Archive for the ‘Malerei und Plastik’ Category

29. August 1989 – „Die Erklärung der Menschenrechte von 1789“

Freitag, Oktober 16th, 2009

Ein Rest aus dem Programmheft der Staatsoper „Graf Mirabeau“:

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R. erzählt von ihrem Urlaub in Ungarn („Unser Geld ist nichts wert.“)

Der Westen trommelt weiter zur „DDR-Flüchtlingsfrage“. (Sie bereiten Erstaufnahmebedingungen für anscheinend 15 T. Leute vor.)

Makarow beeindruckend.

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22. April 1989 - Konrad Knebel

Dienstag, Juni 9th, 2009


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“Die Kommissarin”, zum 2. Mal gesehen, gefällt mir jetzt sehr gut, kann ihn erst jetzt als Kunstwerk würdigen.

# “Die Kommissarin” ein hervorragender sowjetischer Film, gedreht im Jahre 1967, Buch und Regie: Alexander Ashkoldow, lange verboten, kam erst jetzt in die Kinos. #

Erneut Ausstellung Konrad Knebel im Ephraim-Palais. Ich war um die 40 min dort, hab’ mich vertieft - und doch noch kaum ein Drittel der Bilder gründlich betrachtet. Beginne, mir eine “Theorie” über ihn zu machen. Seine Bilder sind von unaufdringlicher Dialektik tief durchdrungen. Mich beeindruckt die Kraft der Komposition und geistigen Spannung (die tief im Malerischen ist). Ich spekuliere: seine Bilder haben immer einen poetischen Schwerpunkt, einen “poetischen Fleck”, der von einem “häßlichen Detail” kontrapunktiert wird. Immer ist da ein Haken, der das Poetische relativiert (”bricht” wäre oftmals schon zu viel gesagt). Diese Spannung, Handlungspielt sich immer vor einem neutralen Hintergrund, bzw. in einem neutralen, gleichsam “bezeugenden” (also keineswegs stummen) Rahmen ab. Die Zeichnungen gehen den Strukturen nach. Die kleinen Aquarelle fassen den poetischen Reiz sozusagen pur.

Der Text von Richter im Knebel-Katalog ist gut. Die Anderen reden mir viel zu viel nur vom 

21. April 1989 - Grundbuchänderung; “Sonntag”

Montag, Juni 8th, 2009


Gestern Abend kleine Wahlveranstaltung, dann Handarbeiten. Zu Hause lese ich den “Tangospieler” zu Ende. Ich halte es für ein sehr gutes Buch.

Heute zum Notar; mit L. zum Notar, anschließend im Cafe “Ephraimpalais”. Brief an Liegenschaftsdienst Oranienburg abgeschickt wegen Grundbuchänderung Schmachte.

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In der Galerie “Ephraimpalais” Konrad Knebel, wirklich sehr gut.

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 Lesenswerte Beiträge aus dem “Sonntag” 16/89.

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# Hans Vent gehört für mich zu den wichtigsten bildenden Künstlern der DDR.#

24. Januar 1989 - Abrüstungsmaßnahmen der DDR

Montag, Februar 16th, 2009

Gestern # eingeladen als Gast in meiner Funktion als WBA-Vorsitzender # bei der Jahreshauptversammlung der LDPD… 

C. erzählt, daß ihr Kollege P. sie vor ihrem neuen Chef gewarnt habe (was sie beeindruckt).

Abends lesen wir “NZ”. C. trifft sich heute Abend mit L.

Ich sage, daß ich zu dem polnischen Film gehe.

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Danach werde ich 20 Uhr zur Komischen Oper gehen, wo im Foyer “junge Musiker spielen”.

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Vorher gehe ich zum Computerzirkel im Jugendklub Wilhelm Pieck Str., so daß dieser Abend gut ausgestaltet ist.

DDR reduziert einseitig ihre Rüstung.

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C. sagt, sie freue sich über diese Abrüstungsmaßnahmen, aber… Im selben Atemzug prangert sie an, daß sich “das System” deshalb noch lange nicht ändere. Die Systemkontroverse hindert sie sehr, reale Schritte gebührend zu werten.

Sie liebt das Groteske, das Absurde, das Zerstörte. Das ist nicht nur Rhetorik. Sie lebt auch so. Mit der Beziehung zu L. pflegt sie gerade die Ruine einer Beziehung. Sie tut etwas dazu, daß die Ruine erhalten bleibe. W. und sein Verhalten haben ähnliche Tendenz. Solche Menschen (und sie gehört teilweise dazu) haben keine Inhalt, wenn sie kein unlösbares Problem haben. Sie müssen Aussichtslosigkeit erleben, um sinnvoll dazustehen. Kultivierung des Absurden: L. C. und ich sitzen zusammen im Kino (z. B. an einem Tisch im Becher-Club oder nicht an einem Tisch im Becher-Club).

# Heute bin ich verblüfft, wie gut sich dieses beobachtetete menschliche, psychologische Problem mit der Stellung der Individuen in der beginnenden Endkrise der DDR erklären läßt. Damals war ich natürlich weit von solcher Deutung entfernt. Kein Jahr später war es an mir, mit der Aussichtslosigkeit zu leben. Im Persönlichen entpuppt sich (oftmals aber schwer erkennbar) das Soziale. #

# Brief an den Leiter eines beliebten Grafikabonnements #

” Sehr geehrter Herr Rentsch!         24.1.89

Ich bedanke mich für Ihr “Mahnschreiben” vom 7.1.89. Tatsächlich habe ich nicht die Absicht, aus der Plauener Grafikgemeinschaft auszuscheiden. Nach weniger eiliger Durchsicht des Heftes zur Auswahl 20 bestelle ich hiermit von

- Christ Jahr, “Angler”, (Nr. 21)

- Thea Kovar, “Sich ankleidende Frau”, (Nr. 25)

- Max Uhlig, “Männerkopf”, (nr. 62).

Ich hab’ mir auch Besserung gelobt und will nun endlich die beiden bei mir verbliebenen Transportrollen zurückschicken.

Mit freundlichem Gruß”

21. Oktober 1982 – Ehrentag der Mitarbeiter des Gesundheitswesens am 11. Dezember

Samstag, Januar 3rd, 2009

Lesen: Gedichte Rühmkorf, “Bildende Kunst”, ND, Magazin

Ausstellung “100 ausgewählte Grafiken”, Walter Libuda gefällt mir gut.

Viele Ehrentage der Werktätigen gibt es in unserer Gesellschaft. Mit dem Ehrentag am 11. Dezember kann ich heuer erstmals was anfangen. Gedanken für den Brief an Dr. Steglich zum 11.12.:

# Dr. Steglich war der Direktor der Physiotherapieklinik, in der ich gelegen hatte. #

Nicht Krankenhaus, sondern Gesundungshaus, völlige Heilung, kein voreiliges Schneiden, Suchen bis zum Erkennen der tieferen Ursachen, Aktivieren der eigenen Hilfskräfte, Suchen “um jeden Preis” (wird manchmal belächelt); mitdenkende Mitarbeiter (Frau Rudolph) – das ist nicht leichter für den Leiter, allmählich aber nachhaltige Wirkung. Liebe der Mitarbeiter zum Beruf; etwas von Ethos war zu spüren.

12. Oktober 1982 – ein sinnvolles Leben führen; Brief an Mayerl

Mittwoch, Dezember 3rd, 2008

# Abschrift Protokoll Band 6 beginnt. #

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 Bus nach Buch, Blutabnahme, beim GD Sero, Anruf von Heidrun (die sich freut, daß ich mich freue).

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Versuch Anruf bei Gross, klappt nicht. Gymnastik – So wie es wieder in der Wade brennt… verdammt, ich könnte es mit der Angst kriegen. Anruf von Roderich. Brief an Mayerl.

In der Kunst wie im Leben: Sich wiederholen oder Realist sein!

[…]

Dieser Akt sagt nachdrücklich, wie schön Teilansichten, Detailaufnahmen sein können.

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Vor kurzem schrieb ich, daß ich ergründen möchte, wofür Evi, Angehörige dieser Generation der 20-Jährigen, leidenschaftlich sind. (Ich glaube die einzige wirkliche Leidenschaft ist die für die Schönheit des Lebens.) Genauso möchte ich das von Frau Rudolph wissen, die wieder ein anderes Jahrzehnt, das der 30-Jährigen repräsentiert. Frau Rudolph, die sich ziemlich mühsam durch Aitmatows „Weißen Dampfer“ quälte, die Spitzweg mag aber nicht „Schulmeisterlein Wuz“.

Ich ergrübelte mir, nicht wenig geleitet von Goethe, daß der Sinn des Lebens darin besteht, es schön zu finden. (Ein ähnlicher Scheinzirkel wie der von Strittmatter, wenn er sinngemäß sagt, sein Nachdenken führe dazu, daß der Sinn des Lebens darin besteht, darüber – genussvoll – nachzudenken.)

Andere (Evi; Grit) grübeln darüber nicht, sondern finden das Leben einfach tatsächlich schön, freuen sich ihres Lebens. Im Extremfall erfüllen sie den Sinn des Lebens, ohne je einen einzigen tieferen Gedanken daran zu verschwenden.

Solche Lebenshaltung und –praxis ist nur unter ganz bestimmten („gesunden“) Lebensverhältnissen möglich. Diese müssen möglichst bewußt geschaffen werden. Der Versuch, ausschließlich aus individueller Sicht, ohne tieferes (philosophisches) Nachdenken, ein „schönes“ Leben führen zu wollen, führt notwendig zu Kollisionen (mit den eigenen „Fernwirkungen“), gefährdet die Ziele und zwingt dann zum Nachdenken. Das Neue in diesem Prozess besteht zunehmend darin, daß dieser Prozess immer weniger spontan ablaufen soll, also auf einer hohen Stufe des sozusagen normalen „Vorausdenkens“.

# Zu Willibald Mayerl vergleiche hier. #

Werte Herr und Frau Mayerl!                                                 Berlin, 12.10.82

Mein Besuch bei Ihnen liegt schon solange zurück, daß ich am besten damit anfange, mich noch einmal vorzustellen. Ja, ich bin der Herr K. aus Berlin, der Sie Ende März des Jahres aus Interesse für die Bilder Ihres Vaters bzw. Schwiegervaters besuchte und der versprach, sich wieder zu melden. Sie waren damals so freundlich, Frau Mayerl, mir die Bilder zu zeigen und haben mich auch reichlich mit Katalogen versehen.

Warum ich mich nicht gleich im April wieder meldete weiß ich jetzt nicht mehr. Dafür war der Grund danach umso zwingender: Seit April/Mai hatte ich zunehmend unter Ischias/Bandscheibenvorfall zu leiden und war, wie man so sagt, 3 ½ Monate ans Bett gefesselt. Vorgestern wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen.

Mein Interesse für die Bilder Ihres Vaters ist unvermindert groß, und wenn es möglich wäre würde ich gerne eins kaufen,natürlich keins der Riesenformate und auch keins aus der „naiven Zeit“, sondern aus der Bergmannszeit.

Ist es zu viel verlangt, wenn ich Sie bitte, mir brieflich mitzuteilen, ob Sie überhaupt verkaufen und wenn ja, in welcher Größenordnung sich der Preis bewegt? (Wie gesagt, für ein Format, das man sich in die Stube hängen kann.)

Übrigens ist ein Bekannter von mir an dieser Frage ebenso interessiert, wie ich. Er ist ein großer Liebhaber und ich darf wohl sagen auch Kenner besonders von Grafik. (Wir sind beide nicht reich, verlangen aber auch nichts geschenkt.)

Bitte geben Sie eine kurze Antwort (denn die Reise ist ohne Auto all zu umständlich) und seien Sie herzlich gegrüßt, von

P. K:

 

Welche tieferen Motive treiben weibliche Aktmodelle, alle ihre Reize zu offenbaren? Ist es vielleicht das Selbstbewusstsein (oder auch Machtbewusstsein) für einen Mann viel zu schön zu sein, der Wunsch, die ganze Welt zu Füßen zu haben und nicht nur zu Füßen, diese ganze Welt in sich aufzunehmen und zu befriedigen und so die Mutter und Hurenkönigin von allen zu sein?(Dasselbe Streben treibt den Mann in die letzte Falte des weiblichen Körpers.)

08. Oktober 1982 – Dresdner Kunstausstellung und Sozialismus

Dienstag, Dezember 2nd, 2008

Hören: Haydns “Die Schöpfung” in der Schloßkirche Buch

Gestern beim Spazierengehen erzählt L. von der Dresdner Kunstausstellung. Unsere Auffassungen harmonieren sehr in diesen Fragen. Das Malerische habe keine Chance in dieser Ausstellung. Riesenformate dominieren und “Leipziger Schule”. Sie vermißt die Haltung der Künstler. Jedoch, das Schlimme ohne erkennbare eigene Haltung darzustellen, sei auch wieder eine Art Realismus. Den Politikern müßte, recht besehen, bei vielen dieser Bilder grausen. Sie sagt, man könne nicht den Arbeiter malen, wenn man ihn mal 4 Wochen studiere. Mayerl habe das gekonnt. Vieles in Dresden sei auch Rekordjagd, etwas Ausgefallenes bieten. Viele Arrivierte wiederholen sich. Plenkers sei ihr aufgefallen.

Vieles, was sie da sagt, klingt wie Zustimmung zu mir. … Sie meinte, ich solle ruhig etwas zu Dresden schreiben. Diese Absicht hatte ich nicht, da an eine Veröffentlichung nicht zu denken ist. Jedoch jetzt faßte ich den Entschluß. Ja, ich betrachte diese Ausstellung sehr genau und schreibe rückhaltlos, sogar zugespitzt meine Meinung: für mich, für die Schublade, für einige Freunde (Bernd Wagner, Hans Vent, Dieter Goltzsche, Karl Heinz Schatte, Kurt).

Eigentlich ist der Sozialismus ein umgestülpter Imperialismus. Er schafft die ersten, die allerelementarsten Grundlagen dafür, daß der Mensch einmal anders werde. Diese sind Frieden und sinnvolle Arbeit (Das sagte auch mal Andersen-Nexö.) Wir sind noch weit davon entfernt, diese Grundlagen sicher geschaffen zu haben.

Insofern ist der “vergessene Humanismus” in unserer Praxis einfach Ausdruck dafür, daß sich das Wesen unserer Entwicklung real deutlicher ausprägt. Nur das Bewußtsein dieser Tatsachen dürfen wir anscheinend noch nicht haben. Die Künstler beginnen es zu formen (Granin, Aitmatow). Die Theorie darf (und kann) es bei weitem noch nicht formulieren.

20. September 1982 – Durcheinander in meinem Kopf

Dienstag, April 8th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Perl, Periostmassage, Lakenbad, Wickel […]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – Magazin 8/82;

Dante, “Göttliche Komödie” III – 9. Gesang (Ich verstehe nichts mehr.) Hebbel, Tagebücher ! -129

[…] Hören: (Kopfhörer): Verschiedenes, Prof. L. Bisky über Kultur

Kleiner Schwatz mit Schwester Martina, arbeitet seit 1 Jahr, lernt noch, hat knapp 500,-M. Ist begeistert von ihrem Beruf (immer neuen Menschen helfen). Unangenehm ist die Arbeit mit dem Schieber, Ente usw.

Was Schwester Evi zu ihrem Beruf sagte (sinngemäß): Ich: “Kann man ein Leben lang Schwester sein?“ Sie: “Manche machen es ein Leben lag, also kann man…. Man darf sich erstens nicht übernehmen, überverausgaben. (Ich frage mich: Ist das die Jugend von heute? Woher diese Abgeklärtheit? (Selbstgenügsamkeit?)? Was bedeutet sie?) und zweitens muß man mit Freude darangehen. Es ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf.“

Das Wort, das irgendjemand zu den Arbeiten der Kollwitz sagte – ein „Arme-Leute-Edel-Ballett“ - ist sicher nicht ganz wahr, aber es trifft mit hinterhältiger Genauigkeit ihre schwächste Stelle. Wie viel bedeutender ist Barlach! Kann es jedoch sein, daß für die Entwicklung des Kunstverstandes (meine Kindheit) Kollwitz eine hervorragende Rolle spielen kann? Überhaupt Entwicklungsstufen des Kunstverstandes.

Ein anderes Beispiel dazu: A. Bostroem. Einst (noch in der Armeezeit) schrieb mir Christel, meine Geliebte, viele „Terzinen des Herzens“, gewidmet Friedrich Eisenlohr (!) von Bostroem ab. Und auch ich schmolz dahin in diesem Sang. Später – ich kannte schon manches von Nazim Hikmet – kaufte ich erwartungsvoll einen Band Gedichte von ihm und war enttäuscht. Übersetzungen von A. Bostroem. Gestern im Rundfunk: Armenische Lyrik. Etwas Fernes, das als nahe begriffen wird – schön, aber störend das Tönen der Bostroem.

# Erst heute, da ich dieses Tagebuch abschreibe, informiere ich mich kurz über Annemarie Bostroem und stelle mit Erstaunen fest, daß sie Jahrgang 1922 ist. Sie war also damals zur Zeit ihrer „Terzinen“ nur wenig über 30 Jahre alt.#

Die Diskussionen in unserem Zimmer – vieles deprimierend an dieser Lebensweise. Die Berufe meiner Zimmerkumpel sind gefragt. Käuflichkeit! Sozialistische Verkommenheit! Aber wie normal ist dies?

[…] Doris erwähnt die in ihren Augen sehr egoistische Art der Selbstverwirklichung z. B. bei L. Ich erwähne dazu Dante, Homer… Sie wehrt ab, in der Art „Das kann doch keiner praktisch gebrauchen.“ Die höchsten (aber unpraktischen) Ideale (auch hier Selbstgenügsamkeit). Doris meint, daß sie ihre geistige Ausdehnung erreicht hat.

Rudi“ # meine Masseuse # meint, daß Mediziner solche Massaker wie in Beirut nicht anders erleben als andere Menschen.

Nietzsche-Vortrag im Rias gestern. Werbung für seine Renaissance, schamlos werden die Weichen gestellt. Man möchte rufen: „Merkt ihr nischt!“ Doch wir („Einheit“) # theoretisch-ideologische Monatszeitschrift der SED # haben es schon gemerkt. Nur das Rufen unseres fetten, selbstzufriedenen, langsamen, herzlosen, feigen, langweiligen Aufklärungsapparates findet immer weniger Hörer. Und andere kommen nicht zu Wort.

Lenin zum demokratischen Zentralismus: Er könne straff, fast militärisch gehandhabt werden, aber auch wie das Dirigieren im Konzert. Natürlich hinken Bilder immer. Aber ist darüber hinaus etwas grundsätzlich falsch an dieser Auffassung? Kann man die Gesellschaft in ihrer Dynamik mit einem Orchester vergleichen? Wo gibt es das Orchester, in dem ein Stück gespielt (also auch dirigiert) wird und zugleich die Musikanten improvisieren? # Eine meiner seltenen kritischen Bemerkungen zu Lenin. #

Lese das Reclam-Bändchen Kollwitz von hinten nach vorn. Ihre Stellung zum 1. Weltkrieg, zu ihrer Arbeit usw.! Vieles erinnert an L. Wie sie doch nur aus dem Erleben, aus dem unmittelbaren Erleben zum Denken angeregt werden!

Worin besteht heute der Fortschritt (auch auf Westeuropa bezogen)? Krieg zu glorifizieren ist vielleicht schwerer geworden. Dafür ist die Lust am Bösen, an der Niedertracht, gesellschaftsfähig geworden, so daß vielleicht die harte Münze des Ruhms und der Selbstopferung nicht mehr nötig ist, um zum Kriege bereit zu machen. Ist die Kriegsbereitschaft heute wirklich geringer? Ursachen in der Gesellschaft deckt nur die Theorie auf. Unsere Theorie ist in den Massen nur ganz schwach verwurzelt.

Hebbel: Die Dichter sollen erlösen

die Natur zu selbsteigenem

die Menschheit zu freiestem

die unendliche (unfaßbare) Gottheit zu notwendigem Leben. (S.60)

Versuche Hebbel zu lesen, gestört von den laut fernsehenden Zimmerkumpeln (Dieter Thomas Heck). Diese Dummheit, Dummheit, Dummheit, diese Zeitvernichtung, mit der die Zeit ausgefüllt wird!

In meinen „großen Lektüren“ der letzten Zeit ist eins nicht zu finden (mal von Jean Paul abgesehen) – Humor!

Welch Durcheinander in meinem Kopf: Gegen eine verordnete Nietzsche-Renaissance bin ich allergisch, der extreme Egozentrismus Hebbels (der freilich ein humanistischer ist) zieht mich an. Für mich persönlich möchte ich wohl eine Ausnahme machen? Angesichts Hebbel erneut die Frage: Was will ich mit diesem Protokollieren? Ich habe noch immer kein klares Ziel. Ist das Schreiben nur Lebensersatz? Wovon lebte Hebbel? Hebbel kritisch lesen!

Wie wichtig es doch ist, zumindest den Willen zum „Gutsein“ zu haben (zu Mitgefühl, Aufgeschlossenheit usw.). Oft habe ich zwar nicht die Zeit oder Kraft, entsprechend zu handeln, aber wenn diese Bedingungen gegeben sind, dann tue ich es doch. Andere (meine Zimmerkumpel), die nicht einmal diesen (ohnmächtigen) Willen haben, handeln dann selbst unter günstigen Bedingungen nicht besser. Die Vergeudung von menschlichen Möglichkeiten dadurch, daß günstige Bedingungen nicht ausgeschöpft werden! # (Am 16.10. 1985 hierzu ergänzt:) # Das ist offensichtlich nicht nur eine Frage der Selbsterziehung, sondern auch einfach der aktuellen Selbststeuerung. Möglichkeiten in einer Persönlichkeit sind das Eine. Was sie unter wechselnden Bedingungen aus ihnen macht, ist das Andere.

Dichten im Gehen. Mit den „Schwestern“ geht es während des Spazierengehens langsam voran. # Ich versuche eine Dankgedicht an die Schwestern zu machen. # Der Spaziergang kann doch den fehlenden Inhalt nicht bringen. Bei vorhandenem Inhalt einen Rhythmus zu finden, dazu kann er wohl beitragen.

11. September 1982 – Fernsehen, Literatur, Kunst

Mittwoch, März 5th, 2008

[…] die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel;

[…] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - BZ, BZA, Eule, Magazin

Dante, “Göttliche Komödie” I, Hegel, „Logik“, Strittmatter, “Geschichten aller Ardt”,

[…] Reden mit den Mitpatienten: Thema Straßenbahn, Nahverkehr,

[…] Immer noch rasche Wechsel der Befindlichkeit. Eben ganz schmerzfrei, locker (sofort das schlechte Gewissen), 20 min später (nach Abendessen, kleiner Wäsche) kräftiges Brennen

[…] Erstaunlich, wieviel Werbung die Menschen (meine Mitmenschen hier) hören und sehen! Ebenso, wie gering das Interesse für Sport allgemein und für DDR-Sport im besonderen ist!

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Seit einigen Tagen ist ein Fernseher im Zimmer. Aus zu großer Entfernung (die im anderen Sinne gerade die richtige ist), sehe ich auf das Geflimmer und den Kreis von Menschen, der sich jenem aussetzt. Die Urmenschen, die ins Lagerfeuer stierten, haben Lebendigeres geschaut. 10-mal gekochtes, getrocknetes, konserviertes, dann wieder elektrisiertes Leben wird da vorgeführt und hemmungslos inhaliert (Mir fällt wirklich kein anderes Wort ein, um die dabei zu beobachtende Teilnahmslosigkeit wiederzugeben („Angeeignet“, „Aufgenommen“ drückt viel zu viel eigene Aktivität aus.) Tote, die auf Totes stieren!

Jedoch:Wie viel Lebendiges trotz allem im täglichen Umgang, in Worten, Gesten, Scherzen, Melodiefetzen – Lebendiges, das sich sogleich wieder mit Erstarrtem, Verkrustetem mischt bzw. mit bestimmten verfestigten Elementen (Jargon z. B., Fetzen aus der Werbung) jongliert.

Summa summarum bin ich ebenso abgestoßen, wie fasziniert, bin kaum bereit und fähig, darüber in Metasprache zu sinnieren, wohl aber komme ich zu einer Art Metaverhalten: angepaßt zwar, weil fast nie protestierend (und das mit Absicht), alles hörend und wenig sprechend, jedoch die Menschen in wenigen („gewissen“) Augenblicken als Menschen ansprechend (also die Schicht des Üblichen durchstoßend). Dies besonders aber bei Frauen (Grit, Monika, „Rudi“, möglichst Evi).

Die „wahren Geschichten aller Ardt“ von Strittmatter gekauft, durchstreift, wieder verkauft an „Rudi“, nein, ihr geschenkt. Viel braucht man dazu nicht zu sagen. Immer läßt sich ein bißchen bei ihm finden: Erleben, Denken, Poesie, Galligkeit. Dafür Dank! Doch auch ‘ne Menge Eitelkeit, Lausitzer Knickrigkeit, die mir das Gefühl gibt, über diese Seite seines Wesens hinaus zu sein. Es trügt, zu glauben, er sei ein so Großer, daß noch sein Abfall bedeutend sei; von Souffleuse Eva zu schweigen. Ihr Nachwort ist ein einziger Kotz.

Wenn ich nun einen Schritt zurücktrete von dieser Lektüre, so erhebt sich neu die Frage: Wohin schreibe ich mit meinem Tagebuch? Diese Frage ist nicht beantwortet. Es eilt auch nicht damit. Aber sie muß bewußt bleiben. Was aufschreiben? Wie aufschreiben? (Was ich aufschreibe ist oftmals - wortreich/geschwätzig, ungeformt (unschön), ich-vordergründig. Es spart manches Üble nicht aus (was andere Tagebuchschreiber machen). Erlebnisse, Sinn paart sich mit (möglicher) systematischer Zeitanalyse. Es sind, so hoffe ich, auch Körnchen Originelles dabei. (Im Magazin 9/82, St. Kurella: „isolierte Graphomanen“)

Triumphieren darf ich (doch das klingt wie Fußballsieg), selig, glücklich darf ich sein, daß der Stern des Dante nun auch für mich aufgegangen ist: Welch ein Bild, um das zögernde Voranschreiten einer Schar schamhaft beglückter Geister auszudrücken („ausdrücken“ - wie häßlich meine Sprache ist):
So wie die Schäflein aus der Hürde kommen

zu zweien oder drein, indes die andren

furchtsam so Aug’ als Schnauze niedersenken,

und was das erste tut, das tun die andren;

einfach und still und das Warum nicht wissend,

stehn sie ihm angedrängt, sobald es stehnbleibt.“

(„Fegefeuer“, 3. Gesang)

Doch wozu schreibe ich das heraus? Mein Lesen ist ein einzig Wandern von Schönheit zu Schönheit, zu hoher menschlicher Schönheit! Das heißt zu der Schönheit, die mit dem Guten eins ist. Wie dumm und in unseren Zeitwidersprüchen befangen sind alle Meinungen, die Schönheit von Güte, Ästhetik von Ethik, Kunst vom sozialen Kampf, von Politik trennen wollen! Ich wußte das immer. Doch welch eine Bestätigung sind die Jahrtausendwerke der Menschheit, zu denen ich mich hinaufarbeite. (Man lächle über meinen Stolz.) - „Odyssee“, „Göttliche Komödie“, „Faust“.

Gestern ein erster ruhiger Blick auf L.s Studien aus Warwara.

# Warwara - ein Dorf an der südlichen Schwarzmeerküste Bulgariens, von L. und mir bei einer Tramp-Reise 1976 entdeckt und seitdem Jahr um Jahr von L. zum Erholen und Arbeiten (Zeichnen) aufgesucht. #

Von vielen bin ich wieder sehr angetan. Farbigkeit und Strichführung finde ich „heftiger“, „Leidenschaftlicher“ (schärfer?). Die Beherrschung der technischen Mittel (Farbe, verschiedene Arten des Kohlestrichs) wirkt ganz selbstverständlich. Natürlich fesselt auch wieder die Exotik, jedoch sind Skizzen dabei, in denen die Gesichter und Haltungen (und auch Landschaften) sehr viel mehr als nur exotisch sind; mal eine Erinnerung an Barlach. Auch zwei rührende Zeichnungen von F.

 

 

15. Juli 1982 - Musil, “Der Mann ohne Eigenschaften” - Ideologie in der DDR

Montag, Januar 28th, 2008


[…]
Lesen: ND, BZ,” Weltbühne “, “Kleingarten”, Lunatscharski über Lenin
Radio: Hörspiel von Günter Rücker
[…]
Morgennachrichten: der Westen schießt einen Rauchvorhang:
erstens der Krieg Iran Irak
zweitens kriegerische Verwicklungen Somalia/Äthiopien
drittens Lösung des Libanon - Konflikts
viertens Kriegszustand in Polen.
Sowohl die Anordnung dieser Meldungen, als auch ihre Form bzw. Ausdehnung und natürlich besonders ihr Inhalt lenken von der israelischen Aggression ab. Die FAZ findet die schöne Formulierung, dass Begin sich bereitgefunden habe, noch nicht die Besetzung Beiruts “zu vollstrecken”. (!) (auf Nötigung der USA!)

Nachdem ich Musils “Der Mann….”, erstes Buch, gelesen habe, will ich sagen: Ursprünglich wollte ich (die Begeisterungsreden mancher Leute im Ohr und “Klim Samgin” im Hinterkopf)

# “Klim Samgin” ist ein großer Roman Maxim Gorkis, in dem das Reifwerden Rußlands für die Oktoberrevolution aus der Sicht eines “sich heraushaltenden” Intellektuellen geschildert wird. Es ist ein Meisterwerk der Darstellung des Einzelnen in seiner Gesellschaft. #

# Soeben, ich hatte dieses Posting bereits veröffentlicht, habe ich noch ein wenig aus reiner Neugier  “Klim Samgin” gegoogelt und bin dabei auf dieses Blog gestoßen. Das scheint ja eine hochinteressante Entdeckung zu sein. Ich freue mich. #
gegen dieses Buch anlesen. Das erwies sich bald als töricht. Aus dem Schützenloch der Voreingenommenheit musste ich sehr schnell aussteigen. (Randbedingung: Ich hatte viel Zeit zum Lesen.)
Meine Hauptgefühl: Es ist amüsant zu lesen, macht Vergnügen! Dies an vielen Stellen. Zweitens: es sind viele interessante, sensible Beobachtungen und Überlegungen zu finden, a.) zur Individualpsychologie b.) zur Sozialpsychologie c.) zur Kultur überhaupt. -
Und das ist alles! (Wie kunstvoll die Komposition sei, das zu beurteilen, bin ich gottlob unkompetent.)
Im übrigen doch der erwartete Berg (Wie jämmerlich ist doch selbst die “positivste” Figur - Ulrich!) individualistischer Philosophie, durch den ich mich mannhaft durcharbeitete. […]
Gorki ist turmhoch darüber.
Damit genug des Negativem und ein paar wenige von den vielen höchst amüsanten oder auch von den klugen Stellen hier festgehalten:
“ein Motorradfahrer kam die leere Straße entlang, oarmig, obeinig donnerte er die Perspektive herauf.” (Seite 74, ab hier habe ich mir “Stellen” gemerkt.) (Über das “oarmig” könnte ich mich kringeln.);
Von einem Halbverrückten (Moosbrugger): Der Verstand “mag eben wie ein kleines Licht in einem riesigen wandelnden Leuchtturm brennen, der voll zerstampfter Regenwürmer oder Heuschrecken ist, aber alles Persönliche ist darin zerquetscht, und es wandelt nur die gärende organische Substanz.”;
Das einsame eigene, wahre Leben und die vielen hunderte Leben, die man führt (gesehen von den Vielen, die sie bestätigen (Seite 95);
Popularität und Publizität des Herrschers waren über - überzeugend (Seite 103);
Leute, denen an “geistigen Umtrieben” gelegen ist, (die daher völlig deplazierte Erörterungen aufnehmen) (Seite 106);
das “nachsichtige Lächeln der bedeutenden Frau, die weiß, dass sie auch schön ist und den oberflächlichen Männern verzeihen muss, dass sie daran immer zuerst denken (Seite 115f);
in Diotimas Mädchenzeit: ihr Stolz, der eigentlich “nur eine eingerollte Korrektheit mit ausgestreckten Taststacheln der Empfindsamkeit gewesen war… Ihre Korrektheit…. wurde geradezu von selbst zu Geist, einfach durch Erweiterung….” (122, 123);
die seit dem Mittelalter abhanden gekommene religiöse Einheit des menschlichen Tuns des (127) (ebenda: die gewaltsame Geselligkeit als Bedürfnis nach solcher Einheit. (Vergleiche dazu Marx bornierte Befriedigung im Mittelalter, “Grundrisse….?);
“Das Leben baut nichts auf, wozu es nicht die Steine anderswo ausbricht.” (128);
Männer, deren Fantasie vom Erotischen versehrt wird (131, z. B. ich), hier (S131f) eine vergnügliche Schilderung Tuzzischen Liebeslebens;
Ulrich zur Schnelligkeit des Liebesrausches, aber auch anderer emotionaler Erlebnisse, wie” Inseln eines zweiten Bewusstseinszustandes, die in den gewöhnlichen zeitweilig eingeschoben sind”. (144, 145);
und hier Seite 147 etwas, was ich genauso schonmal selbst im Protokoll festgehalten habe: “Der Mensch sendet unaufhörlich Ideen in alle Richtungen aus. Aber nur was auf die Resonanz der Umgebung trifft, strahlt wieder auf ihn zurück und verdichtet sich, während alle anderen Ausschickungen… verloren gehen.”;
Seit 165, die ganze Seite schildert klug, wie man zu einem Menschen der “Lebensmitte” wird und wie man dabei wird;
Seit 180! 4-händiges Klavierspiel: “Es war der Augenblick, wo die Spieler ihr Blut anhalten, um es in gleichem Rhythmus loslassen zu können, und die Augenachsen ihnen wie vier gleichgerichtete lange Stile aus dem Kopf stehen, während sie mit der Sitzfläche gespannt das Stühlchen festhalten, dass auf dem langen Hals seiner Holzschraube immer wackeln will.”;
190, es ist eine Welt von Eigenschaften ohne Menschen entstanden, von Erlebnissen, ohne dass einer sie erlebt;
210, eine übertragene Ehre, die einen Menschen dermaßen durchdringt, dass er bis ins Innerste von ihr erfüllt und geradezu von seinem eigenen Platz in sich weggedrängt wird;
288, Vereine, Bürgerinitiativen, die dem Übergang vom Individualismus zum Kollektivismus voranlaufen, wie Kehrrichthäufchen einem wirbelnden Wind;
Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und daher die Welt ihrem System unterwerfen (324);
364f: gut zum “Unrechten” im Leben der Geschlechter, ” verkehrter Ablauf, bei denen die letzten Geschehnisse voran sich aufdrängen” (typisch bei Marita);
325 bis 326, über Essay, Wahrheit Subjektivität, ist auch wertvoll;
381 Diotimas Kopf glich einer prächtigen Fruchtschale, aus deren Überfülle die Worte beständig über den Rand fielen;
385, über die großen Spezialisten;
452, Komische Lage der meisten Männer: Sie haben erst nach Büroschluss Zeit, wenn sie eifersüchtig sind, über ihre Frauen zu wachen;
482, General Stumm von Bordwehr über Diotima: “Wenn Empfang ist, stelle ich mich manchmal hinter sie: Eine imponierend weibliche Fülle! Und dabei spricht sie auf der vorderen Seite mit irgendeinem hervorragenden Zivilisten gleichzeitig so gelehrt, dass ich mir am liebsten Notizen machen möchte.”
Allein schon für diesen letzten Satz sollte man Herrn Musil frische Blumen aufs Grab stellen.

L. erwähnte die begeisterte Aktivität des uns bekannten “Burgherrn” von Meißen. Ein Mann von durchaus sehr abgeneigter, um nicht zu sagen, feindseliger Gesinnung. Das macht eine unserer Stärken aus, dass auch negativ eingestellte Leute Möglichkeit zu positiver Betätigung finden. (Wenn nur alle positiv eingestellten Leute alle Möglichkeiten zu positiver Betätigung fänden!)
W. Förster, der momentan seinen Chef vertritt, klagte über seine Lage, über die Arroganz der Ministerstellvertreter, für die er Sekretärinnen besorgen muss. Und allgemeiner: über die Tendenz zur ausschließlich formalen, bürokratischen Erfüllung von Maßnahmen nicht aber der inhaltlichen Leitung der Prozesse. Dazu haben wir aber selbst die Leute erzogen, und das fängt ganz oben ein, meinte er. (Und das ist ein Punkt - füge ich hinzu - ein wichtiger, wo die Abschirmung unserer Spitzenleute vom Leben die Sonderstellung, die sie einnehmen, zurückwirkt auf die Lebensferne, bzw. Momente dieser Art, ihres Arbeitsstils.)

Kurzes Gespräch mit Inci über Beas Lehrerinnenamt.

# Inci ist bei L. zu Besuch. Sie ist eine befreundete Ungarin, die in Rumänien wohnt. L. hat sie auf einer ihrer Tramp-Reisen kennengelernt. Bea ist ihre Tochter. #

In den Bergen bringt sie Hirtenkindern Englisch und Französisch bei. Das stehe sie moralisch - nervlich nicht durch.
Dabei kommt auch eine gute Portion Gebildetendünkel zum Ausdruck.

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Im Gegensatz dieser Besprechung zu dem, was dieselbe Zeitung über Womacka schrieb (Vergleiche u.a. hier) zeigt sich die ganze Miesheit unserer Kunstkritik. Ich sage nicht Prinzipienlosigkeit, denn es ist auch die Dummheit, Borniertheit der Prinzipien, die zu solcher Undialektik führt. Das Schlimmste aber ist, dass nichts offen ausgesprochen wird. Der Titel der Böhme-Kritik wirkt wie die (ersehnte) Antwort auf Womacka. Aber nichts Offenes!
Und ebenso folgerichtig wird also auch nichts über Böhmes Beschränktheit gesagt. Die Gegensätze werden nicht vermittelt, sondern fallen auseinander und treiben also auch nicht voran, sondern lähmen. Statt Entwicklung oder wenigstens Bewegung also Erstarrung.

# Lothar Böhme gehörte und gehört neben Harald Metzkes, Hans Vent, Wolfgang Leber zu den von mir hochgeschätzten Malern der sog. Berliner Schule, im Unterschied, manchmal auch Gegensatz, zur Leipziger Schule mit Mattheuer, Heisig, Tübke. #