). Doris meint, daß sie ihre geistige Ausdehnung erreicht hat.

Rudi“ # meine Masseuse # meint, daß Mediziner solche Massaker wie in Beirut nicht anders erleben als andere Menschen.

Nietzsche-Vortrag im Rias gestern. Werbung für seine Renaissance, schamlos werden die Weichen gestellt. Man möchte rufen: „Merkt ihr nischt!“ Doch wir („Einheit“) # theoretisch-ideologische Monatszeitschrift der SED # haben es schon gemerkt. Nur das Rufen unseres fetten, selbstzufriedenen, langsamen, herzlosen, feigen, langweiligen Aufklärungsapparates findet immer weniger Hörer. Und andere kommen nicht zu Wort.

Lenin zum demokratischen Zentralismus: Er könne straff, fast militärisch gehandhabt werden, aber auch wie das Dirigieren im Konzert. Natürlich hinken Bilder immer. Aber ist darüber hinaus etwas grundsätzlich falsch an dieser Auffassung? Kann man die Gesellschaft in ihrer Dynamik mit einem Orchester vergleichen? Wo gibt es das Orchester, in dem ein Stück gespielt (also auch dirigiert) wird und zugleich die Musikanten improvisieren? # Eine meiner seltenen kritischen Bemerkungen zu Lenin. #

Lese das Reclam-Bändchen Kollwitz von hinten nach vorn. Ihre Stellung zum 1. Weltkrieg, zu ihrer Arbeit usw.! Vieles erinnert an L. Wie sie doch nur aus dem Erleben, aus dem unmittelbaren Erleben zum Denken angeregt werden!

Worin besteht heute der Fortschritt (auch auf Westeuropa bezogen)? Krieg zu glorifizieren ist vielleicht schwerer geworden. Dafür ist die Lust am Bösen, an der Niedertracht, gesellschaftsfähig geworden, so daß vielleicht die harte Münze des Ruhms und der Selbstopferung nicht mehr nötig ist, um zum Kriege bereit zu machen. Ist die Kriegsbereitschaft heute wirklich geringer? Ursachen in der Gesellschaft deckt nur die Theorie auf. Unsere Theorie ist in den Massen nur ganz schwach verwurzelt.

Hebbel: Die Dichter sollen erlösen

die Natur zu selbsteigenem

die Menschheit zu freiestem

die unendliche (unfaßbare) Gottheit zu notwendigem Leben. (S.60)

Versuche Hebbel zu lesen, gestört von den laut fernsehenden Zimmerkumpeln (Dieter Thomas Heck). Diese Dummheit, Dummheit, Dummheit, diese Zeitvernichtung, mit der die Zeit ausgefüllt wird!

In meinen „großen Lektüren“ der letzten Zeit ist eins nicht zu finden (mal von Jean Paul abgesehen) – Humor!

Welch Durcheinander in meinem Kopf: Gegen eine verordnete Nietzsche-Renaissance bin ich allergisch, der extreme Egozentrismus Hebbels (der freilich ein humanistischer ist) zieht mich an. Für mich persönlich möchte ich wohl eine Ausnahme machen? Angesichts Hebbel erneut die Frage: Was will ich mit diesem Protokollieren? Ich habe noch immer kein klares Ziel. Ist das Schreiben nur Lebensersatz? Wovon lebte Hebbel? Hebbel kritisch lesen!

Wie wichtig es doch ist, zumindest den Willen zum „Gutsein“ zu haben (zu Mitgefühl, Aufgeschlossenheit usw.). Oft habe ich zwar nicht die Zeit oder Kraft, entsprechend zu handeln, aber wenn diese Bedingungen gegeben sind, dann tue ich es doch. Andere (meine Zimmerkumpel), die nicht einmal diesen (ohnmächtigen) Willen haben, handeln dann selbst unter günstigen Bedingungen nicht besser. Die Vergeudung von menschlichen Möglichkeiten dadurch, daß günstige Bedingungen nicht ausgeschöpft werden! # (Am 16.10. 1985 hierzu ergänzt:) # Das ist offensichtlich nicht nur eine Frage der Selbsterziehung, sondern auch einfach der aktuellen Selbststeuerung. Möglichkeiten in einer Persönlichkeit sind das Eine. Was sie unter wechselnden Bedingungen aus ihnen macht, ist das Andere.

Dichten im Gehen. Mit den „Schwestern“ geht es während des Spazierengehens langsam voran. # Ich versuche eine Dankgedicht an die Schwestern zu machen. # Der Spaziergang kann doch den fehlenden Inhalt nicht bringen. Bei vorhandenem Inhalt einen Rhythmus zu finden, dazu kann er wohl beitragen.

16. September 1982 – Gedicht für Evi

Freitag, März 14th, 2008

[…]

Die täglichen Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Periostmassage; Dr. Krause schickt mich nach Hause, damit ich Schuhe hole, an denen eine Absatzerhöhung gemacht werden kann.

# Er hat beim nochmaligen Messen festgestellt, daß mein eines Bein 1 cm kürzer ist. Der sich daraus ergebende Schiefstand führt zu den Belastungen, Schmerzen meiner Wirbelsäule. Diese wiederum führten unter den Streßbedingungen der letzten Monate zu einer chronischen Nervenentzündung. #

[…] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – ND;

Dante, “Göttliche Komödie” II 31. Gesang, […]

7 Zimmerkumpel anwesend, Manfred schwadroniert (unernst) rassistisch, nationalistisch.

[…] Ich habe ein Gedicht für Evi geschrieben.

 

Für E.

Ziellos, auf breitem Strom, treibt meines Lebens Floß.

Müd’ ruhen meine Hände auf dem Steuer.

Schon herbstlich Land vorüberzieht?

Doch satt sind diese Augen nicht!

Und Du, staunendes Herz?

 

Lichthelle Taube streift mich mit dem Flügel.

Bist Friedensvogel Du, bist lieber Bote mir?

Oh halte ein im schnellen Flug

und setze Dich zur Rast!

Das schwere, dunkle, kalte Floß,

es freut sich Deiner Last.

 

Diese lyrische Erklärung überreicht, befallen mich sofort Zweifel, ob dieses Mädchen Evi tragen kann, was ich ihr aufbürde. Ist es schon ein künstliches Elektrisieren von Sympathie?

[…] Voller Schwäche auf dem Weg von und nach Buch. Schöne Frauen. Ich bin ganz gleichgültig. Jenseits aller Begierden. Der Ausflug war anstrengend aber nicht schmerzvoll.

15. September 1982 – „Nofretete“ von Tendrjakow

Donnerstag, März 13th, 2008

[…] die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel, Perl;

[…] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – Berliner, „horizont“;

Dante, “Göttliche Komödie” II 29. Gesang, Tendrjakow, „Nofretete“,

Hören: Streichquartette von Haydn, Vortrag über Psychophysiologie

[…] 7 Zimmerkumpel anwesend, Skat mit Monika und Rainer, Streit mit Manfred und Siggi über Türken, Zigeuner usw.

[…] Nofretete“: Sowjetunion der Nachkriegsjahre (S.423):“Mit den feuchten, düsteren Stehbierkneipen verschwand nach und nach auch die erschwinglichste Freiheit jener Jahre: für seinen hart erarbeiteten Lohn, Wodka zu trinken.”

Der Maler Sawwa Iljitsch (S.441):“Du und die Birke in lautlosem, trautem Zwiegespräch. Ein Zweiglein der Birke hat einen Knick und sie sagt zu mir:“Sieh genau hin, das ist kein Zufall, das hat seinen Sinn!…“

Die Russen haben schon eine Kultur des Romans. Selbst in diesem nicht hervorragenden Werk gibt es schöne Stellen.

14. September 1982 – seit 5 Wochen zum 1. Mal aus dem Haus

Donnerstag, März 13th, 2008

[…] die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel, Perlsches Gerät, Bindegewebsmassage;

[…] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - BZ,

Dante, “Göttliche Komödie” II 23. Gesang, Tendrjakow, „Nofretete“,

[…] 7 Zimmerkumpel anwesend, Skat mit Monika und Rainer

[…] Seit dem 5. 8. gehe ich zum ersten Mal aus dem Haus, für 10 Minuten. Dieser Spaziergang beschert mir sofort wieder heftige Schmerzen und macht mich zur schnellstmöglichen Operation entschlossen. Hier und bisher wird nur graduelle Besserung durch Ruhe erreicht. Die Ursache kann nur die Operation beseitigen.

[…] Vorfreude, Träume von Evi. Ich zweifle sehr, daß sie Wahrheit werden, aber noch würde es keinen tiefen Schmerz bedeuten.

Zu dieser Stimmung paßt ein Satz aus „Nofretete“ von Tendrjakow (S.303):“Es ist so wichtig, an sich selbst zu glauben. Dank sei denen, die dir, ohne es zu wissen, diesen allmächtigen Glauben schenken. Dank denen, die dich wärmen.“ Sonst enttäuscht aber dieser Roman. Lange habe ich an Bernd Wagner gedacht, möchte ihm schreiben.

[…] Schwester Evi sagte ich die Fieber- und Pulswerte aller Zimmerkumpel an. Nach jedem Namen schaute ich voller Freude in ihr Gesicht; schöner Mund, schöne Nase. Sie ist vielleicht (unmerklich) verlegen. „Ich möchte ihnen eine Stunde lang ansagen.“ Sie lacht. Ich wieder:“Der macht Komplimente, nicht?“ Beim Rausgehen wünscht sie einen schönen Nachmittag. Ich:“Wenn Sie hereinschauen“. Sie:“zum Abendessen.“